Franco Battiato: Oh! Sweet Nuthin‘

Ich habe seit ein paar Wochen begonnen, an einem Buch über den sizilianischen Liedermacher Franco Battiato zu arbeiten. Da die Materie nicht leicht, die Zeit knapp und auch mein bisschen Gehirnschmalz in der Sommerhitze Italiens nicht im grünen Temperaturbereich ist, muss sich meine viel zu kleine, aber feine Fan-Gemeinde noch mit Geduld wappnen. Vor November 2020 wird da nichts kommen. Aber wie heißt es so schön: Was lange währt, wird endlich gut!

Hier ein Auschnitt aus einem Konzert Battiatos zusammen mit seiner alten Freundin Alice (2016 in Rom). Das Lied heißt Prospettiva Nevski  und stammt eigentlich aus dem Album Patriots (1980). Beigefügt habe ich den italienischen Text und die deutsche Übersetzung. Die Übersetzung hat einige auch sinnentstellende Schnitzer, aber für einen ersten Eindruck mag es genügen.

P.S: Sollte sich jemand in seinen Urheberrechten verletzt sehen, bitte ich um eine kurze Mitteilung. Ich werde die entsprechenden Inhalte dann sofort löschen.

Un vento a trenta gradi sotto zero
incontrastato sulle piazze vuote
contro i campanili
a tratti come raffiche di mitra
disintegrava i cumuli di neve.
E intorno i fuochi delle guardie rosse
accesi per scacciare i lupi
e vecchie coi rosari,
e intorno i fuochi delle guardie rosse
accesi per scacciare i lupi
e vecchie coi rosari.
Seduti sui gradini di una chiesa
aspettavamo che finisse messa
e uscissero le donne
poi guardavamo con le facce assenti
la grazia innaturale di Nijinskj.E poi di lui s’innamorò perdutamente
il suo impresario e dei balletti russi,
e poi di lui s’innamorò perdutamente
il suo impresario e dei balletti russi.
L’inverno con la mia generazion
e le donne curve sui telai vicino alle finestre.
Un giorno sulla prospettiva Nevski
per caso vi incontrai Igor Stravinsky.
E gli orinali messi sotto i letti per la notte
e un film di Eisenstein sulla rivoluzione,
gli orinali messi sotto i letti per la notte
e un film di Eisenstein sulla rivoluzione.
E studiavamo chiusi in una stanza
la luce fioca di candele e lampade a petrolio
e quando si trattava di parlare
aspettavamo sempre con piacere.
E il mio maestro mi insegnò
com’è difficile trovare l’alba
dentro l’imbrunire,
e il mio maestro mi insegnò
com’è difficile trovare l’alba
dentro l’imbrunire.
Ein Wind, 30 Grad unter Null
fegt über die leeren Plätze
gegen Kirchtürme
manchmal wie Maschinengewehrschüsse
lässt Schneewehen zerfallen
und über die Feuer der Roten Garde
angezündet, um die Wölfe zu verjagen,
und Alte mit Rosenkränzen
und über die Feuer der Roten Garde
angezündet, um die Wölfe zu verjagen,
und Alte mit Rosenkränzen
Wir sitzen auf den Stufen zu einer Kirche
und warten bis der Gottesdienst zu Ende ist
und wenn die Frauen herauskommen
dann sieht man in ihren leeren Gesichtern
den übernatürlichen Glanz von Nijinskj.Und dann verliebte er sich unsterblich in
seine russische Ballettmanagerin
Und dann verliebte er sich unsterblich
in seine russische Ballettmanagerin
den Winter mit meiner Generation
und weiblichen Rundungen auf dem Fensterrahmen
Eines Tages auf dem Newski-Prospekt
geschah es, dass ich Igor Stravinsky traf.
Und Nachttöpfe unter die Betten gestellt
und ein Film von Eisenstein über die Revolution,
Nachttöpfe unter die Betten gestellt
und ein Film von Eisenstein über die Revolution,
Wir studierten zurückgezogen in einem Raum
bei trübem Licht von Kerzen und Öllampen,
und erwarteten mit Freude
wenn es etwas zu Reden gab.
Und mein Lehrer hat mich gelehrt,
dass es schwer ist, im Dunkeln
den Sonnenaufgang zu finden
Und mein Lehrer hat mich gelehrt,
dass es schwer ist, im Dunkeln
den Sonnenaufgang zu finden.

 

Richard David Precht: Erkenne die Welt

Philosophische Texte im Original zu lesen ist oft eine sehr mühsame und frustrierende Angelegenheit: da werden mir selbst die Profis des Metiers, ob Philosophiestudenten oder Philosophiedozenten nur beistimmen können. Ganz gleich, ob es sich um Leibniz, Kant, Hegel, Fichte, Wittgenstein, Adorno oder Heidegger handelt (um nur ein paar Namen zu nennen): ihre Werke sind harte Nüsse, die kaum zu knacken sind. Oft beißt man sich schon nach wenigen Seiten so viele Zähne aus, dass man lieber schonendere Breikost in Form von möglichst verständlich geschriebenen Philosophiegeschichten vorzieht. Die Hoffnung ist dann, dass man mit deren Hilfe den geeigneten Nussknacker in die Hand bekommt, um später einmal doch die Originaltexte lesen zu können.

Eine solche Philosophiegeschichte ist die brandneue dreibändige Ausgabe des deutschen Starphilosophen Richard David Precht, der regelmäßig im Fernsehen seinen philosophischen Stammtisch anbietet. Ich befürchte, dass streng blickende Wissenschaftler Prechts Tun und Treiben nur belächeln und als minderwertige Populärphilosophie abtun. Nach der Lektüre des dicken ersten Bandes, der sich relativ flüssig lesen lässt, ist der Eindruck erst einmal gespalten. Die wirklich dicken Brocken (siehe die oben erwähnten Namen) kommen erst im zweiten und dritten Band. Der erste Band ist teilweise (die ersten mehr als 300 Seiten über die griechische Philosophie) sehr interessant geschrieben, fällt dann qualitativ (meiner Meinung nach) stark ab, so dass die römische und mittelalterliche Philosophiegeschichte sehr schlecht wegkommen.  Es ist zugegeben auch völlig unmöglich, dass ein einzelner Autor zu jedem der behandelten Personen und Fragestellungen profunde Sachkenntnisse bereitstellen kann.

Mal sehen, was der zweite Band bietet und ob er Lust darauf macht, den erst im Oktober 2019 erscheinenden dritten Band zu lesen.

 

Rainer Werner Fassbinder

Die Filme Fassbinders waren Bestandteil unseres Kinoklubs am Gymnasium. Natürlich erinnere ich mich an die genauen Titel nicht mehr, aber ich gehe mal davon aus, dass ich gerade seine frühen Schwarz-Weiß-Filme damals alle gesehen habe (Liebe ist kälter als der Tod, Katzelmacher, Warum läuft Herr R. Amok? etc.). Wenn ich jetzt, nach so langer Zeit, Michael Tötebergs knappe Biographie des deutschen Ausnahmeregisseurs lese, dann fällt mir vor allem auf, wie sehr mich Fassbinders Fragestellungen auch heute noch berühren, aber dann auch, wie unmöglich es heute wäre, sich so schonungslos direkt, so unverblümt kritisch, so brutal, so provokant, so persönlich, so extrem, so ehrlich mit ihnen auseinanderzusetzen. Eine Sache ist es, heute zu den Klassikern der Filmgeschichte zu zählen, eine andere, mit seinen Filmen den Geschmack der Preisvergabegremien zu treffen und auch das nötige Massenpublikum zu erreichen, das zu ihrer Finanzierung notwendig ist. Manchmal ist Fassbinder deswegen mit Pasolini verglichen worden. In den wilden Endsechzigern und im roten Jahrzehnt der siebziger Jahre war eine solche Anti-Kunst möglich. Heute nicht mehr. Nicht umsonst hat man dieses rote Jahrzehnt als die Geburtsjahre der deutschen Demokratie bezeichnet, als eine neue Generation mit nicht gekannter Schneid das erste Mal laut ihre Schnoddermäuler aufriss und gegen die Nazi-Elterngeneration zur Jagd blies. Die hatte 1932 oft noch Hitler als Reichskanzler gewollt. Vierzig Jahre später hatten nicht wenige ihrer Töchter und Söhne eine Riesenwut im Bauch und eine klammheimliche Sympathie für die Terroristen der RAF.

Rainer Werner Fassbinder

The tortilla curtain (America)

T.C. Boyles „The Tortilla Curtain“ (im Deutschen mit dem Titel „America“)

Nach der Lektüre des Buchs kämpft man mit zwiespältigen Gefühlen herum und weiß nicht so recht, ob man eine positive oder negative Rezension schreiben soll.

Pro

Der ziemlich lange Roman ist sehr flüssig und gekonnt erzählt, so dass beim Lesen keine Langeweile aufkommt und man sich gern von Kapitel zu Kapitel weiterhangelt. Vor allem hat er einen fast schon visionären und prophetischen Gehalt, wenn man bedenkt, dass 1995 (erste Veröffentlichung) das Thema der illegalen Einwanderer noch gar nicht unter den Nägeln brannte, aber hier schon in seiner ganzen Dramatik zur Sprache kommt. Der politische Rechtsruck, der Kalifornien, Nordamerika, aber eigentlich die gesamten westlichen Industrienationen seit ein paar Jahren erfasst hat, wird hier schon beschrieben und analysiert. Gerade der wohlhabende weiße Mittelstand vor allem in der Figur des Delaney Mossbacher, der vom toleranten, liberalen Intellektuellen am Ende des Romans zum rassistischen Rächer in Donald Trumps „America First!“-Manier und  mit Pistole in der Hand mutiert, ist sehr überzeugend beschrieben und beruht wohl auch auf eigenen realen Welterfahrungen T.C. Boyles.

Kontra

Was allerdings viel weniger überzeugt ist die Geschichte des illegalen mexikanischen Einwandererpaars. Sicher würde mir Boyle entgegenhalten, dass ihre Erlebnisse auf wahren, von ihm recherchierten Gegebenheiten basieren (dafür spräche auch die Widmung), dennoch ist es recht mühsam, an das viele Unglück und die dröhnenden Schicksalsschläge zu glauben, die auf die beiden niederprasseln. Candido wird angefahren, zweimal ausgeraubt und (bis auf eine einzige Glückssträhne) wie der letzte Dreck behandelt und ausgebeutet, America wird auf ihrem wilden Campingplatz im Canyon vergewaltigt, bringt ihre (aufgrund der Vergewaltigung? blinde) Tochter schlimmer als die Muttergottes zur Welt und schiebt im feindlichen Nordamerika noch nicht einmal eine Zehenspitze zwischen Tür und Angel. Am Ende des allzu sehr wie ein Action-Film aus dem nahen Hollywood überdramatisierten Romans reicht dann keine verheerende Feuersbrunst, es muss sofort im Anschluss auch gleich eine Sintflut biblischen Ausmaßes her. Ziemlich dürftig und enttäuschend sind auch die letzten Szenen des Romans. Wer überlebt hier eigentlich und mit welchen Zukunftsperspektiven? Candido? America? Das Baby Soccoro (das immerhin Namensgeberin des dritten Kapitels ist)?  Was passiert mit Delaney Mossbacher? Ist die Wohnsiedlung durch das Unwetter weggespült worden?  Aporie und ein schlechter Geschmack im Mund machen sich breit.

Auch der Schreibstil Boyles erscheint auf einen ersten Blick (und in deutscher Übersetzung) etwas hausbacken und simpel. Es fehlen die Anspielungen, Assoziationen und Bemerkungen zwischen den Zeilen, die ein Textgewebe komplexer, vieldeutiger und interessanter nähen. Aber vielleicht bin ich da zu ungerecht. Ist der Text schwierig und komplex geschrieben, setzt der Katzenjammer beim Leser ein, der sich darüber beschwert, dass der Autor zu wenig leserfreundlich schreibt. Liest sich der Text flüssig, beschwert sich der nörgelnde Leser über fehlende Komplexität. Quengeln tut er in jedem Fall.

Ich glaube ich muss mindestens einen zweiten Roman von T.C. Boyle lesen, um meine Gedanken besser zu ordnen.

Die Marquise von O …

Heinrich Kleists „Marquise von O …“ (1810) ist erstmal ein sprachliches Juwel, das man sich gern beim Lesen auf der Zunge zergehen lässt. Anfang des 19. Jahrhunderts scheint die deutsche literarische Sprache an einem nie mehr sonst erreichten Höhepunkt sowohl beim Reichtum des eingesetzten Wortschatzes als auch bei der Qualität der Satzkonstruktion angekommen zu sein. Danach ging es nur noch bergab. Soweit zum Positiven. Ich gehe allerdings davon aus, dass schon damals vor 200 Jahren nur ein Teil der deutschen Leser (30 % der Gesamtbevölkerung?) der komplizierten Wortwahl und den verschlungenen Satzverschachtelungen zu folgen in der Lage war. Heute ist es vermutlich etwas besser (50 % der Gesamtbevölkerung?), aber es bleibt trotzdem wahr, dass Kleists Schriften eine Kunst für die Eliten und nicht für das gemeine Volk war und ist. Eine solche Einschätzung gilt noch mehr für die Thematik als für die Form. Was damals ein mächtiger Skandal und Todsündenfall war (ein uneheliches Kind, Vergewaltigung während einer Ohnmacht, inzestuöse Zustände etc.) lockt heute in unseren abgebrühten und emanzipierten Zeiten eigentlich keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Es ist für den heutigen Leser sehr schwer, irgendeine Relevanz zu diesen fernen Zeiten einer Adelsgesellschaft und ihren sozialen Regeln (vor allem der Stellung der Frau) herzustellen. Und es bleibt sicherlich ernüchternd festzustellen, dass in weiteren 200 Jahren die zukünftigen Leser ähnlich große Befremdlichkeiten bei der Analyse unserer jetzigen Gesellschaft haben werden.

 

Requiem für den amerikanischen Traum

Das Buch des amerikanischen Starlinguistikers überzeugt im Detail nicht immer und wirkt manchmal etwas künstlich zusammengestoppelt, so dass nicht alle der 10 Prinzipien, die Chomsky als Gründe für das Ende des amerikanischen Traums aufzählt, wirklich zupacken. Dessen ungeachtet, bleibt die grundsätzliche Zielrichtung des Buchs als desolates Fazit völlig richtig. Amerika ( und nicht nur Amerika) hat seine besten Zeiten längst hinter sich, der amerikanische Traum, der immer auch ein materieller vom sozialen Aufstieg war (from rags to riches/ vom Tellerwäscher zum Millionär) ist verpufft und wird nie mehr möglich sein. Die Gründe für diesen Paradigmenwechsel versucht das Buch herauszufinden und findet in den 10 genannten Prinzipien sicherlich mehr als einen davon ( z. B. das dritte Prinzip der Umwandlung von einer gesunden Produktionsgesellschaft in eine kranke Finanztransaktionsgesellschaft oder das fünfte Prinzip der Erosion jeder Solidarität).

 

Karl Valentin

Natürlich war mir Karl Valentin auch schon vor dem Lesen von Dimpfls Biographie bekannt. Er gehört ja als Münchner Urviech zum bayrischen kollektiven Unterbewusstsein. Sicherlich habe ich als Kind und Jugendlicher immer wieder Filme von ihm im Fernsehen gesehen, aber wirklich näher beschäftigt hatte ich mich eigentlich nie mit ihm und ihn schnell und vage als eine Art dümmlichen und oberflächlichen Proto-und-Anti-Otto-Waalkes eingeordnet.

Nach der Lektüre von Dimpfls detaillierter und kompetenter Biographie, die allerdings an einem etwas hölzern-behäbigen akademischen Schreibduktus herumaboriert, bin ich da sicher eines Besseren belehrt worden. Karl Valentin redete gern saudumm daher, aber seine zur Schau gestellte Trotteligkeit verbarg viel Intelligenz und Tragik. Er bleibt eine schillernde, schwer einzuordnende Persönlichkeit, zwischen niederer (mehr) und hoher (weniger) Kunst, mit Bildungslücken und Orthographieschwächen, von Thomas Mann, Brecht, Bellow, Tucholsky hoch verehrt, mit einer schwierig einzuschätzenden Haltung zum Nazi-Regime. Den Mut, in den zwanziger Jahren nach Amerika zu gehen und viel Geld in der neuen Tonfilmindustrie zu verdienen oder Deutschland nach Hitlers Machtergreifung zu verlassen, hatte er (leider?) nicht. Dafür fehlte im wohl ein weiter angelegter Blickwinkel über München und Bayern hinaus. Er war sowohl körperlich als auch geistig das, was die Engländer einen freak nennen und damit für das Komiker- und Zirkus-Metier prädestiniert. Am Lebensende im zerstörten Nachkriegsdeutschland wurde er der von allen vergessene traurige Clown, den keiner mehr sehen und hören wollte, der am Rosenmittag starb, am Aschermittwoch beerdigt wurde und dessen unsinniger und vielsinniger Nachlass in der Theaterwissenschaftlichen Sammlung in Köln-Wahn liegt (wo sonst?).

Lektürealternative wäre die Biografie Karl Valentin: Der grantige Clown von Josef Memminger aus der Reihe kleine bayrische biografien gewesen.

Wolfgang Borchert

Etwas über Wolfgang Borchert zu sagen, ist nicht gerade ein Zeichen von sprühender Originalität. Nicht nur, dass ich mich daran erinnere, dass er Teil meines eigenen gymnasialen Deutschunterrichts in den siebziger Jahren war, den Lehrer inszenierten, die Borchert in den fünfziger und sechziger Jahren an der Universität als Teil des Literaturkanons kennengelernt hatten, Borchert ist ja inzwischen fast so bekannt wie Franz Kafka und als wichtigster Vertreter der Trümmerliteratur eine literarische Lichtgestalt und Märtyrer. Ein Gutmensch und heldenhafter David, der im Kampf gegen die bösen Nazi-Goliaths unterging, aber dessen Texte die Zeiten überdauerten.

Und doch hilft bei Borchert der übliche postmoderne, aalglatte, über sieben Ecken reflektierte Zynismus der blitzschnellen Textnachrichten aus WhatsApp- und Facebook-Zeiten nicht weiter. Dazu ist er einfach zu authentisch, inspiriert und begabt. Man kann ihm sicherlich Naivität und Direktheit vorwerfen, aber seine gradlinige Wut auf das Hitlerdeutschland, das seine Generation verheizt hat, ist zu groß und ehrlich, um sie ihm nicht abzunehmen. Den verlogenen Oberst, den geschäftstüchtigen Bühnendirektor, die über die Kadaver seiner Eltern gehende neue Mieterin aus „Draußen vor der Tür“ gibt es auch heute noch. Die Wahrheit will auch heute keiner hören, nur dass es damals um Leben und Tod ging (im Krieg und im Trümmerdeutschland) und heute „nur“ um Gewinner und Verlierer. Die Verlierer von heute überleben mit Produkten von ALDI im Kühlschrank und leben von Hartz IV. Beckmann (Borchert) schaffte es nicht die Kriegstraumata zu verarbeiten und beging Selbstmord (starb viel zu früh). Das ebenfalls im Buch zu findende faszinierende „Manifest“ ist ein unglaublich dicht geschriebener inspirierter und poetischer Text, ein Drahtseilakt ohne doppelten Boden, wo Borchert unweigerlich manchmal abstürzt und sich im Un- und Wahnsinn verliert. Ein besseres Deutschland durfte Borchert leider nicht erleben. Er konnte lediglich am Ende seines „Manifests“ davon träumen. Sein Protest war damals eine vereinzelte Stimme, die erst in den Studentenrevolten zwanzig Jahre später zu einer Massenbewegung werden sollte.

P.S: Wenn man die alte ro-ro-ro-Ausgabe mit dem Friedhof-Cover in der lebensfrohen römischen U-Bahn liest, wird es schnell peinlich. Umdrehen, sonst wird man (auweia)  schief und scheel angeguckt.