Jörg Fauser: Biografie

Penzel, Matthias und Waibel, Ambros: Rebell im Cola-Hinterland – Jörg Fauser. Kalus Bittermann. THIAMAT. Berlin. 2004.

Penzels und Waibels Fauser-Biografie lesen eh nur wenige Fans. Jörg Fauser hat nie ein großes Massenpublikum erreicht. Die 2004 veröffentlichte Biografie ist zudem längst vergriffen und nur zu Preisen zu bekommen, die außer für hartgesottene Fauser- Fans indiskutabel sind. Vielleicht wäre es an der Zeit, das Buch neu aufzulegen, bevor die Preise endgültig ins Kraut schießen (Halt, ich lese gerade, dass eine Neuausgabe der Fauser-Biografie für das Jahr 2024 bei „Diogenes“ geplant ist).

Es ist also unnötig hier die biographischen Stationen Fausers abzurattern, die man am besten in der „Zeittafel“ am Ende des Buchs von Penzel/Waibel und natürlich auch im Internet nachlesen kann.

Deshalb hier an dieser Stelle nur ein paar persönliche Kommentare.

Wenn mich jemand fragen würde, welchem Schriftsteller ich mich emotionell am nächsten fühle, wenn ich spontan antworten müsste und nicht die Zeit hätte, solche Vorlieben chronologisch-biographisch-rational zu reflektieren, würde ich Jörg Fausers Namen nennen, nicht Rolf- Dieter Brinkmanns, der mir dann doch einen Zacken zu norddeutsch-stur ist.

Warum Jörg Fauser?

Das hat vermutlich viele Gründe, von denen ich einige hier ziemlich ungeordnet nenne:

  • Fauser hat keine Heimat. Er lebt in Frankfurt, Berlin, London, Istanbul, Göttingen, Berlin, München, will am Ende seines Lebens sogar nach Südostasien auswandern.
  • Rebellen-Attitüde und biografisch-authentische Identifikation mit dem literarischen Untergrund, obwohl er 1987 für seinen letzten Roman „Die Tournee“ problemlos DM 100.000 Vorschuss bekommen hätte. Ablehnung des traditionellen deutschen Literatur- und Kulturbetriebs und kritische Nähe zu den damaligen Subkulturen in Frankfurt und Berlin. Flucht aus dem „Norden“ (Deutschland) in den unmöglichen „Süden“ der Türkei (Istanbul).
  • Nähe zur nordamerikanischen Subkultur (Burroughs, Bukowski).

Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique; verheiratet, aber sonst unabhängig. – Selbstauskunft Fausers, München, 25.12.1986.

  • Labile, literarische Identität, die zwischen Lyrik, Roman, Drama, Essay, Artikel, Redaktion, Film etc. schwankt und vor allem den Unterschied zwischen E- und U-Kultur ablehnt. Fauser wird heute generell immer noch als nicht ernstzunehmender Krimi-Autor klassifiziert. Man schaue sich auch mal (zum gleichzeitigen Lachen und Weinen) die eklige Stellungnahme des unmöglichen damaligen Kritiker-Platzhirschen Marcel Reich-Ranitzki anlässlich des Ingeborg-Bachmann-Preis 1984 an, um einen Eindruck der desolaten Situation des deutschen Literaturbetriebs in den 80ern zu bekommen.  Heute ist es nur noch schlimmer!

Jörg Fauser liest in Klagenfurt beim Bachmannpreis – Teil 2

  • Hinter süddeutschem hessischem Understatement profunde Kenntnisse der Weltliteratur. Fauser hat immer wieder gesagt, dass er nur ein mittleres Talent zum Schriftsteller hat. Viele seiner Texte erinnern an andere Schriftsteller, was Fauser aber sehr genau gewusst und reflektiert hat

Allerdings waren die guten Bücher schon alle geschrieben, sie standen in Buchhandlungen oder den eigenen Regalen, und so geriet ich zwangsläufig unter den Einfluß solcher Lebenskünstler wie Henry Miller oder Kerouac – allerdings wuchs ich in Frankfurt/M.-50 auf. (“Rohstoff“)

Von der Unbelehrbarkeit der Erde

Ich werde ein Haus bewohnen

und vielleicht ein anderes,

werde meinen Namen in die Tür schreiben wo ein anderer war

und ein anderer sein wird nach mir,

ich werde mit wenigen leben und wenige verlassen,

und werde zur Tür hinausgehen, durch die ich eintrat,

ohne Trauer, ohne Freude und Verlangen,

unbemerkt von den Tälern und Gärten der Erde

werde ich sterben

(1964)

Riecht das nicht penetrant nach Bertolt Brecht? Und ist es nicht trotzdem ein wunderschönes Gedicht?

  • Fauser, der Drogen-Schriftsteller, der „Sick-City-Lyrik“ schreibt und deshalb an Autorität beim Lesepublikum verliert. Heroin-gefährdet war ich nie, das waren nicht mehr meine Zeiten, aber vor Nikotin und Alkohol hab ich mich nur gerettet, weil mich bestimmte Lebensumstände davon entfernt haben. In anderen Lebensumständen hätte es auch anders kommen können. Grundsätzlich bin ich eine Sucht-Persönlichkeit, habe ich eine ähnliche mentale Drogen-Disposition wie Fauser.
  • Biographische Affinitäten: Natürlich ist Fauser 1944 geboren und ich 16 Jahre später im Jahre 1960. Mein Vater hätte er nicht sein können, aber vielleicht ein älterer Bruder. Von dem, was Fauser im Vollen erlebt hat, hab ich nur noch den letzten Zipfel erwischt. Auch Fauser ist Vater einer einzigen Tochter.
  • Von den in „Rohstoff“ obsessiv erzählten, jahrzehntelangen, unzähligen und endgültig (scheinenden) Verlagsabsagen kann auch ich ein trauriges Liedlein trällern. Fausers bitterer Humor und schneidender Sarkasmus sind hier sicher therapeutisch, helfen nicht nur dem gebeutelten hessischen Autor selbst, sondern auch seinen armen Leidensgenossinnen und -genossen im Geiste. Wir lassen uns nicht unterkriegen.

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