Jörg Fauser: Rohstoff (zum zweiten)

Ich hatte ja Jörg Fausers „Rohstoff“ vor einigen Jahren hier an diesem Ort schon einmal rezensiert, kann mir also die Zusammenfassung des Inhalts ersparen, die man sehr gut auch hier findet: Frankfurt am Main in der Literatur.

Fausers Roman ist leider trotz inzwischen zahlreicher hymnisch-elegischer Rezensionen bis auf den heutigen Tag nicht seinem Potential gemäß gewürdigt worden. Fauser gilt als Krimi-Autor (sprich U- und Schundliteratur)  und war Junkie/Alkoholiker, was es vielen professionellen Literaturkritikern und Kulturallgewaltigen immer noch schwer macht, einzugestehen, dass „Rohstoff“ zumindest einer der wichtigsten Romane Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg ist und wahrscheinlich auch, weit darüber hinaus und zugestanden ohne jede Möglichkeit der Beweisführung, weltweit zu den wichtigsten literarischen Protesttexten gehört, die seit der Romantik gegen die Schattenseiten der Industrialisierung und des Kapitalismus geschrieben worden sind, und die nicht verhindern konnten, dass genau diese Industrialisierung und genau dieser Kapitalismus die Erde in ein paar hundert Jahren endgültig zerstört haben werden.

Fausers Schreibstill ist 1984, als der Roman erscheint, nach der Junkie-Phase und William Burroughs, inzwischen stark von Charles Bukowski (und vermutlich auch anderen, mir unbekannten, nordamerikanischen Krimi-Autoren wie Raymond Chandler) beeinflusst. Das ist natürlich auch schriftstellerisches Handwerk, zum Beispiel bei der eigentlich unzulässigen Übertragung der Bedeutungsebenen von Adjektiven auf Subjektive. So beschreibt Fauser an einer bestimmten Stelle des Romans (ich zitiere aus dem Gedächtnis) eine Frau, die ein Halstuch „schlampig“ trägt und bezieht sich dann, einige Zeilen später, mit dem Substantiv „Schlampe“ auf diese Frau. „Schlampig“ ist ja abwertend, aber lässt Platz für Sympathie, „Schlampe“ ist böse und ein Schimpfwort. Man schmunzelt über den gelungenen literarischen Taschenspielertrick.  Doch eigentlich sind es mehr die vielen lakonischen Pointen, die den Schreibstil prägen, so etwa, als Harry Gelb sich ein zweites Mal bei der Bundesbank als Aushilfspförtner bewirbt.

„Ach, Sie sind das“, sagte er und nahm die Brille ab. Er war in der kurzen Zeit zehn Jahre älter geworden. Ich mindestens zwanzig. „Herr Gelb, ja, ich erinnere mich. Sie haben aber damals fristlos gekündigt, nicht wahr? Künstlerische Laufbahn, das war es doch? Und jetzt wollen Sie wieder zu uns? Na, ich werde sehn, was sich da machen läßt. Sie finden ja den Ausgang.“

Ich fand ihn. Von der Bundesbank hörte ich nichts mehr.

(Kapitel 41)

Der Roman ist voll mit diesen gelungenen Pointen, die meistens auch bittere Kommentare und Lebensweisheiten sind und die sich alle paar Jahre bei einer neuen Lektüre dann wieder entdecken lassen. Ich zitiere hier drei von den vielen dutzenden, von mir sorgfältig in leuchtendem Gelb markierten Stellen.

Ob Verleger oder Redakteure, ob Bonzen oder Mitläufer, es war alles die gleiche Gesellschaft, die funktionierende Kulturklasse, und ob ich ihnen als bemühter Schreibsklave kam oder als Cut-up-Junkie, als Genosse oder als Geselle, für sie war ich nichts anderes als ein Agent provocateur, ein Agent der dunklen Kräfte, vor denen sie ihre Bausparverträge retten mußten, ihre Pöstchen und ihre Frauen.

(Kapitel 32)

Endlich ging es nicht mehr um Liebe, ich war die Liebe los und das Bewußtsein auch, es war ganz einfach, man konnte sie ertränken und auslöschen, alles in einer Nacht, in einem Rausch mit einer wilden, bösen Nummer. Wenn man drei, vier Frauen brauchte, dann bekam man sie auch, und die Liebe störte nur, wie das alberne Suchen nach dem Sinn der Geschichte. Es gab keinen Sinn, es gab nur Mord und Totschlag, und das Auf und Ab von unten und oben.

(Kapitel 33)

Mit der Diskussion hatte ich nicht gerechnet. Ziel der Diskussion schien es zu sein, den Autor kleinzukriegen, es war der Augenblick, in dem die mit einer 2 im Deutschen den Mund aufmachten und zur Sprachkritik ansetzten, ja, war das denn überhaupt gutes Deutsch, diese zerhackten Sätze, konnte man denn vom Leser erwarten, daß er das mitvollzog, und waren das überhaupt Gedichte, oder war das nicht doch Prosa, aber eben auch nicht Alltagssprache, so eine aufgemotzte Sprache, und das Sexuelle, mußte man das so krass aussprechen, es war ja fast irgendwie frauenfeindlich, und dann fehlten in diesen Texten doch auch irgendwie alle sozialen Bezüge. Das ist Entertainment, dachte ich, das ist Literatur, für 50 Mark mußt du auch noch auf die Knie fallen und sagen, ich bin ein Vollidiot, ein Nichtsnutz, ein asozialer Weiberfeind, eine Gefahr für die öffentliche Ordnung.

(Kapitel 43)

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