Happy Birthday Mr. Rödl!

donald-trumpHeute hat Eddy bei mir angerufen und sich darüber beschwert, dass ihm niemand zum Geburtstag gratuliert. Klar, seine Eltern sind inzwischen beide tot und dass die ihn vom Jenseits anfunken, ist vermutlich ein bisschen zu viel verlangt. Mit seinen Brüdern hatte er seit Asbach Uralt ein grottenschlechtes Verhältnis, dass die ihn aus Austin und Hongkong, wo sie leben, anklingeln, ist allein schon wegen der Zeitzonen ein Riesenproblem. Ich mein, vielleicht bring ich das alles jetzt total durcheinander, aber spring du mal um drei Uhr morgens aus dem Bett oder stell um halb sechs die elektrische Zahnbürste im Bad ab, weil irgendjemand einen WhatsApp-Anruf startet und ein metallisches „Happy Birthday, Eddy!“ aus dem Handyhörer quakt. Das Ausbleiben der Glückwünsche seiner Brüder hat ihn noch nicht einmal besonders geärgert, weil er sich nichts Anderes erwartet hat. Da ist sowieso eigentlich nur noch tote Hose, was seine Familie anbelangt. Anrufen tut da eh keiner, zum Geburtstag nicht und auch sonst nicht, sagt mir Eddy am Telefon. Die kriegen doch nicht mal mit, wenn ich den Abgang mache und zu meinem Begräbnis kommt kein Schwein, klagt Eddy. Ich versuche ihn vergeblich zu beruhigen und sage, dass doch wenigstens seine Tochter und seine Frau den Termin nicht vergessen haben, nein natürlich nicht, sagt er, die ham mir sogar eine Flasche Schampus, eine Eistorte und zwei Pullover gekauft, aber die leben doch ständig mit mir zusammen, das gilt doch nicht, wenn die mir zum Geburtstag gratulieren, das ist doch nur was innerhalb der Familie. Am meisten hab ich mich darüber geärgert, meint Eddy, dass sich meine Schwiegermutter nicht gemeldet hat, das ist eigentlich ein starkes Stück, weil die seit einem Vierteljahrhundert jedes Mal zu meinem Geburtstag angerufen hat, nichts Besonderes, alles reichlich verlogen und formal, sagt er, aber er versteht nicht so recht, warum diesmal der Anruf ausgeblieben ist, 25 Jahre sind schließlich eine lange Zeit. Na ja, irgendeinen Grund wird es schon geben, vielleicht ist die irgendwie sauer auf irgendwas, aber wenn sie nicht anruft, wird man das nie klären, die alte blöde Schnepfe. Nur irgendwelche Banken und Vodafone schicken mir ihre Geburtstagswünsche per Mail, sagt Eddy. Die ham mein Geburtsdatum bei sich gespeichert, das ist doch einfach nur Werbung und Beutelschneiderei, das ist doch nur Interesse und Opportunismus, meint Eddy, da ist doch kein ehrliches Gefühl dahinter. Ich sag ihm, das mit dem Gefühl dahinter ist doch Schwachsinn, heute steht doch jeder auf doppeltem Boden und hat mindestens sieben verschiedene Gesichter für die jeweils passenden Gelegenheiten, und dann, sag ich ganz aufgeregt und verhasple mich ein bisschen, alles ist inzwischen nüchtern und sachlich geworden, so ist die Welt halt heute, so läuft der Hase eben, da kann man doch nichts ändern, schmink dir bitte deinen Blues ab. Dann ist erst mal Stille, bevor Eddy meint, irgend so ein Internetportal, wo ich mich mal registriert habe und ab und zu Unterrichtsblätter runterlade, schickt auch Geburtstagsgrüße, aber was soll denn der ganze Scheiß, die sind irgendwo in Polen, Tschechien oder Ungarn, die krieg ich nie in meinem Leben persönlich vor die Linse für ein Selfie, und außerdem ist mir das ganze New Europe eh unsympathisch, die sind alle bis auf die Knochen reaktionär. Ich sag, Eddy, du bist mal wieder so pauschal, das ist doch Kacke, in Bausch und Bogen, und auch so überempfindlich, jedenfalls wünsch ich dir Alles Gute zu deinem Geburtstag, ehrlich, wir sehn uns ja in letzter Zeit nicht mehr so oft, ist aber trotzdem von Herzen, alle deine Vorhaben sollen in Erfüllung gehen, Ausrufezeichen, das ist ein Befehl, ha, ha. Gesundheit, zwei Ausrufezeichen, wünsch ich dir natürlich auch, die kann man immer brauchen, die ist sowieso das Allerwichtigste, denk mal an Lou Reed und grad erst David Bowie.  Grüße auch an die da und an den da auch, mehr ist mir auf die Schnelle nicht eingefallen. Eddy sagt, so spät gilt das doch nicht, warum hast du denn nicht schon morgens angerufen, du Spacko, am Abend geht das doch eigentlich gar nicht mehr und ich hab dich angerufen, nicht du mich,  aber ich mein das natürlich nicht Ernst, nur ein lüttes Scherzchen unter alten Freunden, vielen Dank für deine Glückwünsche. Ich sag dann noch einmal Happy Birthday Mr. Rödl, er meint dann, warum nicht Mr. President, lol, das waren noch Zeiten damals, JFK und Marilyn, ach red doch kein Scheiß, der Kennedy hat doch den Krieg in Vietnam begonnen.

© Wolfgang Haberl 2017

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