Halbgar

Halbgar

Diesmal
Mach ich alles falsch
Vom A bis zum Zwanzigsten Zweiten Zwanzigtausendzwanzig
Und noch ne Schippe drauf
Leg ich
Mich in die Nesseln
Neben die niedlichen
Blutegel Igitt
Könnt ihr mich mal
Im Traum
Und anderswo
Die Festplatte der Erinnerung
Wurde atombombensicher gelöscht
I learned that
From Mr. Kim Jong-un
Könnt ihr mich zweimal
Ihr Alleswisser
Ihr Besserkönner
Halbtot bin ich
Dead man walking
Halbe Seide am Wickel
Alleiner als du
Ist nur Müllers Kuh
Mogel mich
Mit einem Plastikgerippe
Als Beifahrer
Auf die Spur
Für Fahrgemeinschaften

Wolfgang Haberl ©2020

Pasolini Io sono una forza del passato

Am 18. Juli waren wir etwas nördlich von Rom im Castello di Santa Severa. Dort hatte am selben Tag eine kleine Ausstellung eröffnet, wo von bekannten Schriftstellern komponierte Lieder zu sehen und zu hören waren. Unter anderem war dort auch ein vertontes Gedicht von Pier Paolo Pasolini präsent. „Io sono una forza del passato“ aus dem Gedichtband Poesia in forma di rosa, immerhin schon 1964 veröffentlicht, aber trotzdem unheimlich direkt und ins Mark treffend.

Io sono una forza del Passato.
Solo nella tradizione è il mio amore.
Vengo dai ruderi, dalle chiese,
dalle pale d’altare, dai borghi
abbandonati sugli Appennini o le Prealpi,
dove sono vissuti i fratelli.
Giro per la Tuscolana come un pazzo,
per l’Appia come un cane senza padrone.
O guardo i crepuscoli, le mattine
su Roma, sulla Ciociaria, sul mondo,
come i primi atti della Dopostoria,
cui io assisto, per privilegio d’anagrafe,
dall’orlo estremo di qualche età
sepolta. Mostruoso è chi è nato
dalle viscere di una donna morta.
E io, feto adulto, mi aggiro
più moderno di ogni moderno
a cercare fratelli che non sono più

 

 

 

Stand der Dinge

Unser WM-Held und Kapitän

grölt in Kroatien Nazi-Lieder

Seine Ex mit Six-pack

hüpft von der Luxusyacht

in das kristallklare Wasser von Ibiza

Die Yacht gehört nicht dir mein lieber Freund

sondern Vici Swarowski

Schreibt man das so

Speedboating im Wörthersee

Die vielen verwesenden Kadaver

In den Slums von Mumbai

Denkt man das so

 

Gebrüder Grimm: Katz und Maus in der Gesellschaft

Katze und Maus in Gesellschaft
Eine Katze hatte Bekanntschaft mit einer Maus gemacht und ihr soviel von großer Liebe und Freundschaft vorgesagt, die sie zu ihr trüge, daß die Maus endlich einwilligte, mit ihr zusammen in einem Haus zu wohnen und gemeinschaftliche Wirtschaft zu führen. „Aber für den Winter müssen wir Vorsorge tragen, sonst leiden wir Hunger,“ sagte die Katze. „Du, Mäuschen, kannst dich nicht überallhin wagen und gerätst mir am Ende in eine Falle.“ Der gute Rat wurde also befolgt und ein Töpfchen mit Fett angekauft. Sie wußten aber nicht, wohin sie es stellen sollten. Endlich, nach langer Überlegung, sprach die Katze: „Ich weiß keinen Ort, wo es besser aufgehoben wäre, als die Kirche; da getraut sich niemand etwas wegzunehmen. Wir stellen es unter den Altar und rühren es nicht eher an, als bis wir es nötig haben.“ Das Töpfchen wurde also in Sicherheit gebracht. Aber es dauerte nicht lange, so trug die Katze Gelüste danach und sprach zur Maus: „Was ich dir sagen wollte, Mäuschen, ich bin von meiner Base zum Gevatter gebeten. Sie hat ein Söhnchen zur Welt gebracht, weiß mit braunen Flecken, das soll ich über die Taufe halten. Laß mich heute ausgehen und besorge du das Haus allein!“ – „Ja, ja,“ antwortete die Maus, „geh in Gottes Namen! Wenn du was Gutes ißt, so denk an mich! Von dem süßen roten Festwein tränk ich auch gern ein Tröpfchen!“ Es war aber alles nicht wahr. Die Katze hatte keine Base und war nicht zum Gevatter gebeten. Sie ging geradewegs nach der Kirche, schlich zu dem Fettöpfchen und leckte die fette Haut ab. Dann machte sie einen Spaziergang auf den Dächern der Stadt, streckte sich hernach in der Sonne aus und wischte sich den Bart, sooft sie an das Fettöpfchen dachte. Erst als es Abend war, kam sie wieder nach Hause. „Nun, da bist du ja wieder!“ sagte die Maus. „Du hast gewiß einen lustigen Tag gehabt.“
– „Es ging an,“ antwortete die Katze. „Was hat denn das Kind für einen Namen bekommen?“ fragte die Maus. „Hautab,“ sagte die Katze ganz trocken. „Hautab,“ rief die Maus, „das ist ja ein seltsamer Name! Ist der in eurer Familie gebräuchlich?“ – „Was ist da weiter!“ sagte die Katze. „Er ist nicht schlechter als Bröseldieb, wie deine Paten heißen.“
Nicht lange danach überkam die Katze wieder ein Gelüste. Sie sprach zur Maus: „Du mußt mir den
Gefallen tun und nochmals das Hauswesen allein besorgen; ich bin zum zweitenmal zum Gevatter gebeten, und da das Kind einen weißen Ring um den Hals hat, so kann ich’s nicht abschlagen.“ Die gute Maus willigte ein, die Katze aber schlich hinter der Stadtmauer zu der Kirche und fraß den Fettopf halb aus. „Es schmeckt nichts besser,“ sagte sie, „als was man selber ißt,“ und war mit ihrem Tagewerk ganz zufrieden. Als sie heimkam, fragte die Maus: „Wie ist denn dieses Kind getauft worden?“ – „Halbaus,“ antwortete die Katze. „Halbaus! Was du sagst! Den Namen habe ich mein Lebtag noch nicht gehört. Ich wette, der steht nicht im Kalender.“
Der Katze wässerte das Maul bald wieder nach der Leckerei. „Aller guten Dinge sind drei,“ sprach sie zu der Maus. „Ich soll wieder Gevatter stehen. Das Kind ist ganz schwarz und hat bloß weiße Pfoten, sonst kein weißes Haar am ganzen Leib. Das trifft sich alle paar Jahre nur einmal. Du lässest mich doch ausgehen?“ – „Hautab, Halbaus,“ antwortete die Maus, „es sind seltsame Namen, die machen mich nachdenklich.“ – „Da sitzest du daheim in deinem dunkelgrauen Flausrock und deinem langen Haarzopf,“ sprach die Katze, „und fängst Grillen. Das kommt davon, wenn man bei Tag nicht ausgeht!“ Die Maus räumte während der Abwesenheit der Katze auf und brachte das Haus in Ordnung; die naschhafte Katze aber fraß den Fettopf rein aus. „Wenn erst alles aufgezehrt ist, so hat man Ruhe,“ sagte sie zu sich selbst und kam satt und dick erst in der Nacht nach Hause. Die Maus fragte gleich nach dem Namen, den das dritte Kind bekommen habe. „Er wird dir wohl auch nicht gefallen,“ sagte die Katze; „er heißt Ganzaus.“ – „Ganzaus!“ rief die Maus. „das ist der allerbedenklichste Name, gedruckt ist er mir noch nicht vorgekommen. Ganzaus! Was soll das bedeuten?“ Sie schüttelte den Kopf, rollte sich zusammen und legte sich schlafen.
Von nun an wollte niemand mehr die Katze zum Gevatter bitten. Als aber der Winter herangekommen und draußen nichts mehr zu finden war, gedachte die Maus ihres Vorrats und sprach: „Komm, Katze, wir wollen zu unserm Fettopf gehen, den wir uns aufgespart haben! Der wird uns schmecken.“ – „Jawohl,“ erwiderte die Katze, „der wird dir
schmecken, als wenn du deine feine Zunge zum Fenster hinausstreckst.“ Sie machten sich auf den Weg, und als sie anlangten, stand zwar der Fettopf noch an seinem Platz, war aber leer. „Ach,“ sagte die Maus, „jetzt merke ich, was geschehen ist! jetzt kommt’s an den Tag. Du bist mir eine wahre Freundin! Aufgefressen hast du alles, während du behauptetest, Gevatter zu stehen: erst Haut ab, dann halb aus, dann…“ – „Willst du schweigen!“ rief die Katze. „Noch ein Wort, und ich fresse dich auf!“
„Ganz aus,“ hatte die arme Maus schon auf der Zunge. Kaum war es heraus, tat die Katze einen Satz nach ihr, packte sie und schlang sie hinunter. Siehst du, so geht’s in der Welt.
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Franco Battiato: La Cura (1996)

La cura

 

La cura (Aus: L’imboscata)

Tesserò i tuoi capelli come le trame di un canto

 

Dieser Jahrhundertsong, der einen längeren Kommentar als üblich benötigt, hat zu Blitz-Kritiken geführt, welche die schon über ein halbes Jahrhundert aktive Karriere des sizilianischen Liedermachers auf die zwei Etiketten Cuccurucuccù-Battiato und La-Cura-Battiato reduziert sehen wollten.[1] Auch wenn solche Formeln viel zu grobmaschig sind, um einen komplizierten Künstler wie Battiato durch den Nürnberger Trichter zu schütten, tragen sie dennoch auch einen Funken Wahrheit in sich und verführen mich zum wiederholten Male dazu, ein (wieder einmal provisorisches) Resümee von Battiatos Karriere zu ziehen. Die Jahre von 1979 bis 1981 waren die kreativsten und folgenreichsten in seiner Entwicklung und erinnern ein wenig an die 3 Alben Bob Dylans 1965 und 1966. Ein regelrechtes Feuerwerk an aufbrausender Inspiration hatte da bei den beiden Künstlern gezündet. „La Cura“ ist der einzige Song einer immerhin 20-jährigen Zusammenarbeit mit Manlio Sgalambro, der italienische Popgeschichte geschrieben hat und zu einem breiteren Massenpublikum durchgedrungen ist. Danach ist in Battiatos Karriere nicht mehr sehr viel Aufregendes passiert (nicht jeder Battiato-Fan wird mir hier beistimmen). Aber manchmal wird ja ein einziges Lied, das die Zeiten überdauert, zur bunten Oase inmitten der Sahara. Wenn man sich abschließend noch die Chartplatzierungen von Battiatos Alben mit ihrem zugegeben zweifelhaften Aussagewert ansieht, bemerkt man erst einmal die Flaute nach 2012. Aber die zum Teil immer noch hohen Ränge ab dem Album „Gommalacca“ (1998) täuschen darüber hinweg, dass in diesen Alben kaum mehr einem größeren Publikum bekannte und die schnellen Zeiten überdauernden Lieder zu finden sind. Auch im letzten Nummer-1-Album „Apriti Sesamo“ (2012) fehlen definitiv Songs, die heute noch jemand kennt (außer den eingefleischten Battiato-Fans natürlich).

 

Doch solche Bilanzen sind eigentlich Vorgeplänkel und Abschweifungen. Wie nähert man sich nun einem Meisterwerk wie „La Cura“ an? Wenn man ein paar Interpretationsversuche im Internet überfliegt, versteht man schnell, dass das Lied im Regelfall als Liebeslied verstanden worden ist. Ein lyrisches Ich kümmert sich zärtlich, ausschließlich und mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet um ein lyrisches Du und heilt es von allen Gebrechen, Notlagen, Beschränkungen und sonstigen Negativitäten. Denkt das Texterduo Sgalambro/Battiato hier an eine erotische Beziehung zwischen Mann und Frau? Dafür sprächen etwa die zärtlich-sinnlichen Verse Tesserò i tuoi capelli come le trame di un canto, die ohne Übertreibung sicherlich zu den besten der gesamten italienischen Popmusikgeschichte gehören. Oder geht es vielmehr um die spirituelle Liebe zwischen Gott und dem Menschen, die griechische γάπη, die neutestamentliche göttliche Liebe, das Hohe Lied der Liebe des Heiligen Paulus, oder einfach die uneigennützige christliche Nächstenliebe und caritas, die der Bedeutung des italienischen Wortes cura sehr nahe kommt? So würden die Verse aus dem Superman-Comics verständlich, wenn eine nach physikalischen Gesetzen unmögliche Überwindung der Grenzen von Schwerkraft, Raum, Zeit und Licht beschworen wird. Möglicherweise steht auch ein gnostisch-esoterisches Konzept hinter dem Lied. Der göttliche Teil des Menschen (Seele) kommuniziert mit dem gebrechlichen Körper, der dem physikalischen und psychischen Verfall anheimgegeben ist und verheißt Erlösung. Gern wird von den mehr oder weniger seriösen Battiato-Exegeten auch auf den französischen Dichter Charles Baudelaire und sein Hauptwerk „Les Fleurs du Mal“ (1857) hingewiesen. Die bei einem ersten Hören kaum verortbaren fiori bianchi des Liedes stünden im Gegensatz zu den (schwarzen) Blumen des Bösen und überwänden die Perspektivlosigkeit und Verzweiflung der Weltsicht Baudelaires.[2]

 

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Wenn man dann weiterforscht und etwas Zeit ins Land geht, damit sich die Spreu vom Weizen trennen kann, stellt man fest, dass über dieses Lied so viel geschrieben worden ist, dass man instinktiv zu einer Reaktion neigt, die eine (verstümmelte) Verszeile aus dem Lied selbst vorschlägt: ti porterò soprattutto il silenzio […]. Glücklicherweise hat der Zahn der Zeit lange genug an den aufgeregten hermeneutischen Zuckungen genagt, so dass man sich heute „La Cura“ etwas abgeklärter annähern kann. Ausgangspunkt jeder Interpretation bleibt zwangsläufig das Büchlein von Giuseppe Pulina, das trotz seines für einen Philosophen wenig konzisen, Schaum schlagenden Schreibstiles und zahlreicher einfallsloser und unübersichtlicher Abschnitte viele (alle?) Fäden des enigmatischen Wollknäuels freilegt.[3]

 

Die interpretatorischen Anstrengungen bei „La Cura“ haben grundsätzlich drei Hauptschneisen für das Verständnis des Liedes geschlagen: die meisten Hörer wollten aus dem Lied eine Botschaft der Liebe heraushören und können sich dabei auf Interviews von Battiato selbst berufen:

 

Es ist ein Lied, für das sich jeder eine eigene Bezugsperson auswählen kann: auch einen Vater, eine Mutter, ein Kind. Die Liebe hat nicht ausschließlich mit Sexualität zu tun.[4]

 

Eine zweite, viel kleinere Schule hat das Lied religiös interpretiert und als Dialog zwischen Gott und dem Menschen verstanden.[5] Ein dritter Interpretationsansatz beschäftigt sich mit dem philosophischen Fundament des Songs, das auf einer lateinischen Fabel von Hyginus ruht, die von Martin Heidegger aufgegriffen und konzeptualisiert worden ist.[6] Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche andere Sichtweisen, die allerdings eher Außenseiter- und Minoritätspositionen besetzen, etwa die Sichtweise des Liedes als Dialog zwischen Seele und Körper oder (personifiziertem) Tod und Mensch.

 

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Das Verständnis von „La Cura“ als Liebeslied bietet sich spontan an. First thought, best thought. Das Lied hat eine klare Dreierstruktur, wo in einem ersten Teil die Symptome der (eingebildeten) Krankheit des lyrischen Gesprächspartners spezifiziert werden. Der kurze kryptische zweite Teil unterbricht das Hauptthema, das dann im dritten Teil wieder aufgenommen wird, wenn vor allem die positiven Folgen der „Behandlung“ angesprochen werden. In drei Versen im dritten Teil hat das Lied eine auffällig erotische Komponente, die an ein Funken schlagendes Liebesverhältnis zwischen Mann und Frau denken ließen und möglicherweise auf eine Beschreibung wie im Hohelied Salomos des Alten Testaments verweisen, wo erotisch-körperlich-sinnliche Elemente sich mit anderen mehr spirituellen und geistigen Aspekten der Liebe vermengen. Der Stil von „La Cura“ ist pathetisch und selbstsicher. Das lyrische Ich weiß, wovon es spricht, strotzt vor Stolz und kann in der auffälligen Form des italienischen Futurs Ratschläge geben und Aussagen zur Zukunft machen. Die Versprechungen, die es macht, scheinen zwar unhaltbar, aber für eine Liebesbeziehung trotzdem brauchbar, wo die normalen (physikalischen und moralischen) Regeln nicht mehr gelten und alles möglich scheint. Marmor, Stein und Eisen bricht. Das Blaue wird vom Himmel heruntergelogen, die Balken sind durchgeborsten. Die Abschaffung der Kategorien von Raum und Zeit, die Überwindung der Materie und Schwerkraft, Wurmlöcher und Hyperraum lassen Kants und Einsteins Moleküle in ihren Gräbern in der Gruft des Doms von Kaliningrad und in der Luft von Princeton überlichtschnell rotieren. Der gesunde Menschenverstand läuft Amok. Hatte nicht Ludwig Wittgenstein geschrieben: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen? Eine solche Amour fou muss nicht unbedingt nur sexuell dominiert sein, man könnte auch an eine Beziehung Mutter-Kind, Arzt-Patient und Meister-Schüler denken, wo die nicht-erotischen Elemente der Liebe stärker spürbar sind. Vielleicht hat sich die im heutigen Nordmazedonien geborene und in Kalkutta verstorbene Mutter Teresa mit ähnlichen Worten an die Obdachlosen und Kranken in den indischen Sterbehäusern gewandt. Dennoch lassen sich grundsätzliche Zweifel an einer solchen Interpretation von „La Cura“ als Liebeslied nicht vollständig aus dem Weg räumen. Ein Liebeslied, das so auffällig medizinisch und psychotherapeutisch daherkommt und jeden erwarteten verbalen Liebesschwur vermeidet, ist eigentlich keines mehr. Und wäre zudem die große Ausnahme, denn Sgalambro hat sich in der besten Tradition Schopenhauers in seinen Werken wenig „romantisch“ und erbaulich zum Thema „Liebe“ geäußert. So liest man etwa in seinem Buch „Anatol“ (1990):

 

Die Liebe ist der oberflächlichste Teil des Menschen. Ein Hauch von Schminke, die Haarfarbe, ein Kleid, die Form der Nase … In Wirklichkeit ist die Idee der Liebe, oder besser ihre hohe Wertschätzung, eine Bürde, die unsere Intelligenz belastet.[7]

 

Der kurze, fünf Verse lange Break zwischen dem ersten und dritten Teil des Liedes hat den Interpreten und Liebhabern des Liedes erhebliches Bauchgrimmen verursacht. Es gibt zwar einige, mehr oder weniger überzeugende Deutungsversuche, doch wirkliches Licht ins Dunkel haben auch diese nicht gebracht, so dass handwerkliche Schwächen hinter der kryptischen Textfinsternis vermutet werden dürfen. Warum plötzlich der nordamerikanische Bundesstaat Tennessee erwähnt wird, bleibt möglicherweise auf ewig Battiatos und Sgalambros Geheimnis. Auch die Träume, die schneller als Adler das Meer überqueren, fliegen ins Leere und werden zu Findlingen in der Wörterwüste. Ob diese Bilder wirklich auf Battiatos fundamentale Überzeugung der Wiedergeburt verweisen, die natürlich überall auf der Welt (auch im entfernten Tennessee), in jeder Form und zu jeder Zeit stattfinden kann, wie Giuseppe Pulina glaubt[8], überzeugt nicht mehr als Fabrizio Sebastianis Ansicht, dass Tennessee ein geheimnisvolles esoterisches Anagramm sei, das allerdings kein Mensch zu kennen scheint.[9] Marian Rejewski lebt leider nicht mehr. Etwas einfacher verständlich und auch kontextgebundener sind wahrscheinlich die fiori bianchi, die gut Hochzeitsblumen sein können und ein Lied von Mogol (Giulio Rapetti) zitieren, das Jean Francois Michael (Yves Roze) 1969 gesungen hat.

 

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Der zweite große Interpretationsansatz ist religiös fundiert (was gemeinsame Schnittmengen mit dem Verständnis von „La Cura“ als Liebeslied nicht ausschließt). Die wichtigste und detaillierteste Analyse dazu stammt von Fabrizio Sebastiani: „‚La Cura‘ di Franco Battiato: una preghiera al contrario (analisi critica al testo della canzone)” und ist leider heute nur noch ziemlich mühsam und augenschädigend als Blog zu lesen. Einleitend muss dazu gesagt werden, dass dieser christlich-biblische Ansatz Sebastianis nur stückweise überzeugt und oft allzu penetrant nach Weihrauch in der Sakristei mieft. Ich möchte den Leser deshalb hier nicht mit den endlosen Bibelzitaten Sebastianis foltern und habe seinen langen Aufsatz, der „La Cura“ als invertiertes Gebet mit Gott als lyrischem Ich und Sprecher versteht, stark zusammengestutzt und nur einige seiner Grundgedanken über den Rundengong hinaus gerettet. Eine Rechtfertigung für diese Abholzung christlichen Wildwuchses habe ich auch darin gefunden, dass Sgalambro und Battiato nur schwer in ein christliches Korsett gezwängt werden können. Sgalambro war sicher kein gläubiger Christ, eher schon ein skeptischer Atheist und nihilistischer Zyniker. Noch stark in der Bildungstradition des 19. Jahrhunderts verhaftet, hat er trotzdem immer wieder Ausflüge in die Religionsgeschichte und die Metaphysik unternommen. Bei Battiato haben wir längst gesehen, dass auch er kein Hardcore-Sonntagsgottesdienstgänger ist und sich spirituell stärker an fernöstlichen Religionen als am Heiligen Paulus und Pio von Pietrelcina orientiert. Der Atheismus Sgalambros und die Esoterik Battiatos passen somit nur mit viel Fantasie zur christlichen Überinterpretation Sebastianis, die aber trotzdem einer der Basistexte zum Verständnis von „La Cura“ geworden ist, den man lesen sollte.

 

Ti proteggerò dalle paure delle ipocondrie

dai turbamenti che da oggi incontrerai per la tua via

 

 

LK 12,23-23:  Und er sagte zu seinen Jüngern: Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Das Leben ist wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung.

 

Ob das delle in Wirklichkeit nicht eine Textschwäche und eigentliche dalle ist (wie später auch in delle tue manie) erscheint plausibel. Gott heilt von allen Ängsten (eingebildeten) Krankheiten und Verwirrungen.

 

Dalle ingiustizie e dagli inganni del tuo tempo

 

Ps 111,7: Die Werke seiner Hände sind gerecht und beständig, all seine Gebote sind verlässlich.

 

Jedes Zeitalter hat andere Ungerechtigkeiten. Es beseitigt zwar einige davon, aber es entstehen andere neue. Nur Gott (die absolute Liebe) hat das Allheilmittel.

 

dai fallimenti che per tua natura normalmente attirerai

 

Jes 1,18: Kommt her, wir wollen sehen, wer von uns Recht hat, spricht der Herr. Wären eure Sünden auch rot wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee. Wären sie rot wie Purpur, sie sollen weiß werden wie Wolle

 

Der Mensch als von der Erbsünde gezeichneter Dauerbösewicht, der Niederlagen nicht vermeiden kann.

 

Ti solleverò dai dolori e dai tuoi sbalzi d‘umore,

dalle ossessioni delle tue manie

 

Mt 11,28-30 Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.

 

Sollevare ist das berühmte Hegelsche aufheben: beenden, aufbewahren, erhöhen. Der Schmerz wird als konstituierender Bestandteil der menschlichen Existenz definiert.

 

Supererò le correnti gravitazionali

lo spazio e la luce

per non farti invecchiare

 

Joh 16,33: Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.

 

Die physikalischen und andere, an die Materie gebundenen Naturgesetze gelten für Gott nicht.

 

E guarirai da tutte le malattie,

perché sei un essere speciale,

ed io, avrò cura di te.

 

Mt 8,7 Jesus sagte zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.

Jes 43,2 Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, keine Flamme wird dich verbrennen.

Jes, 43,4 Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist und weil ich dich liebe, gebe ich für dich ganze Länder und für dein Leben ganze Völker.

 

Der Mensch als Krone der Schöpfung, der eine Spezialbehandlung verdient hat. Ist er nicht vielmehr eine Fehlentwicklung und ein Fremdkörper in der Evolutionsgeschichte? Er hat es in gerade einmal 200 Jahren geschafft, das Ökosystem der Erde zu zerstören.

 

Vagavo per i campi del Tennessee

come vi ero arrivato, chissà

Non hai fiori bianchi per me?

Più veloci di aquile i miei sogni

attraversano il mare

 

Joh 3,8 Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.

 

Bei den kryptischen fünf Versen des Breaks geht auch der endlosen Weisheit Fabrizio Sebastianis die Puste aus. Dass hier der Heilige Geist brausen soll, ist zumindest genauso fragwürdig wie die oben erwähnte These Pulinas von der Wiedergeburts-These. Um höflich zu schweigen beim Gefasel Sebastianis von den weißen Blumen als Sinnbildern der Heiligkeit und den Adlern als Symbolen der christlichen Ikonografie für das Johannes-Evangelium.

 

Ti porterò soprattutto il silenzio e la pazienza

 

Sach 2,17 Alle Welt schweige in der Gegenwart des Herrn. Denn er tritt hervor aus seiner heiligen Wohnung.

 

Kol 3,12 Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld!

 

Stille und Geduld sind zweifellos zwei Tugenden, die in der postindustriellen Welt wenig gelten. Wer am lautesten schreit, hat Recht. Zeit ist Geld. Je schneller man am Drücker ist, desto mehr kann man verdienen.

 

Percorreremo assieme le vie che portano all’essenza.

 

Ex 3,14 Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der „Ich-bin-da“. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der „Ich-bin-da“ hat mich zu euch gesandt.

 

Die italienische, lateinisch-stämmige essenza hatten wir schon im Lied „E Ti Vengo a Cercare“ angetroffen und auf die Verbindungen zum esoterischen System Georg Ivanovich Gurdjieffs hingewiesen. Es ist ein wenig peinlich, wenn jetzt dasselbe metaphysische Konzept von Sebastiani in einem rücksichtslos christlichen Sinne aufbereitet wird. Man müsste vor allem erst einmal nachweisen, dass Battiato ein streng gläubiger, dogmatisch denkender Christ im Sinne Joseph Ratzingers ist, was der sizilianische Sänger immer vehement verleugnet hat. Seltsamerweise taucht dann in den Anmerkungen des Aufsatzes Sebastianis zum Stichwort „Esoterik“ unerwarteterweise der Name des griechisch-armenischen Esoterikers auf: Die Esoterik gehört zu den Hauptinteressen Battiatos, insbesondere folgt er der ungewöhnlichen Person Georg Ivanovich Gurdjieff. Man ist baff. Wie das alles zusammenpassen soll, weiß nur der Liebe Gott.

 

I profumi d‘amore inebrieranno i nostri corpi

la bonaccia d’agosto non calmerà i nostri sensi

Tesserò i tuoi capelli come trame di un canto

Conosco le leggi del mondo, e te ne farò dono

 

Hld 5,1 Ich komme in meinen Garten, Schwester Braut; ich pflücke meine Myrrhe, den Balsam; esse meine Wabe samt dem Honig, trinke meinen Wein und die Milch. Freunde, esst und trinkt, berauscht euch an der Liebe!

 

Hier spürt man, denke ich, in den ersten 3 Versen recht auffällig einen arabisch-biblischen Einfluss und archaischen Tonfall. Was genau mit den Gesetzen der Welt gemeint ist, bleibt unklar. Wenn damit Intelligenz, Wissenschaft und Gewissen angesprochen werden, wie Sebastiani meint, können sie nicht im Gegensatz zur Göttlichen Weisheit stehen. Es wird schwierig, weil das semantische Feld Welt (mondo) im Regelfall im Neuen Testament stark negativ besetzt ist. Wie kann Gott negative Werte als Gaben bringen?

 

Ti salverò da ogni malinconia

perché sei un essere speciale ed io avrò cura di te…

io sì, che avrò cura di te.

 

1 Kor 13,5-8    Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf.  Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.

 

Hier schließt sich der Kreis mit dem Anfang des Liedes. Negative Gedanken (Traurigkeit, Melancholie, Depression) werden durch positive Spiritualität geheilt.

 

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Der dritte große Interpretationsansatz[10] basiert auf dem kulturgeschichtlichen Verständnis des lateinischen Wortes cura, das heute zwar homonym im Italienischen weiterexistiert, aber im Laufe der Jahrtausende seine Bedeutung eingeschränkt hat. Heute bedeutet es im Italienischen nur noch zwei Dinge: Aufmerksamkeit, Sorgfalt einerseits und (medizinische) Behandlung andererseits. Das gleichnamige lateinische Wort cura hatte noch eine weitere Bedeutung im Sinne von Besorgnis, Unruhe, die heute im Italienischen verloren gegangen ist. Das deutsche Wort Sorge hat erstaunlicherweise den lateinischen Ursprung erhalten. Sorge ist sowohl negativ auf sich selbst bezogen sich um jemanden/etwas Sorge(n) machen, besorgt sein, das heißt ein Gefühl von Unruhe und Angst, aber auch Fürsorge, das auf die Mitmenschen ausgerichtete Bemühen um jemandes Wohlergehen. Überhaupt ist das Wortfeld Sorge im Deutschen sehr komplex. Cura war im alten Griechenland und Rom die allegorische Göttin der Fürsorge und Pflege. Eine (bis zur Entdeckung Martin Heideggers) relativ unbekannte Fabel mit dem Titel „Cura“, die Teil des mythologischen Handbuchs Geneaologie aus dem 2. Jahrhundert nach Christus ist und wohl auf griechische Ursprünge zurückgeht, bietet historisch die erste Basis für ein Verständnis des Begriffs im Altertum. Als Autor wird Hyginus angegeben, wobei nicht klar ist, ob es sich dabei um Gaius Julius Hyginus handelt, oder um einen unbekannten Hyginus Mythographus. Da der Inhalt vermutlich vielen Leser(inne)n unbekannt ist, ist es vielleicht sinnvoll, den Originaltext in deutscher Übersetzung zu zitieren:

 

Eines Tages ging die Göttin Cura (Sorge) über einen Fluss. Da sah sie vor sich auf der Erde eine Schicht Lehm. In Gedanken versunken nahm sie ein Stück davon und formte daraus eine Gestalt. Während sie noch betrachtete, was sie da geschaffen hatte, trat Jupiter (der Göttervater) hinzu. Cura bat ihn, dass er der Gestalt Geist verleihe. Das tat Jupiter gern.

Als aber Cura dem neuen Wesen ihren Namen geben wollte, widersprach Jupiter ihr und verlangte, dass das Wesen seinen Namen tragen solle. Während sie so miteinander stritten, erhob sich Tellus (Erde) und auch sie verlangte, dass das Gebilde ihren Namen tragen solle, weil sie doch ein Stück ihres Leibes dafür gegeben habe. Weil die drei sich nicht einigen konnten, riefen sie Saturn an, damit er ihren Streit entscheiden solle. Und Saturn sagte schließlich:  Weil der Geist dieses Wesens von dir, Jupiter, stammt, sollst du bei seinem Tod den Geist empfangen. Weil du, Tellus, den Körper geschenkt hast, sollst du den Körper erhalten. Weil aber Cura es gebildet hat, soll sie es besitzen, solange es lebt. Weil dieses Wesen aber vom Boden der Erde (lateinisch: humus) genommen ist, soll es Mensch (lateinisch: homo) heißen und so von der Erde seinen Namen erhalten.

 

Im christlichen Mittelalter war die Seelsorge (cura animarum), die heute ein rein religiöser Begriff ist, wichtiger Teil der damaligen Medizingeschichte und Philosophietradition und umfasste weite Bereiche der heutigen Natur- und Geisteswissenschaften. Literarische Genres wie die Trost- und Sterbeliteratur oder die Kasuistik lieferten konkrete praktische Ratschläge für das moralisch richtige Verhalten, um die Seelen vor dem Feuer der ewigen Verdamnis zu bewahren.

 

Goethe lässt ganz am Ende des Faust II im 5. Akt in der Szene „Mitternacht“ vier graue Weiber (Mangel, Schuld, Sorge, Not) auftreten, die, aus beißenden Rauchschwaden heraustretend,  die Funktion eines schlechten Gewissens haben und von denen nur die Sorge bis zu Faust durchdringt. Der greise, hundertjährige Faust hatte nämlich in seinem egoistischen Tatendrang die Hütte des alten Ehepaars Philemon und Baucis abfackeln lassen und damit den Pakt mit Mephistopheles überspannt. Jetzt bemächtigt sich die Sorge des Gewissens von Faust und liest ihm im flinken, vierhebigen Trochäus die Leviten:

 

Ewig ängstlicher Geselle

Stets gefunden, nie gesucht

So geschmeichelt, wie verflucht

Hast du die Sorge nie gekannt?

 

Faust verzichtet auf Magie und Teufel, erblindet und akzeptiert sein gebrechliches hohes Alter. Nicht mehr das Ego und die Selbstsucht bestimmen sein Handeln, sondern die politische Sorge um die Gemeinschaft, der er sich in der knappen, ihm noch verbliebenen Lebenszeit widmet.

 

Man kann jetzt einwenden, dass Battiato und Sgalambro sehr wahrscheinlich diese Szene aus Goethes Faust II noch nicht einmal kannten, als sie „La Cura“ komponierten. Sicherlich war sich aber gerade Sgalambro der langen philosophischen Tradition und philologischen Finesse des Begriffs Cura bewusst. Der geniale Rohdiamant des Einfalls brauchte den Schliff des Meisterjuweliers. Für den deutschen Philosophen Martin Heidegger (1889 – 1976) war das Konzept der Sorge zentral für sein schwieriges philosophisches System. Die Welt ist in Sorge, einfach deswegen, weil sie von allem Anfang an in ein Geflecht von Beziehungen mit Dingen und Menschen eingebunden ist. Heidegger, der berüchtigt für seine schwierige Terminologie ist und sich leider unrettbar in den Nationalsozialismus verstricken ließ, versuchte in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ (1927) mit dem Begriff Dasein diese Idee der Sorge terminologisch besser zu fassen. Dasein ist ja im Deutschen erst einmal neutral ein Synonym für Existenz, aber dann auch gleichbedeutend mit Sorge: ich bin für jemanden da. Ich sorge mich um jemanden. Authentisches Dasein basiert auf der Sorge für andere. Auch Heidegger verwendet das Wort Sorge in seinem doppelten Sinn: als egoistische Besorgnis, einen respektierten Platz in der Gesellschaft zu ergattern, was allerdings Kompromisse, Benimmregeln und Trivialität mit sich bringt, und als altruistische Fürsorge für den Planeten Erde und die Mitmenschen.

 

© Wolfgang Haberl 2020

[1] Siehe etwa das Interview mit Giulia Santerini in der Zeitschrift „Capital Tribune“ aus dem Jahre 2004.

[2] In Baudelaires „Journaux intimes“ (1887) liest man : Pour guérir de tout, de la misère, de la maladie et de la mélancolie

[3] Pulina, Giuseppe: La cura. Anche tu sei un essere speciale. Civitella in Val di Chiana. 2010.

[4] Interview mit Giovanni Pianeta in der Zeitschrift „Sorrisi e canzoni” vom Oktober 1996.

[5] Der wichtigste Beitrag dazu ist von Fabrizio Sebastiani aus dem Jahre 2008: http://la-cura-franco-battiato.blogspot.com/2008/07/critica-e-considerazioni-sulla.html. Leider funktioniert das Herunterladen als pdf-Datei nicht mehr (Stand Dezember 2020).

[6] Ausgangspunkt für diese Gedanken ist die Webseite: http://www.unamusicapuodire.it/significato-canzone-la-cura-franco-battiato (Stand Dezember 2020). Ein Autor war für mich nicht ausfindig zu machen.  Auch Giuseppe Pulina beschäftigt sich im Kapitel „La Cura del Filoso. Affezioni“ mit Hyginus und Heidegger. Siehe: Pulina, Giuseppe: a. a. O. Seiten 69-74.

[7] Sgalambro, Manlio: Anatol. Mailand. 1990. Seiten 79-80. Zitiert nach: Pulina, Giuseppe: a. a. O. Seite 60.

[8] Pulina, Giuseppe: a. a. O. Seiten 25-32.

[9] Das liest man in den abschließenden „note“ des Artikels von Fabrizio Sebastiani: http://la-cura-franco  battiato.blogspot.com/2008/07/critica-e-considerazioni-sulla.html (Stand Dezember 2020).

[10] Die folgenden Ausführungen nehmen in manchen Teilen Bezug auf den Aufsatz von Reich, Warren Thomas: History of the Notion of Care, der in einer zweiten Fassung 1995 in der „Encyclopedia of Bioethics“ auf den Seiten 319-331 veröffentlicht wurde: https://care.georgetown.edu/Classic%20Article.html.

(Aus meinem Manuskript   © Wolfgang Haberl 2020)

La cura

Ivan Graziani: Agnese (1979)

Agnese

Se la mia chitarra
Piange dolcemente
Stasera non è sera
Di vedere gente
E i giochi nella strada
Che ho chiusi dentro al petto
Mi voglio ricordare
Io penso ad un barcone
Rovesciato al sole
In un giorno in pieno agosto
Le biciclette in riva al mare
Agnese mi parlava
Nella sabbia infuocata
Ed io non so perché
Non l’ho dimenticata
La la la la la la la la
La la la la la la la
Lei mi raccontava
Di quello che la gente
Diceva del suo corpo
Con malizia ed allegria
Ed io che sto provando
Le cose che provavo ieri
Non ho capito ancora
Se è gelosia
Se sono prigioniero
Di questo cielo nero
E di un ricordo che fa male
E se continuo a bere
I miei liquori inquinati
È vero che quei giorni
Non li ho dimenticati
È uscito un po‘ di sole
Da questo cielo nero
L’inverno cittadino
Sembra quasi uno straniero
Agnese, dolce Agnese
Color di cioccolata
Adesso che ci penso
Non ti ho mai baciata
La la la la la la la la
Agnese, dolce Agnese
Color di cioccolata
Adesso che ci penso
Io vado in bicicletta
Per sentirmi vivo
Alle cinque di mattina
Con la nebbia nei polmoni
Però non c’è più Agnese
Seduta sul manubrio
A cantare canzoni
A cantare canzoni
La la la la la la la la
La la la la la la la

E ti vengo a cercare

Hier ein Ausschnitt aus dem Manuskript, an dem ich gerade arbeite:

E ti vengo a cercare (Aus: Fisiognomica)

Cercare l’Uno al di sopra del Bene e del Male

Auch wenn der Text in einer cohenschen Schwebe zwischen spirituellen und erotischen Gelüsten wabert und man nicht weiß, ob das Gegenüber Gott oder eine konkrete Frau ist, erscheint die erste Alternative eindeutig glaubwürdiger, wie Battiato auch wortwörtlich bestätigt hat:

Es handelt sich um ein bewusst zweideutiges Lied. Die Suche ist doppelt. Auch eine Frau oder ein Mann sind wie Gott für den, der liebt. Aber tendenziell geht es um ein höheres Wesen.[1]

Diesmal hat allerdings die Spiritualität Battiatos eine christliche Schlagseite. Wie vielleicht nicht anders zu erwarten, handelt es sich allerdings nicht um akademische Konzepte aus der Rumpelkammer verstaubter kirchenamtlicher Dogmas und nach Weihrauch duftender Konzilsdekrete, sondern um ziemlich wilde und baufällige Spekulationen aus dem häretischen Umfeld der Gnosis.

Gnosis wird oft als Sammelbegriff für eine Reihe frühchristlicher esoterischer Schulen verwendet, die neben der christlichen Standardreligion hauptsächlich im 2. bis 4. Jahrhundert in Erscheinung treten.[2] Es handelt sich um, einmal wegen der problematischen Quellenlage, aber auch angesichts unvermeidlicher Vermischungen mit damals aktuellen christlichen und hellenistischen Positionen (Zarathustrismus, Pythagoreismus, Platonismus) nur mühsam einzuordnende metaphysische Strömungen mit vielen Verzweigungen und Verästelungen. Die religiös-dualistische Weltsicht der Gnostiker unterscheidet zwischen einem allgütigen und übergeordneten, allerdings auch verborgenen und desinteressierten Gott (Abraxas) und einer diesem untergeordneten Schöpfergottpaar (Demiurg), das Gut und Böse zugleich ist. Abraxas steht über diesem Schöpfergottpaar, das die Welt geschaffen hat und den Menschen an die Materie binden will. Abraxas erzeugt im selben Moment, im selben Wort und in derselben Handlung Wahrheit und Lüge, Gut und Böse, Licht und Schatten. Die menschliche Seele ist ein Schlachtfeld, auf dem dieser nie endende Kampf zwischen Gut und Böse stattfindet. Wichtig ist nicht so sehr, ein besserer Mensch zu werden, sondern den Kampf des Guten und Bösen in sich zu erkennen (von altgriechisch γνῶσις= Erkenntnis, Wissen). Valentinus, ein gnostischer Lehrer aus dem 2. Jahrhundert, entwickelt eines der umfangreichsten gnostischen Systeme und teilt die Menschen in drei Kategorien ein: Pneumatikoi (πνευματικοί=Geistartige), Psychikoi (ψυχικοί=Seelenartige) und Hylikoi (ὑλικοί=Stoffartige). Nur die ersten beiden Kategorien haben die Präsenz eines göttlichen Funkens in sich bemerkt und sich auf den Weg der spirituellen Erneuerung gemacht. Die höchste spirituelle, gottnahe und überhimmlische Zone nennt Valentinus Pleroma (πλήρωμα=Fülle), das Reich des reinen Geistes und bevölkert es mit 30 göttlichen Emanationen (Äonen), das heißt Geistwesen, die 15 männliche und weibliche Paargemeinschaften (Syzygien) bilden. Gemäß einem weiteren wichtigen Gnostiker Simon Magus, der auch im offiziellen Neuen Testament Erwähnung findet (oder vielleicht auch seinen frühen Nachfolgern), ist Gott (Abraxas) zwar einer und einziger, trägt aber einen Urgedanken Protennoia (προτέννοια) in sich, der im Keim eine zukünftige Entfaltung zur Vielheit und gar Unendlichkeit enthält. Dieses Urprinzip manifestiert sich in drei Paardualismen mit altgriechischen Bezeichnungen Nus (νοῦς=Verstand) und Epinoia (έπινοια=Vorstellung, Einsicht), Phone (φωνή=Stimme, Laut) und Onoma (ὄνομα=Name), Logismos (λογισμός=Urteil) und Enthymesis (ἐνθύμησις=Einfühlung), mit denen sich eine potentielle siebte „unendliche Kraft“ (δύναμις=Kraft) vereinigt. Nus und Epinoia sind die Grundelemente Feuer und Erde, Logismos und Enthymesis Luft und Wasser, Phone und Onoma werden zu den formenden Kräften Sonne (das Warme) und Mond (das Kalte), wobei allen die «unendliche Kraft» beigemischt ist. Alle zusammen entsprechen sie den sieben Schöpfungstagen der Bibel. Die Gnostiker sind überzeugt davon, mit solchen metaphysischen Taschentricks göttliche Offenbarungen erfahren zu haben und über ein geheimes Wissen für wenige Erleuchtete zu verfügen. Nach dem Tod begibt sich die vom Körper und der Materie befreite Seele auf eine Reise zu den Planeten, wo sie Leidenschaften und Affekte ablegt. Oberhalb der Planeten, die natürlich auf dem damaligen geozentrischen Weltbild beruhen, ist die Sphäre des Demiurgen (manchmal auch Paradies genannt), wo die Pneumatiker, die den „göttlichen Funken“ in sich tragen, ihre Seele verlieren und in das überhimmlische Reich des reinen Lichts eingehen.

Was ist für einen frommen Christen „häretisch“ an solchen Spintisierereien? Bei den Gnostikern sind Gut und Böse gleichberechtigt und aufeinander angewiesen. Bei den Christen kommt das Böse durch die Erbsünde in die Welt und muss bekämpft werden. Bei den Gnostikern ist der höchste Gott uninteressiert am Menschen und an der Materie. Bei den Christen ist Gott Mensch geworden und für sie am Kreuz gestorben. Jesus von Nazareth wird bei den Gnostikern (Valentinus) als (untergeordnetes) göttliches Wesen verstanden: Er isst und trinkt, hat aber keine Verdauung. Ein Engel mit kosmischer Darmverschlingung? Bei den Gnostikern ist der Mensch selbst göttlich. Bei den Christen hingegen sind Gott und die Schöpfung nicht aus derselben Substanz.

Wenn man sich diese Weltsicht vor Augen hält, werden die folgenden Textzeilen besser verständlich

Emanciparmi dall’incubo delle passioni

Cercare l’Uno al di sopra del Bene e del Male

Essere un’immagine divina di questa realtà

 

Die Ablehnung von Leidenschaften und Affekten, die spirituelle Suche nach einem Gott jenseits des ewigen Dualismus zwischen Gut und Böse, die Ablehnung der Materie und die Suche nach dem göttlichen Funken in sich selbst, das alles sind sicherlich Konzepte, die den gnostischen Weltsystemen sehr nahe kommen.

[1] Pulcini, Franco: ebda. Seite 81.

[2] Hier kann natürlich nicht der Ort für eine ausführliche diskursive Besprechung der Gnosis sein, bei der letztendlich noch nicht einmal die Bezeichnung eindeutig definiert zu sein scheint (Gnosis, Gnostik, Gnostizismus). Einen ersten möglichen Einstieg in die schwierige Materie bietet der schöne Artikel „Gnosis als Weg der Erkenntnis zur Befreiung des Menschen“ von Josef Frickel aus dem Jahre 2003: http://www.weltfriede.at/gnosis.htm. Eine gute Einführung findet man auch im einschlägigen Anthro-Wiki-Artikel https://anthrowiki.at/Gnosis.

Franco Battiato: Oh! Sweet Nuthin‘

Ich habe seit ein paar Wochen begonnen, an einem Buch über den sizilianischen Liedermacher Franco Battiato zu arbeiten. Da die Materie nicht leicht, die Zeit knapp und auch mein bisschen Gehirnschmalz in der Sommerhitze Italiens nicht im grünen Temperaturbereich ist, muss sich meine viel zu kleine, aber feine Fan-Gemeinde noch mit Geduld wappnen. Vor November 2020 wird da nichts kommen. Aber wie heißt es so schön: Was lange währt, wird endlich gut!

Hier ein Auschnitt aus einem Konzert Battiatos zusammen mit seiner alten Freundin Alice (2016 in Rom). Das Lied heißt Prospettiva Nevski  und stammt eigentlich aus dem Album Patriots (1980). Beigefügt habe ich den italienischen Text und die deutsche Übersetzung. Die Übersetzung hat einige auch sinnentstellende Schnitzer, aber für einen ersten Eindruck mag es genügen.

P.S: Sollte sich jemand in seinen Urheberrechten verletzt sehen, bitte ich um eine kurze Mitteilung. Ich werde die entsprechenden Inhalte dann sofort löschen.

Un vento a trenta gradi sotto zero
incontrastato sulle piazze vuote
contro i campanili
a tratti come raffiche di mitra
disintegrava i cumuli di neve.
E intorno i fuochi delle guardie rosse
accesi per scacciare i lupi
e vecchie coi rosari,
e intorno i fuochi delle guardie rosse
accesi per scacciare i lupi
e vecchie coi rosari.
Seduti sui gradini di una chiesa
aspettavamo che finisse messa
e uscissero le donne
poi guardavamo con le facce assenti
la grazia innaturale di Nijinskj.E poi di lui s’innamorò perdutamente
il suo impresario e dei balletti russi,
e poi di lui s’innamorò perdutamente
il suo impresario e dei balletti russi.
L’inverno con la mia generazion
e le donne curve sui telai vicino alle finestre.
Un giorno sulla prospettiva Nevski
per caso vi incontrai Igor Stravinsky.
E gli orinali messi sotto i letti per la notte
e un film di Eisenstein sulla rivoluzione,
gli orinali messi sotto i letti per la notte
e un film di Eisenstein sulla rivoluzione.
E studiavamo chiusi in una stanza
la luce fioca di candele e lampade a petrolio
e quando si trattava di parlare
aspettavamo sempre con piacere.
E il mio maestro mi insegnò
com’è difficile trovare l’alba
dentro l’imbrunire,
e il mio maestro mi insegnò
com’è difficile trovare l’alba
dentro l’imbrunire.
Ein Wind, 30 Grad unter Null
fegt über die leeren Plätze
gegen Kirchtürme
manchmal wie Maschinengewehrschüsse
lässt Schneewehen zerfallen
und über die Feuer der Roten Garde
angezündet, um die Wölfe zu verjagen,
und Alte mit Rosenkränzen
und über die Feuer der Roten Garde
angezündet, um die Wölfe zu verjagen,
und Alte mit Rosenkränzen
Wir sitzen auf den Stufen zu einer Kirche
und warten bis der Gottesdienst zu Ende ist
und wenn die Frauen herauskommen
dann sieht man in ihren leeren Gesichtern
den übernatürlichen Glanz von Nijinskj.Und dann verliebte er sich unsterblich in
seine russische Ballettmanagerin
Und dann verliebte er sich unsterblich
in seine russische Ballettmanagerin
den Winter mit meiner Generation
und weiblichen Rundungen auf dem Fensterrahmen
Eines Tages auf dem Newski-Prospekt
geschah es, dass ich Igor Stravinsky traf.
Und Nachttöpfe unter die Betten gestellt
und ein Film von Eisenstein über die Revolution,
Nachttöpfe unter die Betten gestellt
und ein Film von Eisenstein über die Revolution,
Wir studierten zurückgezogen in einem Raum
bei trübem Licht von Kerzen und Öllampen,
und erwarteten mit Freude
wenn es etwas zu Reden gab.
Und mein Lehrer hat mich gelehrt,
dass es schwer ist, im Dunkeln
den Sonnenaufgang zu finden
Und mein Lehrer hat mich gelehrt,
dass es schwer ist, im Dunkeln
den Sonnenaufgang zu finden.