Anton Reiser

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Karl Philipp Moritz gehört (zumindest im Ausland) nicht zu den bekanntesten Autoren der Literaturepoche zwischen 1770 und 1830, in der sich die Schwerpunkte so schnell verlagerten und die oft widersprüchlichen Sichtweisen so vermengten, dass es schwer erscheint, ihn einzuordnen, was ihn sicher auch Punkte bei der schnellen Klassifizierung und Popularität verlieren ließ. Er war Aufklärer und Stürmer und Dränger, er hatte etwas von der Weimarer Klassik und der Frühromantik, er war Hutmacherlehrling, Schauspieler, schlecht bezahlter Hofmeister (Hauslehrer), Schriftsteller, Universitätsprofessor und anderes mehr … was alles eigentlich überhaupt nicht zusammenpasst. Sein bekanntestes Werk Anton Reiser erschien in vier Teilen von 1785 bis 1790 und war der erste psychologische Roman der deutschen Literaturgeschichte, will sagen, das erste Mal wurde der Schwerpunkt der Erzählung auf das Innenleben des Protagonisten und nicht wie sonst üblich auf die äußeren Ereignisse verlegt. Der (in weiten Teilen autobiographische) Roman, der in Norddeutschland zwischen Pyrmont, Braunschweig und Hannover angesiedelt ist, beschreibt das Heranwachsen eines Jugendlichen in der Tradition des Entwicklungsromans, erzählt aber im Gegensatz zu seinem berühmten Nachfahren Wilhelm Meister nicht den Reifungsprozess des Bürgers und späteren Arztes, sondern das Scheitern Anton Reisers beim Versuch aus der kleinbürgerlichen pietistischen Welt seiner Eltern auszubrechen. Nach kurzen Versuchen an einer Lateinschule und am Gymnasium, beginnt er eine Lehre als Hutmacher, bricht Schule und Studium ab und versucht sich als Schauspieler in verschiedenen Theatergruppen, bei denen er jedoch den gewünschten Erfolg nicht findet. Die Probleme und Misserfolge Anton Reisers gehen auf seine große Empfindsamkeit und Hypochondrie, aber auch auf das Standesbewusstsein einer Klassengesellschaft zurück, die dem armen, sozial benachteiligten Anton Reiser den sozialen Aufstieg verweigert. Diese negativ Sichtweise auf die eigene Person ist allerdings nicht auf einem autobiographischem Urteil begründet, sondern wiederholt ganz bewusst Sozialklischees und Genretypen.
Dass der Rückschluss eines psychologischen und autobiographischen Romans auf das tatsächliche Leben von Karl Philipp Moritz nur vielfältig reflektiert möglich ist, beweist die durchaus geglückte Karriere im leibhaftigen Leben des schillernden Künstlers, der leider schon mit 37 Jahren starb, aber immerhin in die Preußisches Akademie der Wissenschaften aufgenommen und zum preußischen Hofrat ernannt wurde und (wenige Jahre) eine Professur der Theorie der Schönen Künste an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin innehatte.

Karl Philipp Moritz – Anton Reiser

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