Heldinnen und Helden

helden

In der Zeitmaschine von Captain Kirk sehen wir Franz Kafka, wie er verschämt nackt im Gardasee badet und mit seinem Herzensfreund Max Brod ein Luxusbordell in Mailand besucht. Sonne, See und Sex als Erholung von den phantasmagorischen Albträumen seiner Schriften.

Rainer Maria Rilke schrieb auf Schloss Duino bei Triest viel zu lange Elegien. Die Deutsche Kriegsmarine ließ später dort von Zwangsarbeitern einen Bunker bauen, um sich gegen die Angriffe der Alliierten zu verteidigen. Man kann dort heute einen Spaziergang auf Rilkes Spuren machen. Wie viele Zwangsarbeiter beim Bunkerbauen starben, weiß keiner.

Hermann Hesse war in den Jahren 1904 bis 1914 oft in Oberitalien. Es zog ihn südwärts, aber er machte im reichen Tessin Halt, wo der Erfolgsschriftsteller sich in eine Mischkultur zwischen Schweiz und Italien einklinkte. Seine verrückte Frau deponierte er in der Klapsmühle und seine drei Söhne bei Freunden, bevor er sich dem Demian widmete. Vita brevis, ars longa. Initialzündungen für lange Isolationen in alternativen Literaturwelten. Scheue Umstürzler und Neinsager, die in Jungs Schatten Erholung vor der Wirklichkeit suchen.

Ingeborg Bachmann zündelte sich in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Ewigen Stadt zu Tode. Tatsächlich gibt es Rom auch heute noch. Sie rauchte, trank, war tablettenabhängig und hasste Delikatessen. Ihren kalten Krieg führte sie auf Ischia, in einer Künstlerkolonie zusammen mit Hans Werner Henze. Was hätte man mit so viel Talent auch im hinterwäldlerischen Klagenfurt anstellen sollen?  Oder als schwuler letzter Cowboy im römisch-katholischen Gütersloh, wenn Papa doch meinte, dass „so etwas“ ins KZ gehöre.

Luise Rinser hat es nach vierzig Jahren in Italien am Ende doch vorgezogen, die letzten Jahre in einem Altersheim in München zu verbringen. Wie viel Exil darf’s denn sein, gnä‘ Frau?

Hans Magnus Enzensberger konnte vermutlich unter Lanuvios Palmen besser über Deutschland schimpfen als irgendwo im Bayerischen. Sein jüngerer Bruder Ulrich hat mit Italien nichts am Hut, muss sich wegen terroristischer Aktivitäten aus seinen wilden Jahren verantworten und ist mir irgendwie viel sympathischer als sein älterer Bruder

Rolf-Dieter Brinkmann wurde in Vechta im Oldenburger Münsterland geboren. Zu weit im Norden für einen wie mich, der kein stimmhaftes S hinbekommt. „Katholisch verseucht“ nannte Brinkmann die Gegend. In Goethes berühmtem Gedicht „Ein Gleiches“ spürte er keinen Hauch von echtem Leben. 1972 bekam er ein Stipendium in Rom in der deutschen Akademie Villa Massimo. In „Rom, Blicke“ demolierte er den Mythos Italiens beim deutschen Bildungsbürgertum. Der Autor kam tragisch bei einem Autounfall ums Leben. In London. Auf der Suche nach seinem „Wörtersüden“.

Muss man die alle kennen?

© Wolfgang Haberl 2017

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