Vor 32 Jahren …

Wenn man wie ich im Ausland (Italien) lebt, wird man als Deutsche(r) unweigerlich früher oder später auf den Mauerfall angesprochen und um einen mehr oder minder gescheiten Kommentar dazu gebeten. Und genauso unweigerlich haben alle den Freudentaumel der Maueröffnung vom 9. November 1989 im Kopf und glauben, dass in dieser Nacht (und auch in den darauffolgenden Tagen und Wochen) alle Deutschen einen kollektiven nationalen multiplen Orgasmus erlebt hätten.

Natürlich stimmt das nicht.

Jeder, der damals vor über 30 Jahren in Deutschland gewohnt hat, hat diesen Mauerfall emotional anders erlebt. Sicherlich gab es auch freudetaumelnde Ostberliner, die die konsternierten Grenzbeamten abgebusselt haben, nachdem sie 1 Sekunde nach dem Schabowski-Interview mit ihrem stinkenden Trabant zur nächsten Grenzübergangsstelle geknattert waren, um sich in einer Westberliner Kneipe ohne D-Mark in der Tasche Freibier spendieren zu lassen oder endlich ihre Verwandten zu besuchen, die sie jahrzehntelang nicht gesehen hatten. Die gab es sicher, aber ebenso sicher ging es nicht allen Ostberlinern so. Im damaligen Ostdeutschland war die Begeisterung über den Mauerfall oft sicher echt und übermächtig, aber es gab vermutlich auch viele Skeptiker und Zweifler.

Im damaligen Westdeutschland war die Spontanbegeisterung unterkühlter, selbst unter den konservativen CSU-/CDU-Wählern. Man fragte sich vielerorts sicherlich, wohin diese chaotischen Entwicklungen führen sollten. Spontan begeistert zu sein ist eine Sache, mit einer radikal veränderten politischen Situation umzugehen, ist etwas ganz Anderes.

Ich selbst war in der Nacht vom 9. auf 10. November 1989 in meiner kleinen Wohnung in der Reichenberger Straße 125, nur ein paar Hundert Meter von der Oberbaumbrücke entfernt. Beste Westlage also, um den historischen Mauerfall live zu erleben. Der kleine Wolfi mitten in der großen Weltgeschichte. Von wegen! Ich habe überhaupt nichts davon mitbekommen. Fernseher hatte ich eh keinen, um die 8-Uhr- Nachrichten zu sehen, Tagespolitik interessierte mich nicht, weder diejenige Westdeutschlands des schwarzen Riesen Helmut Kohl und noch viel weniger die politische Misere von Sauertopf Erich Honecker. Mit den Alltagssorgen eines Sprachstudenten an der FU, der heillos verspätet endlich sein Studium an der FU zum Abschluss bringen wollte, hatten diese suspekten Umwälzungen hinter der Mauer nichts zu tun. Etwas Positives und Interessantes erwartete ich sowieso von dem grauen und unsympathischen Arbeiter- und Bauern-Staat nicht. Die DDR verband ich im günstigsten Fall mit einem Strafzettel und Sofort-Inkasso anrückender Vopos, weil ich mein Auto auf einem der Transitparkplätze angeblich oder wirklich falsch geparkt hatte. Dafür musste man prompt einen blauen Hunni abdrücken, was für mich armen Schlucker ein Vermögen war. Die politische Situation der DDR war mir genauso suspekt und ungeheuerlich wie die in Polen oder in der damals noch existierenden Tschechoslowakei. Weit weg alles, nie gesehen, kein Interesse, irgendwo zwischen Transsylvanien und der Walachei. Was konnte man sich von der DDR schon erwarten außer Langeweile, Rückständigkeit und Abgasgestank aus 2-Takt-Motoren? Die Musik spielte in London, New York oder Los Angeles, nicht in Ostberlin, Wittenberg oder Rostock. Warum sollte ich mir an einem verregneten Ostseestrand eine Sommergrippe holen (und um nach Hiddensee zu fahren, hätte man Mitglied der kommunistischen Partei sein und monatelang vorher eine Besuchserlaubnis beantragen müssen), wenn man in Spanien oder Italien viel besser Sand, Sonne und Meer erleben konnte? Darüber hinaus hatte ich Ende 1989 schon längst beschlossen, meiner Freundin nach Italien hinterherzufahren und in Arkadien mein Glück zu versuchen. Deutschland und Berlin konnten mir gestohlen bleiben und sich zum Teufel scheren. Das Wiedervereinigungs-Chaos kam für mich zum falschen Zeitpunkt. Ich stieg aus dem Zug aus.

Natürlich war eine solche Haltung im besten Fall sehr naiv und politisch extrem unreif. Aber ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mit einer solchen politischen Blauäugigkeit nicht allein war. In der Cafeteria in der Rostlaube diskutierten wir Deppen damals in den Wochen nach dem Mauerfall nicht über die Wiedervereinigung Deutschlands, sondern über eine mögliche Konföderation nach Schweizer Vorbild oder gleich über zwei autonome deutsche Staaten, die normale nachbarschaftliche Beziehungen haben sollten.

Natürlich hatte im Nachhinein die von uns so verachtete tumbe Birne Helmut Kohl mit der schnellen und straff organisierten Wiedervereinigung völlig recht, die er mit allen Mitteln wollte und durchsetzte. Mir und meiner Generation fehlte der politische Weitblick und die demokratische Intelligenz dafür. Wahrscheinlich fehlte uns ganz einfach auch der Mut für Veränderungen.  Wir waren zu misstrauisch und zu feige, um uns Hals über Kopf in ein politisches Abenteuer zu stürzen, das alles verändern würde. Unbewusst wollten wir den Status-Quo West-Berlins erhalten, weil wir spürten, dass mit der Wiedervereinigung der Mythos West-Berlin zu Ende war und das neue wiedervereinigte Berlin nie mehr so epochemachend sein würde wie der schräge Inselstaat Westberlin inmitten der SBZ.

Fack yu Göthe revisited

Ich gebe zum wiederholten Mal zu, nicht objektiv sein zu können oder zu wollen, wenn ich sage, dass mir generell die Goethe-Institute als Träger und Verbreiter deutscher Kultur auf die Nerven gehen. Ich halte es da mit Rolf Dieter Brinkmann und seiner Generation. Trotzdem gibt es natürlich mehr oder weniger misslungene Exemplare dieser Einrichtungen auf der Welt. Übel stößt mir auch heute noch das Goethe-Institut in Neapel auf, mit dem ich schulbedingt von 2006 bis 2014 Kontakt hatte. Um Gottes willen! Erst mal fragt man sich sicher, ob es wirklich nötig gewesen war, eine Italienerin an die Spitze eines Goethe-Instituts zu hieven, die nach dem fetten deutschen Tarifplan besoldet ist. Zwangsläufig musste der Dame viel Authentizität fehlen. Und nicht nur das. Neben dem gut bezahlten Fulltime-Job, fand sie erstaunlicherweise auch die Zeit, sich als Schriftstellerin zu versuchen. Schlau und irgendwie typisch italienisch. Brotjob am Morgen und Ruhm am Nachmittag. Als Direktorin des Goethe-Instituts war man automatisch im Netzwerk renommierter deutscher Verlage und konnte eher zweifelhafte Belletristik veröffentlichen (Reiseführer, Liebesromane etc.), die ihr wenig wohlgesinnte Geister als Trash und Schund, bestenfalls als U-Literatur abtun und ungelesen in die Tonne zum Recyceln donnern würden. Andy Warhol hatte mal wieder recht: In the future everyone will be world-famous for 15 minutes. Was mich darüber hinaus nervt, ist auch der Glamour, den sie zu lieben scheint: ein rauschendes Fest zum 50-jährigen Bestehen des Goethe-Instituts in Neapel, der Besuch des feisten Frank-Walter samt Gattin, des damalige Bürgermeisters aus der Generation Kopf unten und emsiger Leibwächter, unsere Direktorin in feiner Abendrobe … Mich nervt das alles gewaltig, und mit der deutschen Kultur, die ich mag, hat das nichts zu tun. Wenn man immer noch nicht kapiert hat, dass das Beste dieser deutschen Kultur nicht in ihren lauten und offiziellen Offenbarungen, sondern in ihren versteckten Nischen zu finden ist, dann ist einer/einem nicht mehr zu helfen. Halts Maul, Deutschland!

Boboko (2)

2

Nicht weit weg von Oberstudienrätin Mommsen lebt Hans Haller im Wassertorkiez

Hans Haller sitzt ebenfalls auf dem Balkon seiner Wohnung in der Gitschiner Straße, von wo aus er die U-Bahn-Linie 1 nicht nur hört, sondern im 10-Minuten-Takt richtig rumpeln spürt. Der Tag ist vorbeigegangen, ohne Spuren zu hinterlassen und zu einem lauen Sommerabend geworden. Auf dem Blechtisch steht eine Flasche Grafenwalder Gold. Haller ist eigentlich ein athletischer Typ Ende fünfzig, hat aber Bauch angesetzt und wirkt verlebt. Er hat in seinem Leben keine besten Zeiten gehabt und in jedem Fall sind sie längst vorbei. Er isst zu schlecht und trinkt zu viel. Seine neuesten Blutwerte versteckt er ganz unten in der Schublade des Wohnzimmerschranks. Nach dem Abitur in Esslingen und dem Grundwehrdienst in Freiburg war er mehr als zehn Jahre lang in München bei einem Marmorgroßhändler als Sachbearbeiter beschäftigt. Die Firma verkalkulierte sich dann bei Großaufträgen in den neuen Bundesländern und ging pleite. Hans Haller lebte eine Zeitlang von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe (oder wie auch immer die heute heißt) und fand einen Job in Triest, weil er ein bisschen Italienisch konnte. Anfänger mit Vorkenntnissen in der VHS. Die Firma verkaufte Kaffee. Haller war für den Markt in Deutschland, Österreich und Slowenien zuständig. Auf einer seiner zahlreichen Reisen lernte er dann Wilma Wildlife, seine künftige Frau kennen, die ihn dazu überredete nach Berlin umzuziehen. Job in Italien geschmissen, hoppla hopp ins Goldgräber-Berlin nach der Wende. Er heiratete 1995. 1997 wurde die Tochter Nathalie geboren. Haller eröffnete einen kleinen Weinladen in Charlottenburg, mit dem er einige Jahre ganz gut verdiente. Nachdem aber sein Steuerberater bei einer Reihe von größeren Weinlieferungen aus Frankreich die Mehrwertsteuer falsch berechnet hatte, wollte das Finanzamt eine fette Nachzahlung und drohte mit Pfändung und Gerichtsprozess. Haller war mit seiner bescheidenen Weisheit am Ende und meldete mit seinem Laden In Vino Veritas Konkurs an. Die Nullerjahre dann waren für Haller reinrunde Nietenjahre. Zweimal Null Komma Nichts. Seine Ehe wurde geschieden, seine Frau zog in den Wedding und später ganz aus Berlin weg nach Hildesheim. 2008 hatte Haller dann die Nase voll von Hartz-IV und machte sich mit einer Ein-Mann-AG selbständig: Hans Hallers Privatdetektei, kurz HaHa. Ermittler mit bundesweiter und globaler Operationsfähigkeit. Eine goldene Nase konnte man sich damit auch nicht verdienen, wie die letzten 10 Jahre bewiesen, aber zumindest hielt man den Kopf überm Wasser. Die letzten Wochen waren allerdings mager gewesen. Eine Firma in Lübars vermutete Spesenbetrug bei einem ihrer Außendienstmitarbeiter, schreckte dann allerdings angesichts der hohen Überwachungskosten vor einer Auftragserteilung zurück. Im Mai hatte man ihn mitten in der Nacht am Handy wegen eines verletzten Kätzchens in Potsdam angerufen, das vom Dach gestürzt war. Als er um vier Uhr morgens am Humboldtring angekommen war, hatten sie allerdings schon den veterinären Notfalldienst kontaktiert und das Tier abholen lassen. Mit Mühe und Not konnte er die Gruppe der schlaftrunkenen Bewohner überzeugen, ihm pauschal 100 Euro bar auf die Kralle als Ausfallleistung zu zahlen. Letzte Woche war etwas besser. Ein gewisser Hackensack hatte ihm eine Mail geschrieben und 2000 Euro dafür angeboten, einen Aktenkoffer mit Rasierschaumdosen aus einem Schließfach im Münchner Hauptbahnhof nach Berlin zu bringen. Das hatte Haller einen Tag Arbeit und vielleicht 200 Euro Benzin gekostet. Warum war jemand so blöd und zahlte für so wenig Einsatz so viel Geld? Drogen?  Aber was steht auf der Webseite von HaHa? Absolute Diskretion. Ihre persönlichen Daten sind nur Hans Haller persönlich bekannt, das strengste Stillschweigen wird garantiert. Bei der Datensicherheit halten wir uns selbstverständlich an das Bundesdatenschutzgesetz. Hans Haller schenkt sich den Rest seines Grafenwalder Gold ein und hört wieder eine U-Bahn vorbeirumpeln. Metall auf Metall. Metal Machine Music. Um acht Uhr will er seine Ex-Frau Wilma und Tochter Nathalie beim Italiener in der Schlesischen Straße treffen. Mit einem Loch im Bauch lässt sich nicht nachdenken.

Konstantinos Kavafis

Die Stadt

Du sprachst: „Ich gehe in ein anderes Land, an eine andere Küste.
Es findet sich die andere Stadt, die besser ist als diese eben.
Jeder meiner Mühen ist das Scheitern vorgegeben;
und es ist mein Herz – als sei es tot – begraben.
Wie lange noch verharren hier in Ödnis die Verstandesgaben.
Wohin ich mein Auge wende, wohin ich auch schau‘,
hier sehe ich nur meines Lebens schwarzen Trümmerbau,
welches ich soviele Jahre führte und verheerte und verwüste.“

Du findest keinen neuen Platz, findest keine anderen Küsten.
Dir folgt die Stadt. Durch die Straßen streifst du, unveränderlich
dieselben. Und in selben Vierteln kommt das Alter über dich;
und es wird in selben Häusern weiß dein Haar.
Dein Ziel liegt stets in dieser Stadt. Nach anderen Orten – Hoffnung fahr –
gibt es kein Schiff für dich und gibt es keine Straße.
Wie du dein Leben hier verheert hast, in dem Maße
dieses kleinen Ecks, so mußtest du es in der ganzen Welt verwüsten.

B&B Otranto

Wenn Touristen in Italien Urlaub machen, übernachten sie inzwischen immer weniger in den klassischen Hotels und Touristenressorts, sondern wählen private B+B-Angebote. Man zahlt viel weniger und bekommt den gleichen Standard geboten. Küche und Waschmaschine gibt es sogar noch kostenlos dazu. Meist reist man auch in der Sommersaison und benutzt die gemietete Unterkunft eh nur für einige Stunden, um dort zu schlafen. Was die Touristen allerdings gerne vergessen (oder, treffender formuliert, kein Interesse haben, genauer in Augenschein zu nehmen), ist der krasse Preisunterschied zwischen Hotelzimmer und B+B-Unterkunft, der unmöglich mit rechten Dingen zugehen kann. Während die Hotels wenige Möglichkeiten haben, Steuern zu hinterziehen und Subventionen zu prellen, ist ein solcher Steuer- und Subventionsbetrug für die privaten B+B-Betreiber viel einfacher. Eigentlich nicht vorgesehene und nachträglich sanierte Privatwohnungen in Industriegebieten, „Schlampigkeiten“ bei der Rechnungsstellung, um die Mehrwertsteuer nicht zu zahlen, zum Teil fehlende Lizenzen und Schwarzmieten, sind in Italien Stretchingübungen eines weit verbreiteten Volkssports und werden oft, selbst wenn man den Versuch unternimmt, diese Machenschaften in die Öffentlichkeit zu zerren, als Kavaliersdelikte eingeordnet. Man sollte allerdings immer daran denken, dass sich hier einige der vielen Ursachen der horrenden italienischen Staatsverschuldung verbergen.

When tourists vacation in Italy, they now stay less and less in the classic hotels and tourist resorts, but choose private B+B offers. You pay much less and get the same standard. Kitchen and washing machine are even free of charge. Mostly one travels also in the summer season and uses the rented accommodation anyway only for some hours, in order to sleep there. However, what tourists tend to forget (or, more accurately, have no interest in looking at more closely) is the stark difference in price between hotel rooms and B+B accommodation, which can’t possibly be right. While hotels have few opportunities to evade taxes and cheat on subsidies, such tax and subsidy fraud is much easier for private B+B operators. Private apartments in industrial areas that were not actually intended and subsequently refurbished, „sloppiness“ in invoicing in order to not pay the VAT, in some cases missing licenses and black rents, are stretching exercises of a widespread popular sport in Italy and are often classified as peccadilloes, even when an attempt is made to drag these machinations into the public eye. It should always be remembered, however, that this is where some of the many causes of Italy’s horrendous national debt are hidden.

Boboko

Boboko

Ich habe vor einigen Monaten (leider bisher recht unzuverlässig und wenig effizient) damit begonnen, mich einem neuen Schreibprojekt zu widmen, das in Wirklichkeit überhaupt nicht neu ist. Solche barocken Antinomien sind bei mir eigentlich ganz normal, dass ich mit dem Schreiben beginne, dann ins Stocken gerate und das Buch dann erst nach vielen Jahren zu Ende schreibe. Was lange währt, wird endlich gut, lehrt uns der Berliner Großflughafen BER. Konkret geht es um einen knappen und skurrilen Kriminalroman mit Namen „Boboko“, den ich irgendwann 2014 in Neapel begonnen habe. „Skurril“ deswegen, weil alles eigentlich nur Fake ist, mich das Genre „Krimi“ überhaupt nicht interessiert und ich auch darüber nichts weiß. Das Genre „Krimi“ diente mir lediglich dazu, eine Rahmengeschichte zu erzählen, in die ich dann Ideen stecken konnte, die mir wichtig sind. Konkret: die Entführung der Berliner Schülerinnen Netty und Betty in Neapel (mehr will ich nicht verraten), gab mir die Gelegenheit, über Deutschland und Italien nachzudenken. Über Deutschland, weil ich dort aufgewachsen bin und auf Deutsch schreibe, über Italien, weil ich dort seit den neunziger Jahren lebe. Wenn ich Deutschland und Italien sage, meine ich natürlich in Wirklichkeit mein Deutschland und Italien. Ich habe diesmal vor allem über die Autoindustrie geschrieben, weil diese in Deutschland eine Kernindustrie ist, momentan in einem gigantischen Umwälzungsprozess dümpelt und natürlich auch, weil ich in der Audi-Stadt Ingolstadt großgeworden bin und selbst wegen knapper Finanzen und grüner Gewissensbisse ein verhinderter Autonarr bin, der sich mit einem Ford Fiesta begnügt. Italienthemen waren diesmal Neapel und die dort im Straßenbild allgegenwärtigen Roma/Sinti sowie der Salento, den ich aus persönlichen Gründen gut kenne. Mit den unvermeidlichen Vorwürfen, nur ein weiteres Mal wieder die üblichen Standardvorurteile über Süditalien befeuert zu haben, werde ich leben müssen.
 
Es galt, ein wenig teutonische Ordnung in den stockenden Schreibprozess der letzten Monate zu bringen, in der Hoffnung, dass eine chronologische Pedanterie mich dazu zwingen kann, ein bisschen fleißiger und systematischer an dem Projekt zu arbeiten und vielleicht sogar die hinter dem Ofen eingenickten Inspirationsgeister aufzuwecken. Ich wollte etwas schreiben, was ich selbst gerne lesen würde. Das ist aber schnell dahingeplappert in Zeiten, in denen seit Jahrzehnten in der (deutschen) Literaturgeschichte nichts mehr Aufregendes passiert. Schlinks „Der Vorleser“, Kehlmanns „Vermessung der Welt“ oder Herrndorfs „Tschick“ (um wahllos ein paar Beispiele zu nennen, die mir gerade einfallen) sind alle drei wichtige und inspiriert geschriebene Romane, aber sicherlich keine Meilen- und Ecksteine der deutschen Kulturgeschichte. Vergangen, vergessen, vorüber. Warum also noch ein weiteres Buch dazuschreiben, das noch viel weniger Durchschlagskraft haben kann als die drei erwähnten Beispiele von sehr bekannten Autoren. Antwort auf diese Frage habe ich eigentlich keine. Ob mein Projekt sinnvoll ist, müssen letztendlich die Leser entscheiden.
 
Ich habe mich also entschlossen, in Abständen von zirka zwei Wochen ein Kapitel des Romans ins Netz zu stellen. Es handelt sich bei „Boboko“ um ein echtes „work in progress“, denn von den geplanten vielleicht 35 Kapiteln sind momentan gerade einmal 13 fertig. Nur der Masterplan steht so einigermaßen (auf wackligen Füßen). Vielleicht hilft mir diese etwas pedantische Terminierung ja, meine chronische Faulheit zu überwinden und das Romanprojekt bis Ende des nächsten Jahres abzuschließen.
 
Viel Spaß beim Lesen!

 

 

 

 

1

Maria Mommsen bei sich zu Hause im gemütlichen Mauer-Kreuzberg, das längst Kreuzberg-Friedrichshain heißt. Sie fliegt morgen mit ihrer Klasse nach Italien. Die Weltpolitik lässt von sich hören.

Es ist ein eher kühler Morgen für die Jahreszeit. Ein leichter Morgennebel hängt über dem Garten vor dem Haus, der sich allerdings in der Spätsommersonne bald verflüchtigen wird. Maria Mommsen steht barfüßig in der Küche und setzt die Kaffeemaschine in Gang. Sie ist eine Frau Ende vierzig, drahtig, dunkler Teint. Sie ist mindestens 10 Jahre jünger als du denkst, wenn du sie das erste Mal siehst, aber das hilft trotzdem nichts. Manche Frauen sind mit 25 schon alt. Sie lebt allein, immer noch in Kreuzberg, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Nähe des Volksparks. Sie ist Lehrerin für Geschichte und Latein an der Johann-Gottfried-Herder-Oberschule in Berlin-Lichtenberg. Ihr Vater Herbert Mommsen kam irgendwoher aus Neubrandenburg und war, als es die Mauer noch gab, an derselben Schule im damaligen Ost-Berlin schon Studiendirektor gewesen. Er hatte sich in die Kubanerin Maria Perez verliebt, die im Rahmen des Programms der befreundeten sozialistischen Bruderstaaten in den sechziger Jahren nach Ost-Berlin gekommen war, um an der Humboldt-Universität Spanisch zu unterrichten, und sie zum Bleiben überredet. Ihr Onkel Pedro Tablada hatte am 17. April 1961 an vorderster Front an den Gefechten der kubanischen Bahía de Cochinos teilgenommen. Pedro Tablada war Oberst der Fuerza Aérea Revolucionaria Fidel Castros und flog ein Jagdflugzeug des Typs Hawker Sea Fury gegen die angreifende Fuerza Aérea de Liberación, die mit Zustimmung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy und der CIA Kuba vom lästigen Kommunisten und Diktator Castro befreien sollte. Onkel Pedros Kiste war leider während seiner angeblich heldenhaften und mutigen Verteidigung der neuen Volksrepublik von einer Boden-Luft-Rakete des unter nigerianischer Flagge segelnden Flugzeugkreuzers Freedom getroffen worden und abgestürzt.  In allen Geschichtsbüchern Kubas war zu lesen, dass Onkel Pedro für eine gute Sache gestorben war. Wer konnte daran zweifeln? Aber ein Toter konnte nicht mehr fliegen, und die Witwenrente betrug nur einen Bruchteil des Pilotengehaltes.  Maria Mommsen (Tochter) blieb das erste und einzige Kind von Herbert und Maria (Mutter). Das Telefon klingelt. Ihre Kollegin Susann Saitensprung ist am Apparat. Maria Mommsen hat kein besonders gutes Verhältnis zu ihr, aber jetzt, wo man eine Woche zusammen nach Italien fährt, muss man die Stirnfalten und Arschbacken zusammenkneifen. „Dieter Rostel besitzt keine gültigen Ausreispapiere, weder Personalausweis noch Reisepass, was sollen wir machen?“ – „Wie ist so etwas möglich?“ – „Das frage ich mich auch. Er sagt, es gab gestern einen Einbruch bei ihm in der Wohnung und beide seien gestohlen worden.“ – „Und jetzt?“ – „Er hat die Anzeige der Polizei und einen Führerschein A1. Das sollte für einen EU-Staat eigentlich reichen“. „Dann sehen wir uns also um zwei Uhr direkt am Flughafen.“ – „Ja, mit der ganzen Klasse direkt am Check-In von Easy Jet.“ – „Hoffentlich sind alle pünktlich.“ Maria Mommsen hat genug Zeit, um in Ruhe zu frühstücken. Von irgendwoher kommen Nachrichten aus dem fernen Renzi-Italien. Das plärrende Radio auf der Fensterbank in der Küche versucht Autorität zu verbreiten. Es gibt mal wieder einen neuen Ministerpräsidenten In Italien.  Mehr Lohn, mehr Arbeit, mehr Italien in Europa. Mehr Wachstum. Mehr Büffelkäse auf der tiefgefrorenen Pizza. Weniger Disziplin. Alle Schulden in einen Topf. Jeder schüttet seine Miesen dort rein. Jeder gibt seinen Zimt und sein Zinnober dazu. Politik. Maria schaltet das Radio aus und setzt sich mit der Tasse Kaffee auf den Balkon ihrer Wohnung. Im Viktoriapark ist so früh am Morgen noch kaum etwas los. Ein Radfahrer, vereinzelte Jogger, ein Mädchen, das seinen glänzend braunen Dackel Gassi führt. 

Bernd Leitenberger: Computergeschichte(n)

Bücher über Computer und Informatik gibt es ja mehr als Sand am Meer, aber eines zu finden, dass meinen bescheidenen Sachverstand in Mathematik und Programmierkenntnissen nicht überfordert (wie etwa das als einfach (!) zu lesend hochgepriesene Buch Clark Scotts  But How Do It Know?) und andererseits bereichernd herunterzuschmöckern ist, stellt sich als gar nicht so leicht heraus. Bernd Leitenbergers Computergeschichte(n) (Die ersten Jahre des PC) habe ich gerne gelesen, auch wenn ich weiß, dass ich hier die Niederungen der Populärwissenschaft betrete und bei den zahlreichen, groben Druckfehlern des im Selbstverlag veröffentlichten Werks alle meine Augen und Hühneraugen zudrücken muss. Das Buch lässt sich flüssig und ohne Fachchinesisch herunterlesen und bleibt trotzdem informativ.

Endlich weiß ich nun, dass Jack Tramiel der Firmengründer von Commodore war. Schließlich war ja ein Commodore PC-20-II mein erster Computer. Und endlich kann ich zwischen einem 8086er-, 8088er- und 186er-Prozessor unterscheiden.

Bernd Leitenberger: Computergeschichte(n). Die ersten Jahre des Pc. BoD. Norderstedt. 2012.2014.

Im Schießstand

Ich weiß, dass es nicht schön ist, wenn man sich von manchen seiner Obsessionen nicht befreien kann, und ich befürchte auch, dass solche Zwangsvorstellungen kein gutes Licht auf mich werfen. Bestenfalls gilt man als wenig intelligent, wenn man denselben Tee ständig neu aufgießt. Manche werden auch niedrige Beweggründe (Neid, Missgunst) hinter solchen Manien vermuten. Wie dem auch sei, ich schäme mich nicht einzugestehen, dass bei mir jedes Mal, wenn ich bestimmte Interviews oder biographische Notizen von zeitgenössischen Schriftsteller(innen)n lese, die Galle überläuft und die Wutflammen hochzüngeln. Nehmen wir (noch einmal) als Schießscheibe die Deutsch- Amerikanerin Ann Cotten, die mancherorts als Lichtgestalt der aktuellen Literaturszene und als Fräuleinwunder der deutschen Lyrikszene gepriesen wurde und die ich sogar bei einem Treffen am Goethe-Institut in Neapel (2012? 2013?) selbst aus „Fremdwörtersonetten“ vorlesen gehört habe. Inzwischen sind ja wieder ein paar Jährchen ins Land gegangen. Die Dame scheint recht aktiv zu sein und ständig neue Bücher zu veröffentlichen. Da ihre Bücher für mich unleserlich sind (ich habe es vergeblich mit den Fremdwörterbuchsonetten und Der Schaudernde Fächer versucht), habe ich mir dieses Mal ihr Interview (mit wem?) im Web auf „suhrkamp logbuch“ durchgelesen und ihren aktuellen Wiki-Eintrag angesehen. Was fällt da auf?

Einmal finde ich eine gewisse Underground- und Rebellinnen-Attitüde bei einer nunmehr doch fast vierzigjährigen Frau ziemlich lächerlich und unglaubwürdig, die seit 2007 jedes Jahr fette Literaturpreise einsackt, Teil des deutschsprachigen Mainstream-Kulturrummels ist, mit den Goethe-Instituten auf der ganzen Welt zusammenarbeitet, beim berühmten Suhrkamp-Verlag veröffentlicht und Bücher übersetzt, 2017 in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen wurde etc. New German Beat Generation? Als Made im Kulturspeck kann man leicht gegen Gott und die Welt losledern und anstinken, nur dass das alles nicht sehr authentisch rüberkommt. Das ist „radical chic“ in Reinkultur und in Wirklichkeit wahrscheinlich schlicht und einfach Fake. Immerhin klingt in dem Interview an bestimmten Stellen auch ein bisschen (ich weiß nicht wie ehrliche) Selbstkritik auf:

Manchmal habe ich ja selbst Angst – man wird eben ein bisschen verrückt, wenn man nicht das »normale« Leben lebt, sondern von irgendwoher Geld bekommt und nicht spürt, wie es zusammenhängt mit dem, was man arbeitet: ein bisschen irreal. Es ist natürlich auf Anhieb gesehen ein Glück, aber es kann einen deformieren. Sogar, wenn man aufpasst. Stipendien, Preise und so weiter … Jetzt habe ich schon fünf Jahre, bis auf das Semester in Nagoya, gelebt, ohne einen normalen, alltäglichen Job zu haben. Habe zwar immer was zu tun, aber …

Ein zweiter Punkt, der mir bei Ann Cotten einen sauren Magen verursacht, ist vielleicht sogar wichtiger, weil es hier nicht nur ums schnöde Geld und materielle Überleben (die ja auch als Mundraub durchgehen können), sondern ums Verständnis von Literatur selbst geht. Von einer wie auch immer reflektierten sozialen Funktion der Literatur ist nie die Rede in dem besagten Interview, alles dreht sich im Ringelreihen um sich selbst, Literatur verkümmert zur Literaturtheorie, zum Spiel im Elfenbeinturm für wenige Reiche und Schöne, oder zumindest Satte und Privilegierte. Rapunzel hat längst einen modischen Kurzhaarschnitt und kann kein Haar mehr herunterlassen. Literatur mit Plüsch und Wattebausch außen und unten rum, elitär, abgehoben, irrelevant, uninteressant. Literatur fürs ewige Licht in den Goethe-Instituten, für Literaturseminare (die mit den vielen Fremdwörtern, die keiner versteht), als zahn- und belangloses Zahnrädchen in der weichgekochten Globalkultur des 21. Jahrhunderts. Alles bitte und das Gegenteil von allem bitte gleich mit dabei.

Von Oktober 2020 bis Juni 2021 ist sie Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien und arbeitet dort an einem Promotionsprojekt mit dem Titel Vorarbeiten zu einer empirischen Ästhetik, die auch für Maschinen funktioniert: Ein Evaluationskit für die Recyclingfähigkeit existierender Theorien.

Ich versteh da leider nur Nordbahnhof, wenn ich das im Wiki-Eintrag über sie lese. Oder aus dem schon mehrfach zitierten Japan-Interview:

Nicht anything goes und dann aber völlig undurchsichtige Erfolgs- und Selektionskriterien nach modischer Sexiness, Irrtümern, Reaktionen, angstgetriebener Selektion der Erfolgreichen, blinder, künstlich verstärkter Sozialdarwinismus als unerkannter Einfluss auf eine heimlich extrem normative Ästhetik. Die extreme Diskrepanz zwischen den proklamierten Werten und der sozialen Wirklichkeit ist ein auch ästhetischer Schmerz.

Das ist Akademiker-Sprech in Reinkultur, Aussagen, durch die der Wind, das himmlische Kind pfeift, vollmundig ja, aber inhaltsleer und unverständlich. Fallen, in welche eine Schriftstellerin nicht reinlaufen sollte.  Darf man bitte schön öffentlich sagen, dass man nicht automatisch saudumm sein muss, wenn einen solche theoretischen Positionen und solche Literatur nicht interessieren? Wahrscheinlich ist Ann Cotten ja auch nur hoffnungslos überbewertet und ein gutes Beispiel dafür, in welchem hoffnungslos desolaten Zustand die deutsche Gegenwartsliteratur und die deutsche Verlagskultur seit Jahrzehnten dahinvegetiert.

Verwundert liest man im Wiki-Eintrag auch von gegenderter Sprache oder polnischem Gendering. Greisenni? Teilnehmemnnie? Betrachterni? Oberunterösterreichermnnie? Hä? Ich versteh schon wieder nur Bahnhof Uelzen. Und bekomme den Verdacht nicht los, dass man hier mangels Ideen und Inhalten auf solche schrägen (möglicherweise vom Ansatz her vielleicht auch legitimen, aber linguistisch hilf- und haltlosen) Abstrusitäten ausweichen muss, damit die Literaturshow heiter und munter weitergeht.

Last not least, spricht Ann Cotton in dem Japan-Interview offensichtlich auch viel über die japanische Literatur und Kultur. Ich kann da nicht mitreden, aber bekomme trotzdem den Eindruck nicht los, dass die geäußerten Einsichten über Buddhismus, Kanjis, schamanistische Frauen, Pretas, Gelsen, Rinne-Tensho, Gakis  usw. sehr an der Oberfläche hängen bleiben. Das scheint mir manchmal schon kulturelles Insel-Hüpfen. Ein halbes Jahr als Stipendiatin in Tokyo, und sofort wird 2016 ein Buch mit dem mysteriösen japanischen Titel Jikiketsugai, Tsurezuregusa veröffentlicht. Im selben Jahr dann schnell noch ein Buch auf Englisch Lather in Heaven! und ein Jahr später Fast dumm! Essays von on the road. Profunde Kenntnisse des japanischen Buddhismus entwickeln sich wohl anders.

https://www.logbuch-suhrkamp.de/ann-cotten/mit-allen-mitteln-in-die-konvention/

https://de.wikipedia.org/wiki/Ann_Cotten

Jörg Fauser: Der Klub, in dem wir alle spielen: Über den Zustand der Literatur

Jörg Fauser, der bekanntlich unter reichlich tragisch-komischen Umständen 1987 mit nur 43 Jahren starb, ist heute außer in meiner Generation so ziemlich vergessen. In den 80-iger gab es einen kleinen Hype um ihn, einer seiner Kriminalromane wurde auch vermutlich ohne großen Publikumsandrang verfilmt, aber für die Literaturanthologien und Schulbücher hat es nie gereicht. Das hat viele Gründe, von denen mir mindestens zwei in den Sinn kommen: einmal war Fauser zeit seines Lebens drogenabhängig (erst Heroin, dann Alkohol) und ein solches Monster kann natürlich unseren naseweisen Sprösslingen beim emsigen Studium der deutschen Literaturgeschichte nicht zugemutet werden. Literatur hat ja immer noch diese schreckliche Aura des Erhabenen und Reinen, die vermutlich von der deutschen Klassik herrührt („Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!) und Fauser war wahrscheinlich tatsächlich weder besonders edelmütig, noch ein menschenfreundlicher Gutmensch. Jemanden mit einer Nadel in der Vene als Autor eines der wenigen wichtigen Romane der Nachkriegszeit („Rohstoff“) zu präsentieren, war dem pumperlgesunden Studiendirektor aus deutschen Landen dann doch zu viel des Schlechten.  Und dann hat Fauser ja auch keine ernstzunehmenden Romane geschrieben, das war und bleibt doch alles Schund-, Trivial- und Unterhaltungsliteratur. So tönte es schon damals aus dem Blätterwald der Feuilletonseiten und den plärrenden Mikrophonen von Literaturtagungen und Hauptseminaren. Nichts zu machen Jörg. Die Tür ist zu und bleibt auf ewig verrammelt.  Du warst und bist eine „persona non grata“ für die deutsche Literaturmafia.

Doch Fauser hat mehr zu bieten als es auf den ersten Blick scheint. Nicht nur die Lektüre des hier besprochenen Buches (das Rezensionen zwischen 1963 und 1987 veröffentlicht) beweist, ein welch engagierter und kompetenter Leser er war, auch schnelle biographische Notizen zeigen, dass der aus einem bildungsbürgerlichen Milieu stammende Fauser die deutsche und die Welt-Literatur aus dem Effeff kannte. Der Mann kennt sein Handwerk und weiß, wovon er spricht.  Und er macht das mit dem typischen hessischen (süddeutschen) Understatement. Seine dutzenden Rezensionen von Büchern in „der Klub, in dem wir spielen“ liest sich allerdings viel persönlicher, privater, polemischer und spannender als jede schimmlige Literaturgeschichte, die scheinbare Wahrheiten und Gewissheiten wie die olympischen Fackeln weiterreichen. Nur dass es in der Literatur und Kunst keine Gewissheiten und ewigen Wahrheiten geben kann, im Gegenteil: echte Kunst hat Wahrheiten und Gewissheiten immer in Frage gestellt und zerstört. Das war immer unbequem und anstrengend und hat immer schon die all-time-haters aus allen Zeiten und Orten auf den Plan gerufen. Jetzt sag doch mal nichts gegen meinen Lessing, Goethe, Thomas Mann oder Franz Kafka, du Banause!

Dass Fauser die (zugegeben nicht immer) Reichen und Schönen der deutschen Literaturgeschichte kannte, ist selbstredend. Nur dass er sie kaum eines Wortes erwähnt oder böse gegen sie losledert. Kein Novalis, kein Eichendorff, kein Keller, kein Büchner, kein Hauptmann, noch nicht mal Döblin oder sonst einer der großen Namen. Über die ist wahrscheinlich schon so viel geschrieben worden, dass es sich nicht lohnt, seinen eigenen Senf dazuzugeben. Das ist natürlich auch das kritische rote Jahrzehnt und, mehr noch, die Punkattitüde der achtziger. Böll, Grass, Handke werden zwar ab und zumal im Buch erwähnt, aber nur, um seiner großen Abneigung gegenüber ihnen Ausdruck zu verleihen. Überhaupt hat es Fauser mit den Tendenzen der damaligen Gegenwartsliteratur (und diese Kritik müsste wahrscheinlich heute noch schärfer ausfallen): zu viel Innerlichkeit und Wehleidigkeit einerseits, zu heftiges Schwenken der roten Fahnen andererseits. Die deutsche Lyrikszene findet er besonders beschissen (Artikel „Fader Geschmack“). Alles geschlossene Gesellschaften mit dem damaligen Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki als nie hinterfragtem Häuptling. Leichenschmaus in Loccum, wie einer der Artikel im Buch heißt. Dort liest man:

War nicht jedes Thema, das die Bildung, insbesondere die Fortbildung, aufgriff, von vornherein erledigt, so peinlich wie das Spülwasser von gestern und so passé wie die Schlagzeile von heute früh? War nicht dieses ständige hündische Beschnuppern, Besabbern, Begrapschen und Anspringen jeglichen halbwegs originellen Gedankens, den 4000 Jahre Kulturgeschichte ausgespien haben über die Leichenberge hinweg, der endgültige Tod jedes halbwegs originellen Gedankens? Ich biss in die niedersächsische Pizza und dachte: So tot wie dieses Stück Mürbeteig sind alle Themen, die je in Bildungskreisen zur Diskussion gestellt wurden. Und tot wie unsere Themen sind wir selbst. Ich blickte mich um. Lauter Tote, die sich tote Themen und toten Fraß in ihre leichenstarren Münder stopften. Loccumer Leichenschmaus. Ich wollte nicht tot sein. Ich flüchtete in die Kneipe.

Retten tut Fauser nur wenige: Andreas Gryphius, Günther Eich, Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler. Ansonsten mag er Joseph Roth und Rudolph Dietzen/Hans Fallada (beide mit erheblichen Drogen- und Alkoholproblemen) und dann viele heute ziemlich unbekannte (zumindest mir), aber oft denke ich, absolut entdeckenswerte Schriftsteller: der Schweizer E.Y. Meyer, Jürgen Ploog, der Italiener Dino Segre (Pittigrilli), Hans Frick, Hans-Werner Kettenbach, Karl-Günther Hufnagel. Da hat man als Leser/in doch zumindest die Gewissheit, nicht alles schon vorher zu kennen, sondern sich nach der Lektüre auf literarische Entdeckungsfahrt begeben zu können.

Aber eigentlich mag Jörg Fauser ja die nordamerikanische Literatur. Nicht umsonst heißt die letzte Rezension „Letztlich … Die amerikanische Literatur ist vital, die deutsche schlapp“. Ich befürchte, dass es dieses Schlupfloch heute nicht mehr gibt in Zeiten, in denen auch die nordamerikanische Literatur immer mehr ihre gesellschaftsverändernde Kraft verloren hat wie im Übrigen natürlich auch die Literatur auf der ganzen Welt. Den optimistischen Glauben an die Literatur, den sich Jörg Fauser bewahrt hat, haben wir inzwischen alle leider verloren. Literatur ist heute immer weniger lebendige Literatur und immer mehr Geschichte der Literatur. Und dieser Prozess wird sich in den nächsten Jahrzehnten immer mehr verstärken.

Vor allem nordamerikanische Literatur (wie gesagt), wenn man einmal von dem Engländer George Orwell und dem Schweden Per Wahlöö absieht. Fauser mag Hemingway (von dessen sarkastischen und lakonischen Stil er sich sicher mehr als eine Scheibe runtergeschnitten hat), er mag die Beats (Jack Kerouac und William Burroughs), er mag Charles Bukowski, mit dem er persönlich ein langes Interview geführt hat. Aber Fauser mag vor allem die amerikanischen Kriminalromane, deren Weltbild ihm wohl behagte: das Leben ist kurz und schlecht, Fressen oder Gefressen werden, du bist moralisch im Recht, aber das nützt dir nichts, denn der serienmäßige Bandit schießt dich über den Haufen, Liebe gibt es keine und ich geh dann mal eben schnell ins nächste Puff.

Fauser mag Chester Himes, Eric Ambler, Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Graham Greene, Federic Forsyth, Mickey Spillane, James Hadley und andere mehr. Das ist ein Genre, wo ich persönlich wenig mitreden kann und das mich auch wenig interessiert. Fausers Kriminalromane (zum Beispiel „Der Schneemann“ (1981) oder „Das Schlangenmaul“ (1985)) halte ich eher für Fausers schwächere literarische Leistungen.

Als Dessert noch einige Zeilen aus Fausers Verriss des damals letzten Romans von Günther Grass „Die Rättin“:

Immer wenn Günter Grass wieder einen Roman geschrieben hat, legt der Kritikerpapst in Frankfurt das beste Oberhemd an, die beste Krawatte. Dienstbekleidung. Mit ihnen ist er groß geworden, mit Heinrich Böll und Martin Walser, mit Siegfried Lenz und Günter Grass, und sie sind groß geworden mit ihm. Letzte Saison war ja fulminant, als sie alle mit ihren neuen Romanen rauskamen und der Böll auch noch gleich gestorben ist, ein richtig guter Herbst war das, nur der Grass sei nicht rechtzeitig fertig geworden, hieß es, der Kritikerpapst weiß es besser. Der Grass hat es vorgezogen, im Frühjahr rauszukommen, allein, da ist er dann der Platzhirsch. Dem Kritikerpapst gefällt diese Einstellung nicht. Vielleicht wäre es an der Zeit, dem Mann klarzumachen, dass 500 Seiten Geraune und Gestaune, Suppenrezepte und Märchenaufguss, kaschubische Secondhand-Folklore und politisches Round-table-Gedöns noch lange kein Roman sind.

Der Klub, in dem wir alle spielen: Über den Zustand der Literatur

Franco Battiato: Oh! Sweet Nuthin‘

Auch wenn es in den letzten Jahren sehr viel stiller um den fünfundsiebzigjährigen sizilianischen Allroundkünstler Franco Battiato geworden ist (wozu auch Gerüchte um eine mysteriöse Krankheit beigetragen haben), gehört er sicherlich weiterhin zu den großen Superstars der italienischen Musikszene. Der wohl wichtigste Kritiker Fabio Zuffanti hat ihn sogar in eine Reihe mit Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini und Antonio Vivaldi gestellt. Doch außerhalb Italiens ist Franco Battiato oft unbekannt geblieben. Haberls Studie ist das erste Buch in nicht-italienischer Sprache über den Ausnahmekünstler und möchte dem deutschsprachigen Publikum vor allem die thematischen Inhalte seiner 30 Studioalben näherbringen, die als U-Musik klassifiziert werden, ohne aber Battiatos reiche E-Musik- und Filmproduktion völlig aus den Augen zu verlieren.