Dino Buzzati – Die Tatarenwüste (Il deserto dei tartari)

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Man weiß ja, dass es mit den Klassikern ein Kreuz ist. Man muss sie in der Schule (und vielleicht auch an der Universität) lesen, man findet sie im Regelfall todlangweilig, man traut sich nicht, sie zu kritisieren, aber man liest sie in Zukunft nie mehr. Dino Buzzatis 1940 erschienener Roman Die Tatarenwüste (Il deserto die tartari) ist so ein Klassiker, nicht in Deutschland, wo das Buch wenige kennen, sondern natürlich in Italien, aber auch in anderen Ländern (Le Monde listet den Roman unter ihren 100 wichtigsten Büchern aller Zeiten). Die Geschichte um den Offizier Giovanni Drogo, der in einer surreal entlegenen Festung seinen Dienst verrichtet und sein ganzes Leben vergeblich auf den Angriff der feindlichen Tataren wartet, liest sich so zäh, dass ich nicht mehr als drei seiner dreißig Kapitel geschafft habe. Ich hatte beim Lesen ständig den Eindruck, dass die Handlung viel zu plump und überkonstruiert ist. Anscheinend bildet sie nur den Überbau für die zugrundeliegende existentialistische Weltanschauung Buzzatis. Ich wurde bei meiner Teillektüre auch nie den Eindruck los, dass bei den Themenstellungen wild bei anderen abgekupfert wurde, zum Beispiel bei Franz Kafkas Parabel Vor dem Gesetz oder bei seinem Roman Das Schloss (und bei gründlicherem Nachdenken sicher noch bei manch anderem Schriftsteller).

Dino Buzzati – Die Tatarenwüste
Dino Buzzati – Il deserto die tartari

Sommerhaus später

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Judith Hermanns erster, 1998 erschienener und hochgelobter Erzählband „Sommerhaus später“ hat hohe Auflagen erreicht, weil er einer neuen Generation (der ehemaligen Westberliner Subkultur) eine literarische Plattform bot. Solche Typen wie Kaspar, Sonja, Koberling etc. kannte man bisher nicht. Ihre Befindlichkeiten hatte kaum mehr etwas gemeinsam mit den Freaks der siebziger oder den Punks der achtziger Jahre. Vorbei waren Selbsterforschungsdrang und Systemkritik, hier sprach eine neue deutsche (Berliner Szene) nach dem Mauerfall. Ein neues Selbstbewusstsein und ein neuer Materialismus (Egoismus, Zynismus) hatten sich breit gemacht. Man hatte genug Geld für einen Urlaub in Jamaika, für ein Häuschen im Brandenburgischen, für eine klassische Kleinfamilie. Eine neue urbane Unverbindlichkeit, Vieldeutigkeit und Oberflächlichkeit bestimmte die Beziehungskisten, die nicht mehr laut rappelten, sondern nur noch gedämpft nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit und Unschärfe mit aufgesetztem Schalldämpfer murmelten. Alle waren irgendwie supercool geworden und irgendeine Oma, die einem mal schnell 100000 Mark vererbte, hatte doch jeder. Manche von Hermanns Geschichten sind sehr gut (Hurrikan(something farewell)/Sonja/Hunter-Tompson-Musik/Diesseits der Oder), andere sind schwächer. Sprachrohr einer ganzen Genration geworden zu sein, bleibt Hermanns großer literarischer Verdienst. Leider ist sie danach in das mörderische Getriebe des deutschen Literaturbetriebs geraten, hastete von einer Lesung zur nächsten, heimste Literaturpreise und Stipendien ein. Der Hype scheint ihrer Kreativität eher geschadet zu haben, denn sie wiederholt seit ihrem Debüterzählband einen Schreibstil, der, so flüssig und frisch er einmal gewesen war, unvermeidlich zur Pose gerinnen musste. Als Künstler muss man sich weiterentwickeln, sonst befriedigt man nur Erfolg vorgaukelnde Leseerwartungen, auf die man mit dem Aufguss von Stil und Inhalten reagiert. Was einmal gut war, schmeckt 10 Jahre später schal und wird 20 Jahre danach ungenießbar. Wer nur auf Nummer Sicher geht und den ausgetretenen Stinkstiefel weitermacht, läuft Gefahr, zur literarischen Mumie zu werden.

Judith Hermann- Sommerhaus, später

The narrative of Arthur Gordon Pym

 

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Edgar Allan Poe ist einer der ganz Großen der Weltliteratur, und er braucht mich natürlich nicht, um das zu bestätigen. Sein einziger 1838 erschienener Roman kann auf verschiedenen Ebenen gelesen werden (Abenteuerroman, Horrorroman, wissenschaftlicher Expeditionsbericht, allegorische Autobiographie und anderes mehr) und offenbart bei jeder neuen Lektüre neue Verständnishorizonte. Auch dass Hermann Melvilles Moby Dick ohne Poes Vorarbeit undenkbar ist, zeugt für dessen überragende Qualitäten. Dass der Bericht des Arthur Gordon Pym fragmentarisch und unausgegoren ist, mindert seine Güte nicht. Natürlich fragt man sich als Leser, wie Arthur Gordon Pym (Edgar Allan Poe) diese Schiffskatastrophe am Südpol überhaupt überleben und seinen Bericht später schreiben konnte. Aber dieses fast schon postmoderne Versteckspiel bietet nur Bagatellfragen angesichts des gigantischen teleologisch-mystischen Ansatzes, der Poe vielleicht in erster Linie motivierte. Wie ist es möglich, dass die Formen der Schluchten auf der Insel Tsalal, in denen die zwei Protagonisten des Romans in höchster Lebensgefahr am Ende des Buchs herumirren und dessen Einwohner die Farbe Weiß fürchten, bedeutungstragende ägyptische und äthiopische Hieroglyphen für Hell und Dunkel oder dass zufällig herausgebrochene Felsbrocken sinnvolle Buchstabenketten bilden? Das bleibt Edgar Allan Poes (der auch manchmal heute noch in der Literaturkritik als alkoholkranker Psychopath mit persönlichen Problemen abgetan wird) undurchdringliches Geheimnis.

The narrative of Arthur Gordon Pym

 

 

Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot

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Wenn ich Sibylle Bergs Literatur mit nur einem einzigen Adjektiv charakterisieren müsste, würde ich vielleicht krass wählen. Wenn ich drei zur Verfügung hätte, kämen noch zynisch und hässlich dazu. Der Zynismus, die Krassheit und die Hässlichkeit von Bergs 1997-er Debütroman Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot sind aber nicht passiv erlitten und erwecken auch kein Mitleid (einige Elemente aus Bergs Biographie könnten an so etwas denken lassen), sondern werden vielmehr aktiv als Lebensphilosophie zelebriert. Je krasser, desto besser, je zynischer, desto treffender, je hässlicher, desto mehr verkaufte Kopien. Die Inszenierung der Negativität lässt anscheinend die Kassen klingeln. Man schaue sich auch mal kurz auf Sibylle Bergs Webseite um. Geschmackloser geht’s kaum mehr. Das Werbevideo für den allerneuesten Roman ist, einschließlich potthässlicher, sich aus dem Boden erhebender phallusähnlicher Pflanze, perfekt durchgestylt. Ugliness sells. Wo alles inklusive Sex (und inklusive Autorin selbst) nur grottenhässlich ist, lebt es sich elendiglich schlecht und ist es besser den Abgang zu planen. Und tatsächlich kommen die zwei Handvoll Protagonisten des Romans aus der Schale ihres Autismus (bei den Frauen auch Fress- und Magersucht) nicht heraus und krepieren alle (bis auf Vera) auf höchst genüsslich und mit Elementen des Horrorromans beschriebene Art und Weise. Wenn jemand so viel Spaß am sadistischen Beschreiben des Ertrinkens, des Verbrennens, des Skalpierens, des Aufspießens bei Autounfällen hat, findet man sicher in den Handbüchern der Psychoanalyse das eine oder andere Kapitel dazu. Das Zielpublikums das Romans sind vermutlich die Teens und Twens. So erklärt sich die sehr burschikose und zum Teil auch ungrammatische Sprache. Negativ aufgefallen ist mir beim Roman auch eine an Rassismus grenzende Beschreibung anderer Länder (Italien, Spanien, Amerika, Marokko). Vielleicht darf man sich aber bei einer in Weimar geborenen und in der DDR sozialisierten Autorin auch nicht mehr interkulturelle Kompetenz erwarten.

Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot

 

Anton Reiser

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Karl Philipp Moritz gehört (zumindest im Ausland) nicht zu den bekanntesten Autoren der Literaturepoche zwischen 1770 und 1830, in der sich die Schwerpunkte so schnell verlagerten und die oft widersprüchlichen Sichtweisen so vermengten, dass es schwer erscheint, ihn einzuordnen, was ihn sicher auch Punkte bei der schnellen Klassifizierung und Popularität verlieren ließ. Er war Aufklärer und Stürmer und Dränger, er hatte etwas von der Weimarer Klassik und der Frühromantik, er war Hutmacherlehrling, Schauspieler, schlecht bezahlter Hofmeister (Hauslehrer), Schriftsteller, Universitätsprofessor und anderes mehr … was alles eigentlich überhaupt nicht zusammenpasst. Sein bekanntestes Werk Anton Reiser erschien in vier Teilen von 1785 bis 1790 und war der erste psychologische Roman der deutschen Literaturgeschichte, will sagen, das erste Mal wurde der Schwerpunkt der Erzählung auf das Innenleben des Protagonisten und nicht wie sonst üblich auf die äußeren Ereignisse verlegt. Der (in weiten Teilen autobiographische) Roman, der in Norddeutschland zwischen Pyrmont, Braunschweig und Hannover angesiedelt ist, beschreibt das Heranwachsen eines Jugendlichen in der Tradition des Entwicklungsromans, erzählt aber im Gegensatz zu seinem berühmten Nachfahren Wilhelm Meister nicht den Reifungsprozess des Bürgers und späteren Arztes, sondern das Scheitern Anton Reisers beim Versuch aus der kleinbürgerlichen pietistischen Welt seiner Eltern auszubrechen. Nach kurzen Versuchen an einer Lateinschule und am Gymnasium, beginnt er eine Lehre als Hutmacher, bricht Schule und Studium ab und versucht sich als Schauspieler in verschiedenen Theatergruppen, bei denen er jedoch den gewünschten Erfolg nicht findet. Die Probleme und Misserfolge Anton Reisers gehen auf seine große Empfindsamkeit und Hypochondrie, aber auch auf das Standesbewusstsein einer Klassengesellschaft zurück, die dem armen, sozial benachteiligten Anton Reiser den sozialen Aufstieg verweigert. Diese negativ Sichtweise auf die eigene Person ist allerdings nicht auf einem autobiographischem Urteil begründet, sondern wiederholt ganz bewusst Sozialklischees und Genretypen.
Dass der Rückschluss eines psychologischen und autobiographischen Romans auf das tatsächliche Leben von Karl Philipp Moritz nur vielfältig reflektiert möglich ist, beweist die durchaus geglückte Karriere im leibhaftigen Leben des schillernden Künstlers, der leider schon mit 37 Jahren starb, aber immerhin in die Preußisches Akademie der Wissenschaften aufgenommen und zum preußischen Hofrat ernannt wurde und (wenige Jahre) eine Professur der Theorie der Schönen Künste an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin innehatte.

Karl Philipp Moritz – Anton Reiser

Andreas Altmann

Andreas Altmann - Reisebuchautor - 10/2010 - Foto: Wolfgang Schmidt Ammerbuch Zwei grundsätzliche Gedanken geistern durch meinen Kopf, nachdem ich die Lektüre von Altmanns Buch beendet habe. Sie passen nicht zusammen, sondern widersprechen sich. Mein Eindruck ist somit zwiespältig.

Der erste, stärkere ist Hochachtung. Hut ab vor dem Mut, so ein Buch zu schreiben! Alle anderen wären in der Scheiße ertrunken, Altmann ist durch dieses Meer von Scheiße Zug um Zug geschwommen und hat sich ans Ufer gerettet. Die endlosen schrecklichen Geschehnisse und die vielen ekligen Personen beim wirklichen Namen zu nennen, hätte bei mir (und vielleicht auch bei vielen anderen) vermutlich den Zensor im Kopf eingeschaltet. Wer hat schon Lust sich mit den Rechtsanwälten der sadistischen Lehrer Johann Korbinian Spahn oder Josef Asenkerschbaumer wegen Persönlichkeitsverletzung herumzustreiten (nur um zwei Beispiele zu nennen). Andererseits: Altmann war 62, als das Buch erschien, er hat in Interviews gesagt, dass er das Buch nie veröffentlicht hätte, solange seine Eltern noch lebten, und dass das Manuskript vor der Herausgabe von einem Rechtsanwalt des Verlags gegengelesen wurde. Spahn oder Asenkerschbaumer waren bei der Veröffentlichung entweder tot oder im Greisenalter und ohne Bock auf Gerichtstermine. Altmanns Buch ist jedenfalls sehr überzeugend, präzise argumentierend und überhaupt nicht wehleidig geschrieben, was bei solchen Mega-Nabelschauen immer die Hauptgefahr ist. Ich gebe zu, dass ich nicht gedacht hätte, dass eine solche menschenfeindliche Sozialisation in Deutschland über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus überhaupt existiert hat. Von anderen erzählt, hätte ich das vermutlich für Schauermärchen und Übertreibungen gehalten. Da hat mich Altmanns Buch etwas dazu lernen lassen über die Verhältnisse in der bayerischen Provinz in den fünfziger und sechziger Jahren. Ein gewalttätiger, kriegsverseuchter Vater, der das Familienleben wie eine Nazi-Kaserne organisiert, eine bigotte, feige Mutter, der widerliche Wallfahrtsort Altötting mit seinem absurden Madonnen-Kult, die problematischen Gymnasialjahre im nahen Burghausen … seine eigene Scheißjugend rekonstruiert Altmann (wohl auch mittels Tagebuchaufzeichnungen) wie in einem Polizeibericht vom Ausflug in die Hölle. Auch das Nachwort Altmanns am Ende des Buchs, das auf diese schrecklichen Krüppeljahre zurückblickt und ganz am Ende den Weg der Aussöhnung zumindest andeutet, beweist eine in langen Jahrzehnten schmerzvoll überall auf der Welt erworbene Lebensweisheit. Die vielen Psychotherapien, Urschrei-Workshops, Aufenthalte in Ashrams und Zen-Klöstern waren am Ende doch nicht umsonst, sondern haben geholfen, Altmann zum Schriftsteller und vor allem Menschen heranreifen zu lassen.

Der zweite Gedanke ist einer von Skepsis. Was bildet sich Altmann eigentlich ein, mir eine 250 Seiten lange Autobiographie ins Gesicht zu rotzen? Ist es nicht hochgradiv naiv, nur chronologisch und ein Ereignis anch dem anderen geradeheraus herunterzuerzählen? Wäre es nicht interessanter gewesen, vom Karren der nackten Wirklichkeit abzuspringen und einen fiktiven Text zu schreiben, wo sich Wirklichkeit und Traum zu neuen Protagonisten verdichten? So hätte man über die eigenen Befindlichkeiten hinauswachsen und Bereiche erkunden können, die eine bloße Reportage mit ihrem ständigen Blick nach unten nicht sehen, hören und erschnüffeln kann. Ist Altmanns Sprache nicht zu journalistisch und zu wenig poetisch, um in solche Seelengullys hinabzusteigen? Trotz dieser Bedenken: Ein nötiges, wichtiges, ehrliches, mutiges und Mut machendes Buch.

Andrea Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend

Herr Lehmann

Foto: Christoph Hennes Sinnfrage: Sven Regener, Sänger von "Element of Crime", im Interview mit Kathrin Gemein. 2010-02-01 -Urheberrechtlich geschützt! Honoriert ausschließlich für den Abdruck im "Kölner Stadt-Anzeiger". Weitergabe an Dritte nur nach Absprache mit dem Urheber!!-

Herr Lehmann, Seven Regeners Debütroman aus dem Jahre 2001, erzählt in den ersten 7 Kapiteln einen einzigen Tag im Leben von Frank Lehmann Mitte September 1989 und, in der Folge, in den Kapiteln 8 bis 20 weitere Wochen und Episoden aus Lehmanns Leben bis zum Tag des Mauerfalls am 9. November. Frank Lehmann, genannt Herr Lehmann, ist ein dreißigjähriger Barkeeper mit allen Symptomen einer Lebenskrise. Ohne große Perspektiven, lebt er sein kleines Kreuzberger Leben in den Tag hinein, verpennt selig den Morgen nach der Nachtschicht in der Kneipe Einfall, wo er arbeitet, kommt kaum heraus aus seinem geliebten Kreuzberg und schafft es in seinem Autismus und Narzissmus auch nicht, eine tragfähige Beziehung zu seiner neuen Flamme Katrin aufzubauen. Lehmanns Alter Ego Karl Schmidt, ein gescheiterter Objekt-Künstler, hat eine Phase der Dekonstruktion und schlittert immer mehr in eine schwere Depression hinein. Am Ende des Buchs (Kapitel 19) bringt ihn Lehmann ins Urban-Krankenhaus, wo Schmidts Nervenzusammenbruch ruhig gestellt und behandelt wird.

Die Stärke von Regeners Erstlingsroman liegt in der genauen Beobachtung des Alltags der Kreuzberger Künstlerszene Ende der achtziger Jahre. Sehr lange, glaubwürdig konstruierte Dialoge aus den Sumpfgebieten der Kreuzberger Kneipen, Beziehungen zu Frauen, die so offen sind, dass nichts daraus wachsen und gedeihen kann, eine witzig erzählte Reise „ins Ausland“ am Kudamm (Kapitel 19), ein Besuch Ostberlins (Kapitel 15), schließlich der Fall der Berliner Mauer (Kapitel 20), für den die Kreuzberger Szene eine restlos fehlende Begeisterung an den verkaterten Tag legt, und manch anderes Lokalkolorit mehr der surrealen Mauerstadt, lassen sich angenehm und flüssig lesen. Sven Regener, der mit Element of Crime auch Musik macht, tut gut daran, sein Metier zu wechseln, denn das Schreiben hat er definitiv drauf. Was (mir zumindest) allerdings oft in den Texten Regeners fehlt ist ein gewisser Tiefgang und Reflektionen, die über die Videoaufzeichnungen, Audiorealitäten und überhaupt Befindlichkeiten von SO 36 hinausgehen. Lediglich bei der Krankheitsgeschichte von Karl Schmidt, der vermutlich auch irgendwo Sven Regener selbst ist, hat man das Gefühl, dass es endlich mal ein wenig ernsthafter, tragischer und menschlicher zu Werke geht. Oft bleibt alles allerdings in einem norddeutschen Humor und einer Ostfriesenleichtigkeit stecken, die an Rocko Schamoni und Comic-Star Werner erinnern. Nur mit einer solchen Bremer Legeresse konnte der Roman allerdings zum millionenfach aufgelegten Bestseller werden und zwei Folgeromane um Frank Lehmann sowie Verfilmungen im Schlepptau haben.

Für alle, die in den achtziger Jahren in Kreuzberg gelebt haben, Pflichtlektüre.

Sven Regener – Herr Lehmann

Zündels Abgang

Autor: Markus Werner Foto: Selwyn Hoffmann Das Foto ist honorarfrei. Selwyn Hoffmann, Pfrundhausgasse 9, CH-8200 Schaffhausen, Tel. 052 625 99 07

Markus Werners 1984 veröffentlichter Debütroman Zündels Abgang war vor 30 Jahren stilistisch und inhaltlich ein richtiger Hammer und avancierte schnell zum Bestseller und Kultbuch. Die beißenden Tiraden gegen so ziemlich alles und jeden (die bis ins Mark bürgerliche Schweiz, das aus eigener Erfahrung beschriebene spießige Schulsystem und die in Ehefrau Magda verkörperte moderne und emanzipierte Frau vor allem, aber auch die Italiener in Genua und selbst die (wie immer und überall unsympathischen) Deutschen bekommen ihr Fett weg) trafen den Geist von Züri brännt Anfang der achtziger Jahre und verliehen dem nihilistischen Credo der Punk-Generation Ausdruck. Einen Höhepunkt erreicht dieser Defätismus am Ende des Buchs in Kapitel 23 während des grotesken Gesprächs zwischen Psychiater und Konrad Zündel, das eine Szene aus dem Lehrbuch des absurden Theaters sein könnte. Alle sicheren und unangezweifelten Ordnungszusammenhänge lösen sich innerhalb des Monats der erzählten Zeit auf. Der durch und durch bürgerliche Konrad Zündel (Intellektueller, Studienrat, in fester Beziehung lebend) gleitet in eine klinische Psychose ab und inszeniert seinen Abgang im völlig unbürgerlichen Genua, wo er durch einen Zufall geboren wurde. Die wenigen positiven rosa Tupfer auf der pechschwarzen Leinwand sind der österreichische Matrose Serafino (Kapitel 11) und die quecksilbrige Französin Nounou (Kapitel 16), die sich allerdings ein wenig aufgesetzt und unglaubwürdig im Masterplot bewegen. Stören tut einen auch das komische Deutsch Werners. Schweizer reden halt so. Das nennt man Helvetismen, aber es ist trotzdem komisch. Jetzt sagen sie nur, dass Sie wissen, was ein Grind und eine Blutsenkung sind! In die Hosen seichen? Korkzapfen? Glossieren? Haschen? Miststock? Haselnussbraun? Hurtig? Versorgen? Ein Cheib? Ich habs urplötzlich ganz enorm pressant? Brandmager? Gramseln? Der Heißwasserhahn hat den ewigen Umgang? Gamellen? Wehrmänner? Eine Rübenhose? Ein Lavabo?

Reden die da wirklich so?

Marus Werner – Zündels Abgang

Charles Bukowski: Post Office

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Charles Bukowskis 1971 erschienener Debütroman Post Office ist meiner Meinung nach einer der Schlüsseltexte nicht nur der amerikanischen, sondern der weltweiten Gegenwartsliteratur. Während aber Jack Kerouacs Helden aus On The Road Dean Moriarty und Sal Paradise längst Legendenstatus besitzen, hat es Bukowskis Ich-Erzähler Henry Chinaski schwerer. Die Geister scheiden sich zwischen begeisterten Anhängern und naserümpfenden Intellektuellen: Zuviel Whiskey, Alkoholkater, Pferderennen, schneller Sex, Machismus, Nihilismus, Hässlichkeit, Proletenkultur, sagen sie. Zuwenig literarische Substanz, sagen sie Aber Bukowskis kompromissloses Plädoyer für Originalität und Freiheit in einem unmenschlichen System bleibt unschlagbar gut und hat die Zeiten überdauert. Bukowskis Alter Ego Henry Chinaski ist ein psychologischer Archetyp und eine Karte aus dem Tarotspiel unserer spätkapitalistischen Gesellschaften: Marilyn Monroe spielt das verführerische blonde Dummchen, Patti Smith die rebellische intellektuelle Emanze, Mark Zuckerberg den erfolgreichen, dynamischen Jungunternehmer, Charles Bukowski den saufenden, rauchenden, subversiven dionysischen Satyr.

Im Original war der Roman wegen seiner vielen Slangausdrücke für mich (mit meinem wenig praktizierten Unienglisch auf B2-Niveau) nicht immer flüssig zu lesen. Vielleicht wäre es besser gewesen auf eine gute Übersetzung zurückzugreifen.

Charles Bukowski: Postoffice

Geschichten vom Herrn Keuner

Bertolt Brecht

Die Geschichten vom Herrn Keuner, die Bertolt Brecht ab 1926 bis an sein Lebensende geschrieben hat, waren eigentlich literarische Nebenprodukte und nie für eine Veröffentlichung gedacht. Diese aphoristischen Parabeln wurden aber dann wegen Brechts enormer Bekanntheit ab 1949 in verschiedenen Ausgaben veröffentlicht, bis dann Suhrkamp im Jahre 2003 eine Komplettausgabe der 121 Einzeltexte herausgab. Es zeugt von Brechts Genialität, dass selbst solche Bagatellen Eingang fanden in die hehre ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher. Die Qualität der Brechtschen Geistesblitze ist meiner Meinung nach aber recht durchwachsen. Die besten Texte sind für mich (nach einer schnellen Lektüre): Die Mühsal der Besten – Herr Keuner ging durch ein Tal – Herr Keuner hatte wenig Menschenkenntnis – Herr Wirr hielt den Menschen für hoch – Maßnahmen gegen die Gewalt – Wenn man nur an sich denkt – Zu Herrn Keuner, dem Denkenden, kam der Schüler Tief – Zu Herrn Keuner, dem Denkenden, kam ein falscher Schüler – Deine Theorie hat Löcher – Herr Keuner haßte den Kampf – Herr Keuner und die Frage, ob es einen Gott gibt – Über die Auswahl der Bestien – Keuner

Geschichten vom Herrn Keuner