Arthur Schopenhauer – Ganz ein Schlauer (2)

Ohne dass ich mich einen großen Schopenhauer-Experten schimpfen darf, sind auch für mich die zwei großen Quellen seines philosophischen Systems leicht auszumachen: Kant für seine Erkenntnistheorie (Vorstellung) und der Buddhismus für sein Konzept des „Dings an sich“ (Wille),

Der schwierige, langweilige und letztendlich unleserliche Immanuel Kant ist für Arthur Schopenhauer der vermutlich wichtigste seiner zahlreichen Lehrer und Einflüsse. Kant ist Anfang des 19. Jahrhunderts noch neu und viel diskutiert und hatte mit seiner transzendentalen Erkenntnistheorie den philosophischen Handschuh von innen nach außen gestülpt.  Nicht umsonst widmet Schopenhauer dem Königsberger intellektuellen Überflieger in seinem Hauptwerk einen fetten 150-seitigen Anhang, der fast ein eigenes Buch scheint. Hier nennt Schopenhauer die 3 Verdienste Kants:  den Unterschied zwischen Erscheinung (Vorstellung) und Ding an sich (Wille); die Bedeutung, die Kant der Ethik einräumt, sowie als dritte Leistung, die Trennung und Unabhängigkeit der philosophischen Erkenntnis von jeder Gängelei der Scholastik und herrschenden Landesreligion.

Wir erkennen die Dinge nicht, wie sie an sich sind, sondern nur, wie sie erscheinen. Dies ist des großen Kants große Lehre.

Schopenhauer ist also ein Kantianer und übernimmt seine Erkenntnistheorie, ändert sie aber kreativ ab (von Kants umständlichen 12 Kategorien bleibt bei Schopenhauer nur die Kausalität übrig) und ergänzt sie mit seiner Theorie des Dings an sich (Wille).

In der buddhistischen Philosophie (Veden, Upanishaden), mit der sich Schopenhauer vor 200 Jahren beschäftigte (!), findet er die Inspiration für das Fundament seines philosophischen Gebäudes, eine für den menschlichen Verstand nicht begreifbare Vitalkraft, die er „Wille“ nennt. Jenseits von Zeit und Raum, von Erscheinung und Vielheit (principium individuationis) versucht Schopenhauer mit diesem bahnbrechenden Konzept das Wesen der Welt zu beschreiben. Hier sind wir längst im Reich der Metaphysik, der Esoterik und Mystik, über das wir nichts wissen können und eigentlich schweigen müssen. Dass Schopenhauer genau diese Grauzone versucht hat zu beschreiben, ist wahrscheinlich sein größter Verdienst für die Philosophie- und Kulturgeschichte des Abendlandes. Dieser Enträtselungsversuch in den Abschnitten der „Die Welt als Wille und Vorstellung“, wo Schopenhauer über den „Willen“ spricht, gehört sicherlich zu den wichtigsten geistigen Errungenschaften der Moderne überhaupt.

Arthur Schopenhauer – Ganz ein Schlauer (1)

Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde

Dass ich Arthur Schopenhauer Mitte der 80er Jahre kennengelernt und die 4 Bücher der Diogenes-Taschenbuchausgabe der ersten und zweiten Fassung der „Welt als Wille und Vorstellung“ damals regelrecht verschlungen habe, darüber habe ich schon an verschiedenen Stellen geschrieben. Seine Lektüre war damals für mich eine buchstäbliche Erleuchtung, hatte ich mir doch die Jahre zuvor immer wieder meinen unphilosophischen Kopf blutig geschlagen beim für mich frustrierenden Lesen von Philosophen wie Hegel, Kant, Leibniz, der Frankfurter Schule etc. Einmal Schopenhauerianer, immer Schopenhauerianer. Ob und wie seine Philosophie inzwischen für die Superexperten überholt sein mag, spielt dabei keine Rolle.

Nach fast 40 Jahren war nun vielleicht die Zeit gekommen, meine Verehrung für Arthur Schopenhauer nochmals auf den Prüfstand zu stellen. Sagt er doch selbst in der Vorrede zur ersten Auflage, dass sein Buch mindestens zweimal zu lesen sei.  War er immer noch flüssig und genussvoll zu lesen? Waren seine Einsichten immer noch nachvollziehbar für mich? Gefiel mir seine Polemik vor allem gegen seinen Todfeind Hegel immer noch?

In derselben Vorrede zur 1. Auflage der „Welt als Wille und Vorstellung“ empfiehlt Schopenhauer als Propädeutikum zumindest zwei eigene Bücher: „Die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“ (welch ein Titel!) sowie die Kritik der kantianischen Philosophie im Anhang der 1. Auflage seines Hauptwerkes. Folgen wir also den Anweisungen des Meisters.

Die Dissertation „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“ hatte Schopenhauer schon 1813 veröffentlicht und dann 1847 in einer zweiten Auflage nochmals überarbeitet (in der vom „Felix Meiner Verlag“ veröffentlichten Aufgabe werden die beiden Versionen gegenübergestellt und sind auch die häufigen fremdsprachlichen Zitate ins Deutsche übersetzt). Es ist schon erstaunlich, mit wieviel Selbstbewusstsein ein gerade mal 25-jähriger Schopenhauer Immanuel Kant auseinanderpflückt und die komplette Philosophiegeschichte Revue passieren lässt, um zu schweigen von den unglaublichen Fremdsprachenkenntnissen im Altgriechischen, Latein, Spanisch, Italienisch, Englisch etc. Die manchmal sehr langen altgriechischen Zitate (die das Verständnis eher erschweren als erleichtern) werden von ihm „zum besseren Verständnis“ dann ins Lateinische übersetzt! Heidewitzka, Herr Kapitän! Da fehlt uns allen inzwischen der Werkzeugkasten. Eine ähnliche Einschätzung gilt dann auch für sein wenig später 1819 erschienenes Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ mit gerade einmal 31 Lebensjahren.  Da war wirklich ein frühreifes Genie mit gesundem Selbstbewusstsein am Werkeln, ähnlich vielleicht wie (ein vergleichsweise kranker) Friedrich Nietzsche nach ihm. Was bei der Lektüre Schopenhauers speziell auffällt jenseits von inhaltlichen Thematiken, die zu diskutieren mich hier weniger interessieren und die man tausendfach überall nachlesen kann, ist ihre seltsame Mischung aus einem schwurbeligen, altertümelnden Schreibstil der Goethe-Zeit mit ihren endlosen Perioden einerseits und, andererseits, einer überall durchblitzenden erstaunlichen Modernität nebst frecher Polemik gegen die verachtete Professorenphilosophenzunft, die nur aus leeren Windbeuteln und geistlosen Scharlatanen bestehe, während er selbst, einsam, stolz und redlich, die Fahne der Wahrheit gegen den Wind halte.

Schopenhauer war seiner Zeit 50 Jahre voraus und hat dieses biographische Drama der Nicht-Beachtung und Nicht-Berufung auf einen gut besoldeten Universitätsposten immer wieder sarkastisch kommentiert. Er wird somit auch ein weniger tragischer, moderner Giordano Bruno, ein Kämpfer für Ehrlichkeit und Wahrheit, gegen Intrigen, Filz, Opportunismus, Rückständigkeit. Aufgepasst: politisch war Schopenhauer konservativ bis reaktionär, belferte gegen die Revolution von 1848 und hinterließ sein Vermögen den Geschädigten dieser Revolution.

Die Dissertation selbst baut auf altbekannten und damals noch viel diskutierten Theorien des menschlichen Erkenntnisvermögens auf, die bis auf die altgriechische Philosophietradition zurückreichen, aber bei Schopenhauer vor allem Kants Erkenntnistheorie zur Grundlage haben. Der Satz vom zureichenden Grunde des Werdens analysiert den Verstand, der auf der Grundlage von Zeit, Raum und Kausalität Veränderungen an der Materie feststellt. Diese intuitiven Erkenntnisse sind für Schopenhauer die ursprünglichsten und wichtigsten, auf denen alle weiteren Erkenntnisse aufbauen. Für diesen ersten und wichtigsten Satz verwendet Schopenhauer dann auch immerhin 80 von den insgesamt 200 Seiten des Buches.

Den zweiten Erkenntnisgrund nennt Schopenhauer Vernunft, die auf dem Satz vom zureichenden Grund des Erkennens beruht. Das Reich der Begriffe, Abstraktionen, Vorstellungen von Vorstellungen, wie sie Schopenhauer etwas verächtlich nennt. Dieses fünfte Kapitel hat gerade einmal 20 Seiten. Die beiden ersten Sätze scheinen mir philosophischen Laien noch relativ einleuchtend, sieht man von den immer wieder eingestreuten, zum Teil viel zu langen und ermüdend zu lesenden fremdsprachlichen Zitaten aus der Philosophiegeschichte und Weltliteratur ab. Schopenhauer hatte eine Allgemeinbildung, die in unseren heutigen flüssigen, vom Internet beherrschten Gesellschaften gar nicht mehr möglich ist.

Etwas schwerer tue ich mich bei den beiden letzten Sätzen (vom zureichenden Grunde). Den Satz vom Grunde des Seins und schließlich den Satz vom Grunde des Wollens. Beiden Sätzen widmet Schopenhauer vielleicht nicht ohne Grund gerade einmal jeweils 10 Seiten. Der Satz vom Grunde des Seins (reine Sinnlichkeit) ist für mich nur schwer zu trennen vom allerersten Satz vom Grunde des Werdens. Da dieser dritte Satz hauptsächlich im Reich der Arithmetik und Geometrie Anwendung findet und ich hier schnell Verständnisschwächen offenbaren muss, liegt mein Unverständnis möglicherweise an fehlender mathematischer Disposition. Schopenhauers Beispiele überzeugen meinen wenig philosophiebegabten Hirnkasten deshalb nicht recht.

Der Satz vom Grunde des Handelns (Selbstbewusstsein) holpert für mich sogar noch ärger die Zeilen entlang, denn hier wird es wirklich kompliziert. Das Ich teilt sich auf in ein erkennendes Ich (Ich erkenne) und ein wollendes Ich (Ich will). Das Subjekt des Wollens wird für das erkennende Subjekt ein Objekt. Hm, hm. Schopenhauer selbst nennt im § 42 diese doppelte Identität einen „Weltknoten“ und deshalb unerklärlich. Trösten wir uns damit, dass Schopenhauer selbst an seinen dunkelsten Stellen immer noch viel sympathischer und überzeugender ist als etwa Martin Heidegger:

Das Spiegel-Spiel der weltenden Welt entringt als das Gering des Ringes die einigen Vier in das eigene Fügsame, das Ringe ihres Werdens. Aus dem Spiegel-Spiel des Gerings des Rings ereignet sich das Dingen des Dinges.

Da lese ich dann doch lieber Arthur Schopenhauer.

Heinrich Böll

Besprechung von Ralf Schnells Biografie „Heinrich Böll und die Deutschen“

Heinrich Böll war ja in meiner Jugendzeit noch einer der Star- und Bestsellerautoren. Jeder von ihm ab den 60ern veröffentlichte Roman war ein Ereignis und monatelang in aller Munde. Heute ist es vergleichsweise ruhig um ihn geworden. Manche sagen sogar, dass der Nobelpreisträger zu den vergessenen Autoren gehört. „Sic transit gloria mundi“ könnte man jetzt zynisch kommentieren, doch das Wegschwenken des Scheinwerferlichts auf Heinrich Böll hat auch ganz handfeste und spezifische Ursachen.

Einmal hängt das mit seinem doch eher biederen und konservativen Schreibstil zusammen. Gute deutsche sprachliche Hausmannskost. Nichts für den verwöhnten Gaumen. Die fehlende Brisanz und Originalität seiner Sprache motiviert nicht dazu, einen seiner vielen alten Bestsellerromane nach Jahrzehnten ein weiteres Mal zu lesen. Lieber ein Nickerchen mit dem Hund hinter dem Ofen.

Auch die ehemals brisanten Themen Bölls brennen heute nicht mehr unter den Nägeln und müssen mühsam mitsamt ihren Inhalten rekonstruiert werden. Ob es das Losledern gegen die neue Bonner Republik und Konrad Adenauer ist, die Bild-Zeitung mit ihrer diffamierenden Berichterstattung, die Institution Kirche oder die Zensur in der DDR, das Engagement für Willy Brandt zuerst und für die neu gegründete Partei der „Grünen“ am Ende seines Lebens – ohne den entsprechenden Kontext zu kennen, sind seine fiktiven Texte voll Zeitgeschichte, aber auch seine Essays und Artikel, heute nur noch mit viel Mühe lesbar. Das vielleicht eklatanteste Beispiel bleibt der Skandal um seinen Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ vom Januar 1971 sowie die fiktive Verarbeitung derselben Problematik in seinem Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974). Vor allem der längere, für den „Spiegel“ geschriebene Essay hat es in sich und Böll für alle Zeiten den Ruf eines Terroristensympathisanten eingebrockt. Der von Sarkasmus nur so triefende und deshalb mit Vorsicht zu genießende Artikel erinnert im Tonfall etwas an die legendären Flugblätter der Kommune 1. Man muss ihn mehrmals lesen, um sicher zu sein, dass man die subtilen Ironieebenen und Wortspielchen richtig einordnet. Schon allein der Ausdruck „Freies Geleit“ ist ohne Zusatzwissen unverständlich, stammt er doch aus der mittelalterlichen Rechtsprechung und bedeutet letztendlich das Recht auf einen fairen Prozess. Böll argumentiert gegen die Schwarz-Weiß-Lynchjustiz der Bild-Zeitung, die aus Ulrike Meinhof eine vogelfreie Satansbraut machen wollte, er plädiert für eine vorurteilsfreie Analyse der Beweggründe und am Ende eben für das angesprochene Anrecht auf Verteidigung in einem Gerichtsprozess. In der aufgeheizten politischen Atmosphäre der 70er war es für viele Deutsche einfacher, Böll einer Verharmlosung des Terrorismus und modischen Sympathiebekundung für die RAF anzuklagen.

Möglicherweise erinnert man sich deshalb heute an Heinrich Böll mehr wegen seines politischen Engagements als wegen seiner schriftstellerischen Potenz.

Bertolt Brecht

Bertolt Brecht ist mir natürlich kein Unbekannter, viele wichtige Theaterstücke, Prosatexte und auch Lyrik habe ich im Laufe der Jahrzehnte gelesen (und wieder vergessen!), aber ein Brecht-Kenner bin ich sicherlich nicht.

Bei der Lektüre von Jan Knopfs knapper Basisbibliographie hatte ich deshalb vieles schon einmal irgendwo anders gelesen oder gehört.  Was ich aber nicht wusste und deshalb interessant fand, war zum Beispiel, dass Brecht nach Ende des 2. Weltkrieges überhaupt nicht schnurstracks und von Funksignalen aus Moskau gesteuert nach Ostberlin wollte, sondern eher über Umwege dort ankam. In der neuen Bonner BRD wollte Adenauer den Skandalkommunisten nicht, im erzkonservativen Salzburg gab es sogar eine regelrechte Revolte gegen ihn und den damaligen Direktor der Salzburger Festspiele Einem, der Brecht gern als Intendant gehabt hätte.  Auch das oft kritisierte Lavieren Brechts mit der politischen Führung der neu gegründeten DDR hatte Hintergründe, die ich nicht kannte. Ulbricht traute Brecht nicht über den Weg und setzte den Chefredakteur des „Neuen Deutschland“ Wilhelm Girnus als Spitzel an. Brecht war wohl auch in seiner letzten Lebenszeit ernstlich am Überlegen, seinen Wohnsitz in die Schweiz zu verlegen. Die zahlreichen Hasskampagnen in Westdeutschland hatten auch seiner Gesundheit stark zugesetzt. Als witziges biographisches Detail sei hier angemerkt, dass der Bayer Bertolt Brecht ein Jahr vor seinem Tod monatlich 100 Flaschen Bier aus München importieren ließ (immerhin anderthalb Liter am Tag!), um seine Gesundheit und Schaffenskraft zu erhalten. Prosit!

Als ich vielleicht 1975 noch Ministrant in der Sankt-Joseph-Kirche in Ingolstadt war, kann ich mich eine verlogene Sonntagspredigt erinnern, in welcher der Priester gegen den Nihilismus in Brechts Gedicht „Vom ertrunkenen Mädchen“ wetterte. Die selbstgerechte Hasstirade hat in meinem verhagelten Wirrkopf genau das Gegenteil dessen bewirkt, was der katholische Würdenträger beabsichtigte.

Hesse (Sein Leben in Bildern und Texten)

Hermann Hesse war der erste Schriftsteller, den ich 1977 bewusst gelesen habe, damals mit 17, in meinem Mansardenzimmer in Ingolstadt. Mit 17 hat man bekanntlich noch Träume. Und die erste Liebe vergisst man nie. Auch jetzt noch, nach 45 Jahren, fühle ich mich Hermann Hesses Gedankenwelt sehr nah, wenn ich mir die Bildbiografie aus dem Jahre 1979 durchlese, die von Volker Michels herausgegeben wurde. Wieviel ich damals von Hesse verstanden und wie wenig ich seit Jahrzehnten von ihm gelesen habe, scheint bei solchen Gefühlslagen unerheblich zu sein. Die damaligen wilden Lektüren des „Demian“, „Siddharta“ und „Steppenwolf“ waren für mich tiefe Einblicke in meine eigene kleine Seele. Seitdem konnte ich kein Musterschüler mehr sein, der für eine Frühform des K12 prädestiniert war, oder Arzt, Sportlehrer oder Informatiker werden, wie es mein Vater sicher gern gesehen hätte. Leonard Cohen hat einmal gesagt, dass ihm Garcia Lorca sein Leben ruiniert habe. Ähnliches gilt wohl auch für mich und Hermann Hesse. Allein Hesse Lieblingsautoren wurden von mir 1:1 abgekupfert und übernommen: Kafka, Robert Walser, Dostojewski, Musil, Rilke, Hölderlin, Novalis, um nur ein paar Namen zu nennen. Hermann Hesse war für mich ein paar Jahre lang ein geistiger und spiritueller Guru, mehr noch als später die nordamerikanischen Rockmusiker.

Abgesehen von solchen biographischen Anekdoten, ist die Wichtigkeit Hesses unumstritten. Heute ist er ja ein bisschen in Vergessenheit geraten. Das wird sicherlich nicht nur Zufall sein. „Tapferkeit, Eigensinn und Geduld“ hat er einmal in einem Brief als Waffen gegen die Infamitäten des Lebens anempfohlen. Ich befürchte, dass die heutigen Generationen von solchen Eigenschaften wenig halten und haben.  Beliebt war Hermann Hesse in den Hippie- und Nach-Hippie-Zeiten, in den 60ern, 70ern und auch noch 80ern. Damals erreichte er Millionen von Lesern mit seinem Nonkonformismus, mit seinem Glauben an die Selbstverwirklichung, mit seinem Individualismus, mit seinem Wunsch der Veränderung der Gesellschaft durch die Erneuerung jedes Einzelnen.  Heute haben wir Mühe mit solchen hochgesteckten Idealen. Hermann Hesse stellt einen der zwei großen und fundamentalen Pole der modernen (deutschen) Literatur dar: Introspektion, Psychoanalyse, Spiritualität. Der andere Pol ist Bert Brecht: keine Kontemplation, sondern politische Aktion, Wirkung nach außen auf die Massen, die ein Klassenbewusstsein entwickeln und die Revolution verwirklichen.

Was beim Lesen von Michels Biographie immer wieder auffällt, ist die seltsame, eigentlich völlig unvereinbare Mischung aus Hesses extremer Misanthropie und seiner Neigung zur Philanthropie. Wie um Himmels willen soll das alles zusammenpassen? Der Einsiedler, Außenseiter, Einzelgänger, Eigenbrötler, spirituelle Anachoret im „Siddharta“ und später der „dirty old man“ à la Bukowski (anti litteram) im „Steppenwolf“. Einerseits Hesses offensichtliche persönliche Probleme, die Reise nach innen und die psychische Evolution im „Demian“, die als Ursache oder Konsequenz zur Einweisung in die Psychiatrie und zur Scheidung von seiner ersten Frau sowie zur Fremdadoption seiner drei Söhne führte, dann Hesse enorme Bekanntheit spätestens seit „Siddharta“ in der Weimarer Republik, seine auch biographisch überzeugende Annäherung westlicher und östlicher Spiritualität, seine immer stärker gewünschte Rolle als „Beichtvater der Nation“, die Kraft und Energie, mit 50 Jahren mit dem „Steppenwolf“ noch einmal alles über den Haufen zu werfen und zum Teufel zu schicken, indem er einen letzten Tango in Zürich inszenierte, inmitten von Drogen, Musik, Charleston und Frauen. „Sex and drugs and rock and roll“ war 30 Jahre später genau dasselbe, das haben die Blumenkinder sehr genau gespürt.  Timothy Leary empfahl vor den LSD-Trips die Lektüre von Hesses „Siddharta“ und „Steppenwolf“ und war felsenfest davon überzeugt, dass Hesse in seinen Büchern eine durch Drogen hervorgerufene Selbstauflösung beschreibe. Hesse wäre damit vermutlich nicht einverstanden gewesen, aber manchmal zählt die Wirkung mehr als die ursprüngliche Absicht. Das alles einerseits.

Andererseits haben Hesse in seinen letzten 30 Lebensjahren, als er eigentlich gar nichts Neues mehr veröffentlicht hat, unglaublich viele Leute in seiner schmucken Villa im Tessin besucht und brieflich kontaktiert. Regelrechte Besucherströme von bekannten Schriftstellern, Musikern, Malern wollten das Gespräch in Montagnola, für viele Nazi-Verfolgte (auch Bert Brecht) war der Schweizer Staatsbürger erster Anlaufpunkt bei der späteren Emigration. Es soll 30.000 beantwortete Briefe und 3.000 Bücherrezensionen von Hermann Hesse geben. Hesse half mit unglaublichem Altruismus jahrzehntelang mit Rat und Tat, lebte ein volles Leben in ständigem Geben und Nehmen, war gleichzeitig passiver Nutznießer und selbst aktiver Mäzen, vermittelte Arbeit, schrieb Empfehlungen. Ein Philanthrop und Gärtner bei der Arbeit. Die Villa im Tessin, in der Hesse seit Anfang der 30er Jahre wohnte, wurde ihm von dem Schweizer Industriellen Bodmer gebaut. Hesse selbst legte Wert darauf, dass die Grabstelle in San Abbondio der einzige Grundbesitz in seinem Leben blieb. Hesse Buchrezensionen beeinflussten in entscheidender Weise das Kulturleben Deutschlands während der Nazizeit und den ersten Jahren der neuen Bonner Bundesrepublik.

Auf Hermann Hesse kann Deutschland wirklich stolz sein.

BoBoKo (10)

Hans Haller sieht nach langer Zeit Neapel wieder und stirbt trotzdem nicht. Außer einer dilettantischen Flugblattaktion fällt ihm nichts Besseres ein, um auf die Spuren der beiden Mädchen zu kommen.  Pasquale Napolitano taucht aus dem Gully auf und versucht, ihn abzulinken. Am Ende kehrt Hans Haller ohne Ergebnis nach Berlin zurück.

Als Hans Haller für die Kaffeefirma in Triest arbeitete, war er öfter in Neapel, weil er bei Produktionsengpässen die Röstanlage einer Firma in Melito benutzte. Bekanntlich ist Neapel ja ein Paradies für Kaffeetrinker. Caffè lungo, caffè doppio, tazza fredda, tazza calda. Da lacht die Kaffeebohne. Lang ist´s her und bekanntlich gibt es nichts, was uns mehr betrügt als unsere Erinnerungen. Er kommt am Abend in Capodichino an und stellt fest, dass sich in der Stadt wenig geändert hat: Lärm, Chaos, Schmutz. Auf der Piazza Garibaldi, den man ihm als Entführungsort angegeben hatte, verkaufen die Hehler jetzt keine Zigaretten und Uhren mehr, sondern Smartphones und Tablets. Hans Haller sucht sich ein Hotel direkt am Bahnhof und konzentriert sich auf den morgigen Tag. Er will früh am Morgen als erstes bei der Polizei nachfragen, ob irgendwelche Neuheiten vorliegen. Davon erwartet er sich allerdings nicht viel, auch deshalb nicht, weil die Kompetenzen zwischen den drei Polizeiorganen Polizia di Stato, Carabinieri und Vigili unklar verteilt sind und so Durcheinander und Hilflosigkeit noch eine Entschuldigung mehr haben. Er hat Flugblätter auf Italienisch mit den Farbfotos der beiden Mädchen, von denen er sich mehr erwartet als von den offiziellen italienischen Ermittlungen. Als Kontaktadresse hat er seine Handynummer und E-Mailadresse angegeben. Die Höhe der darin erwähnten „Belohnung“ hat er bewusst offengelassen. Diese Flugblätter will Haller morgen Vormittag überall in den Geschäften, Bars, Imbissen auf der Piazza Garibaldi verteilen in der Hoffnung, dass sich jemand melden wird. Jetzt sitzt er in der Hotelrezeption und blättert in den deutschsprachigen Zeitungen, die im Foyer ausliegen. In einem Artikel über die süditalienische Metropole des ihm unbekannten Corriere Il Cretino Albino liest er von Neapels Polizeisirenen, Abfallbergen und Hupkonzerten. Viele Jugendliche haben hier nichts zu tun, lachen und reden zu viel und tanzen auf dem schwirrenden Seil zwischen Kriminalität und Armut. Im Fanshop vom SSC Neapel darf man keine Bücher lesen, keinen Kaugummi kauen, keine Fotos machen und keine falschen Fragen zur Camorra stellen. Die hat es in Neapel immer gegeben und wird es immer geben wie Pizza, den SSC Neapel und Weihnachtskrippen. Meint jedenfalls der Corriere Il Cretino Albino. Fußball ist Leidenschaft und Tränen. Wenn du ein Foto von mir machen willst, kostet das zehn Euro. Handeln ist erlaubt und am Ende begnüge ich mich auch mit fünf. Hier in Neapel ist alles ein bisschen ungefähr und zirka. Wir haben ein Riesenherz und fast immer mufflige Laune. Hans Haller liest auch, dass Neapel am Abend und in der Nacht besonders gefährlich und ein rechtsfreies Niemandsland für kriminelle Banden sei, beschließt aber trotzdem, in ein nahegelegenes Restaurant zu gehen, wo er keine Pizza, sondern eine norditalienische Lasagne und den unverschämt teuren und schlechten vino della casa bestellt. Dann geht er früh schlafen. Er ist ja schließlich nicht zum Urlaubmachen, sondern aus beruflichen Gründen in der Stadt, von der ihm der erste Teil des bekannten Sprichworts über sie mehr als genügt. Vedi Napoli e poi muori. Alles muss sich ändern, damit sich nichts ändert. Wer war das noch? Am nächsten Morgen ist er früh auf den Beinen. Nach dem Besuch bei Polizei auf dem Hauptbahnhofsgelände, wo seine negativen Vorahnungen Bestätigung finden und ihm ein mürrischer Mit-Fünfziger in speckiger Uniform zu bedenken gibt, dass die Mädchen ja volljährig seien und vielleicht nur beschlossen hätten, ihren Urlaub zu verlängern, geht Haller systematisch von Bar zu Bar, von Laden zu Laden, von Werkstatt zu Werkstatt und drückt den Verkäufern, Handwerkern und Tagedieben sein Flugblatt in die Hand.  Am Nachmittag ruft ihn jemand in einem stark dialektal eingefärbten Italienisch an, das Haller nur mit großer Mühe versteht. Er hofft, nicht alles falsch verstanden zu haben und erscheint pünktlich am vereinbarten Treffpunkt vor dem Gebäude des größten italienischen Elektrizitätsversorgers auf dem Gelände des Centro Direzionale. Der Mann kommt tatsächlich, Mitte dreißig, dunkler Typ und ungepflegt, er macht einen schlechten, schmierigen Eindruck. Er heißt Gennaro Russo und behauptet, zu wissen, wo die zwei Mädchen seien. Um mehr zu sagen, will er erst einmal 2000 Euro. So dumm, irgendeinem wildfremden Ganoven 4 rosa Lappen rüberzuschieben, ist selbst Hans Haller noch nicht. Er vereinbart einen Scheintermin für morgen Nachmittag um drei am gleichen Ort, angeblich, weil er so lange benötigt, um das Bargeld zu organisieren. Ciaone. Der dritte Tag Hallers in Neapel verläuft ereignis- und ergebnislos. Er verteilt am Vormittag noch einige Flugblätter, diesmal südlich von der Piazza Garibaldi bis zur Via Giuseppe Pica. Am Nachmittag fährt er aus Langeweile mit der Circumflegrea von Montesanto nach Cuma und besucht dort die Orakelhöhle der Sibilla. Ich finde sie. Ich finde sie nicht. Am nächsten Morgen fliegt Hans Haller nach Berlin zurück. Außer Spesen wenig gewesen. Am Nachmittag berichtet er in einer längeren E-Mail Anna Mommsen über seinen Aufenthalt in Neapel und seine bisher vergeblichen Versuche, Kontakt mit Betty und Netty aufzunehmen.

BoBoKo (9)

Maria Mommsen ist zurück in Berlin und sieht im Tip eine Anzeige von Hans Hallers Detektivbüro. Sie fährt mit dem Fahrrad den Flaschenhalspark und Park am Gleisdreieck bis zum Landwehrkanal hoch und dann das Ufer entlang durch das Sommerbad Kreuzberg bis zur Gitschiner Straße. Sie trifft Hans Haller in seinem Büro. Wir Leser wissen auf einmal mehr als alle Romanfiguren.

Unsere verwelkte Halbkubanerin Maria Mommsen hat ein paar stressige Tage und schlaflose Nächte hinter sich. Alda Drache, die Schuldirektorin, bestellt Mommsen und Saitensprung natürlich am Tag nach ihrer Ankunft in Berlin gleich um Punkt acht morgens in ihr Büro. Bericht erstatten über die unerhörten Vorfälle. Nur dass beide im Laufe des Gesprächs kein Stück weiterkommen und nur resigniert feststellen, dass sie nicht nur keinen blassen Schimmer haben, wo die beiden Mädchen sind. Ganz nebenbei bemerkt, weiß auch keine Sau, wie es ihnen geht und ob sie überhaupt noch leben. Die beiden Lehrerinnen wissen noch nicht einmal, wie man sich in einer solchen Situation überhaupt verhält. Sie entschließen sich dann nach zirka einer halben Stunde die Familien Pickel und Bernstein anzurufen und sie für ein klärendes Gespräch in die Schule kommen zu lassen. Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Frau Pickel arbeitet als Sekretärin bei einer Firma in Spandau und bekommt heute nicht frei. Herr Pickel ist nicht in Deutschland, sondern im weit entfernten China. Frau Pickel erzählt am Telefon, dass sie gestern schon bei der Polizei war und eine Vermisstenanzeige aufgegeben habe, allerdings nur für ihre eigene Tochter und nicht für Betty Bernstein. Die Bernsteins machen glücklicherweise weniger Probleme. Herr Bernstein ist Lokführer bei der BVG und hat gerade Freischicht. Frau Bernstein ist arbeitslos. Doch auch beim Gespräch mit der Familie Bernstein kommt man nicht voran. Die Familie wird darauf hingewiesen, dass sie verpflichtet sei, ebenfalls schnell möglichst eine Vermisstenanzeige bei der Polizei für die verschwundene Tochter zu erstatten. Am Morgen danach, ebenfalls um acht Uhr im Zimmer der Direktorin, sind eine übereifrige Frau Drache sowie die Bernsteins und Frau Pickel da, um über das weitere Vorgehen zu diskutieren. Da sich alle einig darüber sind, dass unbedingt Eigeninitiative vonnöten sei und dass man sich unmöglich nur auf Amt und Polizei, dein nutzloser Schutz und Helfer etcetera, verlassen könne, setzt man sich in der Schulbibliothek vor einen ganz und gar nicht unschuldigen Computer und begibt sich auf die Suche nach einem Privatdetektiv im Netz. Im Tip findet das Grüppchen eine Anzeige, die richtig zu sein scheint: HAHA-Hans Hallers Privatdetektei. Unlösbare Fälle? Für mich gibt es sie nicht. Spezialgebiet: Auslandskriminalität. Hervorragende italienische Sprachkenntnisse. Professionalität, Seriosität. Effizienz. Klingt doch bestens. Man beschließt, dass Frau Mommsen Hans Haller anrufen und Genaueres über seine Aktivitäten in Erfahrung bringen soll. Als vorläufiges Budget legt man sich auf 5000 Euro fest. Die Familien zahlen jeweils 2000 Euro. Alda Drache weist auf die prekäre Situation der öffentlichen Kassen hin und lässt sich nur mühsam (nachdem man auch auf die Möglichkeit rechtlicher Schritte hingewiesen hat) davon überzeugen, dass auch die Schule gefälligst ihr Scherflein (sprich 1000 Euro) beizusteuern habe. Sonst treffen wir uns beim Rechtsanwalt, Frau Direktorin Drache. Schnitt. Jetzt sehen wir Maria Mommsen gerade durch den Flaschenhalspark radeln auf dem Weg zu Hans Hallers Büro am Wassertorplatz. Es regnet leicht, so dass Maria Mommsen sich dort etwas schäbig im Nasser-Pudel-Look präsentieren wird. Jetzt ist sie im Park am Gleisdreieck und biegt dann rechts ins Tempelhofer Ufer ein, das am Landwehrkanal entlangführt. Sie radelt dann unten am Carl-Herz-Ufer weiter, überquert auf der Baerwaldbrücke den Kanal und fährt durch den Böcklerpark zum Wassertorplatz. Bekanntlich ein Problemkiez: Viele Mieter mit Immigrationshintergrund, Hartz-4-Empfänger, konsumschwache Alkoholiker, Drogen vom nahen Kotti. Hans Haller erwartet sie schon in seiner Bürowohnung. Sie werden sich relativ schnell einig. Haller bietet ihr sein Start-Up-Pack (Ausland) an. Kosten 5000 Euro alles inklusive. Das passt doch wie der Arsch auf die Klobrille.  2500 Euro sofort bar auf die Kralle. Der Rest am Ende mit einem minutiösen Bericht über die Aktivitäten. Kurzer Check bei Easy Jet. Er kann schon für übermorgen einen Flug nach Neapel buchen und seine Arbeit beginnen. Alles oder Nichts. Er braucht ein paar neue Fotos von Betty und Netty, die ihm Maria Mommsen morgen per E-Mail schicken wird. Haben die Mädchen irgendwelche besondere körperliche Merkmale? Nein? Betty isst gern Gummibärchen und Erwachsene ebenso, aber ansonsten ist sie eigentlich ganz normal. Netty spricht ein paar Brocken Italienisch. Harry Haller fragt superblöd, ob die beiden Mädchen noch Jungfrauen seien. Frau Mommsen bemerkt superklug und angesäuert, dass das nun wirklich nicht das Geringste mit dem Fall zu tun habe. Eine U-Bahn rattert die Hochbahn Richtung Ruhleben entlang. Noch ein Zug nach nirgendwo. Weder Maria Mommsen noch Hans Haller können zu diesem Zeitpunkt wissen, dass sich die beiden Mädchen längst nicht mehr in Neapel befinden, sondern direkt noch im selben Auto, mit dem sie entführt wurden, in eine etwa 500 Kilometer entfernte Gegend im äußersten Süden Italiens gebracht wurden, wo sie in einer isolierten Masseria im Salento gefangen gehalten werden. Was die beiden ebenfalls nicht wissen, dass der Drahtzieher der Aktion ein gewisser Ciro Esposito ist, genannt „o genio“ und wohnhaft in Ponticelli. Den Spitznamen bekam er, als er in der siebten Klasse vom Mathematiklehrer aufgefordert wurde, das Ergebnis der Addition von zwei und zwei zu benennen und als Ergebnis fünf errechnete. Talentiert in kreativer Mathematik und im analytischen Denken. Quasi zum Programmierer geboren. Ciro Esposito ist einundzwanzig Jahre alt und gehört zum Clan De Micco. Er möchte sich innerhalb seines Clans profilieren und wird deshalb mit unnötigen Grausamkeiten unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aber da sind wir ja inzwischen von Abu Bakr al-Baghdadi einiges gewöhnt.

Klaus Mann (rororo-Monographie von Uwe Neumann)

Ich habe Thomas Mann nie besonders gemocht, er ist für mich zu sehr Teil der etablierten deutschen Literatur. Diese Antipathie geht weit zurück und rührt noch her aus meinen Gymnasialjahren Ende der 70er am Reuchlin-Gymnasium in Ingolstadt, als beim Dreigestirn Thomas/Heinrich/Klaus (es gibt ja noch viel mehr Clan-Mitglieder), die Sterne Heinrichs und Klausens (um den altertümelnden Genitiv von Papa zu verwenden) eindeutig heller strahlten als der von Thomas Mann, welchem man vermutlich kaum etwas vorwerfen kann außer seiner aseptischen Perfektion.

Von Thomas Mann habe ich dann logischerweise wenig gelesen, ein paar Geschichten in der Schule, mehr aus schlechtem Gewissen denn aus Interesse den „Zauberberg“ vor vielleicht jetzt auch schon wieder 20 Jahren und, wer weiß, vielleicht auch anderes, das ich vermutlich vergessen habe. Thomas Mann ist und bleibt langweilig.

Vom großen Bruder Heinrich habe ich mehr gelesen, wir sprechen allerdings von fast einem halben Jahrhundert im Rückwärtsgang: „Der Untertan“, die zwei Bücher über „Henri IV.“  Vor allem der „Untertan“ gilt ja als ewig gültiges Psychogramm der deutschen Seele.

Klaus Mann kannte ich nur vom Namen, sein berühmtester Roman „Mephisto“ war damals verboten, weil die Erben Gustav Gründgens eine Unterlassungsklage angezettelt hatten. Klaus ist eindeutig der interessanteste und modernste der drei mit all seinen Schwächen und Widersprüchen, die ihn nur sympathisch machen können. Wenn einer Kommunist, Pazifist, Homosexueller und drogenabhängig ist, und am Ende Selbstmord begeht, wird er es wohl nie in eine Schulbuchanthologie schaffen wie sein großer Übervater.

Klaus Mann ist einer der wenigen Autoren, die in der Lage waren, im Exil ihre Sprache zu wechseln, obwohl er sich der damit verbundenen Schwierigkeiten sehr wohl bewusst war: „Damals hatte ich eine Sprache, in der ich mich recht flink auszudrücken vermochte; jetzt stocke ich in zwei Zungen. Im Englischen werde ich wohl nie ganz so zuhause sein, wie ich es im Deutschen war – aber wohl nicht mehr bin

Wahrscheinlich ist Klaus Mann eher ein essayistischer und journalistischer Autor (als ein Schriftsteller von klassischer Fiktion). Lesenswert ist sicher seine Autobiographie „Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht“ (1952) mit vielen erhellenden Erkenntnissen über die dunkelsten Nachkriegsjahre, in denen alles unter den Teppich gekehrt wurde.

Alexander Sedlmaiers „Konsum und Gewalt“

Mein Eindruck nach der Lektüre von Alexander Sedlmaiers „Konsum und Gewalt“ ist zwiespältig. Kapitel 2 und 3 sind mehr als lesenswert, denn sie bieten eine schöne Zusammenfassung der sonst nur schwierig zu fassenden Ideen von Jürgen Habermas (Kapitel 2) und tiefe Einblicke in die neomarxistischen Seelen der RAF-Terroristen (Kapitel 3). Die restlichen fünf Kapitel plätschern dann allerdings ziemlich seicht dahin und warten oft mit monotonen Details und einschläfernden Einblicken in die besprochenen Thematiken auf. Frustrierend liest sich die akademisch dröge geschriebene lange Einleitung, dessen Lektüre mich mehr als einmal fast vom Weiterlesen abgehalten hat.

Michel Houellebecqs „Elementarteilchen“

Der 1998 erschienene Roman ist natürlich ein ganz anderes Kaliber als die kürzlich von mir besprochene, vergleichsweise harmlose Erzählung „Lanzarote“. In „Elementarteilchen“ versucht nämlich Houllebecq nicht nur eine fiktionale Autobiographie, sondern entwirft ein groß angelegtes Panoptikum der westlichen Industriegesellschaften am Ende des 2. Jahrtausends ( das problemlos auch auf die Gegenwart im Jahr 2022 übertragbar ist).

Wenn man sich auch nur ein paar schnelle Notizen zu Houllebecq in Wikipedia durchliest, findet man natürlich eine Unmenge von konkreten Entsprechungen im Romantext, die sicherlich kein Zufall und in den letzten über 20 Jahren in der Fachliteratur in allen Details aufgedröselt worden sind. Das geht bis zum fast schon surrealen Streit um das Geburtsjahr 1956 oder 1958. Natürlich ist ein Roman keine einfache Autobiographie, aber weitere diesbezügliche Überlegungen würden uns in ein ziemlich langweiliges literaturtheoretisches Exerzierfeld führen, für die hier glücklicherweise auch nicht der richtige Ort ist. Kurz gesagt: Houllebecqs Roman ist sicherlich auch eine Auseinandersetzung mit seinem wirklichen Leben. Genau diese Reflexion macht den Roman authentisch und interessant.  Man denke nur etwa an Houllebecqs reale naturwissenschaftliche Ausbildung und die schizophrene Spaltung des Protagonisten in einen Geistes- und Naturwissenschaftler (Gymnasiallehrer und Molekularbiologe).

Der Geisteswissenschaftler Bruno Clement, wie sein Halbbruder Michel als emotionaler Waise aufgewachsen, führt uns die ganze Misere der gescheiterten Ideologien der Philosophiegeschichte des Abendlands vor und stellt die ziemlich kühne Hypothese in den Raum, dass wir alle am Ende einer sogenannten metaphysischen Revolution stünden. Die sogenannte „Neuzeit“ mit ihrer Betonung des Materialismus, der individuellen Freiheit und des sexuellen Liberalismus würde bald durch ein neues Zeitalter abgelöst, die von einer geklonten, unsterblichen und geschlechtslosen Menschenrasse ohne jede Individualität dominiert werden werde. Der sexbesessene Bruno findet in einem sarkastisch „Ort der Wandlung“ genannten FKK-New Age-Freizeitcamp zwar kein überzeugendes Ideologieangebot, aber zumindest die ebenfalls sexbesessene Christiane. Happy End? Natürlich nicht! Christiane erkrankt an Krebs, begeht Selbstmord, Bruno verliert den Verstand und endet in einer psychiatrischen Klinik.

Der weltfremde, depressive Michel Djerzinski versucht ebenfalls eine gescheiterte tragische Beziehung mit seiner ehemaligen Jugendliebe Annabelle, die von ihm schwanger wird, abtreibt und, an Gebärmutterkrebs erkrankt, ebenfalls Selbstmord begeht. Michel entwickelt anschließend in einem Forschungsinstitut in Irland eine neue genetisch manipulierte Menschenrasse ohne Sexualität, Alter und Tod. Als Vorbild wird im Roman selbst Aldous Huxleys „Brave New World“ genannt, das allerdings in der Einschätzung des französischen Autors von einer Dystopie in eine Utopie mutiert. Die „schöne, neue Welt“ Houllebecqs?

„Elementarteilchen“ wurde wegen angeblicher Nähe zu rechtspopulistischen Ideen (Genetik, Rassismus, Misogynie etc.) zum Teil stark kritisiert. Ich selbst kann allerdings mit diesen offensichtlich provozierend eingesetzten Thesen umgehen. Was mich bei der Lektüre manchmal stört, ist Houllebecqs an einigen Stellen weit ausholender Schreibstil, der dann gefährlich in die Nähe von Gefasel und Gelaber abdriftet. Dem Roman hätten eine Straffung und Abmagerungskur gutgetan. Trotzdem ist er voll von gelungenen poetischen Pointen, die ich gern brav mit meinem gelben Marker hervorgehoben habe.

Wahrscheinlich ist „Elementarteilchen“ einer der wichtigsten Romane der letzten Jahrzehnte.