Autor: Wolfgang Haberl
Parken alla Romana

So parken hier in Rom die fetten SUVs mit Blaulicht der vielen privilegierten Politiker und VIPs. Direkt und gnadenlos unverschämt auf der Bushaltestelle. Wir dummen kleinen Schüler und Lehrer, die auf den Bus warten und mit ihm unterwegs sind, haben uns inzwischen daran gewöhnt. Ich befürchte, dass man nur einen bösen oder im besten Fall verlogenen Kommentar im römischen Dialekt vom geschniegelten ältlich-väterlichen Fahrer im dunkelblauen Anzug mit Krawatte bekäme, wenn man sich darüber beschweren würde.
Rainer Werner Fassbinder: Kino der Subversion

Rainer Werner Fassbinder war von seiner Persönlichkeitsstruktur eher ein hedonistischer und narzisstischer Anti-Intellektueller, wenn man die klassischen Klischees zu Rate zieht: er hat gewollt provoziert, er war Homosexueller, er trank zu viel auf noch mehr Partys, er schnupfte Kokain. Auch die Ersatzfamilie seines Künstlerkreises war voller Konflikte, Probleme, Eitelkeiten, dunkler Wolken und hässlicher Hierarchiestrukturen. Wenn man an einen Philosophieprofessor denkt, dann kommt einem wirklich am allerletzten RWF in den Sinn. Doch erstaunlicherweise haben viele seiner Filme eine auffällige epistemologische Ästhetik. Der etwas hochgestochene Terminus besagt, dass Fassbinder in seinen Filmen auch über das Denken an sich nachgedacht hat. Georg Beuerlein analysiert in seinem Artikel solche meta-textlichen Strukturen. Es geht also nicht nur über das „Nichtdenken“ als Kritik Fassbinders am Nachkriegsdeutschland, nicht nur um die bewusste Zuhilfenahme verfremdeter Trivialgenres (Melodrama, Krimi Noir, Science-Fiction, Gangsterfilme etc.), um subversiv über eine mögliche Revolution nachzudenken, es geht auch ganz konkret um klassische griechische Philosophie (Zenons Paradoxien der Vielheit) und um Platon, wenn die Tiefgaragenausfahrt in „Welt am Draht“ (1973) zu Platons Höhle in seinem berühmten Gleichnis wird.
Das von Simon Schkade und Waldemar Fromm herausgegebene Buch „Rainer Werner Fassbinder: Kino der Subversion“ (2026), das ein Resümee eines Fassbinder-Symposiums an der LMU München mit 8 Artikeln und weiteren Texten zu Papier bringt, unterzieht sich der zweifelsohne ehrenwerten Mühe, das Gedächtnis an einen inzwischen ziemlich vergessenen Rainer Werner Fassbinder am Leben zu erhalten, gerät aber leider allzu oft in den unvermeidlichen akademischen Fleischwolf und martert den Leser immer wieder mit langweiligen, komplizierten, einseitig rationalen Diskursen, bei denen man mehr als einmal schuldbewusst Tante Google zu Hilfe ziehen muss, weil man wieder einmal eines der vielen Fremdwörter nicht kennt.
Balkandeutsche

Letzten Donnerstag, als ich am späten Nachmittag mit dem Regionalzug „Lido Mare“ von Ostia nach Rom unterwegs war, saßen mir gegenüber im Abteil zwei Lehrerinnen und Lehrer aus Österreich, die wohl mit ihren Klassen auf Tour waren und vielleicht in Ostia Antica untergebracht waren oder von der Ausgrabungsstätte in ihr Hotel im Zentrum Roms zurückfuhren. 35 bis 40 Jahre waren die geschätzten Kolleginnen und Kollegen. Sie quatschten laut und viel. Und zwar nicht auf Deutsch, sondern in einem starken österreichischen Dialekt, den ich zwar ganz gut verstand, aber nicht als tirolisch, steiermärkisch, vorarlbergisch oder oberösterreichisch einordnen konnte. Soweit reichen dann meine alpenländischen Sprachkenntnisse doch nicht. Jedenfalls störte mich der unerwartete Komödienstadl gewaltig beim Lesen meines Buchs über die Filme Rainer Werner Fassbinders. Worüber gesprochen wurde, habe ich nicht abgespeichert, es war aber eher Banales, an einer bestimmten Stelle haben sie über einen Lehrerkollegen gelästert. Tratsch nicht im Hamburger Treppenhaus, sondern im italienischen Zugabteil. Jetzt spätestens wird vermutlich gebasht und gezetert, dass Dialekte legitim und schön seien, dass man das Recht habe, aus der Standardsprache auszuscheren, dass die Mine des Rassismus längst hochgegangen sei, kurz, man bezichtigt mich reflexartig der bösartigen Intoleranz. Pfui, du böser Fremdenhasser! Dialekt ist urig und authentisch. Und tatsächlich lohnt es sich, einmal darüber nachzudenken, warum mich dieser österreichische Dialekt so fürchterlich stört und nervt. Es gibt da, glaube ich, verschiedene Aspekte zu bedenken. Einmal natürlich meine Wenigkeit selbst. Ich habe bis 16 selbst bayerischen Dialekt gesprochen (der ja österreichischen Dialekten recht ähnlich ist), der Mann meiner älteren Schwester ist aus Salzburg, ich wollte nach dem Abitur und Wehrdienst weg aus einer miefigen bayerischen Provinzstadt und bin am Ende nach etlichen Zickzacken in Italien bauchgelandet. Traumatische Erfahrungen, raunt der kluge Psychologe, die dich negativ auf bayerische und österreichische Dialekte abgerichtet haben. Das Thomas-Bernhard-Syndrom. Fair ist das gegenüber dem Lehrer-Trio nicht, denn es hat keine Schuld an deinem verkorksten Seelenkorsett. Aber … und das wäre ein anderer Aspekt, den man zu meiner Verteidigung anwenden könnte, diese Negativität hat natürlich nicht nur persönliche, sondern ganz handfeste objektive Gründe. Dialekt unter Freunden in einer privaten Situation zu sprechen ist eine Sache, hier sind wir in einem öffentlichen Raum, in einem fremden Land, neben mir saßen 2 Schwarze, denen diese spezielle alpenländische linguistische Gemengelage sowas von Ikearegal war. Eine der österreichischen Lehrerrinnen hat dann in einem ziemlich schlechten Englisch vermutlich das Hotel angerufen. Das hatte schon fast etwas von einem surrealen Theatersketch. Was konnte ich armer Tropf machen? Der Assoziationszug war längst unterwegs wie unsere wirkliche S-Bahn. Rückständig, ordinär. Liab, aber dumm. Herbert Kickl, Jörg Haider, Good Evening Mr. Waldheim. Dazu passt auch, dass ich nicht alle Dialekte gleich unsympathisch finde. Ruhrpott-Deutsch zum Beispiel mag ich, Berlinerisch stört mich nur wenig, Plattdeutsch versteh ich zwar nicht, aber macht gute Laune.
Rainer Werner Fassbinder

Wenn man sich die gleich nach Fassbinders Tod 1982 erschienene Biografie Bernd Eckhardts durchliest, fallen einem nach über 40 Jahren unweigerlich einige Dinge auf, die mit dieser Zeitdistanz in Zusammenhang stehen. Fassbinder war ja damals der vermutlich berühmteste deutsche Regisseur, seine provokativen Filme und sein exzessives Leben waren in aller Munde. Auch ich habe Ende der 70er in unserem kleinen Kinoforum damals am Gymnasium etliche seiner Filme gesehen. Heute ist Fassbinder vielleicht nicht vergessen wie zum Beispiel Heinrich Böll, aber sicherlich kein alternativer Mainstream mehr, sondern ein Sujet für Seminare an Filmakademien. Was aber vielleicht noch wichtiger ist, sind die Umwälzungen jenseits seiner Person, die inzwischen in unseren Gesellschaften stattgefunden haben. 1945 in einem erzkonservativen Bayern geboren, gehörte Fassbinder ja zu den Promis der Protestgeneration während des „Roten Jahrzehnts“, hatte etwas von Rio Reiser und seinen „Ton, Steine, Scherben“, von Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel. Die Gesellschaft war gespalten in Elterngeneration und „Ihre Kinder“, man kämpfte gegen Nazi-Mief, kleinbürgerliche Ideale, Deutschtümelei, gegen die lange Litanei an „preußisch-deutschen“ Tugenden wie Ordnung, Sparsamkeit, Gründlichkeit, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Pflichtgefühl, Sparsamkeit, Kinder, Küche, Kirche (gibt‘s noch mehr?). Heute sind ja unsere Gesellschaften viel komplexer, offener und undurchsichtiger. Komisch eigentlich, weil Internet extreme Transparenz bedeutet, aber trotz der Datenfülle wissen wir immer weniger von anderen Personen, leben wir alle einen extrem isolierten Ego-Shooter-Trip. Das dritte, was einem sowohl bei Fassbinder als auch bei Eckhardts Buch auffällt, ist eine gehörige Prise an Schlamperei, fehlender Präzision, Professionalität und Glätte, die die Zeiten vor der Digitalisierung charakterisieren und die man sich damals wohl im Gegensatz zu heute erlauben konnte. Die analogen Zeiten waren sicherlich näher dran an der gebrechlichen Natur des Menschen mit all ihren Ecken und Kanten, Imperfektionen, Gerüchen, Schwächen. Fassbinder war kein Kind der digitalen Revolution aus der KI-Retorte. Er war kein digitaler Frankenstein mit smarten Tätowierungen und Schönheitsoperation, sondern ein analoges Enfant terrible mit Bierbauch und Mundgeruch.
Filippo di Benedetto
Weiter unten auf Deutsch mit DeepL übersetzt
Filippo Di Benedetto [Saracena (Cosenza) 17 aprile 1922 – Buenos Aires 4 settembre 2001]

Sindacalista e politico, Filippo Di Benedetto era quinto di sette figli di Leone Di Benedetto, di mestiere calzolaio, e Maria Montore, casalinga. Fin da ragazzino maturò un forte interesse per la politica e l’impegno civile, assorbendo le passioni del padre, primo abbonato di Saracena al quotidiano comunista «L’Unità ».
Affiancò presto gli studi – che si fermarono alla terza media – al lavoro in una bottega artigiana di falegnameria e nel contempo iniziò a coltivare quei sentimenti di altruismo, attenzione agli altri e amore per la lettura che lo portarono a diretto contatto con i braccianti dell’area del Pollino. Divenne un punto di riferimento per la comunità contadina del suo territorio e tra le sue intenzioni in quegli anni vi fu anche quella, dopo l’iscrizione, di fondare a Saracena la sezione del Pci. Una decisione che presto accantonò solo per ragioni di sicurezza, optando per incontri e riunioni clandestine finalizzate soprattutto a una presa di coscienza da parte dei braccianti dei propri diritti. Individuò in Fausto Gullo, fra i fondatori del Pci in Calabria, un punto di riferimento soprattutto nella crescita politica.
Le prime lotte sindacali e antifasciste nella zona del Pollino le organizzò lui insieme ad altri compagni e all’età di 21 anni – nel 1943 – fu arrestato, torturato dai fascisti e rinchiuso nel carcere di Castrovillari per un anno. Alla caduta della dittatura fascista, riconquistò la libertà e proseguì il suo impegno politico con ancora più passione.
Dopo la fine della Seconda guerra mondiale – alle prime elezioni democratiche nel 1947 – all’età di 25 anni venne eletto sindaco, il primo sindaco comunista di Saracena, e ancora oggi in paese c’è chi ricorda la sua dedizione e il suo incondizionato impegno per gli altri: come quella volta in cui Filippo Di Benedetto organizzò una manifestazione in paese contro i „signori“ di Saracena che si opponevano alla decisione di estendere il servizio idrico anche nelle case di campagna. Quando il corteo arrivò nei campi, trovarono un cordone di uomini in divisa con i fucili puntati sui manifestanti. «Sparate me e lasciate stare questi lavoratori », disse Di Benedetto.
Nel 1952 decise di raggiungere in Argentina il fratello Orlando che già viveva da due anni in America del Sud. Sarebbe dovuta essere un’esperienza lampo, giusto il tempo di rafforzarsi sul piano economico e poi ritornare a casa. Accadde che s’innamorò di una calabrese emigrata Rosa Garofalo, originaria di Cosenza, che sposò e dalla quale ebbe due figli: Mario e Claudio. Da Buenos Aires non fece più ritorno intraprendendo il mestiere di ebanista.
In Argentina, Di Benedetto s’iscrisse al Partito comunista: in quegli anni il Partito Comunista italiano iniziò ad avvicinarsi agli emigrati di sinistra in America Latina e i dirigenti riconobbero nella figura di Di Benedetto un contatto importante, perciò nel 1975 fu nominato responsabile del patronato Inca Cgil di Buenos Aires, diventando un prezioso punto di riferimento per l’intera comunità emigrata italiana. Si occupava di buste paga, pensioni, inserimento al lavoro. Di Benedetto si fece presto riconoscere per sue qualità morali e la sua completa dedizione agli altri.
In Argentina incominciò a frequentare l’Associazione calabrese di Buenos Aires, diventandone il presidente nel 1976. Cercò di tenere vivo il contatto fra la collettività italiana in Argentina e l’Italia, mantenendo l’equilibrio democratico fra emigranti di destra ed emigranti di sinistra. S’iniziava in quegli anni a parlare di diritto di voto per gli emigranti all’estero. Di Benedetto fu uno dei responsabili dei comitati per il voto degli emigranti e successivamente alla guida della Filef, la Federazione Lavoratori Emigranti e infine punto di riferimento del Pci nel paese sudamericano.
Di Benedetto era riconosciuto nella vita pubblica argentina: lontano dalla sua Calabria e in una grande capitale di un Paese pieno di contraddizioni, fragile sul piano politico, economico e nella struttura sociale. Era operoso: faceva avanti e dietro dall’Italia, portava informazioni; per alcuni anni attraversò l’oceano per ritornare in Italia decine di volte.
Intanto, tutta l’America latina tremava: in piena Guerra fredda, la rivoluzione cubana si era appena realizzata e aveva portato il comunista Fidel Castro al potere con il sostegno dell’Urss. Gli Stati Uniti non poterono stare a guardare e permettere che altri Paesi si allineassero alla svolta cubana. Il pericolo comunista andava arginato e così i governi democratici di molti paesi latinoamericani furono progressivamente abbattuti per essere sostituiti da regimi militari dittatoriali.
Accadde in Brasile, in Cile e il 24 marzo del 1976 anche in Argentina. Il generale Videla prese il potere e destituì Isabelita Peron. Seguì la repressione violenta e segreta degli oppositori, attraverso la detenzione illegale in luoghi clandestini, la tortura e l’uccisione, anche con i voli della morte. Studenti, attivisti politici, sindacalisti, madri di figli dispersi. Il terrorismo di Stato soppresse più di 40mila persone, 50mila nei centri di detenzione subendo angherie e torture, 30mila i desaparecidos, coloro cioè di cui si è persa traccia.
In questo contesto di repressione e morte, Filippo Di Benedetto scelse subito da che parte stare: in virtù del suo ruolo nel sindacato e nel partito, venne presto a conoscenza di diversi casi di desapariciòn ed entrò in contatto con l’allora viceconsole italiano, Enrico Calamai.
Insieme all’allora corrispondente del «Corriere della Sera », Gian Giacomo Foà , ingaggiarono una vera e propria missione umanitaria: si misero a servizio delle centinaia di famiglie che disperate si rivolsero al consolato per trovare accoglienza e rifugio di fronte ai rastrellamenti violenti della dittatura.
I genitori di ragazzi sequestrati chiedevano assistenza e in particolare di presentare istanza di habeas corpus, uno strumento previsto dalla Costituzione argentina e che riconosce il diritto di conoscere dove si trova una persona arrestata e per quale motivo. All’inizio non si trovavano avvocati disposti a presentare istanza. I pochi che avevano accettato furono uccisi in modo barbaro. Ma alla fine Calamai trovò – grazie a Di Benedetto, che all’epoca rappresentava l’Inca Cgil e si dice anche il Pci – un avvocato disponibile iscritto al Partito comunista argentino.
Iniziò così la missione umanitaria dei tre „eroi“ italiani: il sindacalista, il diplomatico e il giornalista.
Di Benedetto aveva il compito di segnalare casi di giovani perseguitati, li riceveva nel suo ufficio, li accompagnava in consolato, li nascondeva fino al rimpatrio sotto copertura. Calamai rilasciava i passaporti e Foà documentava l’Italia sul volto criminale della dittatura Videla.
Di Benedetto pagò a duro prezzo: la figlia del fratello Orlando, Domenica, fu sequestrata e torturata. Il regime gli portò via il nipote Eduardo, sequestrato nel novembre del 1976 da quattro uomini mentre accompagnava i suoi due figli alla scuola materna, e mai più ritornato a casa.
Più di 300 ragazzi, invece, rientrarono in Italia grazie alla rete di salvataggio messa in piedi da Calamai e Di Benedetto: «Se in aeroporto vi chiedono spiegazioni – questo l’escamotage pensato per sfuggire ai controlli degli aguzzini – voi dite che siete turisti ».
Tutto finì a maggio del 1977, quando Calamai venne richiamato in Italia. «Mentre il mio Governo mi chiedeva di stare fermo – sono parole di Calamai – nello stesso tempo mi aveva dato i mezzi per intervenire. Il nostro vanto era aver messo su un ufficio aperto a tutti. L’unico problema è che più aiutavamo, più accorciavo la mia permanenza in Argentina, cosa che poi è avvenuta ».
Li hanno definiti gli Oscar Schindler italiani, richiamando l’esperienza eroica dell’imprenditore che, nel pieno dell’Olocausto, sacrificò il suo lavoro per mettere in salvo più di mille ebrei dai lager nazisti. Grazie al regista americano Steven Spielberg tutti conoscono l’industriale tedesco. L’incredibile vita del sindacalista calabrese è purtroppo ancora patrimonio di pochi.
Di Benedetto muore in Argentina nel 2001 e solo il 7 settembre del 2019, nel suo paese d’origine Saracena, a piazza Castello è stata posta una targa per ricordare le sue eroiche gesta a servizio dell’umanità e a difesa della vita. (Giulia Veltri) © ICSAIC 2019
Nota bibliografica
- Gaetano Cario, Un addio al patriarca dell’emigrazione, «L’Eco d’Italia » (Buenos Aires), 10 settembre 2001;
- Gianni Giadresco, Grave lutto per la Filef la morte di Filippo di Benedetto, «Emigrazione notizie », 13 settembre 2001;
- Enrico Calamai, Niente asilo politico. Diario di un console nell’Argentina dei desaparecidos, Feltrinelli, Milano 2006;
- Giulia Veltri, Tre italiani eroi come Schindrer, in «Quotidiano del Sud », 19 ottobre 2015;
- Giulia Veltri, Filippo Di Benedetto: eroe dimenticato nella bufera della dittatura argentina, in Vittorio Cappelli e Pantaleone Sergi (a cura di), Traiettorie culturali tra il Mediterraneo e l’America latina, Pellegrini, Cosenza 2016, pp. 257-264.
Filippo Di Benedetto [Saracena (Cosenza) 17. April 1922 – Buenos Aires 4. September 2001]
Als Gewerkschafter und Politiker war Filippo Di Benedetto das fünfte von sieben Kindern von Leone Di Benedetto, einem Schuhmacher, und Maria Montore, einer Hausfrau. Schon als Junge entwickelte er ein starkes Interesse an Politik und bürgerschaftlichem Engagement und übernahm die Leidenschaften seines Vaters, der in Saracena der erste Abonnent der kommunistischen Tageszeitung „L’Unità“ war.
Schon früh verband er seine Schulausbildung – die nach der 8. Klasse endete – mit der Arbeit in einer Tischlerei und begann gleichzeitig, jene Gefühle der Selbstlosigkeit, der Aufmerksamkeit für andere und der Liebe zum Lesen zu pflegen, die ihn in direkten Kontakt mit den Landarbeitern der Region Pollino brachten. Er wurde zu einer Bezugsperson für die bäuerliche Gemeinschaft seiner Region, und zu seinen Absichten in jenen Jahren gehörte auch, nach seinem Beitritt in Saracena einen Ortsverband der PCI zu gründen. Eine Entscheidung, die er jedoch bald aus Sicherheitsgründen aufgab und sich stattdessen für geheime Treffen und Versammlungen entschied, die vor allem darauf abzielten, den Landarbeitern ihre Rechte bewusst zu machen. In Fausto Gullo, einem der Gründer der PCI in Kalabrien, fand er einen wichtigen Bezugspunkt, vor allem für seine politische Entwicklung.
Die ersten gewerkschaftlichen und antifaschistischen Kämpfe in der Region Pollino organisierte er gemeinsam mit anderen Genossen, und im Alter von 21 Jahren – im Jahr 1943 – wurde er verhaftet, von den Faschisten gefoltert und für ein Jahr im Gefängnis von Castrovillari eingesperrt. Nach dem Sturz der faschistischen Diktatur erlangte er seine Freiheit wieder und setzte sein politisches Engagement mit noch größerer Leidenschaft fort.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – bei den ersten demokratischen Wahlen 1947 – wurde er im Alter von 25 Jahren zum Bürgermeister gewählt, dem ersten kommunistischen Bürgermeister von Saracena, und noch heute gibt es im Dorf Menschen, die sich an seinen Einsatz und sein bedingungsloses Engagement für andere erinnern: wie damals, als Filippo Di Benedetto im Dorf eine Demonstration gegen die „Herren“ von Saracena organisierte, die sich der Entscheidung widersetzten, die Wasserversorgung auch auf die Landhäuser auszuweiten. Als der Zug auf die Felder kam, stießen sie auf eine Kette von Männern in Uniform, die ihre Gewehre auf die Demonstranten richteten. „Schießt auf mich und lasst diese Arbeiter von der Gewerkschaft ‚ ‘ in Ruhe“, sagte Di Benedetto.
1952 beschloss er, zu seinem Bruder Orlando nach Argentinien zu gehen, der bereits seit zwei Jahren in Südamerika lebte. Es sollte nur ein kurzer Aufenthalt sein, gerade lange genug, um sich finanziell abzusichern und dann nach Hause zurückzukehren. Es kam jedoch dazu, dass er sich in eine kalabrische Auswanderin, Rosa Garofalo, aus Cosenza, verliebte, die er heiratete und mit der er zwei Söhne hatte: Mario und Claudio. Von Buenos Aires kehrte er nicht mehr zurück und schlug den Beruf des Tischlers ein.
In Argentinien trat Di Benedetto der Kommunistischen Partei bei: In jenen Jahren begann die Kommunistische Partei Italiens, sich den linken Auswanderern in Lateinamerika anzunähern, und die Parteiführung erkannte in Di Benedetto einen wichtigen Kontaktmann; daher wurde er 1975 zum Leiter des Sozialzentrums Inca Cgil in Buenos Aires ernannt und wurde zu einem wertvollen Ansprechpartner für die gesamte italienische Auswanderergemeinschaft. Er kümmerte sich um Gehaltsabrechnungen, Renten und die Vermittlung von Arbeitsplätzen. Di Benedetto machte sich bald durch seine moralischen Qualitäten und sein uneingeschränktes Engagement für andere einen Namen.
In Argentinien begann er, den kalabrischen Verein von Buenos Aires zu besuchen, dessen Präsident er 1976 wurde. Er bemühte sich, den Kontakt zwischen der italienischen Gemeinschaft in Argentinien und Italien aufrechtzuerhalten und dabei das demokratische Gleichgewicht zwischen Emigranten der Rechten und der Linken zu wahren. In jenen Jahren begann man, über das Wahlrecht für Auswanderer im Ausland zu sprechen. Di Benedetto war einer der Verantwortlichen der Komitees für das Wahlrecht der Auswanderer und später an der Spitze der Filef, der Föderation der Auswandererarbeiter, und schließlich eine Bezugsperson der PCI in dem südamerikanischen Land.
Di Benedetto war im öffentlichen Leben Argentiniens anerkannt: fernab seiner Heimat Kalabrien und in einer großen Hauptstadt eines Landes voller Widersprüche, das politisch, wirtschaftlich und in seiner sozialen Struktur fragil war. Er war unermüdlich: Er pendelte zwischen Italien und Argentinien hin und her, brachte Informationen mit; einige Jahre lang überquerte er den Ozean, um Dutzende Male nach Italien zurückzukehren.
Unterdessen bebte ganz Lateinamerika: Mitten im Kalten Krieg hatte die kubanische Revolution gerade stattgefunden und den Kommunisten Fidel Castro mit Unterstützung der UdSSR an die Macht gebracht. Die Vereinigten Staaten konnten nicht tatenlos zusehen und zulassen, dass sich andere Länder dem kubanischen Kurs anschlossen. Die kommunistische Gefahr musste eingedämmt werden, und so wurden die demokratischen Regierungen vieler lateinamerikanischer Länder nach und nach gestürzt und durch diktatorische Militärregime ersetzt.
Das geschah in Brasilien, in Chile und am 24. März 1976 auch in Argentinien. General Videla übernahm die Macht und setzte Isabelita Perón ab. Es folgte die gewaltsame und heimliche Unterdrückung der Oppositionellen durch illegale
Inhaftierung an geheimen Orten, Folter und Tötung, auch mittels der „Todesflüge“. Studenten, politische Aktivisten, Gewerkschafter, Mütter von verschwundenen Kindern. Der Staatsterrorismus forderte mehr als 40.000 Menschenleben, 50.000 litten in Haftanstalten unter Schikanen und Folter, 30.000 wurden zu
„Desaparecidos“, also zu Menschen, von denen jede Spur verloren ging.
In diesem Kontext von Unterdrückung und Tod entschied sich Filippo Di Benedetto sofort, auf welcher Seite er stehen wollte: Aufgrund seiner Rolle in der Gewerkschaft und in der Partei erfuhr er bald von verschiedenen Fällen von Desaparición und nahm Kontakt zum damaligen italienischen Vizekonsul Enrico Calamai auf.
Zusammen mit dem damaligen Korrespondenten des „Corriere della Sera“, Gian Giacomo Foà, begannen sie eine regelrechte humanitäre Mission: Sie stellten sich in den Dienst der Hunderte von Familien, die sich verzweifelt an das Konsulat wandten, um angesichts der gewaltsamen Razzien der Diktatur Aufnahme und Zuflucht zu finden.
Die Eltern der entführten Jugendlichen baten um Hilfe und insbesondere darum, einen Antrag auf Habeas Corpus zu stellen, ein in der argentinischen Verfassung vorgesehenes Instrument, das das Recht anerkennt, zu erfahren, wo sich eine festgenommene Person befindet und aus welchem Grund. Anfangs fanden sich keine Anwälte, die bereit waren, einen solchen Antrag zu stellen. Die wenigen, die akzeptiert hatten, wurden auf barbarische Weise ermordet. Doch schließlich fand Calamai – dank Di Benedetto, der damals die Inca Cgil und angeblich auch die PCI vertrat – einen bereitwilligen Anwalt, der Mitglied der Kommunistischen Partei Argentiniens war.
So begann die humanitäre Mission der drei italienischen „Helden“: des Gewerkschafters, des Diplomaten und des Journalisten.
Di Benedetto hatte die Aufgabe, Fälle von verfolgten Jugendlichen zu melden, empfing sie in seinem Büro, begleitete sie zum Konsulat und versteckte sie bis zu ihrer Rückführung unter falschem Namen. Calamai stellte die Pässe aus, und Foà informierte Italien über das kriminelle Gesicht der Videla-Diktatur.
Di Benedetto bezahlte einen hohen Preis: Die Tochter seines Bruders Orlando, Domenica, wurde entführt und gefoltert. Das Regime nahm ihm seinen Neffen Eduardo weg, der im November 1976 von vier Männern entführt wurde, als er seine beiden Kinder in den Kindergarten brachte, und nie wieder nach Hause zurückkehrte.
Mehr als 300 Jugendliche kehrten hingegen dank des von Calamai und Di Benedetto aufgebauten Rettungsnetzes nach Italien zurück: „Wenn man euch am Flughafen nach Erklärungen fragt – so lautete der Trick, um den Kontrollen der Peiniger zu entgehen –, sagt ihr, dass ihr Touristen seid.“
Alles endete im Mai 1977, als Calamai nach Italien zurückgerufen wurde. „Während meine Regierung mich aufforderte, stillzuhalten – so Calamai –, hatte sie mir gleichzeitig die Mittel gegeben, einzugreifen. Unser Stolz war es, ein für alle offenes Büro eingerichtet zu haben. Das einzige Problem war, dass je mehr wir halfen, desto mehr verkürzte ich meinen Aufenthalt in Argentinien, was dann auch geschah.“
Man bezeichnete sie als die italienischen Oskar Schindlers und verwies dabei auf die heldenhafte Tat des Unternehmers, der mitten im Holocaust sein Geschäft opferte, um mehr als tausend Juden aus den Nazi-Konzentrationslagern zu retten. Dank des amerikanischen Regisseurs Steven Spielberg kennt jeder den deutschen Industriellen. Das unglaubliche Leben des kalabrischen Gewerkschafters ist leider noch immer nur wenigen bekannt.
Di Benedetto starb 2001 in Argentinien, und erst am 7. September 2019 wurde in seinem Heimatort Saracena auf der Piazza Castello eine Gedenktafel angebracht,um an seine heldenhaften Taten im Dienste der Menschheit und zur Verteidigung des Lebens zu erinnern. (Giulia Veltri) © ICSAIC 2019
Literaturhinweis
- Gaetano Cario, Ein Abschied vom Patriarchen der Auswanderung, „L’Eco d’Italia“ (Buenos Aires), 10. September 2001;
- Gianni Giadresco, „Tiefer Trauerfall für die Filef: der Tod von Filippo di Benedetto“, „Emigrazione notizie“, 13. September 2001;
- Enrico Calamai, Kein politisches Asyl. Tagebuch eines Konsuls im Argentinien der Desaparecidos, Feltrinelli, Mailand 2006;
- Giulia Veltri, Drei italienische Helden wie Schindler, in „Quotidiano del Sud“,
19. Oktober 2015;
- Giulia Veltri, Filippo Di Benedetto: vergessener Held im Sturm der argentinischen Diktatur, in Vittorio Cappelli und Pantaleone Sergi
(Hrsg.), Kulturelle Wege zwischen dem Mittelmeerraum und Lateinamerika, Pellegrini, Cosenza 2016, S. 257–264.
Der Verbrecher aus verlorener Ehre

Bei Friedrich Schiller hat man als Leseratte gern Berührungsängste und Gänsehaut. Er ist vermutlich auch heute noch oft Pflichtlektüre in den Gymnasien und beim Germanistik-Studium. Und alles, was man gezwungenermaßen macht, liebt man im Regelfall wenig. Auch Schillers unerreichbar hohe Ansprüche des Guten, Schönen und Wahren in der Deutschen Klassik, die man mit ihm reflexartig in Verbindung bringt, helfen wenig weiter. Aber glücklicherweise gibt es ja auch noch den „anderen“ Schiller, den „Stürmer und Dränger“ der „Räuber“ und des „Wilhelm Tell“, in denen er Partei gegen Unterdrückung und Tyrannei bezieht und uns bei der schwierigen Gratwandung zwischen Legalität und Legitimität mitnimmt. Eine weitere, vermutlich wenig bekannte Erzählung Schillers „Ein Verbrecher aus verlorener Ehre“ (1786) bewegt sich ebenfalls in diesem thematischen Umfeld und erzählt die Geschichte des Sonnenwirts Christian Wolf, der zum Wilddieb und Mörder und dann am Ende hingerichtet wird. Hier legt der ehemalige Medizinstudent Schiller nicht so sehr seinen Schwerpunkt auf die Kritik am Absolutismus, sondern auf die Empathie des Lesenden mit der psychologischen Entwicklung des „kriminellen“ Christian Wolf. Warum wird Wolf zum Verbrecher? Wieviel Verständnis können wir mit ihm haben? Schöne kleine, absolut lesenswerte Erzählung von noch nicht einmal dreißig Seiten. Meine absolute Lieblingserzählung bei der Analyse des Bösen im Menschen aber bleibt Hermann Melvilles „Billy Budd“ (ca. 1891) hundert Jahre später. Die hat dann doch noch ein paar Lot Tiefgang mehr beim Zerpflügen der literarischen Weltmeere.
Hawk Tuah Girl
Prompt: Schreibe eine Geschichte mit zirka 30000 Zeichen über das Hawk-Tuah-Girl Haliey Welch (H.W.), die in kürzester Zeit mit der lautmalerischen Beschreibung einer Fellatio-Technik einen Internet-Hype losbricht, in den Millionen investiert und später noch mehr Millionen verloren werden.
Hawk Tuah Girl
Im Sommer, in dem alles gleichzeitig zu schnell und zu laut wurde, saß eine junge Frau namens H. W. auf einer Bordsteinkante vor einer Bar in Nashville und dachte über nichts Besonderes nach.
Die Straße war warm vom Asphalt, Musik drang durch die offene Tür der Bar, und irgendwo klirrten Flaschen. Zwei Männer mit einer Kamera liefen die Straße entlang und stellten den Leuten Fragen, wie sie das Internet liebt: halb albern, halb peinlich.
„Eine Frage für TikTok!“, rief einer.
Die meisten Leute lachten, manche winkten ab. H. blieb sitzen. Sie hatte gerade einen Schluck aus einer Plastikflasche genommen, als das Mikrofon vor ihr auftauchte.
„Was ist ein Trick, mit dem man einen Mann komplett verrückt macht?“
H. grinste. Nicht lange nachdenken, einfach reden – das war immer ihr Stil gewesen.
Sie sagte einen Satz, machte ein Geräusch dazu, eine lautmalerische, übertriebene Imitation. Ein kurzer Moment, ein spontaner Witz, halb neckisch, halb absurd.
Die Kamera fing ihr Lachen ein.
Die Männer lachten auch.
„Das schneiden wir nicht raus“, sagte einer.
H. zuckte mit den Schultern. „Macht doch.“
Am nächsten Morgen hatte das Video ein paar tausend Aufrufe.
Am Mittag hunderttausend.
Am Abend eine Million.
Innerhalb von drei Tagen war das Geräusch – dieses alberne „Hawk Tuah“ – überall.
1. Der Algorithmus liebt Überraschungen
Das Internet ist eine Maschine für Zufälle.
Jemand postete das Video auf TikTok.
Jemand anders schnitt es zu einem Meme.
Ein dritter fügte Untertitel hinzu.
Dann landete es auf X (Twitter).
Innerhalb von Stunden posteten Menschen Variationen.
Remixe.
Reaktionsvideos.
Ein Streamer spielte das Video zehnmal hintereinander auf YouTube und konnte nicht aufhören zu lachen.
„Wer IST diese Frau?“
Der Name tauchte bald auf.
H. W..
Ein paar alte Fotos wurden ausgegraben. Leute analysierten jedes Wort aus dem Interview.
Memes explodierten.
Es gab:
- Hawk-Tuah-T-Shirts
- Hawk-Tuah-Caps
- Hawk-Tuah-Sticker
- Hawk-Tuah-Soundbuttons
Der Klang wurde zum Symbol.
Nicht weil er besonders klug war.
Sondern weil er perfekt absurd war.
2. Die Woche, in der alles passierte
H. bemerkte den Hype zuerst, als ihr Handy nicht mehr still blieb.
Freundin:
„Girl. Du bist überall.“
Cousin:
„Warum bist du auf meinem Instagram?“
Fremde Nummern:
„Podcast-Anfrage.“
Als sie ihr eigenes Video sah, lachte sie erst.
Dann erschrak sie ein bisschen.
Dann lachte sie wieder.
„Na gut“, sagte sie zu sich selbst. „Dann schauen wir mal.“
Eine Woche später saß sie in einem Studio.
Ringlicht.
Mikrofon.
Manager.
„Du musst eine Marke werden“, erklärte ein Mann namens Derek, der plötzlich ihr Manager war.
„Eine Marke?“
„Das Internet liebt dich. Aber nur kurz.“
Er zeichnete drei Kreise auf ein Whiteboard.
Viralität.
Merch.
Community.
„Wenn wir das richtig machen“, sagte Derek, „verdienen wir Millionen.“
H. grinste.
„Aus einem Geräusch?“
„Genau daraus.“
3. Das Geschäft mit dem Meme
Der erste Schritt war einfach.
Merchandise.
Ein Designer machte ein Logo: eine Cartoon-Figur mit Cowboyhut, die „HAWK TUAH“ rief.
Innerhalb von 48 Stunden verkauften sie 50 000 T-Shirts.
Dann kamen die Podcasts.
Comedyshows.
Livestreams.
Ein Influencer sagte:
„Das ist das lustigste Meme des Jahres.“
Ein anderer erklärte:
„Sie ist authentisch. Das Internet liebt authentische Menschen.“
H. blieb erstaunlich ruhig.
Vielleicht, weil alles so absurd war.
Vielleicht, weil sie wusste, dass das Internet genauso schnell vergisst, wie es entdeckt.
Doch Derek hatte größere Pläne.
4. Der gefährliche Moment
Es passierte auf einer Party in Los Angeles.
Ein Haus mit Glaswänden, Blick über die Stadt, Pool im Garten.
Influencer.
Tech-Gründer.
Leute, die ständig von „Disruption“ sprachen.
Derek stellte H. einem Mann mit Rollkragenpullover vor.
„Das ist Ethan. Er arbeitet im Krypto-Bereich.“
Ethan lächelte.
„Dein Meme ist perfekt.“
„Perfekt wofür?“
„Eine Community.“
Er öffnete eine Präsentation auf seinem Tablet.
Auf der ersten Folie stand:
HAWKCOIN
H. lachte.
„Das ist ein Witz.“
Ethan schüttelte den Kopf.
„Nein. Das ist ein Markt.“
5. Die Geburt von HawkCoin
Memecoins funktionieren nach einer einfachen Regel:
Sie brauchen keine Funktion.
Nur Aufmerksamkeit.
Und Aufmerksamkeit hatte H..
Derek war begeistert.
„Das ist größer als T-Shirts.“
Innerhalb von zwei Wochen entstand ein Plan:
- eine Kryptowährung
- eine Website
- ein Discord-Server
- limitierte NFTs
Der Launch wurde angekündigt.
Influencer tweeteten Raketen-Emojis.
„HawkCoin to the moon.“
Am Tag des Starts passierte etwas Unglaubliches.
Menschen kauften.
Und kauften.
Und kauften.
Innerhalb von Stunden war der Marktwert bei 120 Millionen Dollar.
H. starrte auf die Zahl.
„Das kann nicht echt sein.“
Derek grinste.
„Doch.“
6. Die Euphorie
Das Internet liebt zwei Dinge:
Memes.
Und schnelles Geld.
HawkCoin war beides.
Streams zeigten Live-Charts.
Ein Trader brüllte:
„Ich hab gerade 30 000 Dollar gemacht!“
Reddit-Foren explodierten.
„Das nächste Dogecoin!“
„Haltet! Nicht verkaufen!“
H. wurde plötzlich nicht mehr nur Meme.
Sie war Gründerin.
Ikone.
Symbol.
Magazin-Interviews folgten.
Ein Journalist fragte:
„Hätten Sie gedacht, dass ein spontaner Satz ein Finanzprojekt starten würde?“
H. antwortete ehrlich:
„Nein.“
Das Publikum lachte.
7. Der erste Riss
Der Kryptomarkt hat ein Gedächtnis von etwa drei Tagen.
Dann beginnt die Nervosität.
Ein Analyst postete auf X:
„Wer kontrolliert die HawkCoin-Wallets?“
Ein anderer schrieb:
„Das sieht nach klassischem Meme-Pump aus.“
Ethan antwortete:
„Alles transparent.“
Aber die Charts begannen zu zittern.
Ein paar große Investoren verkauften.
Der Preis fiel.
Dann stieg er wieder.
Dann fiel er stärker.
Die Community schrieb:
„BUY THE DIP.“
Doch H. hatte ein Gefühl.
Dieses Projekt war schneller gewachsen als ihr Verständnis davon.
8. Die Nacht der Zahlen
Um drei Uhr morgens saß sie in einem Hotelzimmer.
Laptop auf dem Bett.
Der Chart bewegte sich wie ein Herzmonitor.
Grün.
Rot.
Grün.
Rot.
Sie schrieb Derek.
„Sollte ich mir Sorgen machen?“
Antwort:
„Nein. Volatilität.“
Doch im Discord wurde die Stimmung rauer.
„Warum verkaufen Insider?“
„Was passiert hier?“
Ein YouTube-Video erschien:
„Die Wahrheit über HawkCoin“
Es bekam zwei Millionen Klicks in zwölf Stunden.
9. Der Absturz
Märkte fallen selten langsam.
Sie fallen plötzlich.
Ein großer Wallet transferierte Millionen Coins.
Der Preis brach ein.
60 %.
Dann 80 %.
Panik.
Livestreams zeigten Trader, die fluchten.
Kommentare rasten durch den Chat:
„SCAM!“
„Ich hab mein Erspartes verloren!“
„Was habt ihr getan?!“
H. saß vor ihrem Bildschirm.
Der Marktwert fiel von 120 Millionen auf 9 Millionen.
Dann auf 4.
Dann auf weniger.
Der Klang, der einmal ein Witz gewesen war, wurde plötzlich zum Symbol eines Finanzdramas.
10. Der Morgen danach
Am nächsten Tag klingelte ihr Telefon ununterbrochen.
Journalisten.
Podcasts.
Anwälte.
Ein Artikel erschien:
„Vom Meme zum Millionenverlust“
Ein anderer:
„Die dunkle Seite der Internet-Hypes“
H. las Kommentare.
Manche waren wütend.
Manche traurig.
Manche einfach müde.
Ein Mann schrieb:
„Ich habe 5000 Dollar verloren. Aber eigentlich wusste ich, dass es ein Meme war.“
Dieser Satz blieb ihr im Kopf.
11. Die Erkenntnis
Ein paar Wochen später war der Hype verschwunden.
Das Internet hatte ein neues Meme.
Ein neues Geräusch.
Ein neues Gesicht.
H. saß wieder auf einer Bordsteinkante, diesmal vor einem Café.
Kein Kamerateam.
Keine Investoren.
Nur Verkehr.
Sie dachte darüber nach, wie seltsam das alles gewesen war.
Ein Satz.
Ein Geräusch.
Millionen Klicks.
Millionen Dollar.
Und dann wieder Stille.
Ihr Handy vibrierte.
Eine Nachricht von Derek:
„Es gibt neue Merch-Ideen.“
H. lächelte.
Vielleicht würde sie wieder etwas machen.
Vielleicht auch nicht.
Aber eines wusste sie jetzt:
Das Internet kann aus einem einzigen Moment ein Imperium bauen.
Und genauso schnell wieder ein Echo daraus machen.
Ein Echo, das noch lange im Netz herumgeistert.
Manchmal als Witz.
Manchmal als Warnung.
Und manchmal einfach als Erinnerung daran, dass ein spontanes Geräusch in einer Sommernacht genug sein kann, um die ganze Welt für einen Moment zum Lachen zu bringen.


