Self-Publishing

„Self-Publishing“ („Selbst-Verlegen“) klingt geil, denkt man doch an den mit Schwielen an den Händen und Schweiß unter seinen Achseln werkelnden Autor, der sich in der stillen Literaturwerkstatt alles mühsam und gequält von der Seele schreibt. Authentisch, ehrlich, einsam, ein echter Künstler, besser geht’s doch gar nicht. Doch ein Manuskript ist noch lange kein fertiges Buch. Für das Buchcover braucht es Kenntnisse in Grafik und Design, und die hat unser braver Autor im Regelfall nicht. Es wird also im besten Fall reichlich dilettantisch werden. Noch schlechter sieht es beim Lektorat und Korrektorat aus, also bei den unvermeidlichen Rechtsschreibfehlern, Wortwiederholungen, Stilmängeln, Ungereimtheiten, Inkongruenzen etc., die im Text entmint werden müssten. Hier bräuchte es mindestens 4 Augen, aber unser braver Autor hat nur 2, und seine starke Sehbrille verdoppelt die Augenzahl auch nicht. Manches Unkraut wird somit ungerupft bleiben.

Wenn’s also bei der Qualität hapert, nicht gleich losquengeln, sondern daran denken, dass Sie kein Buch von „Suhrkamp“ oder „Rowohlt“ in den Händen halten.

Kalte Fakten, kesse Träume

Wenn ich  Jörg Fausers böse Bestandsaufnahme zu seiner eigenen Situation als Schriftsteller damals, aber auch ganz allgemein zur Literatur lese (veröffentlicht das erste Mal 1977 im „Ulcus Molle Info“ von Josef „Biby“ Wintjes, das ich von 1985 bis 1988 abonniert hatte), muss auch ich die Hosen runterlassen und zugeben, dass mit der hehren Schriftstellerexistenz bei mir sogar noch viel weniger los ist als bei dem auch heute noch als „Suff-Schriftsteller“ und U-Lit-Autor geltenden Fauser. Ich bin aus einer anderen Generation, für die es vermutlich noch schwieriger geworden ist, sich aus dem Nichts kommend, Gehör zu verschaffen, könnte ich mir zugutehalten. Aber die Grundwahrheiten von Fausers Artikel sind dennoch dieselben geblieben.

Erste Zuckungen und Regungen, die Literatenrennbahn zu betreten, hatte ich ab 1977 in Ingolstadt. Dicke, mit meiner unmöglichen Klaue handgeschriebene DIN-A-Blöcke mit post-neo-romantischen Tagebüchern waren das Ergebnis, die glücklicherweise die Zeiten nicht überlebt haben. Denn die Qualität dieser intimen Ergüsse (nebst eingesprengten Gedichten, Märchen, Erzählungen auf den Pfaden von niemandem Geringeren als Novalis) kann nur ganz, ganz, schlecht gewesen sein. Nachprüfen kann das keiner mehr, denn während meines Grundwehrdienstes hatte ich bei meinem Crash-Kurs zum angehenden Fahnenjunker (ohje!) in München mit einer blonden Supermarktkassiererin angebandelt und ihr eine schwarze alte Kunstledertasche mit diesen Tagebüchern „geliehen“ (?). Die Schöne von der Kasse sollte tiefe Einsichten in mein brodelndes Seelenleben bekommen und mich prophetischen Poeten verstehen. Kurs, Affäre und Trip nach München dauerten nicht lange, die alte ausgebeulte Kunstledertasche mit den unleserlichen, in königsblauer Tinte rausgekotzten Tagebüchern wurde von der Blondine, deren Namen ich längst vergessen habe, vermutlich in die Tonne gedonnert. Mit 17 hat man noch Träume.  Mit 19 hatte ich verspätet den Führerschein gemacht, gondelte den 6-Zylinder-Nissan meines Vaters zu den Rendezvous nach München und merkte langsam immer mehr, dass für mich im Leben nichts klappte.

Dann folgte erst einmal eine jahrelange Sendepause, vermutlich, weil ich mich von dem ganzen romantischen (Novalis), neo-romantischen (Hesse) und post-neo-romantischen (ich selbst) Gedöns befreien und einen eigenen Stil finden musste. 1985 machte ich ein Seminar über die Beat-Generation und fand dort endlich neue Helden. Ich schrieb jahrelang Gedichte, auch 2 Theaterstücke. Kerouac, Ginsberg, Burroughs und Sam Shepard grüßten freundlich über den Großen Teich. Versuche, die Manuskripte einzutüten und an große Verlage und kleine Alternativklitschen zu schicken, scheiterten kläglich. Der Unterschied zwischen den großen und kleinen Verlagen war nur der, dass die großen Verlage auf spontane Manuskripteinsendungen noch nicht einmal reagierten, während einer von 10 alternativen Verlagen sich zumindest die Mühe machte (und damals noch Briefporto zahlen musste), einen Standardablehnungsbrief zurückzuschicken. Auch das damalige alternative Off-Theater in Westberlin wollte nichts von meinem zusammengebrauten Theaterdonner wissen. 2017 (nach mehr als 30 Jahren!) habe ich dann die besten dieser alten Gedichte und auch die zwei wilden Theaterstücke bei „epubli“ veröffentlicht.

Nach den 80er Jahren fiel ich in ein noch tieferes kreatives Loch. Umzug nach Italien, Heirat, häufige Ortswechsel, prekäre Arbeitssituation, Geburt der Tochter, dann 7 ½ jahrelang ein Job in der Marmorindustrie in Verona. Das erste Mal ein bisschen Kohle, aber keine Zeit zum Lesen, zum Schreiben, zu gar nichts. Wer die Arbeitszeiten und die Chefs in den norditalienischen Büros kennt, weiß, wovon ich rede. Dann der überraschende Berufswechsel 2005 in den Schuldienst (nur in Italien sind solche wilden und sprunghaften Karrieren möglich).  Weniger Geld, aber mehr Zeit. Dann 2010 der Tod meines Vaters, der für meine literarischen Kreuzfahrten auf den 7 Weltmeeren nichts übrighatte und lieber in den Bergen kraxelte und Ski fuhr. Diesmal wollte ich es ein bisschen professioneller angehen, die eine oder andere Münze aus Erbschaften war da, auf Ablehnungsschreiben hatte ich keine Lust mehr, also gleich einer dieser von allen Schreibprofis und Feuilletonpromis verachteten Bezahlverlage, Scheiß drauf, dass die alle einen so schlechten Ruf als Abzockerbanden und unseriöse Panzerknacker mit 7-Tages-Bart haben.

Den SWB-Verlag in Stuttgart habe ich ziemlich zufällig und schnell ausgewählt. An eigene Texte traute ich mich erst einmal nicht ran, besser Biografien über Rockmusik, am besten angefangen mit Bob Dylan, über den ich ja meine Magisterarbeit (allerdings vor fast 20 Jahren) geschrieben hatte. Es machte zudem auch Spaß, sich wieder mit Bob Dylan zu beschäftigen, das erste Buch „Zimmys Jukebox“ wurde 2011 veröffentlicht. Kosten: etwas über 2.000 Euro. Der Ein-Mann-Betrieb/Verlag war von meiner Schreibe angetan und bot mir an, in Zukunft kostenfrei weitere Rockmusiker-Biografien zu veröffentlichen. Was hatte der gute Mann im Kopf? Zumindest musste ich nicht jedes Mal wieder 2.000 Euro für ein neues Buch blechen. Um seinen guten Willen zu bekunden, wurde im Frühjahr 2012 sogar eine Abrechnung nach allen Regeln der Vertragskunst über die verkauften Bücher von Bob Dylan geschickt. Das waren wohl so um die 120, 130 Euro. Aber damals dachte ich, das ist ja nur der Anfang, das wird ja langsam immer mehr werden und ich kann mir auf diese Weise einen schönen Nebenverdienst außer dem kargen italienischen Lehrergehalt erschreiben.  Volle Fahrt voraus!  Auf zu Ruhm und Glorie bei den imaginären Exkursionen und Expeditionen im Schriftstellerfirmament.  Mit 52 hat man noch Träume. Mit 53 hatte ich sie mir endgültig abgeschminkt. Was war passiert?

Im November 2012 hatte ich ziemlich einfallslos und dem ollen Hippie trail folgend, ein Buch über Leonard Cohen veröffentlicht („Die Ohnmacht der Worte“). Diesmal sollte es krachen. Keine 200 Seiten mehr wie bei Bob Dylan, sondern über 400 Seiten, und vor allem auf Biegen und Brechen ein „origineller“ Schreibstil. Also am Ende des Buchs nichts mehr über Leonard Cohen, sondern ein paar Kapitel über mich selbst, irgendetwas Vermischtes zwischen Biografie und privater Wut im Bauch.  Ein Konzeptbuch, oh yeah, was auch immer das sein soll. 2012 hatte einer meiner Onkel Selbstmord begangen, ich hatte Grund genug, mich wieder einmal über meine bucklige Verwandtschaft zu ärgern. Ich nannte Namen (oder zumindest eindeutige Sachverhalte), die Lektorin war völlig überfordert und merkte nichts, auch beim Buchsatz gab es jede Menge Pleiten, Pech und Pannen. Nach einigen Monaten flatterten zwei Unterlassungsklagen der im Buch genannten Personen nach Stuttgart ins Verlagsbüro. Die Kacke war am Dampfen. Der Verlag in der Person seines einzigen Besitzers flippte mit rotem Kopf aus. Friede, Freude, Wutausbruch. Mit meiner großen Karriere als Schriftsteller war erst einmal Essig. Wie alles ausgegangen ist, weiß ich bis heute nicht. Die Sache zog sich nämlich jahrelang hin und ich wurde nur unzureichend informiert. Der Mini-Verlag hatte „wegen meiner Schuld“ sicher Rechtsanwalts- und Entschädigungskosten. Er machte mir ständig ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm die ganze Scheiße eingebrockt hatte, mein Gegenargument, dass die wirkliche und juristisch relevante Schuld beim Verlag und der Lektorin lag, zog nicht so recht, außerdem wollte ich weiter Bücher veröffentlichen, am Ende habe ich zweimal geblecht, einmal 2013, ich glaube € 2.000 und dann vielleicht 2017, als alles noch einmal mit einer Vorladung beim Landgericht Waiblingen hochflackerte, einen zweiten Betrag, ich denke € 1.500. Irgendwie hatte ich wohl € 10.000 als Gesamtschaden ausgerechnet und den Betrag durch 3 geteilt (Autor, Lektorin, Verlag). Beim Rechnen war ich schon immer ein dummes Mildmädchen gewesen. Die Veröffentlichungen gingen weiter: Patti Smith 2013, Rio Reiser 2015 und dann noch einmal eine Neuauflage des Leonard-Cohen-Buchs (2018). Aber wenn einmal der Wurm drin ist, kriegt man ihn nicht mehr so einfach raus. Ich habe natürlich in dieser vertrackten Situation ganz auf jedes eigentlich in den Verlagsverträgen vereinbarte Honorar verzichtet, beim letzten Cohen-Buch auch auf die Honorare 2018 und 2019. War so eine Goodwill-Aktion richtig oder falsch? Vor etwa einem Jahr habe ich die Abrechnung von 2020 bekommen, wieder etwa so € 120/130. So ein Sachbuch hat sich selbstredend am Anfang besser verkauft als nach 2 Jahren, so dass die Haupteinnahmen an mir vorbeigeflossen sind.  Vor ein paar Monaten kam dann die Abrechnung zur zweiten Jahreshälfte 2021: € 80. Der Verlag war inzwischen verkauft worden, der neue Besitzer meinte, für die erste Jahreshälfte solle ich mich an den Vorbesitzer wenden, was ich natürlich nie gemacht habe. Bei diesen Millionenbeträgen. Fazit: 11 Jahre Tätigkeit für den SWB-Verlag, der inzwischen viele, mir unverständliche Namensmutationen hinter sich hat, 5 (eigentlich 4 ½) veröffentlichte Bücher, Kosten für mich ca. € 5.500, Einnahmen € 320. Das war wohl nichts mit dem einträglichen Nebenverdienst. Schon eher ein teures, nerviges und anstrengendes Hobby. Aber es sollte noch schlimmer kommen.

Diesmal schrieb ich (inzwischen natürlich ausschließlich digital per Mail) eine Reihe von Bewerbungen an Literaturagenturen. Das ist ja inzwischen der Trend, nicht mehr direkt an die Verlage, sondern an Agenturen als Vermittler, die die andrängende Flut filtern. Bei mir war allerdings der Vermittlungseifer klein und der Filter sehr feinmaschig, so dass gerade mal ein paar mehr oder minder intelligente Absagen folgten. Diesmal nicht mehr im Verhältnis 10:1 wie bei den Kleinverlagen, sondern autorenfreundlicher 5:1. War ich inzwischen doppelt so gut geworden? Meine Stimmung war trotzdem am Tiefpunkt. Das Goethe-Institut in Neapel veranstaltete regelmäßige Autorentreffen mit jungen Schriftstellerinnen (ich kann mich nur an Frauen erinnern). Sehr zum Leidwesen der Direktorin schleppte ich meine gerade veröffentlichten Bücher an, versuchte mit den Damen ins Gespräch zu kommen und irgendetwas Konkretes in die Wege zu leiten. Herausgekommen ist nichts dabei.

Ein Freund aus alten West-Berliner Mauerzeiten hatte während einer Party die Besitzer eines Verlages kennengelernt, und die hatte sich bereit erklärt, meinen Roman zu veröffentlichen! Endlich hatte ich es geschafft, reich und berühmt zu werden! Doch schnell stellte sich bei dem Treffen im schwer zu erreichenden Lichtenrade heraus, dass meine hochfliegenden Träume wieder einmal nur Schäume gewesen waren. Mein erster Roman („Niemand sagt was“) war trotz des relativ kleinen Umfangs ein schwieriges Buch für mich. Sehr persönlich, sehr viel Seele. Gegenlesen war nötig. Ich beauftragte eine Lektorin in Österreich, die tatsächlich vieles rauswarf, ummodelte und dadurch das Buch viel besser machte. Wir arbeiteten einige Wochen an dem Manuskript, am Ende wollte sie € 2.000. War das viel? War das wenig? Wenn sie 40 Stunden daran gearbeitet hat, war das ein Stundensatz von € 50 für eine schwierige, kreative Arbeit. Andererseits bekommen professionelle Lektoren sicher keine € 2.000 für jedes Buch. Die Dame mit dem englischen Nachnamen hat wohl meine Notsituation auch ausgenützt. Als mir dann der Westkreuz-Verlag den Verlagsvertrag unter die Nase hielt, musste ich schlucken, doch es war zu spät, um „Nein“ zu sagen. € 4.000 für eine Auflage von 500 Büchern. 2017 folgte ein weiteres Buch beim Westkreuz-Verlag.: „Italien“. Eine Mischung aus Essays, Glossen, Artikeln und Kurzgeschichten, Fakten und Fiktion. Nichts Ganzes und nichts Halbes also. Der Roman und das Zwitterbuch verkauften sich beide schlecht, was noch euphemistisch formuliert ist. Beim Westkreuz-Verlag hatte ich also nicht gekleckert, sondern geklotzt. 2 Bücher, keine Einnahmen, € 8.000 Miese.

Wie sollte es weitergehen.? Es blieben eigentlich nur noch die Self-Publishing-Verlage übrig (außer meiner Weblog-Seite, die mich auch im Jahr € 150 kostet). Außer Spesen nichts gewesen. Bei den Wannabes und Möchtegerns gelandet, die zu schlecht schreiben, um bei einem ernsthaften Verlag veröffentlicht zu werden. War ich also einfach zu laienhaft, zu mittelmäßig, zu sehr ein dilettantischer Hobby-Schriftsteller? Oder lag es doch an den widrigen Umständen? Ich war immer noch ein Nobody, ich hatte eine schwierige, negative Schreibe und einen bockigen, verhagelten Schädel, die sicher nicht für den literarischen Mainstream geeignet war, wie sollte ich dann einen wichtigen Lektor oder die schicksalshafte Verlegerin bei einer Party kennenlernen, wenn ich weit weg in Italien lebte? Und dann gibt es natürlich noch die böse Kulturmafia in der Tradition Reich-Ranickis, die darüber entscheidet, wer die Leiter nach oben oder nach unten steigt. Es sah und sieht schlecht aus, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser. Und es gab keinen Anlass zu glauben, dass es jemals besser werden würde.  Bei „epubli“ in Berlin zu veröffentlichen war zwar nicht teuer (wenn man von den paar gedruckten Print-Exemplaren absah, die man sich nach Italien schicken ließ), aber verbreitete den strengen Geruch des Dilettantismus. Alles musste man selber machen: das Buch schreiben, das Manuskript lektorieren und korrigieren, das Buchcover designen. Fehler waren bei nur 2 Augen unvermeidlich. Werbung gab es keine, Rezensionen bei wichtigen Zeitungen und Zeitschriften auch keine. Man schreibt und veröffentlicht für sich selbst. Viel Arbeit, kein Verdienst (in der Vergangenheit auch erhebliche Ausgaben), unvermeidliche Frustration, das ist für mich meine Arbeit als Schriftsteller. Bei „epubli“ habe ich bisher 3 Bücher veröffentlicht (ein viertes soll folgen). Kosten pi mal Daumen für die 4 Bücher € 400, Einnahmen laut Webseite „Verkäufe und Einnahmen“ bisher:  €. 16,17.

Kunst kommt von „Können“, wie man liest. Ich glaube, Joseph Beuys hat gesagt, Kunst kommt vom Künden, das heißt, ein Zeichen zu setzen. Das wäre immerhin schon einmal ein kleines Trostpflaster für die vielen Wunden.

Jörg Fauser: Kalte Fakten kühne Träume

Rio Reiser: Junimond

Junimond

Die Welt schaut rauf zu meinem Fenster
Mit müden Augen ganz staubig und scheu
Ich bin hier oben auf meiner Wolke
Ich seh dich kommen aber du gehst vorbei

Doch jetzt tut’s nicht mehr weh
Nee, jetzt tut’s nicht mehr weh
Und alles bleibt stumm und kein Sturm kommt auf
Wenn ich dich seh

Es ist vorbei
Bye bye, Junimond
Es ist vorbei
Es ist vorbei
Bye bye

Doch jetzt tut’s nicht mehr weh
Nee, jetzt tut’s nicht mehr weh
Und alles bleibt stumm und kein Sturm kommt auf
Wenn ich dich seh

Es ist vorbei
Bye bye, Junimond
Es ist vorbei
Es ist vorbei
Bye bye

Zweitausend Stunden hab ich gewartet
Ich hab sie alle gezählt und verflucht
Ich hab getrunken, geraucht und gebetet
Hab dich flussauf- und flussabwärts gesucht

Doch jetzt tut’s nicht mehr weh
Nee, jetzt tut’s nicht mehr weh
Und alles bleibt stumm, und kein Sturm kommt auf
Wenn ich dich seh

Es ist vorbei
Bye bye, Junimond
Es ist vorbei
Es ist vorbei
Bye bye

Es ist vorbei
Bye bye, Junimond
Es ist vorbei
Es ist vorbei
Bye bye

Jörg Fauser: Blues für Blondinen (1984)

Eigentlich sollte man Originale so lassen, wie sie sind. Es gibt immer viele Gründe, warum Texte zu einem bestimmten Zeitpunkt so und nicht anders konzipiert und geschrieben worden sind. Leichenfledderei und Updates machen sie nur schlechter.
 
Auch wenn mir da kaum jemand widersprechen wird, gibt es trotzdem die notorischen Ausnahmen von der Regel. Jörg Fausers Essayband „Blues für Blondinen“, veröffentlicht im gleichen Jahr wie „Rohstoff“ vom Berliner UIlstein-Verlag und von mir als Band 6 der ersten Gesamtausgabe bei „2001“ (1990) gelesen, ist eine solche Ausnahme. Die insgesamt 21 Artikel, die fast alle beim Berliner „Tip“, bei „lui“ und „TransAtlantik“ zwischen 1979 und 1983 erschienen sind, lesen sich zum Teil arg holprig (dass eh nur eine beschränkte Anzahl von hartgesottenen Fauser-Fans sich dieser Mühe unterzieht, wird stillschweigend vorausgesetzt).
 
Woran liegt’s? Wenn Fauser über damals aktuelle Zeitgeschichte und Themen schreibt (West-Berlin, Deutschland, Boxen, Paris, Papst, Spanischer Bürgerkrieg, Pferderennen, Catherine Deneuve etc.), nervt das manchmal, weil man schnell merkt, dass Fauser hier zum Teil penetrant an seinem Bukowski-Macho-Mythos arbeitet (Boxen, Pferderennen). Vor allem aber hat man immer wieder ernstliche Probleme, die jahrzehntelang vergangenen historischen Situationen richtig einzuordnen. Bei solchen tagespolitischen und soziologischen Essays fällt schnell das fatale Fallbeil der Obsoleszenz: bekanntlich ist nichts so alt wie die Schlagzeile von gestern. Diese grausame journalistische Wahrheit gilt viel weniger für die Essays, die über Literatur sprechen („Der dunkle Ort“-Karl Günther Hufnagel; „Hamlet oder The Frankfort State of Mind“-Jörg Schröder und sein März-Verlag; (Hans) „Fallada“ (Rudolf Ditzen); „Beruf: Rebell“ (George. Orwell und Henry Miller); „Die Ambler-Lektion“; „Schreib, mein Sachse, schreib“ (Erich Loest); „Leichenschmaus in Loccum“ über eine Tagung von Kriminalschriftstellern), die tatsächlich die interessantesten der Sammlung sind und bleiben werden. Speziell „Leichenschmaus in Loccum“ gehört zum Besten, was je über moderne deutsche Literatur geschrieben worden ist.
Insofern find ich die Entscheidung des Diogenes-Verlags, nachvollziehbar, bei seiner kürzlich erfolgten Neuauflage der Essays Fausers andere Kriterien als beim Original anzulegen, um die Lektüre, sagen wir, interessanter zu machen. „Der Klub, in dem wir alle spielen: Über den Zustand der Literatur“ (2020) trifft trotz fragwürdiger Cover-Gestaltung und gesalzener Preise ins Schwarze, weil das Buch einen thematisch-chronologischen Aufbau hat und das Thema nichts von seiner Brisanz verloren hat (schön zu lesen ist auch das Vorwort von Katja Kullmann). Ich hatte die Essay-Sammlung ja vor Jahren schon einmal gelesen und hier rezensiert. Es ist wohl an der Zeit, sich diese Artikel noch einmal vorzuknöpfen.

Jörg Fauser: Rohstoff (zum zweiten)

Ich hatte ja Jörg Fausers „Rohstoff“ vor einigen Jahren hier an diesem Ort schon einmal rezensiert, kann mir also die Zusammenfassung des Inhalts ersparen, die man sehr gut auch hier findet: Frankfurt am Main in der Literatur.

Fausers Roman ist leider trotz inzwischen zahlreicher hymnisch-elegischer Rezensionen bis auf den heutigen Tag nicht seinem Potential gemäß gewürdigt worden. Fauser gilt als Krimi-Autor (sprich U- und Schundliteratur)  und war Junkie/Alkoholiker, was es vielen professionellen Literaturkritikern und Kulturallgewaltigen immer noch schwer macht, einzugestehen, dass „Rohstoff“ zumindest einer der wichtigsten Romane Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg ist und wahrscheinlich auch, weit darüber hinaus und zugestanden ohne jede Möglichkeit der Beweisführung, weltweit zu den wichtigsten literarischen Protesttexten gehört, die seit der Romantik gegen die Schattenseiten der Industrialisierung und des Kapitalismus geschrieben worden sind, und die nicht verhindern konnten, dass genau diese Industrialisierung und genau dieser Kapitalismus die Erde in ein paar hundert Jahren endgültig zerstört haben werden.

Fausers Schreibstill ist 1984, als der Roman erscheint, nach der Junkie-Phase und William Burroughs, inzwischen stark von Charles Bukowski (und vermutlich auch anderen, mir unbekannten, nordamerikanischen Krimi-Autoren wie Raymond Chandler) beeinflusst. Das ist natürlich auch schriftstellerisches Handwerk, zum Beispiel bei der eigentlich unzulässigen Übertragung der Bedeutungsebenen von Adjektiven auf Subjektive. So beschreibt Fauser an einer bestimmten Stelle des Romans (ich zitiere aus dem Gedächtnis) eine Frau, die ein Halstuch „schlampig“ trägt und bezieht sich dann, einige Zeilen später, mit dem Substantiv „Schlampe“ auf diese Frau. „Schlampig“ ist ja abwertend, aber lässt Platz für Sympathie, „Schlampe“ ist böse und ein Schimpfwort. Man schmunzelt über den gelungenen literarischen Taschenspielertrick.  Doch eigentlich sind es mehr die vielen lakonischen Pointen, die den Schreibstil prägen, so etwa, als Harry Gelb sich ein zweites Mal bei der Bundesbank als Aushilfspförtner bewirbt.

„Ach, Sie sind das“, sagte er und nahm die Brille ab. Er war in der kurzen Zeit zehn Jahre älter geworden. Ich mindestens zwanzig. „Herr Gelb, ja, ich erinnere mich. Sie haben aber damals fristlos gekündigt, nicht wahr? Künstlerische Laufbahn, das war es doch? Und jetzt wollen Sie wieder zu uns? Na, ich werde sehn, was sich da machen läßt. Sie finden ja den Ausgang.“

Ich fand ihn. Von der Bundesbank hörte ich nichts mehr.

(Kapitel 41)

Der Roman ist voll mit diesen gelungenen Pointen, die meistens auch bittere Kommentare und Lebensweisheiten sind und die sich alle paar Jahre bei einer neuen Lektüre dann wieder entdecken lassen. Ich zitiere hier drei von den vielen dutzenden, von mir sorgfältig in leuchtendem Gelb markierten Stellen.

Ob Verleger oder Redakteure, ob Bonzen oder Mitläufer, es war alles die gleiche Gesellschaft, die funktionierende Kulturklasse, und ob ich ihnen als bemühter Schreibsklave kam oder als Cut-up-Junkie, als Genosse oder als Geselle, für sie war ich nichts anderes als ein Agent provocateur, ein Agent der dunklen Kräfte, vor denen sie ihre Bausparverträge retten mußten, ihre Pöstchen und ihre Frauen.

(Kapitel 32)

Endlich ging es nicht mehr um Liebe, ich war die Liebe los und das Bewußtsein auch, es war ganz einfach, man konnte sie ertränken und auslöschen, alles in einer Nacht, in einem Rausch mit einer wilden, bösen Nummer. Wenn man drei, vier Frauen brauchte, dann bekam man sie auch, und die Liebe störte nur, wie das alberne Suchen nach dem Sinn der Geschichte. Es gab keinen Sinn, es gab nur Mord und Totschlag, und das Auf und Ab von unten und oben.

(Kapitel 33)

Mit der Diskussion hatte ich nicht gerechnet. Ziel der Diskussion schien es zu sein, den Autor kleinzukriegen, es war der Augenblick, in dem die mit einer 2 im Deutschen den Mund aufmachten und zur Sprachkritik ansetzten, ja, war das denn überhaupt gutes Deutsch, diese zerhackten Sätze, konnte man denn vom Leser erwarten, daß er das mitvollzog, und waren das überhaupt Gedichte, oder war das nicht doch Prosa, aber eben auch nicht Alltagssprache, so eine aufgemotzte Sprache, und das Sexuelle, mußte man das so krass aussprechen, es war ja fast irgendwie frauenfeindlich, und dann fehlten in diesen Texten doch auch irgendwie alle sozialen Bezüge. Das ist Entertainment, dachte ich, das ist Literatur, für 50 Mark mußt du auch noch auf die Knie fallen und sagen, ich bin ein Vollidiot, ein Nichtsnutz, ein asozialer Weiberfeind, eine Gefahr für die öffentliche Ordnung.

(Kapitel 43)

Jörg Fauser: Biografie

Penzel, Matthias und Waibel, Ambros: Rebell im Cola-Hinterland – Jörg Fauser. Kalus Bittermann. THIAMAT. Berlin. 2004.

Penzels und Waibels Fauser-Biografie lesen eh nur wenige Fans. Jörg Fauser hat nie ein großes Massenpublikum erreicht. Die 2004 veröffentlichte Biografie ist zudem längst vergriffen und nur zu Preisen zu bekommen, die außer für hartgesottene Fauser- Fans indiskutabel sind. Vielleicht wäre es an der Zeit, das Buch neu aufzulegen, bevor die Preise endgültig ins Kraut schießen (Halt, ich lese gerade, dass eine Neuausgabe der Fauser-Biografie für das Jahr 2024 bei „Diogenes“ geplant ist).

Es ist also unnötig hier die biographischen Stationen Fausers abzurattern, die man am besten in der „Zeittafel“ am Ende des Buchs von Penzel/Waibel und natürlich auch im Internet nachlesen kann.

Deshalb hier an dieser Stelle nur ein paar persönliche Kommentare.

Wenn mich jemand fragen würde, welchem Schriftsteller ich mich emotionell am nächsten fühle, wenn ich spontan antworten müsste und nicht die Zeit hätte, solche Vorlieben chronologisch-biographisch-rational zu reflektieren, würde ich Jörg Fausers Namen nennen, nicht Rolf- Dieter Brinkmanns, der mir dann doch einen Zacken zu norddeutsch-stur ist.

Warum Jörg Fauser?

Das hat vermutlich viele Gründe, von denen ich einige hier ziemlich ungeordnet nenne:

  • Fauser hat keine Heimat. Er lebt in Frankfurt, Berlin, London, Istanbul, Göttingen, Berlin, München, will am Ende seines Lebens sogar nach Südostasien auswandern.
  • Rebellen-Attitüde und biografisch-authentische Identifikation mit dem literarischen Untergrund, obwohl er 1987 für seinen letzten Roman „Die Tournee“ problemlos DM 100.000 Vorschuss bekommen hätte. Ablehnung des traditionellen deutschen Literatur- und Kulturbetriebs und kritische Nähe zu den damaligen Subkulturen in Frankfurt und Berlin. Flucht aus dem „Norden“ (Deutschland) in den unmöglichen „Süden“ der Türkei (Istanbul).
  • Nähe zur nordamerikanischen Subkultur (Burroughs, Bukowski).

Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique; verheiratet, aber sonst unabhängig. – Selbstauskunft Fausers, München, 25.12.1986.

  • Labile, literarische Identität, die zwischen Lyrik, Roman, Drama, Essay, Artikel, Redaktion, Film etc. schwankt und vor allem den Unterschied zwischen E- und U-Kultur ablehnt. Fauser wird heute generell immer noch als nicht ernstzunehmender Krimi-Autor klassifiziert. Man schaue sich auch mal (zum gleichzeitigen Lachen und Weinen) die eklige Stellungnahme des unmöglichen damaligen Kritiker-Platzhirschen Marcel Reich-Ranitzki anlässlich des Ingeborg-Bachmann-Preis 1984 an, um einen Eindruck der desolaten Situation des deutschen Literaturbetriebs in den 80ern zu bekommen.  Heute ist es nur noch schlimmer!

Jörg Fauser liest in Klagenfurt beim Bachmannpreis – Teil 2

  • Hinter süddeutschem hessischem Understatement profunde Kenntnisse der Weltliteratur. Fauser hat immer wieder gesagt, dass er nur ein mittleres Talent zum Schriftsteller hat. Viele seiner Texte erinnern an andere Schriftsteller, was Fauser aber sehr genau gewusst und reflektiert hat

Allerdings waren die guten Bücher schon alle geschrieben, sie standen in Buchhandlungen oder den eigenen Regalen, und so geriet ich zwangsläufig unter den Einfluß solcher Lebenskünstler wie Henry Miller oder Kerouac – allerdings wuchs ich in Frankfurt/M.-50 auf. (“Rohstoff“)

Von der Unbelehrbarkeit der Erde

Ich werde ein Haus bewohnen

und vielleicht ein anderes,

werde meinen Namen in die Tür schreiben wo ein anderer war

und ein anderer sein wird nach mir,

ich werde mit wenigen leben und wenige verlassen,

und werde zur Tür hinausgehen, durch die ich eintrat,

ohne Trauer, ohne Freude und Verlangen,

unbemerkt von den Tälern und Gärten der Erde

werde ich sterben

(1964)

Riecht das nicht penetrant nach Bertolt Brecht? Und ist es nicht trotzdem ein wunderschönes Gedicht?

  • Fauser, der Drogen-Schriftsteller, der „Sick-City-Lyrik“ schreibt und deshalb an Autorität beim Lesepublikum verliert. Heroin-gefährdet war ich nie, das waren nicht mehr meine Zeiten, aber vor Nikotin und Alkohol hab ich mich nur gerettet, weil mich bestimmte Lebensumstände davon entfernt haben. In anderen Lebensumständen hätte es auch anders kommen können. Grundsätzlich bin ich eine Sucht-Persönlichkeit, habe ich eine ähnliche mentale Drogen-Disposition wie Fauser.
  • Biographische Affinitäten: Natürlich ist Fauser 1944 geboren und ich 16 Jahre später im Jahre 1960. Mein Vater hätte er nicht sein können, aber vielleicht ein älterer Bruder. Von dem, was Fauser im Vollen erlebt hat, hab ich nur noch den letzten Zipfel erwischt. Auch Fauser ist Vater einer einzigen Tochter.
  • Von den in „Rohstoff“ obsessiv erzählten, jahrzehntelangen, unzähligen und endgültig (scheinenden) Verlagsabsagen kann auch ich ein trauriges Liedlein trällern. Fausers bitterer Humor und schneidender Sarkasmus sind hier sicher therapeutisch, helfen nicht nur dem gebeutelten hessischen Autor selbst, sondern auch seinen armen Leidensgenossinnen und -genossen im Geiste. Wir lassen uns nicht unterkriegen.

Jörg Fauser: Rohstoff Elements

„Rohstoff Elements“ ist, wie der Titel schon andeutet, eine Zusammenstellung von Texten, die im Sog von Jörg Fausers Schlüsselroman Ende der 60er bis Anfang der 70er entstanden sind. In dieser Zeit zwischen ca. 1967 und 1973 lebte Fauser zwischen Istanbul, London, Berlin, Frankfurt und Göttingen, bevor dann 1974 mit dem Umzug nach München eine neue Lebensphase beginnt. Doch während der dann vom renommierten Ullstein-Verlag 1984 veröffentlichte Roman „Rohstoff“ von Fauser entscheidend umgeschrieben worden (Basis war der in Rohstoff „Stambul Blues“ genannte, in Wirklichkeit mit dem Namen „Tophane“ beim Maro-Verlag 1972 veröffentlichte Text, der eher ein wildes Prosa-Gedicht als ein Roman und in „Rohstoff Elements“ mitabgedruckt ist) und durch den zeitlichen Abstand, die ironische Brechung und einen linearen Schreibstil erst für ein größeres Lesepublikum zugänglich gemacht worden ist, sind die hier versammelten Texte kaum für ein längeres Lesen genießbares, ja genau „Rohmaterial“, dessen Qualität unbestreitbar ist, aber dessen experimenteller, sperriger Untergrund-Schreibstil jede Lektüre mit Befriedigung zum Scheitern verurteilt. Man merkt hier in jeder Zeile den Einfluss von Fausers damaligem großen Helden William Burroughs: alles kreist um Drogen, Hässlichkeit, Sex, Tod, ein poetisch protokollierter Daueralbtraum, Schreiben, um den „Cold Turkey“ zu überleben, Als es Fauser dann schafft, sich von der Heroinsucht zu befreien, schlittert er ab 1974 in den gesellschaftlich eher akzeptierten Alkoholismus. Fausers neuer Held wird folgerichtig Charles Bukowski.

In kleinen Dosen konsumiert, sind manche der hier kompilierten Texte ganz einfach wunderbar, zum Beispiel das Gedicht „Charlie und Harry“ oder der Text „Cut-Up Special“.

Charlie und Harry

Trüber Sommernachmittag in Fat City,

sie hockten auf Harrys Bude und kippten Bier,

irgendwo im Hinterhof stieg eine Teenager-Party

und die Beatles leierten einen ihrer total

schwachsinnigen Songs runter,

»Lucy in the sky with diamonds«

oder sonst einen abgedroschenen Heuler.

Son abgedroschener Heuler, sagte Charlie,

aber die Miniröcke sind wohl immer noch scharf darauf.

Stimmt, sagte Harry, macht einen ganz fickrig.

Sex Sex Sex, sagte Charlie und warf die leere Dose

in den Abfalleimer,

bei dir was los?

Sex, sagte Harry, was ist das?

Shit, sagte Charlie, ich fang wohl an kirre zu werden,

ich bin so heiß dass ich Löcher in die Matratze brenne,

lauf drei Wochen mit ’nem Steifen von hier bis Timbuktu

rum,

aber wenn ich endlich was zwischen den Fingern hab

wird mir einfach alles fad, fad –

irgendwie rentiert sich der Aufwand nicht,

man könnte genauso ’nen Emmentaler pimpern

wenn du weißt was ich meine –

klar, sagte Harry, Emmentaler

mit rotem Pfeffer oder Nudelwalker von hinten

und ’ne Stefan-George-Erstausgabe ums ritzy zu machen,

oder einfach fürn Heiermann ’ne Gastarbeiterin

in der Anlage hinterm lnterconti, und samstagabends

all die kleinen brühwarmen Homos die im ZDF

über die Mattscheibe spritzen, ist schließlich

alles ’n Loch, und alles leer, immer gewesen-

Shit, sagt Charlie, von hier aus kann man direkt rübersehn,

und sie standen am Fenster und glotzten rüber,

die Beatles heulten auf höchster Lautstärke,

die Teenager kreischten und ließen ihre Beinchen sehn,

die Schmeißfliegen legten Eier,

sie tranken ihr Bier,

dann ging Charlie zur Spätschicht

und Harry versprühte eine Ladung Flit.

(erstmals als „Harry Gelb Story“ im Maro-Verlag 1973)

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Cut-up-Special

die andere hand kriecht schon über den seichten arsch, poröse

zungen halbierte hüften und die plomben, plastikmösen

/ fuck da geht euch einer ab, nichts als quassel, endlose

tassen kaffee, endlose zigaretten, endlose tampons die’s klo

verstopfen ein bisschen ruhe, das der irre braucht ist erst

jenseits der wupper / shit, ich hatte nichts zu hause zu

spachteln oder zu schlucken, dachte, nicht für die literarischen

schwanzlutscher, aber wer will mit denen schon an

einem tisch sitzen? ich hing vorne am tresen als die finnin

hereinsegelte, ein graziles zweizentnerweib, wahnsinnig/

ungefähr 30, hübsches puppengesicht und jetzt sag was: gehen

wir zu mir! also wir hieften die treppen hoch auf meine

bude & sie stieg aus‘ m rock, ich riss ihr die bluse runter &

den büstenhalter fuck jolly djesus, was für titten, saugnäpfe,

diese weiße masse fleisch, sie kichert und wie’s so geht …

ich will sie gerade besteigen klingelt’s telefon: ich sag na wer

dran? hadayat ullah, ach, deine gedichte haben mir gut gefallen

sagt er ich bins. wenn sie auch sehr romantisch sind,

sagt er, sag ich fuck, deswegen rufst du an, ja, irgendwo drücken

sie doch hoffnung aus, nur die genitive stören, ich sag

willst du mich verarschen, nein ich find die haben so einen

expressionistischen touch. ich sag bist du wirklich bekloptt

oder was? ja weißt du, wir sind doch heute irgendwie wei-

ter, sensibilisierter also sag ich, hör zu, ich hab was besseres

zu tun als ’nen literatenabwasch zu machen, ich hab hier ’ne

heiße votze im bett, seit monaten nichts mehr zwischen den

fingern gehabt, hadayat, verstehste, nix als malochen, nachtwächter,

eierträger, mein freier tag, mein freier tag und übrigens

hör mal zu: du bist doch dichter, ich !es dir ’n gedieht

vor, jetzt passe mal auf: trinkst du binding-bier dann steht

er dir, trinkst du henninger, dann hängt er dir trinkst du

brauhaus dann ist’s ganz aus und ich habe heut morgen binding

gesoffen, verstehste, aber er hat natürlich schon eingehängt

. . . . .. das beste versäumen sie ja immer; die genitive,

die expressionisten, ausrangierte wracke, gar nicht angetörnt,

aber sensibel, spirituell, hoffnung … … mit dem fauser,

sagense, geht’s bergab …

(Reprint aus „Ulcus Molle“ 1974, ursprünglich nur auf Kassette The Austria Connection, POT 9/3, Linz)

Manelchen Kant nimmt mich an die Hand (2)

… und lässt sie gleich wieder los!

Das zweite Buch Ralf Ludwigs über den geistigen Überflieger aus Königsberg findet bei mir viel weniger Interesse. Es ist sicher genauso klar und verständlich geschrieben und Kants „Kategorischer Imperativ“ sollte man auch kennen. Nur dass ich diesmal bei der Lektüre keinen Draht zum Thema finde. Schon allein mit Kants „gutem Willen“ kann ich wenig anfangen und wahrscheinlich glaube ich noch nicht einmal an die Existenz des „guten Willens“ im Menschen. Kants Konzept und Hochschätzung der „Pflicht“ wird dann für mich und meine Generation zum roten Tuch. „Live fast, love hard and die young“ gefällt mir da schon erheblich besser. Oder „I am an anarchist“ von den „Sex Pistols“. Kants „Pflicht“ einem nur 15 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs geborenen Baby-Boomer zu empfehlen, klappt einfach nicht. Weniger „Pflicht“ wäre wahrscheinlich mehr gewesen für Kaiser Wilhelms Soldaten, die es sich begeistert in den Schützengräben bequem gemacht haben, bis die erste Granate neben ihnen explodierte, und noch mehr für Hitlers Wehrmacht und SS, die bei der Eroberung des Lebensraumes im Osten und in den Konzentrationslagern nur ihre „Pflicht“ taten. Hätten die lieber ihre „Pflicht“ nicht erfüllt! Natürlich hat Immanuel Kant keine Schuld an diesen Perversionen, aber leider hat spätestens der Nazi-Sprech so ein unschuldiges Wort wie „Pflicht“ verseucht und unbrauchbar gemacht.

Da stimmt also die Chemie nicht. Inkompatible Festplatte für meinen Computer. Mal abgesehen davon, dass ich stärkstens daran zweifle, ob Kants hochgestochene Moralansprüche bei Standardentscheidungen im Alltagsleben anwendbar sind.

Wenn selbst Friedrich Schiller Probleme mit Kant hat …

Gern dien ich den Freunden,
Doch tu ich es leider mit Neigung,
und so wurmt es mich oft,
daß ich nicht tugendhaft bin.

(„Xenien“)

oder

In der Kantischen Moralphilosophie ist die Idee der Pflicht mit einer Härte vorgetragen, die alle Grazien davon zurückschreckt und einen schwachen Verstand leicht versuchen könnte, auf dem Weg einer finstern und mönchischen Asketik die moralische Vollkommenheit zu suchen.
(„Über Anmut und Würde“ (1793))

… was sollen dann wir laszive, verweichlichte Nachgeborenen denken!

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Zum Nachlesen hier trotzdem die schöne Zusammenfassung Ludwigs des Kantschen Moralkonzepts:

Die Moralphilosophie Kants in vier langsamen Schritten.

Erster Schritt
Neben unserer sichtbaren Welt, in der die Gesetze der
Natur walten, gibt es noch eine Welt oder besser: einen
Bereich, der darüber hinausgeht und der sich mir nur
in Gedanken erschließt. Darin ist die Idee der Freiheit
zu Hause, eine Idee, die nicht bewiesen werden kann
und die nicht im Gegensatz zur Natur steht.
Gibt es in diesem Bereich auch eine Gesetzlichkeit,
ähnlich der in der Natur? Ja, denn wenn es schon Gesetze
im Bereich der Natur gibt, müßte es auch Gesetzmäßigkeiten
bei den Urteilen über die Frage der
Moral, welches Handeln richtig oder falsch ist, geben.

Zweiter Schritt
Dies zu beantworten ist Aufgabe der Vernunft. Die
Vernunft ist das Vermögen, den Bereich der Sinne und
der Natur zu übersteigen; nachdem sie diese Aufgabe
in der „Kritik der reinen Vernunft“ für die Erkenntnis
des Menschen in Angriff genommen hatte, bekommt
sie dieselbe Aufgabe für die Moral zugeteilt: den Willen
des Menschen zu bestimmen und damit die sinnliche
Natur des Menschen zu übersteigen. Dieses Feld
der Willensbestimmung darf die Vernunft nicht unserer
Erfahrung überlassen, deshalb hat sie sich zum
Programm gemacht, zur Bestimmung des moralisch
Guten die Willensbestimmung von sämtlichen Erfahrungen
und Neigungen radikal zu säubern.

Dritter Schritt
Die Vernunft kommt nun bei der Frage nach Gut und
Böse zu folgendem Ergebnis: Gut an sich ist nicht der
mögliche Gegenstand des Willens (Mut, Tapferkeit,
Glück . . .), sondern nur der gute Wille selbst, der einer
Handlung zu Grunde liegt. Gut ist eine Handlung
dann, wenn sie nicht pflichtmäßig ist (dies ist der Bereich
der Legalität), sondern wenn sie aus Pflicht geschieht
(dies ist der Bereich der Moralität). Ferner ist
eine Handlung dann gut, wenn sie aus Achtung für
das Sittengesetz erfolgt.

Vierter Schritt
Diesem Sittengesetz kann ich auf die Spur kommen,
wenn ich die Maxime meines Handelns einer bestimmten
Gesetzmäßigkeit unterziehe, die apriorisch
für alle Menschen allgemein und notwendig wie ein
Naturgesetz gilt. Die Formel dieser Gesetzmäßigkeit
aber ist der kategorische Imperativ. Dieser besagt:
Ich denke meine beabsichtigte Handlungsweise
versuchsweise als Vorschrift, die nicht nur für mich
und für heute gilt, sondern die als angenommenes Gesetz
für alle widerspruchsfrei gelten kann.
Der Grund dafür, dieses Gesetz für mich erlassen
zu können, liegt in der Selbstbestimmung des
Willens. Der Grund dafür aber liegt in der Freiheit.

Manelchen Kant nimmt mich an die Hand (1)

Muss man Kant lesen? Das ist zugegeben eine dumme Frage: natürlich nicht! Außer man belegt vielleicht einen Leistungskurs in Philosophie, hört Vorlesungen über ihn an der Universität oder man hat sonst wie professionell mit dem Supermind aus Königsberg zu tun. Interessanter ist da vielleicht schon die Frage: soll man Kant lesen? Meine Blitzantwort lautet: jein! Nein, weil man als Normalsterblicher (sprich philosophische Dumpfbacke) sich durch die vielen hundert Seiten der „Kritik der Reinen Vernunft“ nur mühsamst durchquälen und nur wenig verstehen würde. Kant gehört zweifellos in die Kategorie der sadistischen, frustverursachenden Schriftsteller: ihn zu lesen ist Lektürefolter, vielleicht nicht so schlimm wie bei Hegel, aber immer noch lupenreine Lesefolter, mentales Waterboarding. Nur Masochisten lassen sich freiwillig foltern. Kants Biografie weckt auch kein Interesse: immer nur Königsberg, nichts von der großen, weiten Welt gesehen, verbeamteter Philosophieprofessor in der Gnade oder Ungnade des preußischen Königs, die Königsberger stellen die Uhr nach seinem täglichen Nachmittagsspaziergang, hat der vielleicht einen an der Waffel? Aber Kant gehört andererseits zu etwas, was man früher einmal Allgemeinkultur genannt hat, die zu definieren niemand mehr in der Lage ist. Und dann ist Kant ja ein großer Revolutionär der Philosophiegeschichte, trotz seines extrem langweiligen Lebens. Mitten in der Aufklärung spricht er von den Grenzen der menschlichen Erkenntnis und sagt, dass das „Ding an sich“ nicht erkannt werden kann.

Was es für eine Bewandtnis mit den Gegenständen an sich und abgesondert von aller dieser Rezeptivität unserer Sinnlichkeit haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt.
(§ 8 Allgemeine Anmerkungen zur transzendentalen Ästhetik)

Unser Verstand formt die Sinneseindrücke nach Kants Schema der Kategorien zu Begriffen und ordnet sie in einem entsprechenden Raster von Urteilen. Die Erkenntnis richtet sich nicht nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände richten sich nach den möglichen Formen der Erkenntnis.

Genauso interessant sind Kants Überlegungen zu den Begriffen des nicht Erkennbaren, die er erst „transzendentale Ideen der reinen Vernunft“ und später einfach (angelehnt an Platon) „Ideen“ nennt. Die menschliche Vernunft stellt sich automatisch Fragen zu abstrakten Begriffen (Ideen), zu denen er genauso automatisch keine Antworten findet (Unsterblichkeit der Seele, Freiheit, Gott). Wenn die Grenzen der sinnlichen Erfahrung überschritten werden, entsteht das, was Kant „transzendentalen Schein“ nennt, sprich Illusion von Erkenntnis. Wir können von solchen Ideen wie Weltanfang, Weltende, Teilbarkeit des Ganzen, Willensfreiheit nie etwas wirklich wissen, weder, ob sie existieren, noch, ob sie nicht existieren.

Es sind Sophistikationen, nicht der Menschen, sondern der reinen Vernunft selbst, von denen selbst der Weiseste unter allen Menschen sich nicht losmachen, und vielleicht zwar nach vieler Bemühung den Irrtum verhüten, den Schein aber, der ihn unaufhörlich zwackt und äfft, niemals völlig loswerden kann.
(Der transzendentalen Dialektik /Zweites Buch/ Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft)

Zwackt und äfft? Solche transzendentalen Ideen sind also ein bisschen wie die Mücken und Wespen im Sommer, ungeliebte Gäste, die man gerne vertreiben möchte, die aber immer wieder zurückkommen. Speziell die Idee der Willensfreiheit sollte Kant weiterbeschäftigen. Auch wenn man nie wissen kann, ob es diese Willensfreiheit gibt oder nicht gibt, ist außer der Kausalität in der Natur auch eine Kausalität der Freiheit gegeben. Der Mensch hat einen „intellegiblen Charakter“, wie es Kant ausdrückt. Er erkennt die Notwendigkeit des „Solllens“, kann spontan entscheidend eine ethische Forderung wollen und realisieren und damit die Naturkausalität durchbrechen.

Ludwig, Ralf: Kant für Anfänger: Die Kritik der Reinen Vernunft“ (Eine Leseeinführung von Ralf Ludwig).

Ganz am Ende seines Buchs schreibt Ludwig eine Kurzzusammenfassung der „Kritik der Reinen Vernunft“:

Die Metaphysik fragt als Transzendental-Philosophie
nach den Bedingungen der Möglichkeit
von Erkenntnis. Zuerst wird die sinnliche
Wahrnehmung untersucht und dabei zwei Formen
reiner sinnlicher Anschauung gefunden:
Raum und Zeit. Mit ihnen werden alle Empfindungen
geordnet und anschließend vom
Verstand zu Begriffen geformt. Bei der anschließenden
Untersuchung des Denkens werden
die Kategorien gefunden. Sie verbinden die
Begriffe zu Urteilen und werden vom Verstand
wie Stempel in die sinnlichen Wahrnehmungen
hineingeprägt. Unser Verstandeswissen bleibt
aber mit allen diesen Möglichkeiten nur auf die
Welt der Erscheinungen beschränkt.
Will der Verstand, indem er sich zur schließenden
Vernunft entfaltet, unsere Welt der Erscheinungen
überfliegen und nach dem Wesen
der Wirklichkeit an sich greifen, verwickelt er
sich in Widersprüche und gerät ins Trudeln. So
muß er aufgeben und sich mit der Einsicht begnügen,
daß die Ideen als Zeichen des Absoluten
nicht bewiesen werden können, daß aber
auch nicht auf sie verzichtet werden kann.