Bits and Pieces

Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt

 Wenn ein Roman schon fast 10 Jahre auf dem Buckel hat und endlos oft nicht nur von der deutscher Kulturschickeria (eine literarische SensationEin großes Buch, ein genialer Streich steht hinten auf dem Klappdeckel) positiver geht’s-gar-nicht-mehr besprochen wurde, bleibt für den Ich-bin-normal-Leser leider wenig Neues zu vermelden übrig. „Die Vermessung der Welt“ ist nicht nur ein superkluger, ironischer, glatt und kugelsicher geschriebener Roman, den man gern und schnell zu Ende liest, er beschäftigt sich inhaltlich mit den wahrscheinlich interessantesten Epochen der deutschen Kulturgeschichte. Die Biografien von Alexander von Humboldt und Friedrich Gauß bieten Ausblicke auf die Aufklärung, den Sturm und Drang, die Klassik, die Romantik, Napoleon, den Wiener Kongress, die Entstehung der modernen Wissenschaften, das Kolonialleben in Südamerika, die neu gegründeten Vereinigten Staaten und das zaristische Russland mit ihren wuselnden politischen und philosophischen Fragestellungen. Das (und das war noch bei weitem nicht alles) ist schon fast zu viel des Guten für ein einziges Buch. Wenn Daniel Kehlmann dann noch Dutzende von Bildungsostereiern in seinem Text versteckt, ist „Die Vermessung der Welt“ endgültig zum gefundenen Fressen für den Literaturunterricht in Deutschleistungskursen und Hauptseminaren geworden (es gibt für solche Unternehmungen inzwischen natürlich auch einen eigenen Materialienband zum Roman). Um ein Bestseller zu werden, musste Kehlmanns Buch zwangsläufig den Zeitgeist einer kriselnden postindustriellen Wohlfahrtsgesellschaft abpassen: Rationalismus, Kant, Goethe, imperialistische Bestrebungen, deutsche Zucht und Ordnung werden mit feinem Humor kritisiert, es schimmert überall ein klein wenig Sympathie für Chaos, Anarchie und Poesie durch, aber jede klare und radikale Position für oder gegen irgendjemanden oder irgendetwas meidet Kehlmann wie der Teufel das Weihwasser. Als ausgewogener und nachhaltiger Autor, will man  ja schließlich so eine gemäßigt kulturkritische Lektüre sowohl Herrn Krethi als auch Frau Plethi zumuten, ohne dass die gleich vor Schreck in Ohnmacht fallen. Den berühmten große Wurf, als der „Die Vermessung der Welt“  bezeichnet worden ist, hab ich nach der Lektüre des Buchs nicht runterplumpsen hören. Auf mich wirkt es eher wie ein junger perfekter Bankbeamter im tadellosen Anzug, der einen bei der Geldanlage berät. Dessen bizarre Donald-Duck-Krawatte und das unpassende On The Road auf dem Schreibtisch nerven da nur und ändern nichts Grundsätzliches daran, dass einem nach der Beratung nichts anderes übrigbleibt, als rundum damit zufrieden zu sein. Ein Buch, das wirklich was Neues wagt, wo man den Autor schwitzen sieht und dem Leser eins husten hört, ist „Die Vermessung der Welt“ nicht. Vielleicht sollten bei seiner Einschätzung ein paar Superlative weniger fallen und sein Schatten nicht gleich alles verdunkeln. Nicht nur Goethe hat über Italien geschrieben, es gäbe auch den völlig unbekannten Johann Gottfried Seume zu entdecken.

 Wolfgang Herrndorf – Tschick

 Absolut Lesen!

Ich hätte dem Buch auch ohne Probleme 6 oder 7 Sterne gegeben, denn ich hab es mit einer Gefräßigkeit verschlungen, die ich mir gar nicht mehr zugetraut hätte. Ein toller Roman. Zweifellos ist so eine blinde Begeisterung auch beeinflusst von Herrndorfs tragischer Krankheit und dramatischem Tod. Sonst wäre ich vermutlich kritischer mit dem Text umgesprungen, hätte neidisch und besserwisserisch Schwachstellen aufgezählt und darauf hingewiesen, dass Herrndorf sowieso nur alles vom Catcher in the Rye und von On the Road abgekupfert habe. De mortuis nil nisi bene. Herrndorfs Plot überzeugt und ist auf der richtigen Seite des Mondes zu Hause, dort, wo sich die Füchse, Underdogs, Außenseiter und Desperados auf Müllbergen, im Braunkohletagebau und auf der Autobahn zwischen kaputten Schweineställen Gutenacht sagen. Und schreiben kann Herrndorf eh wie Blücher. Denn es ist vor allem sein Duktus, der mich sprachentwöhnten Auslandsdeutschen vom Hocker haut. Ein paar Beispiele: einen Deal eintüten – Andrè ist nicht gerade die hellste Kerze im Leuchter, aber er ist auch nicht komplett hohl – dem Ford-Spacko völlig den Stecker zu ziehen – Graf Kocks von der Gasanstalt sprengt jetzt seine Ländereien – Waschbeton und Angela Merkel – zwei Bier aus dem Kioskbesitzer rauszuleiern – wedelte sich einen von der Palme – denn wir rauschten vollrohr in den Laster rein. Ich komm da aus dem Lachen nicht mehr raus. Wie spricht der gescheite Literaturgelehrte: Gute Bücher werden keine Bestseller und unbequeme gute schon gleich gar nicht. Von wegen! Man sollte sich in solcher Hochstimmung trotzdem nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Ob Tschick ein Klassiker wird, wie man oft liest, kann zur Zeit keiner wissen. In unseren wirren Zeiten, wo Literatur viel weniger bewegt als früher und tausende Richtungen und Strömungen hin und her zerren, kann man das vier Jahre, nachdem der Roman erschienen ist, noch nicht entscheiden. Da müssen mindestens 50 Jahre ins Land gehen. Ich werde Tschick gern ein zweites Mal lesen. Ein super Roman.

 

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