Michel Houellebecqs „Lanzarote“

Ich kannte den Erfolgsschriftsteller Michel Houellebecq (richtig so?) bisher noch nicht. Gesundes Misstrauen ließ mich die Bekanntschaft mit einer eher kürzeren Erzählung beginnen, um immer drohende gefährliche Frusterfahrungen bei der Lektüre nicht ausufern zu lassen.  Mein Eindruck einer ersten Leseerfahrung ist zwiespältig. Die 1999 geschriebene Erzählung liest sich flüssig (positiv), spickt von bösen und sarkastischen Remplern gegen Gott und die Welt (positiv), behandelt durchaus interessante Thematiken (Ausstieg aus der postmodernen Zivilisationsgesellschaft, Sexualität als Ideologiesurrogat, Sekten als mögliche Schlupflöcher in einem hohlen und leeren Konsumkapitalismus etc.), doch irgendwie bekommt Houellebecqs Erzählung nicht den nötigen Drall und Tiefgang. Alles bleibt an der Oberfläche. Alles perlt ab. Keine Schrammen, keine Löcher, keine Risse. Alles glatt und leblos. Das ist sicherlich nicht nur ein Problem der Prosa Houellebecqs, denn die Jahre, als es Literatur noch schaffte, den Zeitgeist zu bündeln, sind längst vorbei (mir fiele spontan etwas Bölls „Die Verlorene Ehre der Katharina Blum“ ein), trotzdem bleibt es ernüchternd, festzustellen, dass ich höchstwahrscheinlich Houellebecqs Erzählung „Lanzarote“ schon in ein paar Monaten vergessen haben werde.

Was in der Erzählung meiner Meinung nach böse holpert, ist eine auf vielen Seiten ausgebreitete und ziemlich unglaubwürdige Bordell-Sexualität. Hut ab vor Houellebecq, wenn er es hoppla-hopp zu einem flotten Dreier mit Barbara und Pam schafft, für mich sind das alles nur ein bisschen an den Haaren herbeigezogene Männerfantasien. Auch Rudis allzu schnelle intime Vertrautheit mit dem namenlosen Protagonisten wirkt seltsam und ziemlich erzwungen.

Ich versuch’s jetzt mal mit Houellebecqs längerem Roman „Elementarteilchen“. Vielleicht wird mein Urteil dann etwas ausgereifter.

Sami Modiano

Jedes Jahr um den 27. Januar (dem Befreiungstag des Konzentrationslagers in Auschwitz) werden (nicht nur) an den italienischen Schulen Gedenkfeiern zur Shoah abgehalten. Inzwischen werden diese Erinnerungstage nicht nur ausschließlich auf die Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten bezogen, sondern diskutieren auch über andere Diktaturen etwa in Argentinien, die Jugoslawien-Kriege, die Kolonialvergangenheit in Italien selbst usw. Dieses Jahr war wegen der Pandemie kein direkter Besuch eines KZ-Überlebenden möglich, sondern es wurde eine YouTube-Schalte mit Sami Modiano eingerichtet.

Das Buch Modianos „Per questo ho vissuto” erzählt die traurige autobiographische Geschichte der Verschleppung des dreizehnjährigen Sami ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und sein fast unglaubliches Überleben, was ihm nachträglich große Schuldgefühle verursachte, die er nur dadurch rechtfertigen konnte, dass er den fast schon schicksalhaften Auftrag annahm, über diese Erfahrungen zu sprechen.

Das Buch ist literarisch sicher kein Meisterwerk, hat aber eine Authentizität, die fiktive Texte nie erreichen können. Auch Modiano scheitert natürlich daran, den Horror in Auschwitz in Worte zu fassen, aber ermöglicht dennoch einen Blick durch das Schlüsselloch in die KZ-Realität.

Solche Bücher kann man natürlich nicht immer, sondern nur in dafür geeigneten Momenten lesen. Als Ergänzung vielleicht, wenn man sich nicht schon zu viel geekelt hat, die neue Dokumentation des ZDF „Die Wannseekonferenz“:

https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/die-wannseekonferenz—die-dokumentation-vom-24-januar-2022-100.html

BoBoKo (8)

Wir fahren mit Wilma Wildlife mit dem Zug von Hildesheim nach Hannover, anschließend in der Stadtbahn Linie 4 zur Universitätsbibliothek und sitzen einige Stunden mit ihr im dortigen Lesesaal. Es passiert nichts weiter, aber der Bildungsstand des Lesers geht steil nach oben durch die Decke. Man weiß jetzt, wer Tullio Cianetti ist und dass man in Venetien die Süditaliener für faul und „unanstellig“ hält.

Das megalomane Projekt der Nationalsozialisten, eine Autofabrik und Stadtsiedlung unweit Braunschweigs aus dem Boden zu stampfen, traf schon kurz nach der Grundsteinlegung im Februar 1938 auf enorme Schwierigkeiten. Die Bautätigkeit Albert Speers in Berlin, die Reichswerke Hermann Göring im nahen Salzgitter und vor allem der Westwallbau, für den im Herbst 1938 3000 Arbeitskräfte über Nacht vom Volkswagenwerk abgezogen wurden, dezimierten die Arbeitslosenlisten und machten es den Arbeitsämtern unmöglich, geeignete Bau- und Industriearbeiter bereitzustellen. Die aus strukturschwachen Gebieten wie Friesland, Schlesien und Sachsen gerufenen Arbeiter reichten für die Großbaustellen bei weitem nicht aus. Erst die engen Kontakte zwischen der Deutschen Arbeitsfronf (DAF) zur Parallelorganisation des italienischen Achsenpartners Confederazione Fascista dei Lavoratori dell’Industria (CFLI) lösten teilweise das Dilemma. Nachdem im Sommer 1938 eine erste italienische Delegation unter Tullio Cianetti das embryonale Volkswagenwerk und die entstehende Stadtsiedlung besucht hatten, wurden Vereinbarungen getroffen, italienische Arbeiter in großem Stil an das Volkswagenwerk und die Reichswerke Hermann Göring zu vermitteln.  Ohne sie hätten die Baustellen des Werks und der Stadt nicht weitermachen können. Die geplanten Kontingente von einigen tausend Arbeitern wurden speziell in den ersten beiden Jahren um ein Mehrfaches übertroffen, als die Dimensionen der Großbaustellen und die zur Schau gestellte modernste Technologie eine regelrechte Euphorie unter den Arbeitern auslösten. Dabei spielten, mehr noch als die großmäulige Propaganda auf beiden Seiten, welche die grenzüberschreitende kameradschaftliche Arbeitsleistung und die ideologische Blutsbruderschaft der Achse Rom-Berlin betonte, die guten deutschen Arbeitslöhne und die anhaltende Massenarbeitslosigkeit in Italien eine entscheidende Rolle. Das Kaufkraftgefälle zwischen dem Deutschen Reich und den nordöstlichen Regionen Oberitaliens, aus denen der Großteil der italienischen Arbeiter nach Fallersleben und Salzgitter aufbrach, war extrem: Der Lohn eines Facharbeiters in Deutschland war zwei- bis dreimal so hoch wie der eines Arbeiters aus Venetien. Arbeitstage von mehr als 10 Stunden, Überstunden, Samstags- und Sonntagsarbeit waren die Regel, die nicht selten 100 bis 150 Reichsmark Wochenverdienst einbrachten. Die schlechten Lebensbedingungen (Wohnbaracken, Ernährung, fehlende Freizeiteinrichtungen etc.) wurden in Kauf genommen, da auf beiden Seiten stillschweigend und fälschlich davon ausgegangen wurde, dass die Gastarbeiter aus Italien nur kurzfristige Lücken in einer durch die Kriegsvorbereitungen bedingten Ausnahmesituation des deutschen Arbeitsmarkts schlössen. Trotzdem kam es immer wieder zu Beschwerden der italienischen Arbeiter, vor allem über die ungewohnte und schlechte Ernährung von Seiten der Kantinenküche, wo Teigwaren und italienischer Rotwein im Speiseplan nicht vorgesehen waren und teuer auf eigen Kosten aus Italien besorgt werden mussten. Auch die Gruppendynamik in den Wohnbaracken und Kolonnen schlug immer wieder Funken, vor allem als in späteren Jahren immer mehr Süditaliener nach Fallersleben kamen, die in den Augen ihrer norditalienischen Kollegen als Drückeberger und Tollpatsche galten. Im Januar 1943 erreichte es Benito Mussolini, dass die italienischen Arbeitskräfte in ihr Heimatland zurückgezogen wurden. Ihre privilegierte Stellung als verbündete Auslandsarbeiter verloren die Italiener dann vollständig, als Mussolini im Juli 1943 zurücktrat, Italien die Fahnen wechselte und gegen Hitler-Deutschland Position bezog. Alte Ressentiments gegen die Italiener konnten sich jetzt in Deutschland ungehemmt Bahn brechen, die von einem auch rassisch begründeten Überlegenheitsdünkel herrührten, der kleingeistig angeblich preußische oder deutsche Tugenden beschwor: Aufrichtigkeit, Disziplin, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit.

BoBoKo (7)

7

Wir sind in einem Puff in der Schönfließer Straße. Rudi Rührei lässt sich nicht lumpen und rührt in alten Wunden. Fetter Nebel dampft vor Zorn. Hans Haller hat ein Problem.

Die Kamera schwenkt hoch nach oben. Wir haben jetzt Berlin-Frohnau in der Schönfließer Straße auf dem Radar. Das ist zwar nicht wirklich eine Gegend, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, aber ohne guten Grund fährt trotzdem keiner dorthin. Früher, vor dem Mauerfall, war das Mal am Arsch der Welt. Heute ist Stadtrand in. Intime Nähe zu Wald und Wiese. Am Wochenende mit dem gerade gewaschenen geleasten Einser-BMW raus ins Brandenburgische und die Blagen an irgendeinem See austoben lassen. Rudi Rührei ist ein hoch aufgeschossener falscher Fuchziger mit krummen Rücken und Akne. Der lange Lulatsch starrt die meiste Zeit vornübergebeugt auf sein Iphone und kontrolliert irgendwelche Nachrichten oder tut wenigstens so. Dieser lange Labander besitzt das Puff in Frohnau, wo wir gerade sind.  Fetter Nebel könnte der Bruder von Reiner Calmund sein. Genauso dick, genauso lustig, genauso nutzlos. Fußball schauen, Paprika-Chips mampfen, quatschen. Immer die Klappe offen, fünf Minuten Wildwassermonolog, wenn man ihn nach seinem Beruf fragt und nachher ist man genauso schlau wie vorher. Bedröppelter Kugelblitz. Ulkig der Typ. Wie dämlich muss man sein, um so zu heißen? Fetter Nebel, noch nicht mal dichter Nebel. Man sieht seine Hand vor den Augen nicht.  Lass dir das mal langsam auf der Zunge vergehen. Klingt irgendwie wie Happy Hour. Fetter Nebel gibt Autogramme. Oh yeah. Günther mit H oder ohne. Außer Rudi Rührei, Fetter Nebel und Hans Haller steht da noch Atze vor der Tür mit seinem dunklen, südländischen Teint, seinem schwarzen Zwirbelschnurrbart und seinem Luxusbody direkt aus der Muckibude. Dem seine Geschichte ist uns nicht bekannt und auch egal. Rudi Rührei spielt trotz seiner Schlacksigkeit den dicken Max und lässt sich nicht lumpen. Der Puff gehört ihm schließlich selbst. Frauen und Drinks sind deshalb heute Abend für Hans Haller frei. Auch das Taxi nachher nach Hause in die Prinzenstraße spendiert Rudi Rührei. Normalerweise kostet ein Pikkolo hier 180 Euro und eine Flasche Schampus 300 Euro. 30 Minuten für 50 Euro. Französisch gegenseitig und Verkehr, möglich zweimal Mal kommen oder einmal Mal kommen und Massage. Unser Angebot: Zwei für Eins. Preis 30 Minuten für 60 Euro. Zwei Frauen. Zweimal Verkehr und französisch gegenseitig. Überhaupt geht es hier in Rudi Rühreis Puff international und tolerant zu. Englisch, griechisch, spanisch, bei entsprechender Bezahlung ist alles möglich. Doch wie immer im Leben ist auch Rudi Rühreis Großzügigkeit nicht uneigennützig. Nachtigall, ick hör dir trapsen. Er hatte zusammen mit Fetter Nebel und Hans Haller vor vielen Jahren in eine große, am Aktienmarkt quotierte Schweinefarm im Niedersächsischen investiert. Sichere Sache, Kumpels, die sturen und stillen Plattländer machen uns reich. Jeder hatte 40000 Euro reingebuttert. Am Anfang lief alles blendend, doch dann erreichte die Hysterie um den Rinderwahn auch die Schweinemast. Die üblichen Chinesen überfluteten den Markt mit billigem, schockgefrosteten Schweinefleisch. Der Hype um vegetarisches und veganes Essen tat sein Übriges. Scheiß Veggies und Veganer. Der Preiseinbruch beim Schweinefleisch trieb die Schweinefarm der drei stillen gelackmeierten Teilhaber innerhalb von kurzer Zeit in den Konkurs. Bei der Abwicklung des Unternehmens kamen Anwälte und Gerichte ins Spiel, die Prozesse gingen verloren, die Kosten schnellten in die Höhe. Rudi Rührei bezahlte erst einmal für alle aus seiner Privatschatulle, doch jetzt will er den Anteil Hans Hallers zurück. „Mein Goldesel ist seit gestern krank und scheißt kein Geld mehr. Du hast einen Monat Zeit, mir die 80 halben rosa Riesen rüberwachsen zu lassen“, sagt er mit seinem breiten Grinsen und schlürft an seinem Glas Mumm. Er akzeptiert übrigens auch Schweizer Franken, aber zum Tageskurs. Die haben wenigstens 1000-Franken-Scheine. Komm mir aber nicht mit 10000-Dollar-Scheinen aus Singapur. Sein blödes Grinsen gefällt Hans Haller überhaupt nicht. „Woher soll ich die 40000 Mäuse nehmen? Ich hab‘ noch nicht mal das Geld für die nächste Telefonrechnung“. – „Das ist dein Ding, Haller-Baby. Stell deine verendeten grauen Zellen auf on und lass dir was einfallen“, meint auch Fetter Nebel. Warum der sich einmischt, weiß man nicht. Überhaupt sind die guten Zeiten längst vorbei, als jeder der drei alles vom anderen wusste. Fetter Nebel hat wahrscheinlich den Blutdruck auf 250, so rot ist sein Gesicht angelaufen. „Du glaubst doch nicht, dass wir auf deinen Scheißschulden sitzen bleiben.“ Warum denn „wir“? „Was gehen denn dich meine Schulden bei Rudi an, du aufgeblasener Dackel?“ 80 rosa Lappen. 4 Wochen Zeit. Jetzt hat Hans Haller ein Problem, ein großes Problem sogar. Das Glas mit dem dunklen Schneider-Weißbier lässt er halbvoll stehen, als sich der Taxifahrer meldet. Sein Wabbelarsch geht ihm ganz schön auf Grundeis.

Fritz Bauer

Leider muss ich ein weiteres Mal beschämt meine großen Bildungslücken gestehen, denn der Name „Fritz Bauer“ sagte mir bis vor ein paar Wochen gar nichts. Eine Schulkollegin hat seinen Namen genannt und ich habe begonnen Ronen Steinkes Biografie über den Ausnahmestaatsanwalt zu lesen. Steinkes grundsätzlich angenehmer, flüssig zu lesender und durchaus informativer (wenn auch nicht origineller) Schreibstil produziert eine positive Leseerfahrung. Manchmal muss man allerdings die ein- oder andere Zeile beherzt überspringen: Es heißt, ihn zu einem emotional befangenen, deshalb intellektuell nicht satisfaktionsfähigen Diskutanten zu degradieren (Seite 214). Hä?

Der homosexuelle Sozialist und Jude Bauer hatte immer viele Feinde, nicht nur während des Nationalsozialismus, der ihn jahrelang ins KZ steckte und in die Emigration zwang. Auch in der reaktionären Adenauer-Republik, als viele Ex-Nazis wieder in ihre früheren Beamtenpositionen schlüpfen konnten, wimmelte das Schlachtfeld von Gegnern. Umso bemerkenswerter bleibt sein Lebenswerk.

Bauers erstes großes Verdienst, ist die Rehabilitierung der Stauffenberg-Attentäter, in einem großen Prozess Anfang der fünfziger Jahre in Braunschweig. In heutiger Zeit ist die dahintersteckende Logik und Dynamik nur noch schwer nachvollziehbar, aber viele Deutsche hielten Stauffenberg (der dasselbe Stuttgarter Gymnasium wie Bauer besucht hatte), damals noch für einen Landesverräter und Terroristen in Uniform, und nicht für einen Helden, der den Mut hatte, den Verbrecher Hitler zu töten (was leider nicht geklappt hat), um Millionen weitere Tote des Hitlerschen Angriffskrieges zu verhindern. Um Stauffenberg zu rehabilitieren, musste geklärt werden, dass die Gesetze eines Unrechtsstaates juristisch nichtig sind und dass es ein höheres Recht gibt, dessen Wirksamkeit von keiner Diktatur außer Kraft gesetzt werden kann.

Bauer arbeitete Hand in Hand mit dem israelischen Geheimdienst Mossad (und nicht mit dem damals nazi-befangenen deutschen Justizapparat) zusammen. Zusammen haben sie es geschafft, 1960 Adolf Eichmann in Buenos Aires zu verhaften und vor ein Gericht in Jerusalem zu bringen. Eichmann war der Leiter der Dienststelle Judenreferat im Reichssicherheitshauptamt und koordinierte die Judendeportationen.

Von 1963 bis 1965 organisierte Bauer in Frankfurt die Auschwitz-Prozesse, eine Replik der Nürnberg Prozesse 20 Jahre zuvor, die von den Amerikanern inszeniert wurden und deshalb nicht die moralische Durchschlagskraft von Prozessen vor einem deutschen Gericht haben konnten. Es ging nicht mehr um die Rache der Sieger, sondern um den Versuch einer Aufarbeitung des größten je auf deutschem Boden entstandenen Unrechtsstaates.

Die Reform des Paragrafen 175, die Homosexualität als Straftat verurteilte, trieb Bauer mit journalistischen Arbeiten zwar voran (deren wichtigste sein Beitrag zum viel gelesenen Buch Sexualität und Verbrechen aus dem Jahre 1963 blieb), durfte jedoch die Reform des umstrittenen Paragrafen 1969 nicht mehr selbst erleben.

Fritz Bauer ist wahrscheinlich der Großvater/Onkel, den ich gerngehabt hätte. Mein wirklicher Opa (mütterlicherseits) starb zu früh für mich (1966), mein Opa väterlicherseits, bei dessen Tod 1979 im Krankenhaus in Ingolstadt ich sogar anwesend war, hat nie auch nur ein einziges Wort zur Weimarer Republik, zu Adolf Hitler, zu Konrad Adenauer, Willy Brand und Helmut Schmidt gesagt.

Boboko (6)

Maria Mommsen im schönen Neapel. Sie gibt sich alle Mühe der Welt, aber stolpert ins Leere.

Die beiden Mädchen sind verschwunden. Auf Anrufe ihrer Klassenkameradinnen antworten sie nicht. Wo sind sie? Was tun? Maria Mommsen gerät erst in Panikstimmung und spricht dann mit ihrer Kollegin Susan Saitensprung. Sie entscheiden, dass Susan mit der Klasse nach Berlin zurückfliegt und Maria in Neapel bleibt. Maria sucht dann eine Polizeistation. Sie geht auf Vorschlag eines Taxifahrers in das Büro der Polizia Ferroviaria auf dem Hauptbahnhofsgelände und erstattet eine Vermisstenanzeige. Das zieht sich eine Zeitlang hin, weil der Computer nicht funktioniert oder nicht online ist (oder beides). Frau Mommsen kann kaum Italienisch, der aufnehmende Beamte nur sehr schlecht Englisch und überhaupt kein Deutsch, was das Verfassen der Anzeige nicht erleichtert. Am Ende hält Maria Mommsen einen blau abgestempelten Wisch Papier in der Hand, auf dem in italienischer Sprache zu lesen ist, dass die siebzehnjährigen minderjährigen Schülerinnen Elisabeth Bernstein und Annette Pölzin, beide wohnhaft in Berlin-Kreuzberg, am 3. September 2016 gegen 9 Uhr 30 das letzte Mal an der Ecke Piazza Garibaldi/Via Torino gesehen wurden und seitdem verschwunden sind. Maria Mommsen sucht sich ein Hotel und findet ein freies Zimmer im Starhotel Terminus, dort wo die Piazza Garibaldi in den Corso Arnaldo Lucci einmündet. Das Zimmer ist grässlich bis grauslich und teuer, hat aber eine Klimaanlage und einen Kühlschrank, aus dem sie sich eine 450ml-Flasche Cola nimmt und ohne Glas austrinkt. Maria Mommsen weiß nicht, was sie machen soll. Die Situation ist ziemlich verzweifelt. Zwei naive minderjährige Mädchen, abhandengekommen in der europäischen Hauptstadt des Verbrechens. Maria Mommsen kann wenig Italienisch und kennt Neapel nicht. Möglicherweise wäre es richtig, eine örtliche Tageszeitung zu kontaktieren, aber Maria Mommsen weiß weder, wie sie Kontakt mit einer Redaktion aufnehmen könnte, noch überhaupt, ob das ein richtiger Schritt ist. Sie überlegt. Ihr fällt ein, dass in Berlin-Kreuzberg gerade beschlossen worden ist, die Räumung der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule zu verhindern. Etwa 40 Flüchtlinge können dort erst einmal bleiben. Sie bekommen Geld, Duschen und ein Asylverfahren in Berlin. Was hat das aber, verdammt noch mal, mit ihrer eigenen beschissenen Situation zu tun? Maria Mommsen beschließt das Deutsche Honorarkonsulat in Neapel in der Via Medina 40 zu kontaktieren. Am nächsten Morgen, pünktlich um halb, sitzt sie dem freundlichen, aber völlig nutzlosen Generalkonsul Schorsch Schluchz gegenüber, der ihr wenig Hoffnungen macht. Der Generalkonsul ist ein gepflegter Herr aus der Vulkaneifel mit einer wenig beeindruckenden diplomatischen Karriere auf der ganzen Welt und dem unüberhörbaren Wunsch, sich aus dem ungeliebten Neapel so schnell wie möglich wieder zu verpissen. Sie habe doch sicherlich von Angelika Völkel gehört. Maria Mommsen wusste auch das nicht. Neapel sei eine gewalttätige Stadt, in den ersten 6 Monaten habe es schon mehr als 60 Tote gegeben. Ganze Stadtviertel seien in den Händen der organisierten Kriminalität. Sie habe doch sicher schon einmal von der Camorra gehört oder sogar das Buch von Roberto Saviano gelesen. Auf Deutsch. Sehr schön, sehr schön. Das gebe es jetzt sogar als Film und Fernsehserie. Bei 40% Arbeitslosigkeit, die bei Jugendlichen 70% erreiche, habe man hier andere Probleme, als sich um zwei ungezogene Backfische aus Berlin zu kümmern, die sich wahrscheinlich eh nur mit ein paar italienischen Gockeln verabredet hätten und ihren Italienurlaub um ein paar Tage verlängern wollten. Ha ha. Maria Mommsen ist es ihm Gegensatz zu Schorsch Schluchz nicht zum Lachen zumute. Sie verabschiedet sich mit einem steifen Händedruck, geht die paar Meter bis zum Taxi-Stand auf der Piazza Municipio und fährt zum Hotel zurück. Es ist halb zwölf. Statt in ihr Zimmer zu gehen, will sie in einem Reisebüro für morgen früh einen Rückflug nach Berlin finden. Es ist einfacher, als sie denkt. Es ist noch Platz im Flug heute um 1550. Im Hotel checkt sie sofort aus. Einen Augenblick befürchtet sie, für zwei Nächte bezahlen zu müssen, doch der dicke Portier mit Schweißperlen auf der Glatze ist nett und professionell und wünscht ihr eine gute Reise. Das Zimmer steht ab 1400 Uhr am Tag der Ankunft zur Verfügung und muss bis 1100 Uhr am Abreisetag verlassen werden. In einer Stadt, in der nichts funktioniert, zwei Glückstreffer kurz hintereinander. Es ist jetzt kurz vor eins und Maria Mommsen hat noch etwas Zeit. Sie schreibt auf ein Blatt Papier: SEPTEMBER 3, 2016.TWO GIRLS FROM BERLIN MISSING. WE ARE SEARCHING THEM DESPERATELY. WHO KNOWS SOMETHING? CONTACT: bloody.mary@iloveyouall.com. Sie betritt einen kleinen Kopierladen und lässt sich 50 Kopien machen, die sie in den Imbissen und Geschäften in der Via Torino verteilt, wo die Mädchen das letzte Mal gesehen wurden. Etwas Besseres fällt ihr nicht ein. Dann rollt sie mit ihrem Rollkoffer durch die Gluthitze und das Chaos in Richtung Taxistand und Flughafen. Aber eigentlich rollt Maria Mommsen schnurstracks ins Nirgendwo.

Boboko (5)

Der Leser lernt in diesem Kapitel, wo Vratislavice liegt, erfährt aber nichts über Allrad-Nabenelektromotoren

Wilma Wildlife, Hans Hallers Ex-Frau, sitzt in ihrer kleinen Küche in Hildesheim und grübelt. Tochter Nathalie kommt morgen aus Boston zurück. Greetings from aunt Ann. Sie will nach Berlin ziehen, weil man in Hildesheim keine Karriere als Popmusikerin machen kann. Scheiß Provinznest. I hate being odd in a smalltown. Da haben sie wahrscheinlich alle drei recht. Es ist Sonntagnachmittag. Wilma Wildlifes umfangreiche Doktorarbeit über die Geschichte der Gesellschaft zur Vorbereitung des Deutschen Volkswagens liegt auf dem Küchentisch von Ikea. Sie hat es mit Autos und Nazis: VW, BMW, Audi, Mercedes. Vor zwei Jahren hat sie eine Stelle in der historischen Forschungsabteilung des Volkswagenwerks an der Leibniz-Universität bekommen. Staat und Privat vermengen sich bekanntlich bei VW. Die Stelle als Lehrkraft für besondere Aufgaben ist auf 5 Jahre befristet, sieht keine Dozententätigkeit vor und ist gut bezahlt. Alle Spesen (Hotel, Reisen, Fachpublikationen) werden nach Rechnungsvorlage problemlos vom Volkswagenwerk übernommen. Wildlifes jetziges Forschungsprojekt nennt sich Transzendenzutopien Robert Leys im Kraft-Durch-Freude-Wagen. Sie beschäftigt sich gerade mit Ferdinand Porsche. Maffersdorf war damals Teil von Österreich-Ungarn, deshalb arbeitet der Sohn eines Spenglers Ferdinand Porsche zuerst in Wien und entwickelt Autos, Flugmotoren und Rennfahrzeuge. Im ersten Weltkrieg ist er Direktor eines Rüstungsbetriebs. Ab 1923 ist Porsche Leiter des Konstruktionsbüros bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft in Stuttgart. 1931 macht sich Porsche mit einem eigenen Konstruktionsbüro selbstständig und entwirft Automodelle für verschiedene Firmen. Ein Angebot der Sowjetunion, dort erster Konstrukteur Stalins zu werden, schlägt Porsche aus. 1934 erhält der Lieblingsingenieur Hitlers vom Führer selbst den Auftrag, einen Volkswagen zu bauen. Der Wagen soll Platz für zwei Erwachsene und drei Kinder bieten, eine Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern erreichen und weniger als 1000 Reichsmark kosten, was in etwa heute € 4000 Euro entsprechen würde und wirtschaftlich völlig unrealistisch war, weswegen auch der Reichsverband der Automobilindustrie dem Projekt eines Volkswagens extrem ablehnend gegenübersteht. Ein luftgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Boxermotor setzt sich durch gegen einen für Zündapp projektierten luftgekühlten Dreizylinder-Zweitakt-Sternmotor und Hitlers Lieblingsmotorvariante, einen luftgekühlten Dreizylinder-Dieselmotor. Nach dem Bau von Prototypen und 30 Vorserienfahrzeugen bei Daimler-Benz in Stuttgart, entscheidet der Autonarr Hitler, den Volkswagen in einem eigenen, neu zu bauendem Werk in Fallersleben bei Hannover zu konstruieren und dabei auf die Organisationsstrukturen der nationalsozialistischen Freizeitorganisation „Deutsche Arbeitsfront“ zurückzugreifen. Die Standortauswahl wird durch die Nähe der Reichswerke Hermann Göring begünstigt. Ein genossenschaftliches Kaufsystem wird entwickelt, bei dem Kaufinteressenten Wertmarken zu je fünf Reichsmark kaufen und auf Sparkarten des Kraft-Durch-Freude-Wagens kleben. Wegen des Zweiten Weltkriegs kommt es jedoch zu keiner Auslieferung von zivilen Fahrzeugen mehr. Statt des Kraft-Durch-Freude-Wagens werden im Volkswagenwerk bis Kriegsende 65000 Kübel- und Schwimmwagen sowie andere kriegsrelevante Rüstungsgüter produziert. Die treuen KdF-Sparer mit vollgeklebten Sparkarten werden ab 1961 mit einem Rabatt von 600 DM auf einen neuen VW oder 100 DM Bargeldleistung abgespeist. Bei dem ab 1938 neu gebauten Volkswagenwerk wird Ferdinand Porsche Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Aufsichtsrats.  Die angedachte Produktion von Zivilfahrzeugen zu einem marktwirtschaftlich unrealistischen, viel zu niedrigen Preis ist eine Sozialutopie, die nur unter den Vorgaben eines deutschen Sozialismus realisierbar gewesen wäre. Auch später beim Trabi hat der sozialistische Volkswagen nie so funktioniert, wie die DDR-Führung glauben machen sollte. Ein kollektiver Wahn im Hitler-Deutschland träumt von betriebsinternen Autosprechstunden und einem dort stattzufindenden Fahrunterricht. Firmeneigene Werkstätten sollen die Kosten niedrig halten. Hotels für Selbstabholer sollen in der Autostadt des Kraft-Durch-Freude-Wagens gebaut werden. Auch heute fahren die Kunden aufgeregt nach Wolfsburg, um den neuen ID.3 selbst abzuholen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vereitelt diese irrsinnigen Pläne. Ab 1939 übernimmt Porsche als Wehrwirtschaftsführer die Entwicklung des Panzerjägers Ferdinand und des Panzerkampfwagens Maus und stellt seine technologische Kreativität in den Dienst der NS-Diktatur. Nach Ende des 2. Weltkriegs verbringen Ferdinand Porsche und sein Schwiegersohn Anton Piech zwei Jahre in französischen Gefängnissen, weil sie Direktoren der Firma Peugeot in Konzentrationslager und deren Produktionsmaschinen in das Volkswagenwerk deportiert haben. 1949 handelt Ferdinand Porsche mit dem Volkswagenwerk einen Vertrag aus, der ihm ein Prozent Provision auf jeden verkauften Käfer, eine monatliche Vergütung von DM 40000 sowie das Alleinverkaufsrecht für Volkswagen in Österreich zugesteht. Der Käfer wird millionenfach verkauft und zum wichtigsten Symbolprodukt des Wirtschaftswunders. Er macht Ferdinand Porsche zum Multimillionär und schafft die finanzielle Grundlage für die Serienproduktion eigener Fahrzeuge, die 1950 in Stuttgart-Zuffenhausen mit dem Porsche 356 beginnt. Die Autoindustrie ist längst eine der tragenden Säulen der deutschen Wirtschaft geworden. Seit dem Dieselskandal und der Verurteilung Winterkorns wegen bandenmäßigen Betruges ist der Lack ab. Schlimmer als die Panzerknacker-Bande aus den Mickey-Maus-Heften. Wilma Wildlife mag Minnie Maus nicht und hat kein eigenes Auto. Sie wählt grün, fährt Fahrrad und benutzt die öffentlichen Verkehrsmittel.

Michele Rech Zerocalcare

Der Comic-Zeichner Michele Rech, der sich den Künstlernamen zerocalcare gegeben hat, ist seit einem Jahr in Italien sehr bekannt geworden, nachdem die Fernsehsendung Propaganda Live seine Comics-Filme Rebibbia Quarantine einem breiteren Publikum zugänglich gemacht hatte. Zuvor hatte Rech allerdings jahrelang am Hungertuch genagt und seine Comics im Self-Publishing und für den Mailänder Verlag BAO Publishing veröffentlicht.Jetzt hat ihm sogar Netflix die heiligen Pforten geöffnet, wo gerade die sechsteilige Serie Strappando Lungo I Bordi zu sehen ist.

Der zweisprachige Rech (er hat eine französische Mutter) schreibt und zeichnet sogenannte graphic novels, was mir in der seit Jahrzehnten desolaten Wüste der heutigen Literatur eine unglaublich erfrischende und originelle neue Literaturgattung zu werden scheint, die das olle lateinische delectare + prodesse problemlos unter einen Hut bekommt. Selten in ein paar Minuten so viel gelacht und so viel nachgedacht. Man muss allerdings sowohl sehr gut Italienisch und auch den römischen Dialekt als auch die Topographie der Stadt Rom kennen, um die Episoden zu genießen. Obacht: Wer ein Fan der reinen aulischen italienischen Sprache ist, ist im falschen Film. Bei Rech geht’s grob und derb zur Sache.

Boboko (4)

4

Hans Haller trinkt und denkt zu viel. Seine Schweine grunzen nicht mehr. Wilma Wildlife forscht.

Hans Haller hat sich mit seiner ehemaligen Frau Wilma Wildlife in einem italienischen Restaurant im Wrangel-Kiez verabredet. I Golosi Ribelli. Seine Verflossene hat ihm gerade eine Whats-App-Nachricht geschickt, dass die achtundzwanzigjährige Tochter Nathalie nicht mit dabei ist. Sie ist zwei Wochen in Boston bei Tante Ann. Nathalie versucht, mit bisher wenig Erfolg, eine Karriere als Popsängerin aufs Gleis zu bringen. Künstlername Ata F. Ihr erstes Album Queen in the Mirror, letztes Jahr erschienen, verkauft sich schlecht. Mutti Wilma Wildlife, inzwischen mit einem Amerikaner verheiratet, der sich ziemlich erfolglos als Filmproduzent versucht, ist zu mager, hat trotzdem schlechte Cholesterinwerte, hohen Blutdruck und einen schrecklichen Kurzhaarschnitt. Man sieht, dass sie für Kleidung nicht viel Geld ausgibt. Die inneren Werte sind wichtig. Deutsche Intellektuelle sind so. Du kannst doch nicht Mitglied bei Amnesty International sein und 300 Euro für ein Paar Markenschuhe ausgeben. Pfui. Hans Haller hatte Wilma Wildlife Ende der achtziger Jahre kennengelernt, als sie noch Wilma Wolkehanekamp hieß, er in Triest lebte und für eine italienische Firma Kaffee nach Deutschland verkaufte. Wilma studierte damals in Hannover an der Leibniz-Universität Geschichte und promovierte über Zwangsarbeit im Wolfsburger Volkswagenwerk, wo sie Zugang zu den Firmenarchiven hatte. Wegen ihrer guten englischen und italienischen Sprachkenntnisse jobbte sie in den Semesterferien bei „Centro Italia“ (Italienische Feinkost, nur das Beste für den feinen Gaumen). So kamen sie zusammen, zuerst nur telefonisch und dann auch mit Leib und Seele. Wilma und Hans lebten dann einige Jahre im chaotischen Berlin der Wendezeit. Tochter Nathalie wurde Anfang der neunziger Jahre geboren. Hans fand einen schlecht bezahlten Job als „Schwarzer Scheriff“ (offiziell: Sicherungsaufsichtskraft) bei der Gesellschaft „Fucking New Berlin“ und überwachte zum Beispiel nach Friedhofsschließung den Alten St. Matthäus- und Zwölf-Apostel-Kirchhof, wo ständig Randalierer Grabsteine vollsprühten und umstürzten. Dann bekam Wilma eine Stelle als Lehrkraft für besondere Aufgaben am Historischen Seminar der Leibniz-Universität, wo eine Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Volkswagenwerks gebildet worden war. Wilma zog ohne Mann und Maus, aber mit zweijähriger Tochter nach Hildesheim, wo sie zuerst bei einer Freundin unterkam, aber dann endgültig in der todlangweiligen niedersächsischen Unesco-Welterben-Stadt hängenblieb. In den Nullerjahren gründete Hans Haller zusammen mit Rudi Rührei und Fetter Nebel eine Schweinemastfarm in Rüdersdorf. Es gab vom Land Brandenburg Kredite zum Nullzins mit langer Laufzeit und Subventionen für Existenzgründer. Nullen hatte Hans Haller immer gerngehabt. Das Geschäft mit der Schweinefarm ging einige Jahre gut, doch dann funkten ihnen die Billigfleischimporte aus China und ein gewandeltes Ernährungsbewusstsein in Deutschland dazwischen, das immer mehr eine vegetarische, fettarme oder exotische Küche bevorzugte. Rüdersdorf entpuppte sich als Fehlinvestition. Die drei Desperados saßen plötzlich auf 120000 Miesen fest. Die Bank drehte den Geldhahn zu. Aus irgendwelchen undurchsichtigen Geschäften aus der Vergangenheit oder vielleicht auch aus einer Erbschaft hatte Rudi Rührei Geld genug um die gemeinsamen Schulden zu bezahlen. Hans Haller hatte dann viele Jahre kaum Rührei gegessen und auch nichts mehr von ihm gehört.  Back to the present. „Vor ein paar Tagen hat er überraschend angerufen und gibt mir einen Monat Zeit um 40000 Euro aufzutreiben“. – „Von mir bekommst du jedenfalls nichts“.  Hans Haller bestellt sein drittes, dunkles Weizenbier. Wilma Wildlife trinkt Sprudelwasser. „Geh halt zur Bank“. – „Kennst du meine Schufa-Auskunft? Ich krieg noch nicht mal eine neue Mietwohnung, wenn ich kündige“. Der Kellner bringt einen kleinen Gurkensalat für ihn. Wilma Wildlife isst überhaupt nichts. Keine Lasagne. Kein Schokoladeneis. Sie zahlen getrennt. Salvo Spizzirri, der Pächter des gutgehenden Lokals im Wrangel-Kiez, liest gerade einen Schmierzettel durch, den ihm drei unbekannte Italiener in die Hand gedrückt haben. Damit der Santo Padrone sein Lokal auch weiterhin unversehrt lässt, soll er gefälligst, schleunigst und nach der Beichte bei einem katholischen Pfarrer in den Verein zur Unterstützung des Ortsheiligen eintreten. Mitgliedsbeitrag: 5000 Euro pro Quartal. Mannaggia! 

Boboko (3)

3

Neapel schlüpft aus dem Bilderbuch der Vorurteile. Boboko lässt sich kurz blicken. Der Leser erfährt, wie Betty und Netty auf der Piazza Garibaldi gekidnappt werden.

Es ist die typische süditalienische Gluthitze, als die zwei Lehrerinnen mit ihren Schülern in Neapel Capodichino ankommen. Als das Grüppchen hinten und vorne die Treppe des Low-Cost-Fliegers hinuntersteigt, haben alle das Gefühl, dass gerade eine Backofenluke geöffnet wird. Sie sind insgesamt 23, aus zwei verschiedenen Abiturklassen, inklusive der zwei Lehrerinnen. Sie fahren mit dem Bus Curreri vom Flughafen nach Meta di Sorrento, wo sie im Feriendorf Paradise Village eine günstige Unterkunft gefunden haben. In der Woche, die sie dort verbringen, machen sie den ganzen Mist, der seit Ewigkeiten und noch länger in den in den in Granit gemeißelten Reiseführern steht. In Pompei ist es zwischen den alten Steinen so heiß, dass einige Schüler Kreislaufprobleme bekommen und sie die Führung abbrechen müssen. Sie setzen sich dann alle in den Schatten in eine Cafeteria und trinken stilles, kaltes Mineralwasser. Das kostet nicht viel. Am Dienstag machen sie eine Rundreise auf einem Restaurantschiff, das von Castellammare di Stabia über Capri nach Amalfi vor und zurück tuckert. Vor der Insel Capri macht das Schiff kurz Halt. Man hat die Möglichkeit, im Meer zu schwimmen. Ein paar Schüler hüpfen in das kobaltblaue Wasser wie Außerirdische in ein ihnen unbekanntes Element. In Amalfi steigen sie die hohe Treppe zur Cattedrale di Sant’Andrea hoch und denken, dass es sich um eine Heilige, nicht um einen Heiligen handelt. Alle, die an den glauben, werden zumindest selig. Oder kommen zumindest ins Paradies. Das ist doch schon mal was. In Neapel gehen sie erst ins Museo Archeologico und dann einmal die Via Toledo rauf und runter bis zur Galleria Umberto. Beware of pickpockets. Sorrent ist folkloristisch und Touristennepp. In der Via San Cesareo gibt es jede Menge dumme Ami-Touris, Ledergürtel aus China und rote Hörnchen gegen den bösen Blick. Zeigefinger und kleinen Finger spreizen und nach unten richten. Die Neapolitaner glauben tatsächlich an den ganzen Scheiß. Das Abendessen im Feriendorf in Meta di Sorrento, als sie erschöpft von ihrem Tagesausflug zurückkommen, ist auch nur Mittelklasse. Jetzt sitzen sie nach einer Woche Ferien wieder im Bus Curreri, der sie auf der SS145 zum Flughafen nach Neapel bringen soll. Doch irgendetwas funktioniert nicht. Der Bus hat Probleme mit dem Motor. Jetzt steht der Fahrer sogar hinten und öffnet bei laufendem Motor die Motorhaube. Dann erklärt er, dass er sie leider nicht nach Capodichino bringen könne, erstattet ihnen den Fahrpreis zurück und bringt alle zum Bahnhof der Vesuviana nach Meta. Glücklicherweise haben sie kein Zeitproblem. Zwei Kioske im Familienbetrieb. Der unfreundliche Sohn drinnen im Bahnhofsgebäude. Die unfreundliche Mutter draußen in einem anderen Behelfskiosk auf der Straße. Macht nichts, man kann auch trotz unfreundlicher Leute weiterleben. Dann durch den langen Tunnel bis nach Vico Equense, in dem die Entlüftungsturbinen ein Geräusch machen, das fast so schlimm wie Sirenen bei Fliegeralarm ist. In Neapel kommen sie an der Piazza Garibaldi an, laufen die hässlichen blaugrauen Billigfliesen entlang, auf denen man bei Nässe so schön ausrutscht. Kennen die kein Akemi-Antirutsch-R9? Oben vor dem McDonalds an der Ecke stehen Zigeunerfamilien mit kleinen Kindern, die um Geld betteln. Braungebranntes Gesocks. Slum-Feeling. Alles ist abgeranzt und stinkt: das Ergebnis der langjährigen Neugestaltung des Hauptbahnhofgeländes. Vor dem ehemaligen Postamt liegen Penner auf dem schwarzen Gummiboden und trinken Tavernello aus Tetrapaks. Die Typen, die hier herumlungern, scheinen Komparsen für einen Gangsterfilm aus den siebziger Jahren. Die Klasse überquert im Wilde-Sau-Verfahren mit ihren Rollkoffern den belebten Corso Novara. Sie drängt sich in die enge Straße, die zum Ende des Platzes führt, wo das Hotel Cavour steht. Linkerhand ist die Haltestelle des Flughafenbusses, der inmitten des ständigen neapolitanischen Allzeit-Chaos den Corso Giuseppe Garibaldi nach Capodichino hochfährt. Hier in Neapel ist alles so, wie man es schon vorher weiß: Pralles Leben mit Dauernerveffekt, Provinz pur, alles super-hässlich und Asbach-uralt. Meine Pizza ist die beste in der ganzen Stadt. Meine Oma kocht die beste Tomatensoße. Die Leute lachen zu viel, am besten machst du einen weiten Bogen um sie. Neapel scheidet die Geister: entweder hasst man die Stadt oder man liebt sie. Der Ali-Bus zum Flughafen ist den feinen Pinkeln aus dem hohen Norden vor der Nase weggefahren. Die brave Betty und die naive Netty aus der 12B haben Hunger. Sie fragen ihre Lehrerinnen Frau Mommsen und Frau Saitensprung, ob sie sich schnell noch einen Döner Kebab holen können. „Okay, aber macht schnell. Der nächsten Bus kommt gleich.“ Die zwei Mädchen bugsieren sich gutgelaunt und kichernd in die Via Torino in Richtung Norden. Betty ist blond, lange Haare, T-Shirt, Büstenhalter, der nichts zu halten hat, Hotpants. Sie liebt japanische Mangas und Boybands aus Südkorea. Netty ist trotz ihres niedlichen Namens überhaupt nicht nett. Sie ist klein, schwarz, kurzhaarig, oft schlecht gelaunt.  Ihr Idol ist Sophia Thomalla. Im Musikgeschmack schwankt sie unentschlossen zwischen Justin Bieber und Shakira. Sie heißt eigentlich Annette Pölzin und hat eine unerträgliche Fistelstimme. Beim Imbiss El Quods geht es dann ganz schnell. Ein neuer weißer Audi A5 Sportback prescht aus einer Parklücke, reißt die rechte Hintertür auf. Boboko rast aus dem Imbiss, beginnt die völlig überraschten Mädchen nach vorne zu schubsen und drückt sie auf die Rücksitze des Audi. Er knallt die Hintertür zu, beschleunigt, der Wagen biegt mit quietschenden Reifen rechts ab in die Via Firenze, dann links in den Corso Novara und die Via Arenaccia Richtung Autobahn. Im Fernsehen haben wir das alles schon tausendmal gesehen.