Johann Gottfried Seume Spaziergang nach Syrakus

Lange Reisebeschreibungen aus dem 18. oder 19. Jahrzehnt zu lesen, ist sicher nicht jedermanns Sache, wenn man einmal von den institutionalisierten Lesezwängen an der Uni oder am Gymnasium absieht. Einen schnellen Gebrauchswert, etwa in Form von Tipps für eine anstehende konkrete Reise, kann man sich nämlich davon nicht erwarten. Sie sind zu veraltet, zu weitschweifig und auch zu schwierig zu lesen. Wenn man dazu noch bedenkt, dass Platzhirsch Goethe mit seiner Italienischen Reise so laut röhrt, dass andere, leisere Stimmen übertönt werden, wird der Fanclub Johann Gottfried Seumes endgültig klein, aber fein bleiben müssen. Vorbei sind die Zeiten, als der Spaziergang nach Syrakus eine der großen  literarischen Renner des 19. Jahrhunderts war.  Zumindest im Ausland ist der Autor, selbst in Fachkreisen, heute wenig bekannt und nur etwas für ein Häuflein Feinschmecker. Man verwechselt ihn dort sogar leicht mit dem mittelalterlichen Mystiker Heinrich Seuse! Das ist eigentlich schade, denn Seumes Spaziergang nach Syrakus ist ein wichtiger, groß angelegter Alternativbericht zu Goethe mit ganz anderen Schwerpunkten. Dem Weimarer Dichter widerfuhr in seiner Grand Tour von 1786 bis 1788, bequem in Kutschen und Nobelherbergen logierend, eine Wiedergeburt als klassischer Dichter. Zu diesem Zweck ratterte Goethe in Italien die üblichen Stereotypen und Klischees eines nordeuropäischen Reisenden herunter: die natürliche Sinnlichkeit und Faulheit der Italiener, mediterranes Klima, exotische Fauna und Flora (die heutigen Vorurteile von Sonne, Meer und Pizza auf hohem, bildungsbürgerlichem Niveau!) und vor allem natürlich die Wiederentdeckung der römisch-griechischen Antike mit ihren ewigen Werten und ihrer unverwüstlichen Schönheit. Italien war für Goethe weniger ein konkretes Land als eine abstrakte Idee, die er auch in der Wirklichkeit bestätigt sehen wollte. Die Italienische Reise Goethes hätte deshalb ohne weiteres auch eine Spanische, Türkische oder Griechische Reise sein können. Seume, der seine Reise von Grimma bei Leipzig bis Syrakus und zurück 1801 und 1802 selbst finanzierte, zu Fuß bestritt und seine Erfahrungen dann in einer seltsamen Mischung aus Erlebtem und Erfundenem nachträglich niederschrieb und 1805 veröffentlichte, ist ein ganz anderer Bildungsreisender als Goethe. Seume ist nicht interessiert an der Antike und an hehren Schönheitsidealen von anno dunnemal, er beschreibt (natürlich in einer damals üblichen Brieffiktion) ein Italien zu Beginn des 19. Jahrhunderts, das er als Fußgänger, persönlich und von unten, mit fünf Sinnen erwandert, wobei der Leser Seumes unverhohlene Vorliebe für die von Napoleon längst ausgehebelten Ideale der französischen Revolution spürt. Gar nicht witzig zu lesen ist seine idyllische Beschreibung des Gebiets im Norden von Neapel (terra dei fuochi=Feuerland), das heute eine traurige Berühmtheit als größte illegale Giftmülldeponie der Welt erlangt hat. Ansonsten kommen die Italiener wahrscheinlich sogar zu gut weg. Wörtlich: „denn ich halte die Neapolitaner für eine der bravsten und besten Nationen, so wie überhaupt die Italiener“. Seumes Reisebeschreibung ist nicht idealisierend, sondern objektiv und begründet eine Tradition des literarischen Journalismus, die dann Heinrich Heine und Ludwig Börne weiterführten und die bis zu Rolf Dieter Brinckmanns Rom Blicke reicht.

Johann Gottfried Seume Spaziergang nach Syrakus

   

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