Bernd Leitenberger: Computergeschichte(n)

Bücher über Computer und Informatik gibt es ja mehr als Sand am Meer, aber eines zu finden, dass meinen bescheidenen Sachverstand in Mathematik und Programmierkenntnissen nicht überfordert (wie etwa das als einfach (!) zu lesend hochgepriesene Buch Clark Scotts  But How Do It Know?) und andererseits bereichernd herunterzuschmöckern ist, stellt sich als gar nicht so leicht heraus. Bernd Leitenbergers Computergeschichte(n) (Die ersten Jahre des PC) habe ich gerne gelesen, auch wenn ich weiß, dass ich hier die Niederungen der Populärwissenschaft betrete und bei den zahlreichen, groben Druckfehlern des im Selbstverlag veröffentlichten Werks alle meine Augen und Hühneraugen zudrücken muss. Das Buch lässt sich flüssig und ohne Fachchinesisch herunterlesen und bleibt trotzdem informativ.

Endlich weiß ich nun, dass Jack Tramiel der Firmengründer von Commodore war. Schließlich war ja ein Commodore PC-20-II mein erster Computer. Und endlich kann ich zwischen einem 8086er-, 8088er- und 186er-Prozessor unterscheiden.

Bernd Leitenberger: Computergeschichte(n). Die ersten Jahre des Pc. BoD. Norderstedt. 2012.2014.

Im Schießstand

Ich weiß, dass es nicht schön ist, wenn man sich von manchen seiner Obsessionen nicht befreien kann, und ich befürchte auch, dass solche Zwangsvorstellungen kein gutes Licht auf mich werfen. Bestenfalls gilt man als wenig intelligent, wenn man denselben Tee ständig neu aufgießt. Manche werden auch niedrige Beweggründe (Neid, Missgunst) hinter solchen Manien vermuten. Wie dem auch sei, ich schäme mich nicht einzugestehen, dass bei mir jedes Mal, wenn ich bestimmte Interviews oder biographische Notizen von zeitgenössischen Schriftsteller(innen)n lese, die Galle überläuft und die Wutflammen hochzüngeln. Nehmen wir (noch einmal) als Schießscheibe die Deutsch- Amerikanerin Ann Cotten, die mancherorts als Lichtgestalt der aktuellen Literaturszene und als Fräuleinwunder der deutschen Lyrikszene gepriesen wurde und die ich sogar bei einem Treffen am Goethe-Institut in Neapel (2012? 2013?) selbst aus „Fremdwörtersonetten“ vorlesen gehört habe. Inzwischen sind ja wieder ein paar Jährchen ins Land gegangen. Die Dame scheint recht aktiv zu sein und ständig neue Bücher zu veröffentlichen. Da ihre Bücher für mich unleserlich sind (ich habe es vergeblich mit den Fremdwörterbuchsonetten und Der Schaudernde Fächer versucht), habe ich mir dieses Mal ihr Interview (mit wem?) im Web auf „suhrkamp logbuch“ durchgelesen und ihren aktuellen Wiki-Eintrag angesehen. Was fällt da auf?

Einmal finde ich eine gewisse Underground- und Rebellinnen-Attitüde bei einer nunmehr doch fast vierzigjährigen Frau ziemlich lächerlich und unglaubwürdig, die seit 2007 jedes Jahr fette Literaturpreise einsackt, Teil des deutschsprachigen Mainstream-Kulturrummels ist, mit den Goethe-Instituten auf der ganzen Welt zusammenarbeitet, beim berühmten Suhrkamp-Verlag veröffentlicht und Bücher übersetzt, 2017 in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen wurde etc. New German Beat Generation? Als Made im Kulturspeck kann man leicht gegen Gott und die Welt losledern und anstinken, nur dass das alles nicht sehr authentisch rüberkommt. Das ist „radical chic“ in Reinkultur und in Wirklichkeit wahrscheinlich schlicht und einfach Fake. Immerhin klingt in dem Interview an bestimmten Stellen auch ein bisschen (ich weiß nicht wie ehrliche) Selbstkritik auf:

Manchmal habe ich ja selbst Angst – man wird eben ein bisschen verrückt, wenn man nicht das »normale« Leben lebt, sondern von irgendwoher Geld bekommt und nicht spürt, wie es zusammenhängt mit dem, was man arbeitet: ein bisschen irreal. Es ist natürlich auf Anhieb gesehen ein Glück, aber es kann einen deformieren. Sogar, wenn man aufpasst. Stipendien, Preise und so weiter … Jetzt habe ich schon fünf Jahre, bis auf das Semester in Nagoya, gelebt, ohne einen normalen, alltäglichen Job zu haben. Habe zwar immer was zu tun, aber …

Ein zweiter Punkt, der mir bei Ann Cotten einen sauren Magen verursacht, ist vielleicht sogar wichtiger, weil es hier nicht nur ums schnöde Geld und materielle Überleben (die ja auch als Mundraub durchgehen können), sondern ums Verständnis von Literatur selbst geht. Von einer wie auch immer reflektierten sozialen Funktion der Literatur ist nie die Rede in dem besagten Interview, alles dreht sich im Ringelreihen um sich selbst, Literatur verkümmert zur Literaturtheorie, zum Spiel im Elfenbeinturm für wenige Reiche und Schöne, oder zumindest Satte und Privilegierte. Rapunzel hat längst einen modischen Kurzhaarschnitt und kann kein Haar mehr herunterlassen. Literatur mit Plüsch und Wattebausch außen und unten rum, elitär, abgehoben, irrelevant, uninteressant. Literatur fürs ewige Licht in den Goethe-Instituten, für Literaturseminare (die mit den vielen Fremdwörtern, die keiner versteht), als zahn- und belangloses Zahnrädchen in der weichgekochten Globalkultur des 21. Jahrhunderts. Alles bitte und das Gegenteil von allem bitte gleich mit dabei.

Von Oktober 2020 bis Juni 2021 ist sie Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien und arbeitet dort an einem Promotionsprojekt mit dem Titel Vorarbeiten zu einer empirischen Ästhetik, die auch für Maschinen funktioniert: Ein Evaluationskit für die Recyclingfähigkeit existierender Theorien.

Ich versteh da leider nur Nordbahnhof, wenn ich das im Wiki-Eintrag über sie lese. Oder aus dem schon mehrfach zitierten Japan-Interview:

Nicht anything goes und dann aber völlig undurchsichtige Erfolgs- und Selektionskriterien nach modischer Sexiness, Irrtümern, Reaktionen, angstgetriebener Selektion der Erfolgreichen, blinder, künstlich verstärkter Sozialdarwinismus als unerkannter Einfluss auf eine heimlich extrem normative Ästhetik. Die extreme Diskrepanz zwischen den proklamierten Werten und der sozialen Wirklichkeit ist ein auch ästhetischer Schmerz.

Das ist Akademiker-Sprech in Reinkultur, Aussagen, durch die der Wind, das himmlische Kind pfeift, vollmundig ja, aber inhaltsleer und unverständlich. Fallen, in welche eine Schriftstellerin nicht reinlaufen sollte.  Darf man bitte schön öffentlich sagen, dass man nicht automatisch saudumm sein muss, wenn einen solche theoretischen Positionen und solche Literatur nicht interessieren? Wahrscheinlich ist Ann Cotten ja auch nur hoffnungslos überbewertet und ein gutes Beispiel dafür, in welchem hoffnungslos desolaten Zustand die deutsche Gegenwartsliteratur und die deutsche Verlagskultur seit Jahrzehnten dahinvegetiert.

Verwundert liest man im Wiki-Eintrag auch von gegenderter Sprache oder polnischem Gendering. Greisenni? Teilnehmemnnie? Betrachterni? Oberunterösterreichermnnie? Hä? Ich versteh schon wieder nur Bahnhof Uelzen. Und bekomme den Verdacht nicht los, dass man hier mangels Ideen und Inhalten auf solche schrägen (möglicherweise vom Ansatz her vielleicht auch legitimen, aber linguistisch hilf- und haltlosen) Abstrusitäten ausweichen muss, damit die Literaturshow heiter und munter weitergeht.

Last not least, spricht Ann Cotton in dem Japan-Interview offensichtlich auch viel über die japanische Literatur und Kultur. Ich kann da nicht mitreden, aber bekomme trotzdem den Eindruck nicht los, dass die geäußerten Einsichten über Buddhismus, Kanjis, schamanistische Frauen, Pretas, Gelsen, Rinne-Tensho, Gakis  usw. sehr an der Oberfläche hängen bleiben. Das scheint mir manchmal schon kulturelles Insel-Hüpfen. Ein halbes Jahr als Stipendiatin in Tokyo, und sofort wird 2016 ein Buch mit dem mysteriösen japanischen Titel Jikiketsugai, Tsurezuregusa veröffentlicht. Im selben Jahr dann schnell noch ein Buch auf Englisch Lather in Heaven! und ein Jahr später Fast dumm! Essays von on the road. Profunde Kenntnisse des japanischen Buddhismus entwickeln sich wohl anders.

https://www.logbuch-suhrkamp.de/ann-cotten/mit-allen-mitteln-in-die-konvention/

https://de.wikipedia.org/wiki/Ann_Cotten

Jörg Fauser: Der Klub, in dem wir alle spielen: Über den Zustand der Literatur

Jörg Fauser, der bekanntlich unter reichlich tragisch-komischen Umständen 1987 mit nur 43 Jahren starb, ist heute außer in meiner Generation so ziemlich vergessen. In den 80-iger gab es einen kleinen Hype um ihn, einer seiner Kriminalromane wurde auch vermutlich ohne großen Publikumsandrang verfilmt, aber für die Literaturanthologien und Schulbücher hat es nie gereicht. Das hat viele Gründe, von denen mir mindestens zwei in den Sinn kommen: einmal war Fauser zeit seines Lebens drogenabhängig (erst Heroin, dann Alkohol) und ein solches Monster kann natürlich unseren naseweisen Sprösslingen beim emsigen Studium der deutschen Literaturgeschichte nicht zugemutet werden. Literatur hat ja immer noch diese schreckliche Aura des Erhabenen und Reinen, die vermutlich von der deutschen Klassik herrührt („Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!) und Fauser war wahrscheinlich tatsächlich weder besonders edelmütig, noch ein menschenfreundlicher Gutmensch. Jemanden mit einer Nadel in der Vene als Autor eines der wenigen wichtigen Romane der Nachkriegszeit („Rohstoff“) zu präsentieren, war dem pumperlgesunden Studiendirektor aus deutschen Landen dann doch zu viel des Schlechten.  Und dann hat Fauser ja auch keine ernstzunehmenden Romane geschrieben, das war und bleibt doch alles Schund-, Trivial- und Unterhaltungsliteratur. So tönte es schon damals aus dem Blätterwald der Feuilletonseiten und den plärrenden Mikrophonen von Literaturtagungen und Hauptseminaren. Nichts zu machen Jörg. Die Tür ist zu und bleibt auf ewig verrammelt.  Du warst und bist eine „persona non grata“ für die deutsche Literaturmafia.

Doch Fauser hat mehr zu bieten als es auf den ersten Blick scheint. Nicht nur die Lektüre des hier besprochenen Buches (das Rezensionen zwischen 1963 und 1987 veröffentlicht) beweist, ein welch engagierter und kompetenter Leser er war, auch schnelle biographische Notizen zeigen, dass der aus einem bildungsbürgerlichen Milieu stammende Fauser die deutsche und die Welt-Literatur aus dem Effeff kannte. Der Mann kennt sein Handwerk und weiß, wovon er spricht.  Und er macht das mit dem typischen hessischen (süddeutschen) Understatement. Seine dutzenden Rezensionen von Büchern in „der Klub, in dem wir spielen“ liest sich allerdings viel persönlicher, privater, polemischer und spannender als jede schimmlige Literaturgeschichte, die scheinbare Wahrheiten und Gewissheiten wie die olympischen Fackeln weiterreichen. Nur dass es in der Literatur und Kunst keine Gewissheiten und ewigen Wahrheiten geben kann, im Gegenteil: echte Kunst hat Wahrheiten und Gewissheiten immer in Frage gestellt und zerstört. Das war immer unbequem und anstrengend und hat immer schon die all-time-haters aus allen Zeiten und Orten auf den Plan gerufen. Jetzt sag doch mal nichts gegen meinen Lessing, Goethe, Thomas Mann oder Franz Kafka, du Banause!

Dass Fauser die (zugegeben nicht immer) Reichen und Schönen der deutschen Literaturgeschichte kannte, ist selbstredend. Nur dass er sie kaum eines Wortes erwähnt oder böse gegen sie losledert. Kein Novalis, kein Eichendorff, kein Keller, kein Büchner, kein Hauptmann, noch nicht mal Döblin oder sonst einer der großen Namen. Über die ist wahrscheinlich schon so viel geschrieben worden, dass es sich nicht lohnt, seinen eigenen Senf dazuzugeben. Das ist natürlich auch das kritische rote Jahrzehnt und, mehr noch, die Punkattitüde der achtziger. Böll, Grass, Handke werden zwar ab und zumal im Buch erwähnt, aber nur, um seiner großen Abneigung gegenüber ihnen Ausdruck zu verleihen. Überhaupt hat es Fauser mit den Tendenzen der damaligen Gegenwartsliteratur (und diese Kritik müsste wahrscheinlich heute noch schärfer ausfallen): zu viel Innerlichkeit und Wehleidigkeit einerseits, zu heftiges Schwenken der roten Fahnen andererseits. Die deutsche Lyrikszene findet er besonders beschissen (Artikel „Fader Geschmack“). Alles geschlossene Gesellschaften mit dem damaligen Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki als nie hinterfragtem Häuptling. Leichenschmaus in Loccum, wie einer der Artikel im Buch heißt. Dort liest man:

War nicht jedes Thema, das die Bildung, insbesondere die Fortbildung, aufgriff, von vornherein erledigt, so peinlich wie das Spülwasser von gestern und so passé wie die Schlagzeile von heute früh? War nicht dieses ständige hündische Beschnuppern, Besabbern, Begrapschen und Anspringen jeglichen halbwegs originellen Gedankens, den 4000 Jahre Kulturgeschichte ausgespien haben über die Leichenberge hinweg, der endgültige Tod jedes halbwegs originellen Gedankens? Ich biss in die niedersächsische Pizza und dachte: So tot wie dieses Stück Mürbeteig sind alle Themen, die je in Bildungskreisen zur Diskussion gestellt wurden. Und tot wie unsere Themen sind wir selbst. Ich blickte mich um. Lauter Tote, die sich tote Themen und toten Fraß in ihre leichenstarren Münder stopften. Loccumer Leichenschmaus. Ich wollte nicht tot sein. Ich flüchtete in die Kneipe.

Retten tut Fauser nur wenige: Andreas Gryphius, Günther Eich, Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler. Ansonsten mag er Joseph Roth und Rudolph Dietzen/Hans Fallada (beide mit erheblichen Drogen- und Alkoholproblemen) und dann viele heute ziemlich unbekannte (zumindest mir), aber oft denke ich, absolut entdeckenswerte Schriftsteller: der Schweizer E.Y. Meyer, Jürgen Ploog, der Italiener Dino Segre (Pittigrilli), Hans Frick, Hans-Werner Kettenbach, Karl-Günther Hufnagel. Da hat man als Leser/in doch zumindest die Gewissheit, nicht alles schon vorher zu kennen, sondern sich nach der Lektüre auf literarische Entdeckungsfahrt begeben zu können.

Aber eigentlich mag Jörg Fauser ja die nordamerikanische Literatur. Nicht umsonst heißt die letzte Rezension „Letztlich … Die amerikanische Literatur ist vital, die deutsche schlapp“. Ich befürchte, dass es dieses Schlupfloch heute nicht mehr gibt in Zeiten, in denen auch die nordamerikanische Literatur immer mehr ihre gesellschaftsverändernde Kraft verloren hat wie im Übrigen natürlich auch die Literatur auf der ganzen Welt. Den optimistischen Glauben an die Literatur, den sich Jörg Fauser bewahrt hat, haben wir inzwischen alle leider verloren. Literatur ist heute immer weniger lebendige Literatur und immer mehr Geschichte der Literatur. Und dieser Prozess wird sich in den nächsten Jahrzehnten immer mehr verstärken.

Vor allem nordamerikanische Literatur (wie gesagt), wenn man einmal von dem Engländer George Orwell und dem Schweden Per Wahlöö absieht. Fauser mag Hemingway (von dessen sarkastischen und lakonischen Stil er sich sicher mehr als eine Scheibe runtergeschnitten hat), er mag die Beats (Jack Kerouac und William Burroughs), er mag Charles Bukowski, mit dem er persönlich ein langes Interview geführt hat. Aber Fauser mag vor allem die amerikanischen Kriminalromane, deren Weltbild ihm wohl behagte: das Leben ist kurz und schlecht, Fressen oder Gefressen werden, du bist moralisch im Recht, aber das nützt dir nichts, denn der serienmäßige Bandit schießt dich über den Haufen, Liebe gibt es keine und ich geh dann mal eben schnell ins nächste Puff.

Fauser mag Chester Himes, Eric Ambler, Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Graham Greene, Federic Forsyth, Mickey Spillane, James Hadley und andere mehr. Das ist ein Genre, wo ich persönlich wenig mitreden kann und das mich auch wenig interessiert. Fausers Kriminalromane (zum Beispiel „Der Schneemann“ (1981) oder „Das Schlangenmaul“ (1985)) halte ich eher für Fausers schwächere literarische Leistungen.

Als Dessert noch einige Zeilen aus Fausers Verriss des damals letzten Romans von Günther Grass „Die Rättin“:

Immer wenn Günter Grass wieder einen Roman geschrieben hat, legt der Kritikerpapst in Frankfurt das beste Oberhemd an, die beste Krawatte. Dienstbekleidung. Mit ihnen ist er groß geworden, mit Heinrich Böll und Martin Walser, mit Siegfried Lenz und Günter Grass, und sie sind groß geworden mit ihm. Letzte Saison war ja fulminant, als sie alle mit ihren neuen Romanen rauskamen und der Böll auch noch gleich gestorben ist, ein richtig guter Herbst war das, nur der Grass sei nicht rechtzeitig fertig geworden, hieß es, der Kritikerpapst weiß es besser. Der Grass hat es vorgezogen, im Frühjahr rauszukommen, allein, da ist er dann der Platzhirsch. Dem Kritikerpapst gefällt diese Einstellung nicht. Vielleicht wäre es an der Zeit, dem Mann klarzumachen, dass 500 Seiten Geraune und Gestaune, Suppenrezepte und Märchenaufguss, kaschubische Secondhand-Folklore und politisches Round-table-Gedöns noch lange kein Roman sind.

Der Klub, in dem wir alle spielen: Über den Zustand der Literatur

Franco Battiato: Oh! Sweet Nuthin‘

Auch wenn es in den letzten Jahren sehr viel stiller um den fünfundsiebzigjährigen sizilianischen Allroundkünstler Franco Battiato geworden ist (wozu auch Gerüchte um eine mysteriöse Krankheit beigetragen haben), gehört er sicherlich weiterhin zu den großen Superstars der italienischen Musikszene. Der wohl wichtigste Kritiker Fabio Zuffanti hat ihn sogar in eine Reihe mit Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini und Antonio Vivaldi gestellt. Doch außerhalb Italiens ist Franco Battiato oft unbekannt geblieben. Haberls Studie ist das erste Buch in nicht-italienischer Sprache über den Ausnahmekünstler und möchte dem deutschsprachigen Publikum vor allem die thematischen Inhalte seiner 30 Studioalben näherbringen, die als U-Musik klassifiziert werden, ohne aber Battiatos reiche E-Musik- und Filmproduktion völlig aus den Augen zu verlieren.

Oh! Sweet Nuthin‘

Schluss mit lustig oder Riposto ist doch ein Stadtviertel von New York

Immer wieder ist unter Battiato-Experten auf die sizilianische Herkunft des Liedermachers hingewiesen worden, um seine Nähe zu orientalischen Philosophien und „östlichen“ Weltansichten zu erklären. Schließlich war ja Sizilien in seiner Geschichte Schauplatz arabischer Eroberungsfeldzüge gewesen und ist nicht nur geographisch nah dran an der Küste Nordafrikas. Mich selbst überzeugen allerdings solche enthnopsychologischen Erklärungsansätze nur wenig. In unserer posthochzwei-modernen westlichen Kulturwelt (in der sich das „post“ in immer kürzeren Abständen exponentiell vervielfacht) leben wir Bewohner der Ersten Welt alle wie in einem gigantischen globalen Supermarkt der Weltanschauungen. Wir rollen unsere smarten Einkaufswagen durch diese Geisterbahn der Ideen und holen uns aus den prall gefüllten Regalen das heraus, was uns am meisten passt und schmeckt. Ein solches mentales Amazon- oder Aliexpress-System, wo Karl Marx gleich hinter Mars-Riegel indiziert ist, funktioniert überall gleich: ob Madrid, Prag, Athen oder Budapest spielt eigentlich keine (oder zumindest keine entscheidende) Rolle. Unsere kulturelle Ausrichtung ist weniger von der jeweiligen geographischen Herkunft und Sprache als von sozialen Vorgaben, persönlichen Vorlieben und einem wahrscheinlich letztendlich unerklärbaren privaten Gemütskorsett beeinflusst. Es ist seit einiger Zeit bei Soziologen immer mehr die Rede von Auflösungs- und Zersetzungserscheinungen dieser westlichen Kulturlandschaften, von „flüssigen Gesellschaften“ und zentrifugalen Mechanismen mit starken Fliehkräften, welche immer mehr Systemelemente nach außen in die Peripherie verdrängen und ein Verbleiben im begehrten Machtzentrum fast unmöglich machen. Und tatsächlich scheint seit Jahrzehnten unser einfallsloses und marodes Kulturleben bestenfalls im Leerlauf auszurollen oder, wahrscheinlicher, fatal ab- und rückwärts zu trudeln. Es gab jedoch ab den 60-iger Jahren und bis in die 80-iger Jahre des vorigen Jahrtausends hinein noch größere relevante kulturelle Strömungen, von denen man unweigerlich mitgerissen wurde. Heute ist authentische Kultur längst in einem weltweiten Leipziger Allerlei verloren gegangen, wo Platon und Schopenhauer dasselbe Gewicht auf die Waage bringen wie die neue siebenundsiebzigste Rolex von Ronaldo oder die Darts-Würfe des German Giant Gabriel Clemens. Zlatan Ibrahimovic kauft sich Wald in Schweden für drei Millionen Euro, um dort zu jagen, zu fischen und im Winter im Motorschlitten durch den Pulverschnee zu rasen.Das sind heute die für meine Generation unerträglichen kulturellen Neuheiten. Battiato ist sicherlich ein Kind dieser kritischen 60-iger und 70-iger Jahre mit ihrem nach-freudianischem Unbehagen in der Kultur, ihrer Abneigung klassischer bürgerlicher Erziehungsideale und Werte und ihrer Suche nach einer besseren anderen Welt. Man glaubte nicht mehr an Wilhelm Meisters lineare Persönlichkeitsevolution zum edlen, hülfreichen und guten Menschen, hasste das Motto der Olympischen Spiele „Citius, Altius, Fortius“ sowie Ingolstadts „Vorsprung durch Technik“ und blickte nach einer weiteren schweren Persönlichkeitskrise nicht auf die Sonnenseite, sondern auf das modrige Moos im Schatten der westlichen Kultur. Die schweigende Mehrheit der Gesellschaft, die mit beiden Füßen fest auf dem Boden der Tatsachen zu stehen schien, hasste diese versprengten Spinner und Revoluzzer. Dennoch haben die historischen Verdienste dieser Freaks und Drop-Outs die Zeiten überlebt. Ohne dass hier der Ort sein kann, ihnen die moralische Rehabilitierung der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft detailliert gutzuschreiben oder gar über die prophetische Voraussicht des Beginns einer neuen multimedialen Ära zu schwadronieren, die in den folgenden Jahrzehnten (Jahrhunderten) die gesamte kulturelle Gemengelage der okzidentalen Kultur komplett auf den Kopf stellen würde, sei mir an dieser Stelle erlaubt, zumindest anzumerken, dass diese Generation  das erste Mal (schüchtern und ohne schnelle politische Konsequenzen) auf die bleibenden katastrophalen Umweltschäden hingewiesen hat, die der umjubelte maschinelle Fortschritt seit der industriellen Revolution mit sich gebracht hatte. Heute sind solche grünen Standpunkte Mainstream und in aller Munde, damals vor einem halben Jahrhundert handelte es sich um bekämpfte und belächelte Außenseiterpositionen einer kleinen Minderheit. Die klügsten und ehrlichsten Geister dieser Protestkultur hatten allerdings schnell begriffen, dass allzu optimistische Utopien von einem besseren Menschen und einer gerechteren Gesellschaft im Laufe der Geschichte mit schöner Regelmäßigkeit Schiffbruch erlitten und kläglich abgesoffen waren, vermutlich ganz einfach wegen der endogenen und im humanen Bios verankerten Bösartigkeit der menschlichen Natur, die zusammen mit der genauso anlagebedingten Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz jeden Utopieentwurf a priori schwer belasteten musste.

Wo ist das Schlupfloch? Der düster schwarze Nihilismus muss gesüßt werden, um ihn runterschlucken zu können. „Oh! Sweet Nuthin‘“ ist ein Lied der nordamerikanischen Rockband Velvet Underground aus ihrem vierten und letzten Album „Loaded“ (1970), als die Band schon in Auflösung begriffen war und Frontman Lou Reed seit Monaten fehlte. Das geniale Lied, das etliche handwerkliche Schwächen aufweist, erzählt die Geschichte von vier Verlierern der amerikanischen Gesellschaft, die absolut nichts mehr besitzen. Jimmy Brown hat sein letztes Hemd verloren. Ginger Brown ist depressiv. Ihm werden die Schuhe von den Füßen weggestohlen und er lebt auf der Straße. Polly May ist ohne Zuhause und obdachlos. Joanna Love ist Nymphomanin und wird in ihrer Sucht nach Liebe nur ausgenutzt. Seltsamerweise endet das Lied aber nicht in dem erwarteten aggressiven, düsteren und verzweifelten Nihilismus, sondern schaufelt sich den Weg frei für eine seltsame Euphorie und Ekstase der Musik. Der Nihilismus ist nicht mehr verbittert und verbiestert, sondern süß. Und hier gibt es dann Raum für viele mehr oder minder kühne, überzeugende oder abstruse Spekulationen und Assoziationen. Die Ekstase und Euphorie der Musik entspricht möglicherweise der (temporären) Persönlichkeitsauflösung bei der buddhistischen Meditation und mündet in den Gedanken der Reinkarnation ein. Dem Tod wird dadurch der Stachel des definitiven Endes gezogen. Das Märchen „Die Sterntaler“ käme mir in den Sinn, das Georg Büchner in seinem „Woyzeck“ so grausam zerfleischt hat, wo das arme Waisenkind alles verliert, bevor es für seine Nächstenliebe fürstlich belohnt wird. Die Letzten werden die Erstens ein. Im Augenblick des absoluten Vakuums, als das Mädchen in einer eiskalten Winternacht sein letztes Hemd verliert/verschenkt hat und absolut nichts mehr besitzt, wird das Nichts plötzlich süß. Der Himmel öffnet sich und lässt die himmlischen Bitcoins Sterntaler herunterregnen. Ein solcher „deus ex machina“ ist zugegeben nur im Märchen und in der Sonntagspredigt des Stadtpfarrers möglich, die kein Mensch mehr hören will. Rational ist sie nicht fassbar. Eine zutiefst religiöse (christliche) Botschaft, allerdings sehr widersprüchlich gepaart mit dem Regen hart klingender Goldmünzen. Eine Abbildung des Märchens gab es auf der Rückseite des letzten 1000-DM-Scheins der Deutschen Bundesbank.

Franco Battiato kennt sicherlich die Gruppe Velvet Underground. Man denke nur etwa an „Shock In My Town“ (1998). Auch bei ihm ist durchgehend ein nihilistischer Grundton in seinen Songs spürbar, der nur durch die Annäherung an orientalische Philosophien (Gurdjieff, Buddhismus, Reinkarnationsglaube, Karma) gelindert/versüßt werden kann. Kein „dolce far niente“, keine italienischen Stereotypien, sondern eine grausame Konfrontation mit der splitternackten Wahrheit, dem zeitlosen „dolce niente“.

Gesualdo Bufalino (Fortsetzung)

Gesualdo Bufalino, der längst zu den Klassikern der italienischen Erzählmoderne zu rechnen ist, fällt aus verschiedenen Gründen aus dem Kanon der Must-Have-Attribute heraus, die heute für Erfolgsautoren gelten. Sicherlich hängt das auch mit seinem Geburtsjahr zusammen („seltsamerweise“ wurde sein hundertjähriger Geburtstag am 15.11.2020 nirgendwo in den Medien eines Wortes gewürdigt), aber wahrscheinlich mehr noch mit Positionen und Denkweisen, die mit der aktuellen globalen Mainstreamkultur kaum vereinbar sind.

Der sizilianische Autor besitzt eine klassische philologische Bildung, die in dieser Qualität heute nur noch schwer anzutreffen ist. Nicht nur Anekdoten, dass er sich mit seinem Schuldirektor auf Lateinisch unterhalten konnte, auch seine große Privatbibliothek und seine Übersetzertätigkeit (zumeist aus dem Französischen) legen ein beredtes Zeugnis dafür ab. Abseits der wohltönenden großen Namen der Literatur übersetzte er meist „zweitrangige Autoren“ und entwickelte schon in frühen Jahren ein extrem professionelles Verhältnis zur Sprachverwendung. Er versuchte sich an einer unmöglichen Rückübersetzung vom Italienischen ins Französische der „Les Fleurs du Mal“ (1857-1868) von Charles Baudelaire und setzte sich mit den letztendlich unlösbaren Problematiken der Übersetzung poetischer Werke auseinander: Bewahrung von Rhythmus und Reim, wörtliche oder freie Übertragung usw.

Bufalino war sehr stark an seine Heimatstadt Comiso in Sizilien gebunden, deren berühmtester Sohn er wurde und die er in zahlreichen seiner Schriften erwähnt. Er hasste Reisen und ist für unser heutiges arrogantes Selbstverständnis ein erfrischend beschränkter und provinzieller Autor, dessen Bescheidenheit und Demut nur wohltun kann. Mit diesem Provinzialismus hat Bufalino gerne auch sarkastisch kokettiert und seine Heimatstadt liebevoll-verächtlich als „schwarzes Loch“, „Schlossgefängnis“, „Wallfahrtsstätte“, „Höhle“, „Mutterleib“, „eiserne Lunge“ etc. tituliert. Anfang der achtziger Jahre, als mit seiner späten Erstveröffentlichung „Diceria dell’Untore“ (1981) ein regelrechter Bufalino-Hype in Italien losgetreten wurde, geriet das kleine Comiso in den Konflikt der Supermächte und das Blitzlichtgewitter der Schlagzeilen, als auf seinem kleinen Militärflughafen „Vincenzo Magliocco“ Nuklearsprengköpfe deponiert wurden. Erst 10 Jahre später im Jahre 1991 wurden diese Atomraketen (Cruise Missiles) wieder abgezogen.

Bufalino war bis Mitte der fünfziger Jahre ein obsessiver Kinogänger und führte darüber in den Jahren von 1934 bis 1955 obsessiv Buch. Gerade für den Stummfilm aus Hollywood und Europa und dann den Autorenfilm von Regisseuren wie Charlie Chaplin, Friedrich Wilhelm Murnau, Wsewolod Illarionowitsch Pudowkin , Carl Theodor Dreyer, Fritz Lang, Erich von Stroheim (und manche andre mehr) hatte er großes Interesse. Sein Schreibstil wurde entscheidend vom Kino beeinflusst. Für das damals aktuelle Kino der neunziger Jahre hatte er allerdings nur verächtliche Worte übrig und beklagte dessen Krise der Fantasie, den Kult eines unnützen Spektakels und generell zu viel Kalkül bei der Realisierung der Kinoprojekte.

Bufalino war ein großer Jazz-Fan und verehrte neben großen Namen wie Charlie Parker, Louis Armstrong, Duke Ellington und Billie Holiday viele einem größeren Publikum unbekannte Musiker wie Coleman Hawkins, Jack Teagarden, Bix Beiderbecke oder Jelly Roll Morton. In seinem letzten Roman „Tommaso e il Fotografo Cieco“ (1996) beklagt sich – heute in Zeiten von Spotify und Streaming nur noch mit Mühe nachvollziehbar – der Protagonist (Bufalino) darüber, wie sich die Aufnahmetechniken der Schallplatten in nur wenigen Jahrzehnten geändert hätten und merkt trotzig an, dass er die alten Mikrorillenschallplatten mit 78 Umdrehungen pro Minute am meisten liebe.

Gesualdo Bufalino

Es ist eine Schande, dass sich noch nicht einmal hier in Italien irgendjemand daran erinnern will, dass heute der hundertjährige Geburtstag von Gesualdo Bufalino ist. Jeden Tag präsentiert uns das Fernsehen ein schlechtes und uninteressantes Buch nach dem anderen, dabei würde es reichen, ein paar neue Bücher weniger zu schreiben und dafür ein paar Klassiker mehr zu lesen.

Capita a volte di sentirsi per un minuto felici. Non fatevi cogliere dal panico: è questione di un attimo e passa.

Aus „Il Malpensante“1987.

Halbgar

Halbgar

Diesmal
Mach ich alles falsch
Vom A bis zum Zwanzigsten Zweiten Zwanzigtausendzwanzig
Und noch ne Schippe drauf
Leg ich
Mich in die Nesseln
Neben die niedlichen
Blutegel Igitt
Könnt ihr mich mal
Im Traum
Und anderswo
Die Festplatte der Erinnerung
Wurde atombombensicher gelöscht
I learned that
From Mr. Kim Jong-un
Könnt ihr mich zweimal
Ihr Alleswisser
Ihr Besserkönner
Halbtot bin ich
Dead man walking
Halbe Seide am Wickel
Alleiner als du
Ist nur Müllers Kuh
Mogel mich
Mit einem Plastikgerippe
Als Beifahrer
Auf die Spur
Für Fahrgemeinschaften

Wolfgang Haberl ©2020

Pasolini Io sono una forza del passato

Am 18. Juli waren wir etwas nördlich von Rom im Castello di Santa Severa. Dort hatte am selben Tag eine kleine Ausstellung eröffnet, wo von bekannten Schriftstellern komponierte Lieder zu sehen und zu hören waren. Unter anderem war dort auch ein vertontes Gedicht von Pier Paolo Pasolini präsent. „Io sono una forza del passato“ aus dem Gedichtband Poesia in forma di rosa, immerhin schon 1964 veröffentlicht, aber trotzdem unheimlich direkt und ins Mark treffend.

Io sono una forza del Passato.
Solo nella tradizione è il mio amore.
Vengo dai ruderi, dalle chiese,
dalle pale d’altare, dai borghi
abbandonati sugli Appennini o le Prealpi,
dove sono vissuti i fratelli.
Giro per la Tuscolana come un pazzo,
per l’Appia come un cane senza padrone.
O guardo i crepuscoli, le mattine
su Roma, sulla Ciociaria, sul mondo,
come i primi atti della Dopostoria,
cui io assisto, per privilegio d’anagrafe,
dall’orlo estremo di qualche età
sepolta. Mostruoso è chi è nato
dalle viscere di una donna morta.
E io, feto adulto, mi aggiro
più moderno di ogni moderno
a cercare fratelli che non sono più

 

 

 

Stand der Dinge

Unser WM-Held und Kapitän

grölt in Kroatien Nazi-Lieder

Seine Ex mit Six-pack

hüpft von der Luxusyacht

in das kristallklare Wasser von Ibiza

Die Yacht gehört nicht dir mein lieber Freund

sondern Vici Swarowski

Schreibt man das so

Speedboating im Wörthersee

Die vielen verwesenden Kadaver

In den Slums von Mumbai

Denkt man das so