Mesut Özil

Die Affäre Mesut Özil hat ja in den letzten Wochen für viel Gesprächsstoff gesorgt und unzählige Kommentare hervorgebracht. Das hat einen ersten Grund natürlich im kläglichen Ausscheiden der Fußballmannschaft bei der WM, wofür das zu Tode betrübte Schland einen Sündenbock und Blitzableiter brauchte und in Özil einfach fand, geht aber bei näherer Betrachtung weit darüber hinaus und gestaltet sich vielschichtiger, als man auf die Schnelle vermutet hätte.

Da ist einmal das schwierige Thema Integration und Rassismus. Özil wurde ja jahrelang als eine Art Lichtgestalt der gelungenen Integration zwischen Türken und Deutschen gehandelt. Die hässlichen Bemerkungen der Hater in den sozialen Netzwerken und auf den Tribünen der Fußballstadien haben aber gezeigt, dass kulturelle Integration eine heikle Angelegenheit ist, nie wirklich definitiv erreicht wird und ständig neue konkrete Bestätigung vor Ort braucht. Selbstverständlich gilt es, rassistische Äußerungen gegen Özil vehement zurückzuweisen und Solidarität mit dem Fußball-Superstar zu zeigen, der als großer Schweiger gilt und es vorzieht, keine Stellung zu beziehen. In einer seiner englischen Stellungnahmen nach dem Skandal hat er (aber wahrscheinlich in Wahrheit sein vielköpfiger Beraterstab) zu Recht darauf hingewiesen, dass er für die deutsche Öffentlichkeit nur dann Deutscher ist, wenn er Spiele gewinnt, aber Kanake bleibt, wenn er sie verliert. Man muss andererseits auch einwenden, dass Özil in seiner Spielerkarriere wenig dafür getan hat, um Sympathien auf sich zu ziehen. Meines bescheidenen Wissens nach hat er nie irgend etwas Konkretes für eine interkulturelle Integrationsarbeit getan. Für das peinliche Foto mit dem Despoten Erdogan hat sich Özil nie entschuldigt, sondern im Gegenteil darauf hingewiesen, dass es sein gutes Recht sei, sich mit seinem Staatspräsidenten ablichten zu lassen. Wenn es denn so einfach wäre.

Natürlich muss sich Özil auch mit seinen grottenschlechten sportlichen Leistungen in den letzten Jahren und speziell bei der WM konfrontieren. Wenn er Millionen verdient und auf dem Platz nichts liefert wie in Russland, darf er nicht wie eine Mimose reagieren. Fußball ist auch verbal ein derber Männersport, wie sicher auch Özil weiß. In seinen ellenlangen drei Stellungnahmen war kein einziges Wort der Selbstkritik zu seinen eigenen miesen Leistungen zu lesen.

Drittens, und das ist vielleicht der wichtigste Punkt bei diesen hochgekochten Diskussionen, fällt einem die erschreckende Diskrepanz zwischen dem virtuellen Profil Özils und der Wirklichkeit in Fleisch und Blut auf. Dass Fußballspieler nicht immer die hellsten Birnen im Leuchter sind, ist ja nichts Neues, wird aber in Zeiten, wo sie Millionen von Followers im Internet haben, sehr schnell extrem blamabel. Die sportlichen Megastars und Multimillionäre wirken oft wie aufgeblasene Popanze, die nicht in der Lage sind, ihrer sozialen Verantwortung als gesellschaftliche Leitfiguren nachzukommen. Intellektuell und kulturell bleiben sie oft Zwerge, die hinter ihren banalen Antworten in Interviews nur mühsam verbergen, dass sie zwar gestählte Muskeln, Privatjets und sexy Spielerfrauen, aber wenig oder nichts zu sagen haben. Das gilt leider auch für Mesut Özil. Wenn man seine Stellungnahmen in lupenreinem Oxford-Englisch liest, ist schnell klar, dass dort nicht ein entgeisterter Özil seine Meinung in die Tastatur gehämmert hat, sondern ein gut bestuhltes Team an Rechtsanwälten und PR-Beratern dahintersteckt. Da kommt leicht Nostalgie auf. Ohne sie zu Helden zu stilisieren, waren zum Beispiel Uwe Seeler oder Gerd Müller viel bodennäher und haben die Abgebrühtheit eines Mesut Özil nie erreicht.

Die übliche deutsche Literaturmafia

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich in diesem Weblog über mafiöse Strukturen der deutschen Kulturindustrie schreibe, von der die Literaturindustrie ein immer kleiner und unbedeutender werdender Teil ist. Doch die Wut, die bei mir hochkocht, wenn ich bestimmte Biografien von noch nicht einmal besonders bekannten Schriftstellern oder Schriftstellerinnen lese, ist so stark und unkontrollierbar, dass der Gentleman in mir verstummt. Namen nenne ich keine, weil es sich hier nicht um Einzelschicksale, sondern weit verbreitete, generelle Mechanismen handelt. Fast jedes Jahr bekommen diese Künstler oder Künstlerinnen einen zum Teil sehr hoch dotierten Literaturpreis, ein Reisestipendium, eine Aufnahme in die Akademie der Künste, was dann, angesichts der mageren Verkaufszahlen ihrer verkauften Bücher, so eine Art endlos wiederholtes, verstecktes Gehalt wird. Der Clemens-Brentano-Preis ist mit 10000 Euro dotiert, der Klopstock-Preis mit 12000 Euro, der Hermann-Hesse- und der Adalbert-von-Chamisso-Literaturpreis beide mit 15000 Euro, und so weiter und so fort. So kann man sich munter durchs Autorenleben schnorren und durch die Weltgeschichte reisen, während andere unbekannte Schriftsteller und Schriftstellerinnen kellnern und Taxi fahren. Ihr Deppen! Ihr kennt halt die richtigen Leute nicht! Eure Schuld! Und richtig schreiben könnt ihr auch nicht! Das beweisen unsere Literaturpreise! Doch nach welchen objektiven Kriterien werden diese Preise vergeben? Wer entscheidet, was wertvolle Literatur ist? Man schwimmt in trüben Gewässern. Es geht wie bei der Mafia zu. Man kennt sich (Verlage, Feuilleton, Kultursendungen). Transparenz gibt es keine, Qualitätskriterien auch nicht (was bei Kunst zugegeben schwierig ist). Man bedient den kulturellen Mainstream und bestimmt, was sich als Kultur durchsetzen darf. Und vor allem gibt es ein endloses Geklüngel und Geschachere, wer bei den großen Publikumsverlagen schreiben darf, wer die Literaturpreise absahnt, über wen in den Feuilletons positiv geschrieben wird, wer in die Kultursendungen im Radio und Fernsehen eingeladen wird. Es ist einfach zum Kotzen! Und wenn man dann noch liest, dass gewisse Personen mit einem Stipendium der Villa Aurora derweil im kalifornischen Los Angeles weilen und wallen, hüpft mir erst mal der Frosch in den Hals. Die Villa Aurora ist ein deutsches Kulturdenkmal des Exils, stark geprägt von der deutschsprachigen Exilkultur der nazistischen Bücherverbrennnung und von Schriftstellern wie Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, Thomas und Heinrich Mann. Dieses Element der Verfolgung von Seiten der Nazis bei der Stipendienvergabe ist speziell spürbar in den „Feuchtwanger Fellowships“ für Autoren und Autorinnen, die in ihren Heimatländern zensiert werden. Was die letzten Preisträger mit solchen Verfolgungshintergründen zu tun haben sollen, bleibt mir völlig schleierhaft. Das sollte mir jemand mal bitte erklären. Wahrscheinlich ist es eh nur wichtig, sich aalglatt durch den korrupten deutschen Literaturbetrieb zu schlängeln. Es ist eine Schande, du Land der Dichter und Denker!

 

Roma, polvere di stelle

Paolo Berdinis leider nur auf Italienisch lesbares Buch „Roma, polvere di stelle“ (2018) beschreibt akribisch genau die desolate Situation der öffentlichen Finanzen der Hauptstadt Italiens, die seit Jahrzehnten nicht mehr in der Lage ist, ihre Zukunft auf einem europäischen Niveau zu projektieren. Er war für einige Monate in der Stadtregierung der jetzigen Bürgermeisterin Virginia Raggi und dort für das öffentliche Bauwesen zuständig. Doch die Hoffnungen der mit vielen Erwartungen angetretenen Stadtregierung der „5 Stelle“ zerplatzten schnell und führten letztendlich nur (nach Paolo Berdinis Meinung) die jahrzehntealten korrupten Strukturen der Links- und Rechtsregierungen (von Walter Veltroni, Gianni Alemanno und Ignazio Marino) weiter.

Paolo Berdini: Roma, polvere di stelle.

Schopenhauer

Ein Schopenhauer-Fan wie ich liest Rüdiger Safranskis dicke Biografie über den genialen Philosophen natürlich mit viel Lust und Interesse bis zum Ende. Und natürlich ist das viel gelobte Werk mit viel Sachverstand und Handwerk geschrieben. Trotzdem bleibt es in mancherlei Hinsicht nicht überzeugend. Die vielen philosophischen Exkurse schwächeln und sind sicher nicht auf allerhöchstens pädagogischen Niveau. Auch die rekonstruierten Zeitumstände, Gemütszustände und Gedankenverfassungen an den verschieden biographischen Stationen Schopenhauers verlieren sich allzu oft (wohl auch wegen des Fehlens historischer Quellen) im Niemandsland kühner Spekulationen.

Rüdiger Safranski: Schopenhauer (und die wilden Jahre der Philosophie)

Gimme Some Truth

Nicht, dass sich seit John Lennons Zeiten irgend etwas geändert hätte …

I’m sick and tired of hearing things
From uptight, short-sighted, narrow-minded hypocritics
All I want is the truth
Just gimme some truth
Ive had enough of reading things
By neurotic, psychotic, pig-headed politicians
All I want is the truth
Just gimme some truth

No short-haired, yellow-bellied, son of tricky dicky
Is gonna mother hubbard soft soap me
With just a pocketful of hope
Money for dope
Money for rope

No short-haired, yellow-bellied, son of tricky dicky
Is gonna mother hubbard soft soap me
With just a pocketful of soap
Money for dope
Money for rope

I’m sick to death of seeing things
From tight-lipped, condescending, mamas little chauvinists
All I want is the truth
Just gimme some truth now

I’ve had enough of watching scenes
Of schizophrenic, ego-centric, paranoiac, prima-donnas
All I want is the truth now
Just gimme some truth

No short-haired, yellow-bellied, son of tricky dicky
Is gonna mother hubbard soft soap me
With just a pocketful of soap
Its money for dope
Money for rope

Ah, I’m sick and tired of hearing things
From uptight, short-sighted, narrow-minded hypocrites
All I want is the truth now
Just gimme some truth now

Ive had enough of reading things
By neurotic, psychotic, pig-headed politicians
All I want is the truth now
Just gimme some truth now

All I want is the truth now
Just gimme some truth now
All I want is the truth
Just gimme some truth
All I want is the truth
Just gimme some truth

 

 

Byung-Chul Han: Die Austreibung des Anderen

„Die Austreibung des Anderen“ ist das dritte Buch des in Berlin lebenden Erfolgsautors Byung-Chul Han, das ich gelesen habe, und es ist von den dreien das schwächste, dünnste und mit 20 Euro auch ziemlich unverschämt teuerste Buch des Autors. Solche qualitativen Einbrüche sind bei einem Vielschreiber wie Han vermutlich unvermeidlich und ändern nichts an meinem grundsätzlich positiven Urteil, dass er der interessanteste neue Philosoph ist, den ich kenne. In den zwölf Kapiteln des Buchs, von denen nur die ersten drei wirklich interessant sind, führt Han seine vernichtende Kritik der digitalen Revolution, der Globalisierung und des Neoliberalismus weiter. In der „Hölle des Gleichen“ wächst kein Gras mehr. Eine unkontrollierbare Sucht nach Smartphones und Selfies produziert wild wuchernden Narzissmus, immer mehr Trash-Kultur und nur scheinbare Authentizität. In Wirklichkeit sind wir so einzigartig wie die Ratten in den Versuchslabors oder die Hamster in den Käfigen der Kinderzimmer. Ein Exzess an Kommunikation, Information, Produktion und Konsum macht uns alle krank. Interessant ist auch Hans Gedanke, dass die Gewalt der Globalisierung als Gegenströmungen einen neuen Nationalismus, neue faschistoide Rechtsparteien und grundsätzlich Terrorismus als Gegenreaktionen erzeugt.

Natürlich halten manche Han für einen Populärphilosophen und Scharlatan, etwa hier. Das ist bei so viel Erfolg und Kreativität auch unvermeidlich.