BoBoKo (12)

Hans Haller steckt fest und hat schlechte Laune. Er erhält eine unorthographische Nachricht von Boboko, einem Rom aus Neapel. Hans Haller weiß nichts über Rom, Sinti und Zigeuner, gibt aber die Hoffnung nicht auf. Er antwortet auf die Mail und bekommt schnell eine Gegenantwort. Matt Scheibe weiß auch nichts über Zigeuner, kennt aber die drei Bios-Revisionen des IBM 5150 und schwadroniert über den Untergang der abendländischen Kultur.

Als Hans Haller nach Berlin zurückkommt, hat er es erst einmal mit einem leichten Landregen und einer mittleren depressiven Verstimmung zu tun. Rainy day, dream away. Mit seinen vier Besuchen in Neapel hat er seine Munition verschossen. Ideen, um die Mädchen zu finden, hat er keine mehr. Es hilft jetzt nur noch viel Glück und Spucke, die im wirklichen Leben leider noch weniger feuchtfröhlich fließen als hier im Roman. Vielleicht hätte er ja eine Kerze für Sankt Januarius im Dom von Neapel anzünden sollen. Als er im Bürocomputer seine Mails sichtet (zu mehr digitale Kompetenz reicht es bei ihm nicht), ist da auch eine mysteriöse Nachricht von einem gewissen Boboko: I’M BOBOKO.  WE NOW WERE THEY ARE. Alles in Großbuchstaben und Makkaroni-Englisch in die Tastatur geplärrt. Auch der Server macht Hoffnung auf mehr: boboko@infernonet.it. Boboko? Spuckt ein indonesisches Café in Nordamerika, irgendwelche bauchige Bambuskörbe und den Hinweis aus, dass Boboko ein gebräuchlicher männlicher Vorname unter den Rom-Sinti sei. Zigeuner in Neapel? Gipsies from Egypt? Gschwerl vom Mittelmeer, das keine Mittel mehr außer Lug und Trug hat. Schweher, althochdeutscher Schwiegervater mit Mundgeruch und die ganze bucklige Verwandtschaft. Übles Gesindel. Der Mensch ist gut, aber die Leut‘ san a Gschwerl. War das nicht ein Spruch von Karl Valentin? Hans Haller antwortet kurz und in professionellem Basic English: I will come to Naples next Sunday and I can meet you Monday.

Am nächsten Tag fährt Hans Haller nach Steglitz, wo sein alter Studienfreund Matt Scheibe einen Retro-Computer-Laden mit dem wenig originellen Namen „Classic Computers Berlin“ betreibt. In letzter Zeit hatten sie sich nur wenig gesehen, weil Hans immer weniger Lust auf die zwei sich ständig wiederholenden Argumente ihrer Unterhaltungen hatte: Was zum Teufel interessierten ihn die Varianten eines Xebec-Controllers, XT-IDE-Karten direkt aus Nordamerika oder WSUS-Scripts für antike Betriebssysteme?  Noch schlimmer als solche Schrullen war aber der pathetische Tonfall, den Matt mitunter annahm, wenn er über den Untergang der abendländischen Kultur schwadronierte. Keine guten Bücher mehr seit Jahrzehnten, Rolf-Dieter Brinkmann ruhe in Frieden, Marshall McLuhan hatte schon in den Sechzigern vorausgesehen, dass die Bilderkultur des Fernsehens die jahrtausendalte Schriftkultur des westlichen Kulturraums auslöschen würde.  Das klassische Erziehungsideal eines verantwortlichen, reifen, kompletten Individuums war schon seit der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr installierbar. Unbekanntes Dateisystem. Kein Zugang möglich. Fragen Sie Ihren Systemadministrator, ob die digitale Rechteverwaltung funktioniert. Und es wird alles nur noch schlimmer und kommt immer doller. Die Eisberge schmelzen, Wasserbomben lassen uns ersaufen, ein paar Jahrhunderte noch und die Hälfte aller uns bekannten noch lebenden Arten geht über den Jordan. Überall nur scheinheilige Absichtserklärungen und Lippenbekenntnisse. Venedig, spätestens 2100 tot wie Stein in den Orkus runtergespült. Amsterdam kannste dir in der Haschpfeife rauchen. Die piefigen Norddeutschen aus Hamburg und Sylt unter Geiern und Wasser. Von wegen Küstenschutzmaßnahmen und Erhöhung der Deiche.  Kennst du Byung-Chul Han? Ne, ne, nicht den durchgeknallten Kim Jong-un, sondern den Philosophen auf der anderen Seite der Demarkationslinie. Unsere oberflächliche visuelle Scheinkultur macht uns zu vereinzelten egoistischen Zombies, für die Solidarität und eine mit anderen geteilte Gemeinschaft nicht mehr möglich ist. Egomanische Nerds und Hikikomoris in abgedunkelten Räumen mit Klimaanlage vor riesigen 8k-Computerbildschirmen. Das war der Wortschwall, der über Hans hinwegrollte, als er im „Himali“ in der Crellestraße in seinem Mystic Salad herumstocherte. Also sprach nicht Zarathustra, sondern Matt Scheibe. Und er hörte nicht auf. Literatur stehe vor ihrer Selbstauflösung, weil sie ihre Bedeutung als Bildungsträger verloren habe. Hans nahm noch einen Schluck dunkle Schneider-Weiße und hatte die Nase und den Mund zu voll, um zu antworten. Sein Handy brummte und zuckte auf dem Esstisch. Es war eine Whats-App-Nachricht von Boboko:

I’M AGHEN BOBOKO. THEY KALL ME LITTLE WARRIOR. WE KAN MEET IN THE BAR APOCALISSE IN THE  PIAZZA INTERNAZIONALE.

Wieder in lauten Großbuchstaben. Langsam kommt Schwung in die Chose. Haller fällt das Horoskop ein, das er am Morgen auf dem Bildschirm im Bus gesehen hat. Mäusekino. Katzenjammer. Low Definition. Schlimmer kann‘s für den Wassermann nicht kommen. Fünf mögliche Punkte für Liebe, Arbeit und Gesundheit. Gesamtpunktzahl 15. Haller hatte jeweils nur einen einzigen. Gesamtpunktzahl 3. So war sein Leben immer gewesen. Ganz wenig oder gar nichts.

BoBoKo (11)

Keiner weiß so recht, warum die Camorra so heißt, wie sie heißt, und wieviel Geld sie verdient. Aber das macht ja nichts, denn auch ihre Ursprünge verlieren sich im Dunkel des italienischen Mittelalters. Nach der Lektüre des Kapitels ist man auch nicht schlauer als vorher.

Von einer kriminellen Organisation wie der Camorra erwartet man ja keine jährlichen Hauptversammlungen, spannenlangen Bilanzen und nudeldicke Finanzplanungen wie etwa bei der Deutschen Lufthansa AG, Aldi Nord oder der Merckle Unternehmensgruppe. Doch Pi mal Daumen macht die Camorra dieselben Umsätze im Jahr wie unsere ehrenwerten, börsenquotierten Firmen. Nur dass uns hier niemand möglichst bequem von Frankfurt nach Los Angeles schaukelt, wir uns keinen Sixpack Maternus-Pilsener zu € 1,69 in den Kofferraum stellen und im Gegensatz zu Babette Albrecht nicht verstehen, wie man bei diesen Preisen noch etwas verdient, und auch nicht Ludwig Merckle bereichern, wenn wir uns in der Apotheke Kestine Lingual Schmelztabletten gegen Heuschnupfen kaufen und brav unter dr Zunge zerschmelzen lassen. Nein, bei der Camorra gelten nicht die kapitalistischen Prinzipien von Risiko und Profit, sondern Schikane, Angst und Blutsbrüderschaft. Ein paar Zahlen: Für die Amis ist die Camorra die zweitgrößte kriminelle Organisation überhaupt (noch böser ist der russische Brother Circle) und macht Umsätze in der Größenordnung von 25 Milliarden Dollar pro Jahr. Schluck! Womit? Illegale Müllentsorgung, Fälschungen (Kleidung, Filme, Elektronik, Banknoten), Drogenhandel, Korruption bei der Vergabe von Bauaufträgen über öffentliche Ausschreibungen, Waffenhandel,

Schutzgelder und Wucherkredite, Prostitution. Heute kontrollieren Dutzende von Großfamilien der Camorra praktisch das gesamte Gebiet der italienischen Provinzen Neapel und Caserta. Was für einen Außenstehenden erst einmal seltsam ist, dass die inzwischen fast lückenlose Kenntnis dieser Sachlage nicht zwangsläufig auch früher oder später zu einer Reaktion der Staatsgewalt führt, deren Aufgabe es ja wäre, für Recht und Ordnung zu sorgen oder zumindest wiederherzustellen. Auch diese seltsame Schieflage hat, wie so oft historische Gründe. Unter den Bourbonen (in der Zeit zwischen dem Wiener Kongress und der Gründung des italienischen Königreichs) war die Camorra eine Art geduldete „Volkspolizei“ in den Diensten des spanischen Königshauses, das in den Gefängnissen, Glückspielhäusern, Bordellen und den heruntergekommenen und verrufenen Plebejervierteln Neapels autonom Schutzgelder eintrieb und sogar eine eigene Gerichtsbarkeit unterhielt. Aniello Ausiello di Porta Capuana. Woher der Name der Organisation kommt, interessiert eigentlich nur irgendwelche Studenten oder Professoren, die sich professionell mit dem Thema beschäftigen. Camorra? Die biblische Stadt der Sünde Gomorrha! Oder: Gamurra war möglicherweise im Hochmittelalter eine Gruppe sardischer Söldner in den Diensten der Seerepublik Pisa. Es gibt noch andere Erklärungsversuche, die allerdings am Ende wenig erklären. Um den Objektivitätsaposteln den Wind aus den Segeln zu nehmen, sei hier noch angemerkt, dass der Norden Italiens zwar keine endogenen kriminellen Strukturen hat, aber trotzdem nicht unbedingt sympathischer ins Waldhorn stößt. Die inzwischen regierungsbildende Lega (früher Lega Nord) wurde noch vor drei Jahren von einem schweren Finanzskandal wegen illegaler Parteienfinanzierung und anderer Vermögensdelikte gebeutelt, die inzwischen zu einer Verurteilung in erster Instanz und Kontosperrung geführt hat. Der Lack des angeblichen moralischen Vorsprungs gegenüber dem korrupten Süden blätterte immer mehr ab. Nach einem radikalen Führungswechsel säuberte Vizekanzler und Innenminister Matteo Salvini, der sich einer starken Affinität zu Matthias Strache und Sebastian Kurz rühmt und sich schon einmal mit einer Bomberjacke der Forza Nuova im Mailänder Fußballstadion sehen lässt, mit dem Eisenbesen den versifften Augiasstall der Politik auskehren will und seit Jahren der Big Boy der italienischen Politik ist. Unter anderem hat Salvini auch die Finanzen der Partei völlig neu geordnet. Zirka 45 Millionen Euro Parteivermögen hat er durch superkomplizierte, zwar legale, aber moralisch fragwürdige Finanztransaktionen vor dem Haifischmaul des italienischen Fiskus gerettet. Drei vife Steuerberater aus Bergamo legten ein für Außenstehende undurchschaubares System von Schachtelfirmen und Treuhändergesellschaften an, das seine Tentakel längst mit einem fetten Schmatz in der nahen Schweiz, aber auch im nicht gerade für seine Steuermoral bekannten Luxemburg aufgedrückt hat. Wir sind doch nicht blöd.

Böhmen liegt am Meer

Ingeborg Bachmann
Böhmen liegt am Meer

Sind hierorts Häuser grün, tret ich noch in ein Haus.
Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund.
Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren, verlier ich sie hier gern.

Bin ich’s nicht, ist es einer, der ist so gut wie ich.

Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich’s grenzen.
Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.

Bin ich’s, so ists ein jeder, der ist soviel wie ich.
Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehn.

Zugrund – das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.

Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und
Schiffe unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser,
und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen

Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,
wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.

Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags
ans Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.

Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,
ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr,

ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,
begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen.

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Einige schnelle, unsystematische Gedanken.

Das Gedicht wurde Ende 1968 im „Kursbuch“ Hans-Magnus Enzensbergers veröffentlicht und gehört zu den 20 Gedichten, die Ingeborg Bachmann noch nach ihrem zweiten Gedichtband („Die Anrufung des Großen Bären“ (1956)) veröffentlicht hat. Das „literarische Fräuleinwunder“ verstummte oder verlegte sich aufs Schreiben von Prosa. „Schweigen ist die beste Poesie“ war offensichtlich ihr Motto geworden. Das war natürlich ein unauflöslicher Widerspruch.

Über Gedichte habe ich immer am wenigsten gesagt … Während ich sie geschrieben hab‘, habe ich nichts darüber zu sagen gewusst. Seit ich keine mehr schreibe, weiß ich überhaupt nichts mehr darüber zu sagen (Ingeborg Bachmann im Gespräch mit Otto Basil, 14. April 1971)

Das Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ verwendet in 14 seiner insgesamt 24 Verse einen klassischen Alexandriner, in dem der Satz mit dem Vers endet. Der Alexandriner ist ein klassisches Versmaß des „hohen Stils“, der hauptsächlich im Barock verwendet wurde.

Du si̱ehst, wohi̱n du si̱ehst,  ‖  nur E̱itelke̱it auf E̱rden.

Was di̱eser he̱ute ba̱ut,  ‖  reißt je̱ner mo̱rgen e̱in,

Wo je̱tzt noch Stä̱dte ste̱hn,  ‖  wird e̱ine Wi̱ese se̱in,

Auf de̱r ein Schä̱ferski̱nd  ‖  wird spi̱elen mi̱t den He̱rden.

(Andrea Gryphius, „Es ist alles eitel“)

Möglicherweise gibt es da eine (ich glaube bisher noch nicht erwähnte) Verbindung zu Shakespeares „A Winters Tale“, wenn „Perdita (Die „Verlorene“) bei böhmischen Schäfern aufwächst.

Der Alexandriner hat eine Zäsur in der Mitte und stellt in seiner klassischen, reinen Form zwei Antithesen gegeneinander. Diese dialektische Struktur prägt das ganze Gedicht Bachmanns, auch und vor allem in seinem Inhalt. Die strenge Form des puren Alexandriners wird allerdings immer wieder, vor allem am Ende des Gedichts gesprengt und zu einem hymnischen, nicht mehr in Formfesseln gelegten Sprechen der Befreiung. Die Dialektik der Form (starres, klassisches Versmaß – ekstatischer Aufruf) entspricht dem Inhalt des Gedichts, das zwischen Ich-Auflösung und Rettung pendelt. Beeindruckend ist hier der Wortgebrauch Zugrund, auf gutem Grund (man erwartet eigentlich „aus gutem Grund“), zugrunde gehen, von Grund auf.  Die Bachmann verwendet hier Paul Celans Wort unverloren aus seiner berühmten Bremer Rede aus dem Jahre 1958, wo Celan ein poetisches Manifest verkündet, das genauso für Ingeborg Bachmann gelten könnte.

Erreichbar, nah und unverloren inmitten der Verluste blieb dies eine: die Sprache. Sie blieb unverloren, ja, trotz allem. Aber sie mußte nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine Worte her für das, was geschah; aber sie ging durch dieses Geschehen. Ging hindurch und durfte wieder zutage treten, angereichert von all dem. (Paul Celan, Bremer Rede, 1958)

Inhaltlich äußert sich diese dialektische Spannung im Gedicht schon allein und vor allem im Titel, der beim ersten Blick unverständlich bleibt. Wie soll ein Binnenland wie Böhmen am Meer liegen? Erst wenn man weiß, dass Bachmann in dieser Zeit der Trennung von Max Frisch und West-Berlin, in der sie zum vierhundertjährigen Geburtstag im Jahre 1964 Gedichte für Shakespeare schreiben sollte, viel Shakespeare gelesen hat, hellt sich das Dunkel des Titels auf. Denn Shakespeare hat in „The Winters Tale“ tatsächlich den fiktiven Ort „Bohemia“ erwähnt: Bohemia: a desert country near the sea. Hier sind dann schon alle Elemente für Bachmanns utopische Heimat in der Literatur: eine Mischung aus Österreich und Italien, den Hauptwohnorten ihres Lebens (Böhmen war bis 1918 Teil des Kaiserreichs Österreich-Ungarn; in Shakespeares „The Winters Tale“ lässt Leontes, König von Sizilien, Perdita, die vermeintlich ehebrecherische Tochter von Polixenes, König von Böhmen, an der böhmischen Küste aussetzen). In diesem utopischen Land der Literatur können alle leben: Seefahrer, Hafenhuren, unverankerte Schiffe, Illyrer (ein sagenhaftes Volk der Antike, das auf dem Balkan und in Südostitalien lebte, Barbaren für die Griechen), Veroneser, Venezianer, Vaganten (Bohemiens), die nichts haben und die nichts hält, wie die Klagenfurter Dichterin im Gedicht im Singular sagt.

Hier geht es also um Heimat, die eine heimatlose Ingeborg Bachmann im Navi sucht. Dass wir mit solchen Überlegungen auf der richtigen Fährte sind, beweist ein zweites der drei Gedichte, die 1968 im „Kursbuch“ veröffentlicht wurden.

Prag Jänner 64

Seit jener Nacht

gehe und spreche ich wieder,

böhmisch klingt es,

als wär ich wieder zuhause,

wo zwischen der Moldau, der Donau

und meinem Kindheitsfluß

alles einen Begriff von mir hat.

Gehen, schrittweis ist es wiedergekommen,

Sehen, angeblickt, habe ich wieder erlernt.

Gebückt noch, blinzelnd,

hing ich am Fenster,

sah die Schattenjahre,

in denen kein Stern

mir in den Mund hing,

sich über den Hügel entfernen.

Über den Hradschin

haben um sechs Uhr morgens

die Schneeschaufler aus der Tatra

mit ihren rissigen Pranken

die Scherben einer Eisdecke gekehrt.

Unter den berstenden Blöcken

meines, auch meines Flusses

kam das befreite Wasser hervor.

Zu hören bis zum Ural.

Auch hier, bei einer Winterreise ins verschneite Prag, ist wieder von wiedergefundener Heimat die Rede, speziell am Anfang des Gedichts. Von wiedergefundener Sprache, von Flüssen, von Österreich-Ungarn. Doch wie immer bei Ingeborg Bachmann bleiben Widersprüche und Ungereimtheiten, tut sich eine Kluft auf zwischen Verstand und Gefühl. Böhmisch klingt es, als wär ich wieder zuhause. Das klingt wie eine Befreiung vom geliebten, aber sprachlich fremden Italien und vom ungeliebten norddeutschen preußischen Berlin, doch vielleicht schwingt hier auch das Sprichwort von den „böhmischen Dörfern“ mit. Ist die ersehnte Heimat nur Lug, Trug und Spuk? Eine verfälschende Kindheitsnostalgie, die sich als unverständliche, tschechisch sprechende Fremde entpuppen wird?

Eine andere Verständnismöglichkeit des Gedichts hängt mit der politischen Situation der damaligen Tschechoslowakei zusammen. 1964 sprach man vom „Prager Frühling“, der Hoffnung machte auf einen „humanen Sozialismus“ bis zum Ural (sprich Moskau und Russland), eventuell auch im kapitalistischen Westen. Im Sommer 1968 endete diese Utopie mit dem Einmarsch von russischen Panzern. Übrig blieb dann nur noch die literarische Utopie Shakespeares, von der Bachmann aber möglicherweise auch nicht mehr wirklich überzeugt ist. Die letzte Zeile von „Böhmen liegt am Meer“ bleibt für immer mehrdeutig:

Begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen.

Der Vers ist so ungrammatikalisch und unverständlich, dass genügend Platz für immer neue Interpretationen bleibt.

Arthur Schopenhauer – Ganz ein Schlauer (2)

Ohne dass ich mich einen großen Schopenhauer-Experten schimpfen darf, sind auch für mich die zwei großen Quellen seines philosophischen Systems leicht auszumachen: Kant für seine Erkenntnistheorie (Vorstellung) und der Buddhismus für sein Konzept des „Dings an sich“ (Wille),

Der schwierige, langweilige und letztendlich unleserliche Immanuel Kant ist für Arthur Schopenhauer der vermutlich wichtigste seiner zahlreichen Lehrer und Einflüsse. Kant ist Anfang des 19. Jahrhunderts noch neu und viel diskutiert und hatte mit seiner transzendentalen Erkenntnistheorie den philosophischen Handschuh von innen nach außen gestülpt.  Nicht umsonst widmet Schopenhauer dem Königsberger intellektuellen Überflieger in seinem Hauptwerk einen fetten 150-seitigen Anhang, der fast ein eigenes Buch scheint. Hier nennt Schopenhauer die 3 Verdienste Kants:  den Unterschied zwischen Erscheinung (Vorstellung) und Ding an sich (Wille); die Bedeutung, die Kant der Ethik einräumt, sowie als dritte Leistung, die Trennung und Unabhängigkeit der philosophischen Erkenntnis von jeder Gängelei der Scholastik und herrschenden Landesreligion.

Wir erkennen die Dinge nicht, wie sie an sich sind, sondern nur, wie sie erscheinen. Dies ist des großen Kants große Lehre.

Schopenhauer ist also ein Kantianer und übernimmt seine Erkenntnistheorie, ändert sie aber kreativ ab (von Kants umständlichen 12 Kategorien bleibt bei Schopenhauer nur die Kausalität übrig) und ergänzt sie mit seiner Theorie des Dings an sich (Wille).

In der buddhistischen Philosophie (Veden, Upanishaden), mit der sich Schopenhauer vor 200 Jahren beschäftigte (!), findet er die Inspiration für das Fundament seines philosophischen Gebäudes, eine für den menschlichen Verstand nicht begreifbare Vitalkraft, die er „Wille“ nennt. Jenseits von Zeit und Raum, von Erscheinung und Vielheit (principium individuationis) versucht Schopenhauer mit diesem bahnbrechenden Konzept das Wesen der Welt zu beschreiben. Hier sind wir längst im Reich der Metaphysik, der Esoterik und Mystik, über das wir nichts wissen können und eigentlich schweigen müssen. Dass Schopenhauer genau diese Grauzone versucht hat zu beschreiben, ist wahrscheinlich sein größter Verdienst für die Philosophie- und Kulturgeschichte des Abendlandes. Dieser Enträtselungsversuch in den Abschnitten der „Die Welt als Wille und Vorstellung“, wo Schopenhauer über den „Willen“ spricht, gehört sicherlich zu den wichtigsten geistigen Errungenschaften der Moderne überhaupt.

Arthur Schopenhauer – Ganz ein Schlauer (1)

Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde

Dass ich Arthur Schopenhauer Mitte der 80er Jahre kennengelernt und die 4 Bücher der Diogenes-Taschenbuchausgabe der ersten und zweiten Fassung der „Welt als Wille und Vorstellung“ damals regelrecht verschlungen habe, darüber habe ich schon an verschiedenen Stellen geschrieben. Seine Lektüre war damals für mich eine buchstäbliche Erleuchtung, hatte ich mir doch die Jahre zuvor immer wieder meinen unphilosophischen Kopf blutig geschlagen beim für mich frustrierenden Lesen von Philosophen wie Hegel, Kant, Leibniz, der Frankfurter Schule etc. Einmal Schopenhauerianer, immer Schopenhauerianer. Ob und wie seine Philosophie inzwischen für die Superexperten überholt sein mag, spielt dabei keine Rolle.

Nach fast 40 Jahren war nun vielleicht die Zeit gekommen, meine Verehrung für Arthur Schopenhauer nochmals auf den Prüfstand zu stellen. Sagt er doch selbst in der Vorrede zur ersten Auflage, dass sein Buch mindestens zweimal zu lesen sei.  War er immer noch flüssig und genussvoll zu lesen? Waren seine Einsichten immer noch nachvollziehbar für mich? Gefiel mir seine Polemik vor allem gegen seinen Todfeind Hegel immer noch?

In derselben Vorrede zur 1. Auflage der „Welt als Wille und Vorstellung“ empfiehlt Schopenhauer als Propädeutikum zumindest zwei eigene Bücher: „Die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“ (welch ein Titel!) sowie die Kritik der kantianischen Philosophie im Anhang der 1. Auflage seines Hauptwerkes. Folgen wir also den Anweisungen des Meisters.

Die Dissertation „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“ hatte Schopenhauer schon 1813 veröffentlicht und dann 1847 in einer zweiten Auflage nochmals überarbeitet (in der vom „Felix Meiner Verlag“ veröffentlichten Aufgabe werden die beiden Versionen gegenübergestellt und sind auch die häufigen fremdsprachlichen Zitate ins Deutsche übersetzt). Es ist schon erstaunlich, mit wieviel Selbstbewusstsein ein gerade mal 25-jähriger Schopenhauer Immanuel Kant auseinanderpflückt und die komplette Philosophiegeschichte Revue passieren lässt, um zu schweigen von den unglaublichen Fremdsprachenkenntnissen im Altgriechischen, Latein, Spanisch, Italienisch, Englisch etc. Die manchmal sehr langen altgriechischen Zitate (die das Verständnis eher erschweren als erleichtern) werden von ihm „zum besseren Verständnis“ dann ins Lateinische übersetzt! Heidewitzka, Herr Kapitän! Da fehlt uns allen inzwischen der Werkzeugkasten. Eine ähnliche Einschätzung gilt dann auch für sein wenig später 1819 erschienenes Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ mit gerade einmal 31 Lebensjahren.  Da war wirklich ein frühreifes Genie mit gesundem Selbstbewusstsein am Werkeln, ähnlich vielleicht wie (ein vergleichsweise kranker) Friedrich Nietzsche nach ihm. Was bei der Lektüre Schopenhauers speziell auffällt jenseits von inhaltlichen Thematiken, die zu diskutieren mich hier weniger interessieren und die man tausendfach überall nachlesen kann, ist ihre seltsame Mischung aus einem schwurbeligen, altertümelnden Schreibstil der Goethe-Zeit mit ihren endlosen Perioden einerseits und, andererseits, einer überall durchblitzenden erstaunlichen Modernität nebst frecher Polemik gegen die verachtete Professorenphilosophenzunft, die nur aus leeren Windbeuteln und geistlosen Scharlatanen bestehe, während er selbst, einsam, stolz und redlich, die Fahne der Wahrheit gegen den Wind halte.

Schopenhauer war seiner Zeit 50 Jahre voraus und hat dieses biographische Drama der Nicht-Beachtung und Nicht-Berufung auf einen gut besoldeten Universitätsposten immer wieder sarkastisch kommentiert. Er wird somit auch ein weniger tragischer, moderner Giordano Bruno, ein Kämpfer für Ehrlichkeit und Wahrheit, gegen Intrigen, Filz, Opportunismus, Rückständigkeit. Aufgepasst: politisch war Schopenhauer konservativ bis reaktionär, belferte gegen die Revolution von 1848 und hinterließ sein Vermögen den Geschädigten dieser Revolution.

Die Dissertation selbst baut auf altbekannten und damals noch viel diskutierten Theorien des menschlichen Erkenntnisvermögens auf, die bis auf die altgriechische Philosophietradition zurückreichen, aber bei Schopenhauer vor allem Kants Erkenntnistheorie zur Grundlage haben. Der Satz vom zureichenden Grunde des Werdens analysiert den Verstand, der auf der Grundlage von Zeit, Raum und Kausalität Veränderungen an der Materie feststellt. Diese intuitiven Erkenntnisse sind für Schopenhauer die ursprünglichsten und wichtigsten, auf denen alle weiteren Erkenntnisse aufbauen. Für diesen ersten und wichtigsten Satz verwendet Schopenhauer dann auch immerhin 80 von den insgesamt 200 Seiten des Buches.

Den zweiten Erkenntnisgrund nennt Schopenhauer Vernunft, die auf dem Satz vom zureichenden Grund des Erkennens beruht. Das Reich der Begriffe, Abstraktionen, Vorstellungen von Vorstellungen, wie sie Schopenhauer etwas verächtlich nennt. Dieses fünfte Kapitel hat gerade einmal 20 Seiten. Die beiden ersten Sätze scheinen mir philosophischen Laien noch relativ einleuchtend, sieht man von den immer wieder eingestreuten, zum Teil viel zu langen und ermüdend zu lesenden fremdsprachlichen Zitaten aus der Philosophiegeschichte und Weltliteratur ab. Schopenhauer hatte eine Allgemeinbildung, die in unseren heutigen flüssigen, vom Internet beherrschten Gesellschaften gar nicht mehr möglich ist.

Etwas schwerer tue ich mich bei den beiden letzten Sätzen (vom zureichenden Grunde). Den Satz vom Grunde des Seins und schließlich den Satz vom Grunde des Wollens. Beiden Sätzen widmet Schopenhauer vielleicht nicht ohne Grund gerade einmal jeweils 10 Seiten. Der Satz vom Grunde des Seins (reine Sinnlichkeit) ist für mich nur schwer zu trennen vom allerersten Satz vom Grunde des Werdens. Da dieser dritte Satz hauptsächlich im Reich der Arithmetik und Geometrie Anwendung findet und ich hier schnell Verständnisschwächen offenbaren muss, liegt mein Unverständnis möglicherweise an fehlender mathematischer Disposition. Schopenhauers Beispiele überzeugen meinen wenig philosophiebegabten Hirnkasten deshalb nicht recht.

Der Satz vom Grunde des Handelns (Selbstbewusstsein) holpert für mich sogar noch ärger die Zeilen entlang, denn hier wird es wirklich kompliziert. Das Ich teilt sich auf in ein erkennendes Ich (Ich erkenne) und ein wollendes Ich (Ich will). Das Subjekt des Wollens wird für das erkennende Subjekt ein Objekt. Hm, hm. Schopenhauer selbst nennt im § 42 diese doppelte Identität einen „Weltknoten“ und deshalb unerklärlich. Trösten wir uns damit, dass Schopenhauer selbst an seinen dunkelsten Stellen immer noch viel sympathischer und überzeugender ist als etwa Martin Heidegger:

Das Spiegel-Spiel der weltenden Welt entringt als das Gering des Ringes die einigen Vier in das eigene Fügsame, das Ringe ihres Werdens. Aus dem Spiegel-Spiel des Gerings des Rings ereignet sich das Dingen des Dinges.

Da lese ich dann doch lieber Arthur Schopenhauer.

Heinrich Böll

Besprechung von Ralf Schnells Biografie „Heinrich Böll und die Deutschen“

Heinrich Böll war ja in meiner Jugendzeit noch einer der Star- und Bestsellerautoren. Jeder von ihm ab den 60ern veröffentlichte Roman war ein Ereignis und monatelang in aller Munde. Heute ist es vergleichsweise ruhig um ihn geworden. Manche sagen sogar, dass der Nobelpreisträger zu den vergessenen Autoren gehört. „Sic transit gloria mundi“ könnte man jetzt zynisch kommentieren, doch das Wegschwenken des Scheinwerferlichts auf Heinrich Böll hat auch ganz handfeste und spezifische Ursachen.

Einmal hängt das mit seinem doch eher biederen und konservativen Schreibstil zusammen. Gute deutsche sprachliche Hausmannskost. Nichts für den verwöhnten Gaumen. Die fehlende Brisanz und Originalität seiner Sprache motiviert nicht dazu, einen seiner vielen alten Bestsellerromane nach Jahrzehnten ein weiteres Mal zu lesen. Lieber ein Nickerchen mit dem Hund hinter dem Ofen.

Auch die ehemals brisanten Themen Bölls brennen heute nicht mehr unter den Nägeln und müssen mühsam mitsamt ihren Inhalten rekonstruiert werden. Ob es das Losledern gegen die neue Bonner Republik und Konrad Adenauer ist, die Bild-Zeitung mit ihrer diffamierenden Berichterstattung, die Institution Kirche oder die Zensur in der DDR, das Engagement für Willy Brandt zuerst und für die neu gegründete Partei der „Grünen“ am Ende seines Lebens – ohne den entsprechenden Kontext zu kennen, sind seine fiktiven Texte voll Zeitgeschichte, aber auch seine Essays und Artikel, heute nur noch mit viel Mühe lesbar. Das vielleicht eklatanteste Beispiel bleibt der Skandal um seinen Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ vom Januar 1971 sowie die fiktive Verarbeitung derselben Problematik in seinem Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974). Vor allem der längere, für den „Spiegel“ geschriebene Essay hat es in sich und Böll für alle Zeiten den Ruf eines Terroristensympathisanten eingebrockt. Der von Sarkasmus nur so triefende und deshalb mit Vorsicht zu genießende Artikel erinnert im Tonfall etwas an die legendären Flugblätter der Kommune 1. Man muss ihn mehrmals lesen, um sicher zu sein, dass man die subtilen Ironieebenen und Wortspielchen richtig einordnet. Schon allein der Ausdruck „Freies Geleit“ ist ohne Zusatzwissen unverständlich, stammt er doch aus der mittelalterlichen Rechtsprechung und bedeutet letztendlich das Recht auf einen fairen Prozess. Böll argumentiert gegen die Schwarz-Weiß-Lynchjustiz der Bild-Zeitung, die aus Ulrike Meinhof eine vogelfreie Satansbraut machen wollte, er plädiert für eine vorurteilsfreie Analyse der Beweggründe und am Ende eben für das angesprochene Anrecht auf Verteidigung in einem Gerichtsprozess. In der aufgeheizten politischen Atmosphäre der 70er war es für viele Deutsche einfacher, Böll einer Verharmlosung des Terrorismus und modischen Sympathiebekundung für die RAF anzuklagen.

Möglicherweise erinnert man sich deshalb heute an Heinrich Böll mehr wegen seines politischen Engagements als wegen seiner schriftstellerischen Potenz.

Bertolt Brecht

Bertolt Brecht ist mir natürlich kein Unbekannter, viele wichtige Theaterstücke, Prosatexte und auch Lyrik habe ich im Laufe der Jahrzehnte gelesen (und wieder vergessen!), aber ein Brecht-Kenner bin ich sicherlich nicht.

Bei der Lektüre von Jan Knopfs knapper Basisbibliographie hatte ich deshalb vieles schon einmal irgendwo anders gelesen oder gehört.  Was ich aber nicht wusste und deshalb interessant fand, war zum Beispiel, dass Brecht nach Ende des 2. Weltkrieges überhaupt nicht schnurstracks und von Funksignalen aus Moskau gesteuert nach Ostberlin wollte, sondern eher über Umwege dort ankam. In der neuen Bonner BRD wollte Adenauer den Skandalkommunisten nicht, im erzkonservativen Salzburg gab es sogar eine regelrechte Revolte gegen ihn und den damaligen Direktor der Salzburger Festspiele Einem, der Brecht gern als Intendant gehabt hätte.  Auch das oft kritisierte Lavieren Brechts mit der politischen Führung der neu gegründeten DDR hatte Hintergründe, die ich nicht kannte. Ulbricht traute Brecht nicht über den Weg und setzte den Chefredakteur des „Neuen Deutschland“ Wilhelm Girnus als Spitzel an. Brecht war wohl auch in seiner letzten Lebenszeit ernstlich am Überlegen, seinen Wohnsitz in die Schweiz zu verlegen. Die zahlreichen Hasskampagnen in Westdeutschland hatten auch seiner Gesundheit stark zugesetzt. Als witziges biographisches Detail sei hier angemerkt, dass der Bayer Bertolt Brecht ein Jahr vor seinem Tod monatlich 100 Flaschen Bier aus München importieren ließ (immerhin anderthalb Liter am Tag!), um seine Gesundheit und Schaffenskraft zu erhalten. Prosit!

Als ich vielleicht 1975 noch Ministrant in der Sankt-Joseph-Kirche in Ingolstadt war, kann ich mich eine verlogene Sonntagspredigt erinnern, in welcher der Priester gegen den Nihilismus in Brechts Gedicht „Vom ertrunkenen Mädchen“ wetterte. Die selbstgerechte Hasstirade hat in meinem verhagelten Wirrkopf genau das Gegenteil dessen bewirkt, was der katholische Würdenträger beabsichtigte.

Hesse (Sein Leben in Bildern und Texten)

Hermann Hesse war der erste Schriftsteller, den ich 1977 bewusst gelesen habe, damals mit 17, in meinem Mansardenzimmer in Ingolstadt. Mit 17 hat man bekanntlich noch Träume. Und die erste Liebe vergisst man nie. Auch jetzt noch, nach 45 Jahren, fühle ich mich Hermann Hesses Gedankenwelt sehr nah, wenn ich mir die Bildbiografie aus dem Jahre 1979 durchlese, die von Volker Michels herausgegeben wurde. Wieviel ich damals von Hesse verstanden und wie wenig ich seit Jahrzehnten von ihm gelesen habe, scheint bei solchen Gefühlslagen unerheblich zu sein. Die damaligen wilden Lektüren des „Demian“, „Siddharta“ und „Steppenwolf“ waren für mich tiefe Einblicke in meine eigene kleine Seele. Seitdem konnte ich kein Musterschüler mehr sein, der für eine Frühform des K12 prädestiniert war, oder Arzt, Sportlehrer oder Informatiker werden, wie es mein Vater sicher gern gesehen hätte. Leonard Cohen hat einmal gesagt, dass ihm Garcia Lorca sein Leben ruiniert habe. Ähnliches gilt wohl auch für mich und Hermann Hesse. Allein Hesse Lieblingsautoren wurden von mir 1:1 abgekupfert und übernommen: Kafka, Robert Walser, Dostojewski, Musil, Rilke, Hölderlin, Novalis, um nur ein paar Namen zu nennen. Hermann Hesse war für mich ein paar Jahre lang ein geistiger und spiritueller Guru, mehr noch als später die nordamerikanischen Rockmusiker.

Abgesehen von solchen biographischen Anekdoten, ist die Wichtigkeit Hesses unumstritten. Heute ist er ja ein bisschen in Vergessenheit geraten. Das wird sicherlich nicht nur Zufall sein. „Tapferkeit, Eigensinn und Geduld“ hat er einmal in einem Brief als Waffen gegen die Infamitäten des Lebens anempfohlen. Ich befürchte, dass die heutigen Generationen von solchen Eigenschaften wenig halten und haben.  Beliebt war Hermann Hesse in den Hippie- und Nach-Hippie-Zeiten, in den 60ern, 70ern und auch noch 80ern. Damals erreichte er Millionen von Lesern mit seinem Nonkonformismus, mit seinem Glauben an die Selbstverwirklichung, mit seinem Individualismus, mit seinem Wunsch der Veränderung der Gesellschaft durch die Erneuerung jedes Einzelnen.  Heute haben wir Mühe mit solchen hochgesteckten Idealen. Hermann Hesse stellt einen der zwei großen und fundamentalen Pole der modernen (deutschen) Literatur dar: Introspektion, Psychoanalyse, Spiritualität. Der andere Pol ist Bert Brecht: keine Kontemplation, sondern politische Aktion, Wirkung nach außen auf die Massen, die ein Klassenbewusstsein entwickeln und die Revolution verwirklichen.

Was beim Lesen von Michels Biographie immer wieder auffällt, ist die seltsame, eigentlich völlig unvereinbare Mischung aus Hesses extremer Misanthropie und seiner Neigung zur Philanthropie. Wie um Himmels willen soll das alles zusammenpassen? Der Einsiedler, Außenseiter, Einzelgänger, Eigenbrötler, spirituelle Anachoret im „Siddharta“ und später der „dirty old man“ à la Bukowski (anti litteram) im „Steppenwolf“. Einerseits Hesses offensichtliche persönliche Probleme, die Reise nach innen und die psychische Evolution im „Demian“, die als Ursache oder Konsequenz zur Einweisung in die Psychiatrie und zur Scheidung von seiner ersten Frau sowie zur Fremdadoption seiner drei Söhne führte, dann Hesse enorme Bekanntheit spätestens seit „Siddharta“ in der Weimarer Republik, seine auch biographisch überzeugende Annäherung westlicher und östlicher Spiritualität, seine immer stärker gewünschte Rolle als „Beichtvater der Nation“, die Kraft und Energie, mit 50 Jahren mit dem „Steppenwolf“ noch einmal alles über den Haufen zu werfen und zum Teufel zu schicken, indem er einen letzten Tango in Zürich inszenierte, inmitten von Drogen, Musik, Charleston und Frauen. „Sex and drugs and rock and roll“ war 30 Jahre später genau dasselbe, das haben die Blumenkinder sehr genau gespürt.  Timothy Leary empfahl vor den LSD-Trips die Lektüre von Hesses „Siddharta“ und „Steppenwolf“ und war felsenfest davon überzeugt, dass Hesse in seinen Büchern eine durch Drogen hervorgerufene Selbstauflösung beschreibe. Hesse wäre damit vermutlich nicht einverstanden gewesen, aber manchmal zählt die Wirkung mehr als die ursprüngliche Absicht. Das alles einerseits.

Andererseits haben Hesse in seinen letzten 30 Lebensjahren, als er eigentlich gar nichts Neues mehr veröffentlicht hat, unglaublich viele Leute in seiner schmucken Villa im Tessin besucht und brieflich kontaktiert. Regelrechte Besucherströme von bekannten Schriftstellern, Musikern, Malern wollten das Gespräch in Montagnola, für viele Nazi-Verfolgte (auch Bert Brecht) war der Schweizer Staatsbürger erster Anlaufpunkt bei der späteren Emigration. Es soll 30.000 beantwortete Briefe und 3.000 Bücherrezensionen von Hermann Hesse geben. Hesse half mit unglaublichem Altruismus jahrzehntelang mit Rat und Tat, lebte ein volles Leben in ständigem Geben und Nehmen, war gleichzeitig passiver Nutznießer und selbst aktiver Mäzen, vermittelte Arbeit, schrieb Empfehlungen. Ein Philanthrop und Gärtner bei der Arbeit. Die Villa im Tessin, in der Hesse seit Anfang der 30er Jahre wohnte, wurde ihm von dem Schweizer Industriellen Bodmer gebaut. Hesse selbst legte Wert darauf, dass die Grabstelle in San Abbondio der einzige Grundbesitz in seinem Leben blieb. Hesse Buchrezensionen beeinflussten in entscheidender Weise das Kulturleben Deutschlands während der Nazizeit und den ersten Jahren der neuen Bonner Bundesrepublik.

Auf Hermann Hesse kann Deutschland wirklich stolz sein.

BoBoKo (10)

Hans Haller sieht nach langer Zeit Neapel wieder und stirbt trotzdem nicht. Außer einer dilettantischen Flugblattaktion fällt ihm nichts Besseres ein, um auf die Spuren der beiden Mädchen zu kommen.  Pasquale Napolitano taucht aus dem Gully auf und versucht, ihn abzulinken. Am Ende kehrt Hans Haller ohne Ergebnis nach Berlin zurück.

Als Hans Haller für die Kaffeefirma in Triest arbeitete, war er öfter in Neapel, weil er bei Produktionsengpässen die Röstanlage einer Firma in Melito benutzte. Bekanntlich ist Neapel ja ein Paradies für Kaffeetrinker. Caffè lungo, caffè doppio, tazza fredda, tazza calda. Da lacht die Kaffeebohne. Lang ist´s her und bekanntlich gibt es nichts, was uns mehr betrügt als unsere Erinnerungen. Er kommt am Abend in Capodichino an und stellt fest, dass sich in der Stadt wenig geändert hat: Lärm, Chaos, Schmutz. Auf der Piazza Garibaldi, den man ihm als Entführungsort angegeben hatte, verkaufen die Hehler jetzt keine Zigaretten und Uhren mehr, sondern Smartphones und Tablets. Hans Haller sucht sich ein Hotel direkt am Bahnhof und konzentriert sich auf den morgigen Tag. Er will früh am Morgen als erstes bei der Polizei nachfragen, ob irgendwelche Neuheiten vorliegen. Davon erwartet er sich allerdings nicht viel, auch deshalb nicht, weil die Kompetenzen zwischen den drei Polizeiorganen Polizia di Stato, Carabinieri und Vigili unklar verteilt sind und so Durcheinander und Hilflosigkeit noch eine Entschuldigung mehr haben. Er hat Flugblätter auf Italienisch mit den Farbfotos der beiden Mädchen, von denen er sich mehr erwartet als von den offiziellen italienischen Ermittlungen. Als Kontaktadresse hat er seine Handynummer und E-Mailadresse angegeben. Die Höhe der darin erwähnten „Belohnung“ hat er bewusst offengelassen. Diese Flugblätter will Haller morgen Vormittag überall in den Geschäften, Bars, Imbissen auf der Piazza Garibaldi verteilen in der Hoffnung, dass sich jemand melden wird. Jetzt sitzt er in der Hotelrezeption und blättert in den deutschsprachigen Zeitungen, die im Foyer ausliegen. In einem Artikel über die süditalienische Metropole des ihm unbekannten Corriere Il Cretino Albino liest er von Neapels Polizeisirenen, Abfallbergen und Hupkonzerten. Viele Jugendliche haben hier nichts zu tun, lachen und reden zu viel und tanzen auf dem schwirrenden Seil zwischen Kriminalität und Armut. Im Fanshop vom SSC Neapel darf man keine Bücher lesen, keinen Kaugummi kauen, keine Fotos machen und keine falschen Fragen zur Camorra stellen. Die hat es in Neapel immer gegeben und wird es immer geben wie Pizza, den SSC Neapel und Weihnachtskrippen. Meint jedenfalls der Corriere Il Cretino Albino. Fußball ist Leidenschaft und Tränen. Wenn du ein Foto von mir machen willst, kostet das zehn Euro. Handeln ist erlaubt und am Ende begnüge ich mich auch mit fünf. Hier in Neapel ist alles ein bisschen ungefähr und zirka. Wir haben ein Riesenherz und fast immer mufflige Laune. Hans Haller liest auch, dass Neapel am Abend und in der Nacht besonders gefährlich und ein rechtsfreies Niemandsland für kriminelle Banden sei, beschließt aber trotzdem, in ein nahegelegenes Restaurant zu gehen, wo er keine Pizza, sondern eine norditalienische Lasagne und den unverschämt teuren und schlechten vino della casa bestellt. Dann geht er früh schlafen. Er ist ja schließlich nicht zum Urlaubmachen, sondern aus beruflichen Gründen in der Stadt, von der ihm der erste Teil des bekannten Sprichworts über sie mehr als genügt. Vedi Napoli e poi muori. Alles muss sich ändern, damit sich nichts ändert. Wer war das noch? Am nächsten Morgen ist er früh auf den Beinen. Nach dem Besuch bei Polizei auf dem Hauptbahnhofsgelände, wo seine negativen Vorahnungen Bestätigung finden und ihm ein mürrischer Mit-Fünfziger in speckiger Uniform zu bedenken gibt, dass die Mädchen ja volljährig seien und vielleicht nur beschlossen hätten, ihren Urlaub zu verlängern, geht Haller systematisch von Bar zu Bar, von Laden zu Laden, von Werkstatt zu Werkstatt und drückt den Verkäufern, Handwerkern und Tagedieben sein Flugblatt in die Hand.  Am Nachmittag ruft ihn jemand in einem stark dialektal eingefärbten Italienisch an, das Haller nur mit großer Mühe versteht. Er hofft, nicht alles falsch verstanden zu haben und erscheint pünktlich am vereinbarten Treffpunkt vor dem Gebäude des größten italienischen Elektrizitätsversorgers auf dem Gelände des Centro Direzionale. Der Mann kommt tatsächlich, Mitte dreißig, dunkler Typ und ungepflegt, er macht einen schlechten, schmierigen Eindruck. Er heißt Gennaro Russo und behauptet, zu wissen, wo die zwei Mädchen seien. Um mehr zu sagen, will er erst einmal 2000 Euro. So dumm, irgendeinem wildfremden Ganoven 4 rosa Lappen rüberzuschieben, ist selbst Hans Haller noch nicht. Er vereinbart einen Scheintermin für morgen Nachmittag um drei am gleichen Ort, angeblich, weil er so lange benötigt, um das Bargeld zu organisieren. Ciaone. Der dritte Tag Hallers in Neapel verläuft ereignis- und ergebnislos. Er verteilt am Vormittag noch einige Flugblätter, diesmal südlich von der Piazza Garibaldi bis zur Via Giuseppe Pica. Am Nachmittag fährt er aus Langeweile mit der Circumflegrea von Montesanto nach Cuma und besucht dort die Orakelhöhle der Sibilla. Ich finde sie. Ich finde sie nicht. Am nächsten Morgen fliegt Hans Haller nach Berlin zurück. Außer Spesen wenig gewesen. Am Nachmittag berichtet er in einer längeren E-Mail Anna Mommsen über seinen Aufenthalt in Neapel und seine bisher vergeblichen Versuche, Kontakt mit Betty und Netty aufzunehmen.

BoBoKo (9)

Maria Mommsen ist zurück in Berlin und sieht im Tip eine Anzeige von Hans Hallers Detektivbüro. Sie fährt mit dem Fahrrad den Flaschenhalspark und Park am Gleisdreieck bis zum Landwehrkanal hoch und dann das Ufer entlang durch das Sommerbad Kreuzberg bis zur Gitschiner Straße. Sie trifft Hans Haller in seinem Büro. Wir Leser wissen auf einmal mehr als alle Romanfiguren.

Unsere verwelkte Halbkubanerin Maria Mommsen hat ein paar stressige Tage und schlaflose Nächte hinter sich. Alda Drache, die Schuldirektorin, bestellt Mommsen und Saitensprung natürlich am Tag nach ihrer Ankunft in Berlin gleich um Punkt acht morgens in ihr Büro. Bericht erstatten über die unerhörten Vorfälle. Nur dass beide im Laufe des Gesprächs kein Stück weiterkommen und nur resigniert feststellen, dass sie nicht nur keinen blassen Schimmer haben, wo die beiden Mädchen sind. Ganz nebenbei bemerkt, weiß auch keine Sau, wie es ihnen geht und ob sie überhaupt noch leben. Die beiden Lehrerinnen wissen noch nicht einmal, wie man sich in einer solchen Situation überhaupt verhält. Sie entschließen sich dann nach zirka einer halben Stunde die Familien Pickel und Bernstein anzurufen und sie für ein klärendes Gespräch in die Schule kommen zu lassen. Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Frau Pickel arbeitet als Sekretärin bei einer Firma in Spandau und bekommt heute nicht frei. Herr Pickel ist nicht in Deutschland, sondern im weit entfernten China. Frau Pickel erzählt am Telefon, dass sie gestern schon bei der Polizei war und eine Vermisstenanzeige aufgegeben habe, allerdings nur für ihre eigene Tochter und nicht für Betty Bernstein. Die Bernsteins machen glücklicherweise weniger Probleme. Herr Bernstein ist Lokführer bei der BVG und hat gerade Freischicht. Frau Bernstein ist arbeitslos. Doch auch beim Gespräch mit der Familie Bernstein kommt man nicht voran. Die Familie wird darauf hingewiesen, dass sie verpflichtet sei, ebenfalls schnell möglichst eine Vermisstenanzeige bei der Polizei für die verschwundene Tochter zu erstatten. Am Morgen danach, ebenfalls um acht Uhr im Zimmer der Direktorin, sind eine übereifrige Frau Drache sowie die Bernsteins und Frau Pickel da, um über das weitere Vorgehen zu diskutieren. Da sich alle einig darüber sind, dass unbedingt Eigeninitiative vonnöten sei und dass man sich unmöglich nur auf Amt und Polizei, dein nutzloser Schutz und Helfer etcetera, verlassen könne, setzt man sich in der Schulbibliothek vor einen ganz und gar nicht unschuldigen Computer und begibt sich auf die Suche nach einem Privatdetektiv im Netz. Im Tip findet das Grüppchen eine Anzeige, die richtig zu sein scheint: HAHA-Hans Hallers Privatdetektei. Unlösbare Fälle? Für mich gibt es sie nicht. Spezialgebiet: Auslandskriminalität. Hervorragende italienische Sprachkenntnisse. Professionalität, Seriosität. Effizienz. Klingt doch bestens. Man beschließt, dass Frau Mommsen Hans Haller anrufen und Genaueres über seine Aktivitäten in Erfahrung bringen soll. Als vorläufiges Budget legt man sich auf 5000 Euro fest. Die Familien zahlen jeweils 2000 Euro. Alda Drache weist auf die prekäre Situation der öffentlichen Kassen hin und lässt sich nur mühsam (nachdem man auch auf die Möglichkeit rechtlicher Schritte hingewiesen hat) davon überzeugen, dass auch die Schule gefälligst ihr Scherflein (sprich 1000 Euro) beizusteuern habe. Sonst treffen wir uns beim Rechtsanwalt, Frau Direktorin Drache. Schnitt. Jetzt sehen wir Maria Mommsen gerade durch den Flaschenhalspark radeln auf dem Weg zu Hans Hallers Büro am Wassertorplatz. Es regnet leicht, so dass Maria Mommsen sich dort etwas schäbig im Nasser-Pudel-Look präsentieren wird. Jetzt ist sie im Park am Gleisdreieck und biegt dann rechts ins Tempelhofer Ufer ein, das am Landwehrkanal entlangführt. Sie radelt dann unten am Carl-Herz-Ufer weiter, überquert auf der Baerwaldbrücke den Kanal und fährt durch den Böcklerpark zum Wassertorplatz. Bekanntlich ein Problemkiez: Viele Mieter mit Immigrationshintergrund, Hartz-4-Empfänger, konsumschwache Alkoholiker, Drogen vom nahen Kotti. Hans Haller erwartet sie schon in seiner Bürowohnung. Sie werden sich relativ schnell einig. Haller bietet ihr sein Start-Up-Pack (Ausland) an. Kosten 5000 Euro alles inklusive. Das passt doch wie der Arsch auf die Klobrille.  2500 Euro sofort bar auf die Kralle. Der Rest am Ende mit einem minutiösen Bericht über die Aktivitäten. Kurzer Check bei Easy Jet. Er kann schon für übermorgen einen Flug nach Neapel buchen und seine Arbeit beginnen. Alles oder Nichts. Er braucht ein paar neue Fotos von Betty und Netty, die ihm Maria Mommsen morgen per E-Mail schicken wird. Haben die Mädchen irgendwelche besondere körperliche Merkmale? Nein? Betty isst gern Gummibärchen und Erwachsene ebenso, aber ansonsten ist sie eigentlich ganz normal. Netty spricht ein paar Brocken Italienisch. Harry Haller fragt superblöd, ob die beiden Mädchen noch Jungfrauen seien. Frau Mommsen bemerkt superklug und angesäuert, dass das nun wirklich nicht das Geringste mit dem Fall zu tun habe. Eine U-Bahn rattert die Hochbahn Richtung Ruhleben entlang. Noch ein Zug nach nirgendwo. Weder Maria Mommsen noch Hans Haller können zu diesem Zeitpunkt wissen, dass sich die beiden Mädchen längst nicht mehr in Neapel befinden, sondern direkt noch im selben Auto, mit dem sie entführt wurden, in eine etwa 500 Kilometer entfernte Gegend im äußersten Süden Italiens gebracht wurden, wo sie in einer isolierten Masseria im Salento gefangen gehalten werden. Was die beiden ebenfalls nicht wissen, dass der Drahtzieher der Aktion ein gewisser Ciro Esposito ist, genannt „o genio“ und wohnhaft in Ponticelli. Den Spitznamen bekam er, als er in der siebten Klasse vom Mathematiklehrer aufgefordert wurde, das Ergebnis der Addition von zwei und zwei zu benennen und als Ergebnis fünf errechnete. Talentiert in kreativer Mathematik und im analytischen Denken. Quasi zum Programmierer geboren. Ciro Esposito ist einundzwanzig Jahre alt und gehört zum Clan De Micco. Er möchte sich innerhalb seines Clans profilieren und wird deshalb mit unnötigen Grausamkeiten unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aber da sind wir ja inzwischen von Abu Bakr al-Baghdadi einiges gewöhnt.