Gimme Some Truth

Nicht, dass sich seit John Lennons Zeiten irgend etwas geändert hätte …

I’m sick and tired of hearing things
From uptight, short-sighted, narrow-minded hypocritics
All I want is the truth
Just gimme some truth
Ive had enough of reading things
By neurotic, psychotic, pig-headed politicians
All I want is the truth
Just gimme some truth

No short-haired, yellow-bellied, son of tricky dicky
Is gonna mother hubbard soft soap me
With just a pocketful of hope
Money for dope
Money for rope

No short-haired, yellow-bellied, son of tricky dicky
Is gonna mother hubbard soft soap me
With just a pocketful of soap
Money for dope
Money for rope

I’m sick to death of seeing things
From tight-lipped, condescending, mamas little chauvinists
All I want is the truth
Just gimme some truth now

I’ve had enough of watching scenes
Of schizophrenic, ego-centric, paranoiac, prima-donnas
All I want is the truth now
Just gimme some truth

No short-haired, yellow-bellied, son of tricky dicky
Is gonna mother hubbard soft soap me
With just a pocketful of soap
Its money for dope
Money for rope

Ah, I’m sick and tired of hearing things
From uptight, short-sighted, narrow-minded hypocrites
All I want is the truth now
Just gimme some truth now

Ive had enough of reading things
By neurotic, psychotic, pig-headed politicians
All I want is the truth now
Just gimme some truth now

All I want is the truth now
Just gimme some truth now
All I want is the truth
Just gimme some truth
All I want is the truth
Just gimme some truth

 

 

Byung-Chul Han: Die Austreibung des Anderen

„Die Austreibung des Anderen“ ist das dritte Buch des in Berlin lebenden Erfolgsautors Byung-Chul Han, das ich gelesen habe, und es ist von den dreien das schwächste, dünnste und mit 20 Euro auch ziemlich unverschämt teuerste Buch des Autors. Solche qualitativen Einbrüche sind bei einem Vielschreiber wie Han vermutlich unvermeidlich und ändern nichts an meinem grundsätzlich positiven Urteil, dass er der interessanteste neue Philosoph ist, den ich kenne. In den zwölf Kapiteln des Buchs, von denen nur die ersten drei wirklich interessant sind, führt Han seine vernichtende Kritik der digitalen Revolution, der Globalisierung und des Neoliberalismus weiter. In der „Hölle des Gleichen“ wächst kein Gras mehr. Eine unkontrollierbare Sucht nach Smartphones und Selfies produziert wild wuchernden Narzissmus, immer mehr Trash-Kultur und nur scheinbare Authentizität. In Wirklichkeit sind wir so einzigartig wie die Ratten in den Versuchslabors oder die Hamster in den Käfigen der Kinderzimmer. Ein Exzess an Kommunikation, Information, Produktion und Konsum macht uns alle krank. Interessant ist auch Hans Gedanke, dass die Gewalt der Globalisierung als Gegenströmungen einen neuen Nationalismus, neue faschistoide Rechtsparteien und grundsätzlich Terrorismus als Gegenreaktionen erzeugt.

Natürlich halten manche Han für einen Populärphilosophen und Scharlatan, etwa hier. Das ist bei so viel Erfolg und Kreativität auch unvermeidlich.

 

Retrotopia

Zygmunt Baumans letztes Buch vor seinem Tod im hohen Alter von 91 Jahren analysiert sehr treffend ein Kulturphänomen, das unsere Gesellschaft seit Jahren charakterisiert. Wir sind nicht mehr in der Lage, nach vorne zu blicken und Zukunftsmodelle zu entwerfen, sondern orientieren uns nur noch nach hinten in die Vergangenheit. „Retro“ und „Utopia“ als neues Wort zusammengeschrieben ist eigentlich ein Widerspruch, aber kennzeichnet immer stärker unser Verhalten. Das geht weit über die klassische Nostalgie, für die früher immer alles besser war, hinaus und scheint wohl ein Nebenprodukt der sich noch im Anfangsstadium befindlichen digitalen Revolution zu sein, deren Einschätzung uns allen so große Kopfschmerzen bereitet. Das Buch ist (neben einem Vor- und Nachwort) ein bisschen willkürlich in vier Teile gegliedert, in denen Bauman versucht, seine Visionen der heutigen Gesellschaft zu beschreiben. Der erste Teil „Zurück zu Hobbes?“ provoziert mit der These, dass uns ein Sturz in die dunklen Zeiten vor Thomas Hobbes droht. Dieser hatte ja bekanntlich in seinem „Leviathan“ (1651) die Gründung von Staaten und Gesellschaftsverträgen damit verteidigt, dass der Mensch nur so seinen Naturzustand des Krieges aller gegen alle überwinden kann. Hier nimmt Bauman seine berühmte These der „flüssigen Gesellschaft“ wieder auf, nach welcher staatlichen Ordnungen immer labiler und schwächer werden. Der zweite Teil spricht von den neuen Strömungen des Nationalismus und Populismus („Zurück ans Stammesfeuer“), gegen die momentan kein Kraut gewachsen zu sein scheint. Im dritten Teil wird der Illusion der Gleichheit eine Abfuhr erteilt („Zurück zur sozialen Ungleichheit“), denn in unseren Gesellschaften werden die Reichen immer reicher und weniger, die Armen immer mehr und ärmer. Auch der vierte Teil des Buchs („Zurück in den Mutterleib“) knüpft an Bekanntes an. Für Bauman gibt es keine Solidarität in der Gesellschaft mehr, sondern immer mehr egoistische Einzelkämpfer, die nur noch Konsum und Selbstoptimierung an ihre Pinwand geschrieben haben.

In einem Schreibstil, der für meinen Geschmack ein bisschen zu populärwissenschaftlich und aphoristisch ist, verliert der Leser allerdings oft den roten Faden der Gedankenführung und muss sich mit einer Unmenge zitierter Bonmots über die Seiten und Zeiten retten wie diesem hier von Tim Jackson (auf Seite 150): It’s a story about us, people, being persuaded to spend money we don’t have on things we don’t need to create impressions that won’t last on people we don’t care about. (https://www.ted.com/talks/tim_jackson_s_economic_reality_check/transcript. Stand Januar 2018)

Zygmunt Bauman – Retrotopia

Nocheinmal zum Thema Pseudo-Verlage

Ich muss jetzt doch noch einmal auf das Thema Pseudo-Verlage (Druckkostenzuschussverlage) zurückkommen und ein bisschen Dampf ablassen. Ich hatte bisher ja sehr schlecht über den Südwestbuch-Verlag gesprochen, der aber zumindest ein gewisses menschliches Gesicht gezeigt hat und in manchen Zeiten auch bis an seine Grenzen gegangen ist.  Beim Berliner Westkreuz-Verlag war alles noch schlimmer, weil er nur die Notsituation eines No-Name-Schriftstellers ausgenutzt hat, der nach dem Streit mit dem Südwestbuch-Verlag keinen Verleger mehr hatte, um seinen Roman zu veröffentlichen.  In Zeiten von Self-Publishing und Print-On-Demand hätte ich Hornochse auch sofort an einen dieser Anbieter denken können. Es gab nun wirklich keine Notwendigkeit, den ersten Roman eines unbekannten Autors in einer Auflage von 500 Stück zu drucken, wenn nicht die, seine eigenen Druckmaschinen kostengünstig auslasten zu können und den armen, blöden Autor um € 4000 zu erleichtern.  Ich will ja gar nicht in Abrede stellen, dass solche „Dienstleister“ für ihren Service (Korrektorat, Covererstellung, Satz, Verlagslogistik) Geld verlangen dürfen, aber, wenn man bedenkt, dass das Buch schon vorlektoriert worden war, wäre eine Auflage von 50 Stück und Kosten von vielleicht € 1000 viel realistischer und fairer gewesen. Aber um Fairness geht es den Pseudo-Verlagen ja nicht. Sie wollen an der Eitelkeit der Jungspundautoren kräftig verdienen und lassen sich alles als Vorkasse bezahlen.  Wenn man dann auf seiner Auflage sitzen bleibt, hat nicht der Verlag, sondern der Autor den Schwarzen Peter. Beim ersten Buch, das ich beim Westkreuz-Verlag teuer verlegte, gab es immerhin noch einen Vertrag, der mir die Rechte am Buch beließ.  In der Folge wurde das Verhältnis zum Westkreuz-Verlag immer frostiger, sicher auch deswegen, weil die bisherige Ansprechpartnerin aus dem Verlagsleben ausgeschieden war und der neue Chef einen arroganteren Umgangston pflegte. Beim zweiten Buch hatte er das Interesse an mit als Autor schon gänzlich verloren und fand noch nicht mal die Zeit, um beide Seiten einen schriftlichen Vertrag dafür unterschreiben zu lassen. Die Kosten hatten sich jetzt halbiert (ich war jetzt mit immer noch mehr als € 2000 Euro im kenternden Boot), aber auch diesmal verdiente nur der Westkreuz-Verlag an dem Geschäft. Ich war wieder einmal der Gelackmeierte. Auf meinen Wunsch, ein drittes Lyrik-Buch diesmal kostenlos zu verlegen, hat es der Besitzer noch nicht für nötig befunden, zu reagieren. Auf E-Mails nach Freiexemplaren antwortet nicht mehr der Chef selbst, sondern seine Sekretärin.  Und da soll man vor Zorn nicht fauchen und züngeln!

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Leonard Cohen: Die Ohnmacht der Worte

Ende 2012 veröffentlichte der Südwestbuch-Verlag mein Sachbuch über Leonard Cohen, das allerdings dann schon einige Monate später aufgrund der Androhung einer Unterlassungsklage von Seiten einiger meiner Familienangehörigen, die sich in Teilen meines Buchs in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt sahen, wieder vom Markt genommen werden musste. Da die rechtliche Auseinandersetzung nicht mich selbst, sondern den Verlag selbst betraf (und indirekt vielleicht noch die externe Lektorin, die mit dem Buch leider überfordert war und versagt hat) , wurde ich bis zum heutigen Tag nie detailliert über den Stand der Dinge informiert. Ich weiß bis heute nicht, ob der Streit inzwischen beigelegt worden ist (wovon ich ausgehe), ob alles mit einer gütlichen Einigung und Zahlung eines Schmerzensgeldes endete oder ob es doch zu einem Prozess (1. oder 2. Instanz?) kam. Auch bin ich mir angesichts der vielen verschiedenen Firmenbezeichnungen des Verlags überhaupt nicht sicher, ob  der ursprüngliche Südwestbuch-Verlag, mit dem ich die Verlagsverträge unterzeichnete, in seiner damaligen Firmierung heute noch existiert. Was ich sicher weiß ist lediglich, dass ich im Jahre 2014 unaufgefordert einen Kostenbeitrag in Höhe von € 2000 an den Südwestbuch-Verlag geleistet habe, weil ich mich, wenn nicht streng juristisch, so doch ethisch und moralisch für die entstandene unglückliche Situation mitverantwortlich fühlte. Heute würde ich eine solche Geldzahlung allerdings nicht mehr leisten, weil sie letztendlich nichts Positives bewirkt hat. Nachher ist man ja bekanntlich immer klüger. Das Buch „Leonard Cohen: die Ohnmacht der Worte“ ist seit Anfang 2013 (immerhin fast 5 Jahre!) vom Markt verschwunden und ich habe vom Verlag nie eine Aufforderung dazu bekommen, das Manuskript umzuschreiben und von den brisanten Stellen zu befreien, um eine Neuauflage möglich zu machen. Eine solche Aufforderung wird mich auch die nächsten Jahre und Jahrzehnte nicht erreichen, weil mir der Verlag nämlich ein Honorar für die Revision zugestehen müsste, das er sich hüten wird mir anzubieten. Das Umschreiben eines Buchs bedeutet nämlich viel Arbeit. Auweia! Wir sind auf Sendung in Ede Zimmermanns „Aktenzeichen X Y  … ungelöst“ oder, noch schlimmer, in einer anderen seiner Sendungen gelandet, deren Namen zu nennen, Verleumdungsklagen befürchten ließe.

Mein Buch hängt  somit in alle Ewigkeit in einer negativen Schwebe: Es ist in seinem gegenwärtigen Zustand unveröffentlichbar, aber keiner will oder kann es ohne fehlende Autorisierungen des Verlags und Autors umschreiben. Und dann ist auch noch das Problem der Verlagsrechte. Verträge mit Pseudoverlagen (zu denen der Südwestbuch-Verlag laut „Wikipedia“ zu zählen ist)  sind zwar das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind, aber man muss als Autor verdammt aufpassen, dass einem nicht eine Horde von Rechtsanwälten auf den Hals gehetzt wird. In § 8 des Verlagsvertrags steht in Absatz 3 zwar, dass die Rechte auf den Autor zurückgehen und der Vertrag als aufgelöst gilt, wenn die letzte Auflage seit mehr als drei Monaten vergriffen ist, aber da liest man noch zusätzlich das ominöse Anhängsel „auch nach Aufforderung des Autors“. Heißt das, dass der Autor den Verlag auffordern muss? Und wenn ja, warum sollte ich einen Verlag zur Neuauflage auffordern, wenn ich schon vorher weiß, dass ich nie einen Cent für die Neuauflage überwiesen bekommen werde?  Man ist also schnell in einem Labyrinth von Widersprüchen. Überhaupt habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich die Pseudo-Verlage mit ihren Rechten gern gewaltig aufplustern und schnell auch in angstmachende Drohgebärden verfallen, dass es aber, andererseits, mit der Erfüllung ihrer Pflichten sehr mau aussieht. Einige Beispiele? Ich habe (bis auf ein einziges Mal ganz zu Beginn im Jahre 2012) nie die im Vertrag erwähnte halbjährliche Abrechnung zu den verkauften Büchern bekommen, wie wenige das auch immer gewesen sein mögen. Mein Roman „Keiner sagt was“ sollte ursprünglich beim Südwestbuch-Verlag veröffentlicht werden. Dazu wurde ein regulärer Verlagsvertrag unterzeichnet. Natürlich hat der Südwest-Buch dann nie die Kosten (oder wenigstens einen Teil davon) übernommen, die mir bei der Neuverlegung des Buchs durch den Westkreuz-Verlag entstanden sind, nachdem der Südwestbuch-Verlag sich geweigert hatte, den Roman zu veröffentlichen, weil er neue Persönlichkeitsrechtsverletzungen befürchtete. Was tun also? Am besten ist es vermutlich, sich die Nase zuzuhalten, das Cohen- Buch (natürlich gratis) gründlich umzuschreiben, durch ein paar neue Lieder zu ergänzen, die Leonard Cohen seit 2012 geschrieben hat und das neue Manuskript mit einem neuen Titel bei Epubli zu veröffentlichen. Ich glaube zwar nicht an große Verkaufszahlen, aber zumindest weiß ich zu jedem Zeitpunkt, was passiert, Das ist immer noch besser als das Buch bis zum Sankt Nimmerleinstag seinen Dornröschenschlummer weiter schlafen zu lassen. Es hat in Anbetracht der heutigen Situation keinen Sinn, dieses neue Manuskript dem ursprünglichen Verlag zur Veröffentlichung anzubieten, wenn das Vertrauensverhältnis so grundlegend zerstört ist.

Hoffen wir auf beiden Seiten auf das Walten des gesunden Menschenverstandes.

 

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Tom Cuson

Es ist inzwischen mehr als 30 Jahre her, als ich Mitte der achtziger Jahre im damaligen West-Berlin den 2007 leider viel zu früh verstorbenen Tom Cuson kennen lernte. Ich studierte damals Nordamerikanistik, aber mein Englisch war nicht gut genug für das anspruchsvolle Advanced Writing des Hauptstudiums. Deswegen mussten Nachhilfestunden mit Tom her, der sich als freischaffender Künstler mit disparaten Jobs über Wasser hielt, vor allem mit seinen Capoeira-Kursen (ein brasilianischer Kampfsport) und Tipp-Arbeiten auf damals noch ziemlich unbekannten   Wordprocessing-Programmen. Der Berliner „Tagesspiegel“ pappte ihm in einem Interview aus dem Jahre 2003 das Etikett eines Journalisten und Wissenschaftlers auf. Na ja. Zutreffender waren da wohl die Berufsbezeichnungen Lyriker, Musiker und Fotograf, die im Nachruf Jesse Hamlins vom 13. September 2007 zu lesen sind. Die biographischen Notizen dort sind spärlich. Geboren in Dayton in Florida, veröffentlichte Tom Cuson seit den Sechzigern seine Gedichte in heute legendären Zeitschriften und Anthologien („New York Quarterly“, „City Lights Anthology“). Eine 1974 veröffentlichter Lyriksammlung „The Vision oft he Burning Gate“ blieb wohl sein einziges eigenständiges Buch. In diesen Jahren veranstaltete er in San Fancisco auch Lyriklesungen in der „Coffee Gallery“, leitete das „Intersection for the Arts‘ literary program“ und war in Kontakt mit vielen wichtigen damaligen Schriftstellern Nordamerikas der Counter-Culture. Während meiner Englischstunden erzählte er mir auch von Sam Shepard, den er persönlich kennengelernt hatte. Ich begann etliche von Shepards Theaterstücken zu lesen, ließ mich von seinem Cowboy-Schreibstil beeindrucken und versuchte mich unverschämt dilettantisch an zwei eigenen Theaterstücken, die sowohl inhaltlich als auch stilistisch stark an Shepards Thematiken und Duktus erinnern. Im Jahre 2012 habe ich dann diese schreibmaschinengeschriebenen Manuskripte in Word-Dateien eingetippt, aber außer Rechtschreibfehlerkorrekturen nur behutsam Veränderungen und Aktualisierungen vorgenommen. Ganz klar: Die Texte hatten offensichtliche Schwächen, ihre kulturellen Bezüge waren inzwischen oft veraltet, aber allzu heftige Eingriffe hätten nur ihre Authentizität zerstört. Weitere fünf Jahre waren ins Land gegangen, als ich beschloss, diese zwei Stücke in einem kleinen Buch zu veröffentlichen. Aber hatte es überhaupt Sinn, zum Manuskriptgrabräuber zu werden und zu glauben, dass diese Texte für ein heutiges Publikum von Interesse sein könnten? Unabhängig von ihrem schwankenden Niveau war es doch reichlich surreal, pathetisch und wahrscheinlich auch hundsgemein, meine ödipalen Konflikte in eine wie auch immer große deutschsprachige Öffentlichkeit hinauszuplaudern. Im Vergleich zur Mitte der achtziger Jahre hatte sich in Deutschland und anderswo so ziemlich alles verändert. Auch meine ureigenen privaten und intimen Befindlichkeiten hatten sich radikal gewandelt. Meine Eltern waren beide inzwischen verstorben. De mortuis nil nisi bene. Das Verhältnis gerade zu meinem Vater hatte sich schon vor der Jahrtausendwende erheblich verbessert und besaß kaum mehr etwas von dem Generationenkrieg, den ich in den zwei Stücken anzettle. Doch alle diese durchaus berechtigten Einsprüche gegen eine Veröffentlichung änderten nichts daran, dass ich Betonkopf weiterhin davon überzeugt blieb, dass die von mir hier losgelassenen Todestriebe (um den Begriff Sigmund Freuds zu bemühen), die sich damals sowohl gegen mich selbst als auch gegen meine Eltern und die ganze Gesellschaft richteten, die Büchse der Pandora öffneten und den fauchenden Esso-Tiger in den Tank stopften, der mich aus meiner bayrischen Geburtsstadt wegscheuchte, zuerst nach oben zu den verachteten Preißn und später, nach einem U-Turn und weit nach unten, in ein unmögliches Südeuropa. Das war Rebellion pur gegen meine Herkunft. Eine solche Opposition, die sich aus den Quellen einer verschwindenden Späthippiekultur und einer damals in Westdeutschland noch recht umtriebigen Punkszene speiste, betraf aber nicht nur meine eigene kleine Person. Dann hätte ich auch den Deckel drauflassen können. Doch ein Großteil der damals von West-Deutschland nach West-Berlin verirrten, zwischen 1950 und 1965 geborenen Existenzen hatten, vermute ich, ähnliche Gefühlsgemengelagen und Weltansichten wie ich selbst. Das waren, so fand ich, wenn schon nicht gute, so zumindest hinreichende Gründe für den Schritt aus dem stillen Kämmerlein. Warum sollte ich mich über mein damaliges Seelenkorsett schämen (vor allem eine ziemlich lächerliche Macho- und Cowboy-Attitüde, die eigentlich nur meine Isolation und Traurigkeit verbarg), wie immer eng und abstrus es damals daherkam? Im günstigsten Fall waren meine zwei Stücke nicht nur private Fingerübungen, sondern auch authentische Zeitdokumente, in denen die Stimmungslage eines rebellischen West-Berlins in den Jahren kurz vor dem Mauerfall zur Sprache kam.


Rezensenten, Profi-Blogger, Lektoren, Buchhändler und andere Akteure auf dem Buchmarkt können sich hier gerne ein Rezensionsexemplar der 2 Bühnenstücke „Mein Affe macht Theater“ als pdf herunterladen.

 

Nachwort

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Nachwort

Vielleicht fragt sich mancher Leser von Lyrik auch, was gegenüber vorher beim Schreiben passiert ist. Wie entstehen Gedichte? Was ist im Werkzeugkasten eines Dichters drin? „Gedichte“? „Dichter“? Oje. Das berühmte Bild Carl Spitzwegs flimmert über den Schirm. Der arme Poet. Von dort ist es nicht mehr weit zu dem ernüchternden Spruch, dass viel mehr Leute Gedichte schreiben als lesen. Wenn man dazu noch befürchtet, dass gefühlt 95 Prozent der jedes Jahr veröffentlichten neuen Gedichte sauschlecht sind, wird einem auch nicht wärmer ums Dichterherz. Schlecht geschrieben, ohne Leser, kein Moos. Anscheinend handelt es sich beim Gedichte-Schreiben um eine unattraktive, unbeachtete, ziemlich geheimnisvolle Tätigkeit. Um Unkraut zwischen den engen Ritzen des Kopfsteinpflasters der ernst zu nehmenden Literatur, die den Verleger zum Vorlegen einlädt. Um komische Nischentexte in Kleinstauflagen. Um schräge Schiffssirenen, die von einem im Nebel verborgenen Hafen herübertönen. Tuut, tuut! Rätselhafte Stimmen fordern Rapunzel im efeuumrankten, mittelalterlichen Schlossturm zum Poetry Slam auf. Doch wieder halbwegs ernsthaft: Wie entstehen also Gedichte? Auskunft auf diese Frage haben die Lyriker manchmal selbst gegeben. Ich kenne zum Beispiel die berühmten Frankfurter Poetikvorlesungen Ingeborg Bachmanns Ende der 50-iger Jahre, den weniger bekannten, aber meiner eigenen Gemütslage näherstehenden Essay „Einfallskunde“ Peter Rühmkorfs am Ende seines Gedichtbands „Haltbar bis Ende 1999“ aus den verqualmten Regierungsjahren Helmut Schmidts und die erfrischend telegrafischen Anweisungen „Fourteen Steps For Revising Poetry“ eines in die Jahre gekommenen Allen Ginsberg wenig später aus dem Jahr 1982. Und es gibt sicher noch viele andere solcher metatextlichen Reflexionen von Lyrikerinnen und Lyrikern aus aller Frauen und Herren Welten und Zeiten (boah!). Neu ist die Frage und sind die Antworten zum Thema also keineswegs. Schon allein die Notwendigkeit aber, Rechenschaft über sein eigenes Tun ablegen zu müssen, deutet darauf hin, dass Gedichte sich viel weniger selbst erklären als Prosa (Erzählungen, Romane, Essays, Artikel). Es handelt sich bei Lyrik um sehr eigenwillige, seltsame, surreale und eben deshalb erklärungsbedürftige Texte, die Sprache ganz anders verwenden als im Alltag und etwas sagen, was nicht chronologisch, verortbar und kausal ist, unsere drei Rettungsanker im normalen Leben. Oft arbeiten Gedichte mit Bildern und erinnern an die Logik des Traums, die einem im normalen Leben, das eh schon schwierig genug ist, gestohlen bleiben kann. Doch wie werden sie geschrieben?

Am Anfang steht (hoffentlich) eine brauchbare Idee. Peter Rühmkorf nennt sie „Einfall“. Woher diese Idee angeschneit kommt, warum der rühmkorfsche Einfall einen überfällt, wie einen die Inspiration bittersüß anhaucht, bleibt ohne Antwort. Ich glaube, auch Bachmann, Rühmkorf und Ginsberg hatten keine. Die Idee fällt wie Schnee oder wie ein Raubvogel vom Himmel, aber natürlich entsteht sie in Wirklichkeit nur irgendwo im Gehirn als elektrische Spannung, als biochemischer Prozess, als Reizweiterleitung in einer Nervensynapse, die Wörter mit anderen Wörtern verbindet und sie zu Bildern verdichtet. Eine Idee ist somit oft Material für die Traumsymbolik und muss mühsam entschlüsselt werden. Sie spricht nicht direkt, sondern um sieben Ecken. In ihr sind mehrere Gedanken hin-eingepresst und woandershin verlagert worden. Sie ist immer sehr schnell, flüchtig, fahrig und unkontrollierbar (bei mir jedenfalls). Sie schwappt von irgendwoher rüber und verduftet wie ein Tropfen Parfüm. Solche quecksilbrigen Eigenschaften machen einem Lyriker das Leben nicht leicht. Man müsste eigentlich überall ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber zur Hand haben, um schnell was hinzukritzeln, was natürlich nicht immer geht. Mit dem Notebook und Tablet kommt man nicht hin-terher. Ideen kommen leider unvorbereitet. Oft sind sie unerwünscht, entarten im Rekordtempo zur einer regelrechten Plage. Wenn ich die Idee nicht sofort niederschreibe, ist die Gefahr groß, dass ich sie vergesse (Kann ich denn hier bitte nicht in Ruhe mein Eis zu Ende schlecken?). Ideen kommen zu den ungelegensten Zeitpunkten: wenn ich im Auto auf meine Frau warte, die im Supermarkt einkauft, wenn ich dichtgedrängt in der U-Bahn unterwegs bin (wie schreib ich das jetzt auf, ohne dass die Leute einen für verrückt halten?), wenn ich bei einem Gespräch ein Wort höre, das mich überrascht. Die Idee hat etwas von einem Kinderspiel und Abzählreim. Sie treibt Schabernack, macht Wortwitzchen, fischt in den unendlichen Gründen der Redensarten. Sie schlägt mühelos vom Kindskopf zum tiefsten Ernst um. Ich mache ein kleines Beispiel. Manchmal genügt mir schon ein banales Bonmot als Auslöser für eine Idee. Nehmen wir „Neben der Schnur“. Im bayrischen Sprachraum, wo ich großgeworden bin, sagt das kein Mensch. Der Ausdruck war mir unbekannt. Ich musste ihn fast wie für eine Fremdsprache recherchieren. Mama Google docet. Ich lernte dazu: Unkonzentriert, geistig erschöpft, verwirrt sein. Unangemessen, nicht normal, absonderlich, ungewöhnlich, eigensinnig sein. Aha, aha. Und schon ging’s los.

Einigermaßen gelackmeiert

Neben der Schnur
Flockt Milch aus
Ein Klappmesser schnappt auf
Das Fundament ist pünktlich
Einen halben Zollstock nach unten abgesackt
Ganz schön vertrackt
Den Kahn auf Kurs zu bringen
Bevor er dann doch sinkt
Umsonst sauf ich Oberwasser
Die Abwrackprämie gewinnt wer anders
Mein Bruder wo möglich
Einigermaßen gelackmeiert beträufle ich
Den Streifen Lackmuspapier
Wiederholt
Nix is hier klar
Voll von der Rolle
Ganz tolles Wirrwarr
Verbockt echt plemplem
Steht das Tässchen aus Meißen im Schrank
Schlag ich über die Schnur
Schon wieder
Fuchtle ich über die Stränge
Kamm neben der Butter
Fischfutter
Ist ins Aquarium geplumpst
Der Todesrochen hat ausgeröchelt
Die Raubtiere sind ausgebrochen
Laufen als wär nix
Hier auf den Straßen herum

So oder so ähnlich könnte eine Anfangsidee bei mir aussehen. Die zu notieren, dauert meist nur ein paar Minuten. Mit dem Kugelschreiber geht das besser, schneller, sicherer als mit der Tastatur. Immer sitzt mir die Angst im Nacken, dass die Idee plötzlich weg und verloren gegangen ist. Manchmal wird sie für ein paar Stunden zur Obsession und ich arbeite wie ein Besessener an neuen Versen, schreibe um, verwerfe, versuche etwas Überzeugendes zu Papier zu bringen. Ideen kommen gern gehäuft, das heißt, in ein paar Tagen und Wochen können jede Menge Ideen zusammenkommen. Doch leider ist das Gegenteil genauso richtig. Manchmal kommen mir tage-, wochen-, monate-, jahre-, sogar jahrzehntelang überhaupt keine Ideen oder ich schenke ihnen kein Gehör. Ideen hat kei-ner unter Kontrolle. Das ist auch der Grund, wa-rum Berufsbezeichnungen so daneben klingen. „Dichter“? „Poet“? „Lyriker“? Wenn jemand bis-her Gedichte geschrieben hat, hat er keine Gewiss-heit, dass er sie auch in Zukunft schreiben wird. Das gilt auch umgekehrt und verneint. Journalisten, Prosa-Schriftsteller, Liedermacher haben Berufe. Dichter haben keinen. Sie haben nämlich den Roh-stoff (Ideen, Einfälle, Inspiration), mit dem sie arbeiten, nicht in Besitz. Sie kennen den Dealer nicht. Sie können nicht wissen, unter welchem der drei Hütchen die Kugel ist. Oft liegt dort auch gar keine Kugel. Aber manchmal eben doch. Unerwartet. Gegen jede Wahrscheinlichkeit und den gesunden Menschenverstand findet man nach der langen Flaute, die endgültig schien, doch wieder eine Idee, die gar nicht so schlecht ist. Ideen brauchen auch etwas, was man in früheren Zeiten einmal Muße genannt hat. Lyrik will bis in die Puppen pennen. Lyrik braucht Freizeit, einen überquellenden Bücherschrank, Faulheit, Dummheit, den Schalk im Nacken, Chaos, Rausch. Sie hat eine leise und dün-ne Fistelstimme, die von neunmalklugen Besserwis-sern und superpragmatischen Heimwerkern leicht überhört und von der Muzak bei Obi übertönt wird. Wenn man zu große Probleme im Alltag hat, kommen einem keine Ideen für Gedichte. Man drängt sie weg. Man schiebt sie beiseite. Wenn man nicht weiß, wie man seine Rechnungen bezahlen soll, wird man keine Lyrik schreiben. Da hat man Besseres zu tun, um Geld ins Haus zu schaffen. Mit einem eingerasteten schlechten Gewissen lässt sich die sinn-und nutzlose Tätigkeit des Gedichteschrei-bens noch nicht einmal gegenüber dem Scharfrichter Über-Ich rechtfertigen, geschweige denn gegen-über Frau, Mann, Kind, Kegel, der lieben Schwiegermutter, dem Zwergkaninchen.

Nehmen wir als Beispiel das letzte Gedicht meiner Sammlung, die Sie vielleicht gerade eben zu Ende gelesen haben: „Sextakkord“. Wann genau mir die Idee dazu gekommen ist, habe ich nicht auf den Tag genau notiert, aber es muss wohl im Novem-ber oder Dezember 2011 gewesen sein. Mit „Sextakkord“ habe ich nach zwanzig Jahren wieder begonnen, Lyrik zu schreiben. Es steht am Anfang einer Materialsammlung, die ich „Arsch der Welt“ genannt habe, sicher auch deswegen, weil mein Wohnort damals ein unbekanntes Vorortstädtchen von Neapel war. Hier die ursprüngliche Fassung:

Sextakkord

All you need is love
Die reine frühromantische Liebe
Lauter bitte
Schmachtend nach immer mehr ölverschmierter Minne
Unter dem aufgebockten Auto
All together now
Ein Kuss für den unendlichen Kosmos
Auf diesen herrlichen Lippen
Say it again
Auf diesen prächtigen Lippen
Eine fette blutige Griefe
Oder doch die alles und alle rettende Griebe
Wer kann das schon wissen
Diese himmlische Engelsstimme
Aus dem Reimlexikon
Drehzahlverringerungsgetriebe
Dreiunddreißig Komma dreizehn Millisekunden
Brauchten die dreisten Wortdiebe
Um einzubrechen in die Ausnüchterungszelle der Satzpolizei
Mitlaute verdoppeln das Elend nur noch
Erbrochener stinkender Eierlikör
Giftgrüne Fliesen um die Hocktoilette
Im Wonnemonat Mai
Cala le ali
Zombie Birdhouse
Lisple nur noch
Nach dem Saharasandsturm in Mali
Hab ich die Urne
Verstreut in alle Winde

Diese Rohfassung ist problemlos identifizierbar, denn die Endversion hat die meisten Verse sogar wortwörtlich übernommen. Auch die Themen sind dieselben geblieben: Es werden Rocksongs von den Beatles und von Iggy Pop zitiert (bei der Satzpolizei ist unter der Haube auch die „jazz police“ Leonard Cohens am Werkeln). Es geht also um „Musik“ und natürlich auch um „Liebe“ (Minne, Kuss, frühromantische Liebe). Aber welche „Liebe“ meine ich? Geht es nicht vielmehr um „Sex“ (Unter dem aufgebockten Auto)? Metatext reflektiert über das Schreiben an sich (Lauter bitte, Say it again, Reimlexikon, Wortdiebe, Satzpolizei, Mitlaute), was so verwunderlich nicht ist, wenn ich nach so langer Zeit den eingerosteten Reimmotor erneut starte und wieder probiere, Lyrik rauszustottern. Es gibt einen Asso-ziationsraum „Hässlichkeit“ (Autowerkstatt, Ölwechsel, Kotze, Hocktoilette) und am Ende des Gedichts auch das semantische Feld „Tod“ (Urne). Liebe und Tod. Eros und Thanatos. Zugegeben nicht wirklich originell, aber ein Krautiges Immergrün. Die spielerischen Elemente sind ebenfalls offensichtlich. Ich kokettiere mit Worten, Sätzen und drei Sprachen. Stilbrüche und Sinnstolpersteine kennzeichnen den Einfall. Die pathetische Engels-stimme passt nicht zum banalen Reimlexikon onli-ne, das ich offensichtlich im Gedicht konsultiert habe (Drehzahlverringerungsgetriebe).

Nach der zündenden Anfangsidee büßen die so in die Existenz gerufenen Roh-Gedichte dann ihre vielen Sünden und schmoren lange im Fegefeuer der Festplatten. Die Gedichte sind näm-lich inzwischen vom handschriftlichen Schmierblatt in eine Standard-Word-Datei übernommen worden, die als Materialsammlung und Einfallssteinbruch dient und am Ende (in meinem Fall) über hundert Seiten dick geworden ist (DIN-A-4 und Font Arial 13!). Apropos Schmoren. Ich hoffe natürlich das Beste, dass der Lüftungsventilator leise säuselt und mir in dieser (vielleicht jahrelangen Phase) meine Festplatte nicht durchschmort. Ich leide an akutem Horror vacui. Ich mache mir deshalb immer gleich zwei oder drei Kopien von den Dateien, denn es gibt wohl kaum etwas Frustrierenderes als den Verlust eines in langen Jahren erstellten digitalen Manuskripts in einer Nanosekunde. Ich zwischenlagere meine tiefgefrorenen Gedichte im virtuellen elektromechanischen Eisfach. Meine Gedichte müssen abstehen. Sie stehen sich die kurzen Lügnerbeine in den Bauch. Der Rahm soll sich absetzen. Was Gutes will reifen. Wie lange dauert die Gärung? Mindestens Monate, wahrscheinlich Jahre, in meinem Fall sogar zum Teil mehr als drei Jahrzehnte (was aber sicher einen Extremfall darstellt). Auf jeden Fall ist es wichtig, dass man Ab-stand zu seinen eigenen Texten gewinnt, dass man sie wie neu liest und besser einschätzen kann, ob die ursprünglichen Einfälle überhaupt etwas taugen. Denn manchmal (und gar nicht so selten) sind die vermeintlichen Rohdiamanten nur schnödes Glas, nicht der Rede wert und verschwinden völlig zu Recht endgültig im Nirwana der Schaltkreise und Transistoren. Der Auseleseprozess ist nicht so heftig wie bei Berufsfotografen, die hunderte von Fotos schießen müssen, bevor eines vor der Neuformatierung der Speicherkarte gerettet wird. Bei mir ist es vielleicht ein Verhältnis von zwei Drittel schlechten Gedichten gegen ein Drittel akzeptable. Gute Gedichte sind sehr selten. Diese Zahlen sind allerdings sehr schwankend. Je nach Regenmenge, Blutdruck, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit, Tagesform, Weichenstellung und Magnetfeldstärke kommen fettere oder magere Zeiten auf den Lyriker zu. Irgendwann (wenn genug Material zusammengekommen ist) reift dann schließlich der Gedanke, ein Buch zusammenzustellen. Der Lyriker gruscht in der erkalteten Asche und wird zum Aschenputtel. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Das ist eine mühsame Auswahl, die man am besten nicht alleine, sondern zu zweit oder in einer Gruppe vornehmen sollte, aber ich persönlich habe keine Beta-Leser und muss nach reichlich Genuss von Zielwasser selber Kimme und Korn anlegen, schießen und (hoffentlich) ins Schwarze treffen, sprich die richtigen Gedichte aus der Wortflut abschöpfen. Die dreizehnte Aufgabe des Hercules! Ein Rest von Unsicherheit bleibt auch nach mehrmaligem Durchwühlen des Manuskripts, übereifrigem Besuch des Schießstands im Pulverdampf und Sondertraining in der Mucki-Bude zurück.

Diese in vielen Jahren angesammelte und nach der Musterung an die Front geschickte Auswahl kommt dann auf den Pritschenwagen und ab damit in die Werkstatt des fröhlichen Versschmiedes. Es geht ans Eingemachte. Es wird gehobelt und gefeilt, in der Hoffnung, dass die Gedichte besser werden. Peter Rühmkorf und Allen Ginsberg sprechen von langen Zeiten und vielen Überarbeitungen (Rühmkorf braucht für jedes Gedicht anscheinend einen Monat, aber wie berechnet der seine Arbeitszeit und wer soll ihm das glauben?). Das ist trotz aller Unstimmigkeit und Unschärfe erst einmal berechtigter Berufsstolz. Man ist ja nicht die fünfzehnjährige Göre, die ihren Liebesschmerz ohne Filter und Spieglein an der Wand ins Poesiealbum reinrotzt. Nur Heulen und Quengeln ist tatsächlich zu wenig. Nur mit Befindlichkeiten allein findet die blinde Henne kein Korn. Man ist ja ein mit allen Feuerwassern gurgelnder Poet mit Niveau. Ich kann mich mit den großen Namen sicher nicht vergleichen, aber auch bei mir ist es so, dass die nötigen Revisionen tendenziell unendlich sind. Jedes Mal, wenn ich erneut über ein Gedicht lese, ändere ich irgendetwas. Manchmal (aber eher selten) nehme ich auch Transplantationen vor, was Rühmkorf in seiner „Einfallskunde“ mit der Metapher der Organverpflanzung be-schreibt. Ein Gesicht wird zum Arsch oder Schwanz, ein Bein zum Arm, ein Lungenflügel zum Weisheitszahn. Man rettet eine Strophe oder viel-leicht nur den einzigen guten Vers und pfropft damit ein anderes Gedicht. Ich mache das aber nur wenig, weil die Einfälle fast nie so gut zueinander passen, dass man sie sinnvoll und überzeugend amalgamieren kann. Man treibt mit den Revisionen immer auch ein riskantes Spielchen. Viele Köche verderben den Brei. Mit jedem neuen Umschreiben wird die Gefahr größer, dass die Gedichte ihren ursprünglichen Elan verlieren und unnötig (inhaltlich und sprachlich) überladen werden. Revisionen sind wie eine Parabel, die extrem steil aufsteigt, eine Weile am Scheitelpunkt entlangkriecht und plötzlich genauso jäh wieder herunterfällt. Eine gute Idee wird nach zwei oder drei Überarbeitungen wahrscheinlich ein besseres Gedicht, ist aber nach der siebten Revision kaum gelungener und ab der neunten Überarbeitung nur noch schlechter. Eine schlechte Idee wird nicht einfach deshalb gut, weil man den fleißigen Waschweibern zuschaut und sie tausend Mal überarbeitet. Es ist jedes Mal eine schmale Gratwanderung. Man ist schnell in einer Zwickmühle, wo jeder Zug falsch ist. Es steckt wohl auch viel Wahrheit im frühen, rebellischen Allen Ginsberg der 50-iger Jahre: „First thought, best thought“. Die 1000 Verse von „Kaddish“ schrieb er angeblich in weniger als zwei Tagen. Originalität und Frische bleiben am Ende wichtiger als gediegenes Handwerk. Doch zurück zu unserem Gedicht „Sextakkord“. Vergleicht man die Anfangsidee mit der Endfassung, stellt man fest, dass das Gedicht um ein knappes Drittel von 29 auf 37 Verse angewachsen ist. Ich habe mehr hinzugefügt als weggestrichen. Vers 1 ist ein Lied der Beatles, das heute kaum noch revolutionäre Duftnoten setzen kann, aber in meiner eigenen Biographie Mitte der 70-iger Jahre durchaus noch auf überzeugten familiären Widerstand stoßen konnte. Von Luft und Liebe wui der Bua lebn? Vers 2 wurde ersetzt. John Cale hat das Lied natürlich nicht gesungen. Warum ein absichtlicher Fehler? Ein Element der Verstörung, man stutzt einen Augenblick und horcht auf. Der Vers ist eine Anspielung auf einen meiner Blogbeiträge „Sabotage (sang John Cale)“. Weder mein eigener Beitrag noch John Cales brachiales Live-Album haben allerdings viel mit romantischer Liebe zu tun. Im Gegenteil. Vers 4 ist neu. Der Schmalhans deutet auf meinen Wolfshunger in der Seelenküche hin. Die Verse 7 bis 9 sind ebenfalls frisch gestrichene Elemente, die am Bild der reichlich unromantischen Autowerkstatt wei-termalen. Evas Paradiesapfel schwimmt im Altöl. Igittigitt. Ein bedeutungsträchtiges Symbol taucht unter im Gestank und Dreck. Was hat aber die Autowerkstatt mit Liebe und Musik zu tun? Sind die Kombinationen nicht reichlich abstrus? Ich bitte um Gnade. Poster mit Evis im Niemandsland zwischen Soft- und Hard-Porno hangen früher (hängen immer noch) in jeder besseren Autowerk-statt. Die Dialektik zwischen Motor und Sex erfreut jedes Männerherz. Die hübschesten Babes verschandeln pünktlich alle Automobilmessen auf der ganzen Welt. Aber Motor und Musik? Die „Sext“ aus „Sextakkord“ erinnert an den Autovermieter Sixt? In fast jeder Autowerkstatt dudelt ein Radio vor sich hin? Verbrennungsmotoren zünden rhythmisch im Zweitakt und Viertakt (Es gibt anscheinend auch Fünftakt-, Sechstakt- und Achttaktmotoren). Auch Musik hat Rhythmus und Takt (3/4-Takt, 4/4-Takt), selbst die im Anschluss erwähnte Schlagermusik zum Schunkeln und Knuddeln. In Vers 11 nämlich bietet das Lügengespinst der dichterischen Freiheit zum zweiten Mal einen Fehltritt ins Glück (Griff ins Klo) an, wenn eine unsägliche „Uns Helene“ Fischer „All Together Now“ von den Beatles auf der beliebtesten Urlaubsinsel der Deutschen vor die Säue wirft, beides (Schlagersängerin und Insel) für mich zerfledderte Krähe Panik hervorrufende Vogelscheuchen. Die Verse 8 bis 13 der Urfassung wurden entfernt, vor allem wohl wegen der unverständlichen Wörter Griefe und Griebe, zwei Synonyme des Herpex simp-lex. Die Viruskrankheit wird im Vers 14 der neuen Fassung direkt angesprochen. Ich höre im Fieber-wahn himmlische Sphärenmusik und die Engel von Liebe singen (Verse 15, 16 und 17). Solche himmlischen Engelschöre hört man allerdings auch tirilieren, wenn man einen über die Rübe bekom-men hat und das fällige Ohrenrauschen fälschlicherweise mit Himmelsmusik verwechselt. Der Katzenjammer ist groß. Liebe aus Vers 17 reimt sich nur noch auf ein grauenhaft technisches Drehzahlverringerungsgetriebe im Vers 18. Die wichtigsten neu geschriebenen Zeilen der Neufassung kommen dann von Vers 19 bis Vers 26. Wenn mein Gedicht mit dem „Sextakkord“ stolziert, musste ich das Thema, trotz meiner Ignoranz in Theorie und Praxis, zur Sprache bringen. Es gibt in der Musik-theorie einen sogenannten Neapolitanischen Sextakkord, der speziell im 16. und 17. Jahrhundert weit verbreitet war und mit bestimmten technischen Kniffen, die mir als musikalischem Laien völlig schleierhaft bleiben, eine Pathopoeia (Vers 22), das heißt eine „Leid machende“ musikalische Chromatik des traurigen Affekts erzeugte (oder wenigstens zu erzeugen vorgab). Wer das nötige musikalische Vorwissen hat, findet ohne viel Mühe Fachartikel zum „Neapolitanischen Sextakkord“ im Internet und kann das Thema vertiefen. Aber auf so viel Expertise und deutsche Gründlichkeit kam es mir bei der Revision meines Gedichts in Wahrheit gar nicht an. Für mich war die Frage wichtiger, ob ein solches Gedicht in traurigen Molltönen den Leser berührt, vielleicht sogar zu Tränen rührt, wenn Ein Dreiklang erklingt und Ein Sextakkord schwingt. Ich befürchte, dass das nicht geklappt hat, aber Ingeborg Bachmanns „Enigma“ und die zwei Lieder „The Lonesome Death of Hattie Carroll“ von Bob Dylan und „Hallelujah“ von Leonard Cohen, die durch meine acht bescheidenen Verse Geisterbahn fahren, haben einfach die besseren Karten in der Hand als ich. Und das ist schon in Ordnung so. Die folgenden metatextlichen Verse 27 bis 30 nehmen das Bild des Fiebers und fieberhaften Sprechens wieder auf und enden nach dem Rausch ernüchtert in einer Polizeistation, die möglicher-weise gar nicht in Deutschland (Hocktoilette), sondern in Südeuropa (Italien wegen des Verses Cala le ali?) oder sogar noch weiter südlich in Afrika steht (Mali, Iggy Pops in Vers 33 erwähntes Album Zombie Birdhouse zeigt auf dem Cover den Sänger mit nacktem Oberkörper in einem Straßencafé Schwarzafrikas). Der italienische idiomatische Ausdruck „Cala le ali“ bedeutet wortwörtlich „Senk die Flügel“ und in einem weiteren Sinn „Krieg dich wieder ein“, „Lass die Kirche im Dorf“. In den letzten Versen 36 und 37 verstreue ich Urnenasche irgendwo in Mali. Das war wohl noch der Schock des verlorenen Sohns über den Tod seines Vaters.

Zusammenfassend betrachtet handelt es sich also beim Gedichte-Schreiben um einen dreiteiligen Arbeitsprozess (Anfangsidee, Latenzzeit, Endkomposition), der aber durchaus mehrmals ablaufen kann. Die „Endkomposition“ bekommt Gänse-füßchen und degeneriert zur So-Genannten. Sie wird in die Quarantäne zurückgeschickt, von wo aus ich sie (vielleicht nach ein paar Monaten gene-sen) wieder in das Wortlabor des munteren Dichterleins zerre und die Verse und Strophen zum Feilen, Hobeln, Amputieren, Drannähen, Transplantieren, Aus-dem-Internet-Kopieren und Von-Anderswo-Aus-Dem-Ideen-Fundus-Einfügen in der poetischen Schraubzwinge einspanne. Es sei mir an dieser Stelle gestattet, ein wenig Bildungsballast abzulassen und mich ins Plumpsklo der Tüftler und Hypothetiker zu erleichtern. Das Backe-Backe-Kuchen der Gedichte erinnert doch augenfällig an den dreiteiligen klassischen dialektischen Prozess von Hegels Gnaden. These= Idee. Anthithese=Warteschleife. Synthese=fertiges Gedicht. Aufheben=Höher heben+Bewahren+Ersetzen. Die anfangs erwähnten stark aufgeblähten 14 Schritte Ginsbergs zum fertigen Gedicht und die 4 Brücken, über die Rühmkorf geht, wenn er seine Gedichte schreibt, bringen mir das Dutzend an Kategorien Immanuel Kants in den Sinn, die Schopenhauer frech auf nur 3 runtergestutzt hat. Weniger ist bekanntlich mehr. Wie auch immer: Zweifellos ist Gedichte-Schreiben beides: Inspiration und Revision. Vor allem letztere. Plackerei und Maloche im Maschinenraum (der Titanic? Der Andrea Doria?) Der Arbeitsfortschritt hängt nicht selten in der Endlosschleife fest. Die sperrangelweit offenen Tore, umgerannten Zäune, schroffen Klippen, Hinterhalte und Fallstricke des Metiers sind dem Laien oft wenig bekannt und treiben viel Handwerkerschweiß aus den Poren, was man dem locker dahin holpernden fertigen Gedicht gar nicht an der Nasenspitze abliest. Jetzt hilf mir doch mal bitte beim Auswringen der Taschentücher.

© Wolfgang Haberl 2017

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© Wolfgang Haberl 2017

 

 

100 Gedichte (und 1 Nachwort)

Selbstportrait(schwarz_weiß)

 

Es ging jetzt doch schneller, als ich gedacht hatte. Meinen Gedichteband habe ich gestern (25. November 2017) bei epubli im Eigenverlag veröffentlicht. Es gibt sowohl eine Druck- als auch eine E-Book-Ausgabe.

 

100 Gedichte (und 1 Nachwort)

Rezensenten, Profi-Blogger, Lektoren, Buchhändler und andere Akteure auf dem Buchmarkt können sich hier gerne ein Rezensionsexemplar des Buchs als pdf herunterladen.

Peter Rühmkorf

Bei Gedichtbänden weiß man ja nie, ob man sie brav von Anfang bis Ende durchlesen soll. Genauso gut ginge sicher auch von hinten nach vorne, eine Auswahl an Kapiteln oder ein reines Zufallsprinzip, wenn der Daumen beim Durchblättern des Bändchens eine Seite gerade anhält. Peter Rühmkorf ist sicher einer der großen modernen deutschen Klassiker, aber der Zeitgeist des „Roten Jahrzehnts“ (vor allem Neomarxismus und Sigmund Freud) weht zu penetrant durch die Verse, um überzeugend die noch wenigen Jahrzehnte seit der Erstveröffentlichung 1979 zu überdauern. Was in meiner eigenen Gymnasialzeit zu rebellisch, chaotisch, anarchistisch und vulgär war, um in ein bayrisches Schulbuch zu kommen, wirkt heute manchmal altmodisch. Anscheinend war ein Schreiben für die Ewigkeit auch nicht der Anspruch einer solchen Alltags- und Gebrauchslyrik mit vielen genialen Geistesblitzen, wie schon der Titel weiß. Die Qualität der Gedichte ist durchwachsen, am besten fand ich die aus Kapitel IV („Phoenix voran“) und Kapitel V (Haltbar bis Ende 1999“). Absolut lesenswert, sehr originell und viel zu wenig beachtet ist der poetologische Metatext „Einfallskunde“ am Ende des Textes, der zum Interessantesten gehört, was ich darüber je gelesen habe. Und mit Sprache kann Rühmkorf wirklich umgehen! Das beweist er auch auf diesen knapp 30 letzten Seiten in „Prosa“.

Peter Rühmkorf: Haltbar bis Ende 1999