Roma, polvere di stelle

Paolo Berdinis leider nur auf Italienisch lesbares Buch „Roma, polvere di stelle“ (2018) beschreibt akribisch genau die desolate Situation der öffentlichen Finanzen der Hauptstadt Italiens, die seit Jahrzehnten nicht mehr in der Lage ist, ihre Zukunft auf einem europäischen Niveau zu projektieren. Er war für einige Monate in der Stadtregierung der jetzigen Bürgermeisterin Virginia Raggi und dort für das öffentliche Bauwesen zuständig. Doch die Hoffnungen der mit vielen Erwartungen angetretenen Stadtregierung der „5 Stelle“ zerplatzten schnell und führten letztendlich nur (nach Paolo Berdinis Meinung) die jahrzehntealten korrupten Strukturen der Links- und Rechtsregierungen (von Walter Veltroni, Gianni Alemanno und Ignazio Marino) weiter.

Paolo Berdini: Roma, polvere di stelle.

Schopenhauer

Ein Schopenhauer-Fan wie ich liest Rüdiger Safranskis dicke Biografie über den genialen Philosophen natürlich mit viel Lust und Interesse bis zum Ende. Und natürlich ist das viel gelobte Werk mit viel Sachverstand und Handwerk geschrieben. Trotzdem bleibt es in mancherlei Hinsicht nicht überzeugend. Die vielen philosophischen Exkurse schwächeln und sind sicher nicht auf allerhöchstens pädagogischen Niveau. Auch die rekonstruierten Zeitumstände, Gemütszustände und Gedankenverfassungen an den verschieden biographischen Stationen Schopenhauers verlieren sich allzu oft (wohl auch wegen des Fehlens historischer Quellen) im Niemandsland kühner Spekulationen.

Rüdiger Safranski: Schopenhauer (und die wilden Jahre der Philosophie)

Gimme Some Truth

Nicht, dass sich seit John Lennons Zeiten irgend etwas geändert hätte …

I’m sick and tired of hearing things
From uptight, short-sighted, narrow-minded hypocritics
All I want is the truth
Just gimme some truth
Ive had enough of reading things
By neurotic, psychotic, pig-headed politicians
All I want is the truth
Just gimme some truth

No short-haired, yellow-bellied, son of tricky dicky
Is gonna mother hubbard soft soap me
With just a pocketful of hope
Money for dope
Money for rope

No short-haired, yellow-bellied, son of tricky dicky
Is gonna mother hubbard soft soap me
With just a pocketful of soap
Money for dope
Money for rope

I’m sick to death of seeing things
From tight-lipped, condescending, mamas little chauvinists
All I want is the truth
Just gimme some truth now

I’ve had enough of watching scenes
Of schizophrenic, ego-centric, paranoiac, prima-donnas
All I want is the truth now
Just gimme some truth

No short-haired, yellow-bellied, son of tricky dicky
Is gonna mother hubbard soft soap me
With just a pocketful of soap
Its money for dope
Money for rope

Ah, I’m sick and tired of hearing things
From uptight, short-sighted, narrow-minded hypocrites
All I want is the truth now
Just gimme some truth now

Ive had enough of reading things
By neurotic, psychotic, pig-headed politicians
All I want is the truth now
Just gimme some truth now

All I want is the truth now
Just gimme some truth now
All I want is the truth
Just gimme some truth
All I want is the truth
Just gimme some truth

 

 

Byung-Chul Han: Die Austreibung des Anderen

„Die Austreibung des Anderen“ ist das dritte Buch des in Berlin lebenden Erfolgsautors Byung-Chul Han, das ich gelesen habe, und es ist von den dreien das schwächste, dünnste und mit 20 Euro auch ziemlich unverschämt teuerste Buch des Autors. Solche qualitativen Einbrüche sind bei einem Vielschreiber wie Han vermutlich unvermeidlich und ändern nichts an meinem grundsätzlich positiven Urteil, dass er der interessanteste neue Philosoph ist, den ich kenne. In den zwölf Kapiteln des Buchs, von denen nur die ersten drei wirklich interessant sind, führt Han seine vernichtende Kritik der digitalen Revolution, der Globalisierung und des Neoliberalismus weiter. In der „Hölle des Gleichen“ wächst kein Gras mehr. Eine unkontrollierbare Sucht nach Smartphones und Selfies produziert wild wuchernden Narzissmus, immer mehr Trash-Kultur und nur scheinbare Authentizität. In Wirklichkeit sind wir so einzigartig wie die Ratten in den Versuchslabors oder die Hamster in den Käfigen der Kinderzimmer. Ein Exzess an Kommunikation, Information, Produktion und Konsum macht uns alle krank. Interessant ist auch Hans Gedanke, dass die Gewalt der Globalisierung als Gegenströmungen einen neuen Nationalismus, neue faschistoide Rechtsparteien und grundsätzlich Terrorismus als Gegenreaktionen erzeugt.

Natürlich halten manche Han für einen Populärphilosophen und Scharlatan, etwa hier. Das ist bei so viel Erfolg und Kreativität auch unvermeidlich.

 

Retrotopia

Zygmunt Baumans letztes Buch vor seinem Tod im hohen Alter von 91 Jahren analysiert sehr treffend ein Kulturphänomen, das unsere Gesellschaft seit Jahren charakterisiert. Wir sind nicht mehr in der Lage, nach vorne zu blicken und Zukunftsmodelle zu entwerfen, sondern orientieren uns nur noch nach hinten in die Vergangenheit. „Retro“ und „Utopia“ als neues Wort zusammengeschrieben ist eigentlich ein Widerspruch, aber kennzeichnet immer stärker unser Verhalten. Das geht weit über die klassische Nostalgie, für die früher immer alles besser war, hinaus und scheint wohl ein Nebenprodukt der sich noch im Anfangsstadium befindlichen digitalen Revolution zu sein, deren Einschätzung uns allen so große Kopfschmerzen bereitet. Das Buch ist (neben einem Vor- und Nachwort) ein bisschen willkürlich in vier Teile gegliedert, in denen Bauman versucht, seine Visionen der heutigen Gesellschaft zu beschreiben. Der erste Teil „Zurück zu Hobbes?“ provoziert mit der These, dass uns ein Sturz in die dunklen Zeiten vor Thomas Hobbes droht. Dieser hatte ja bekanntlich in seinem „Leviathan“ (1651) die Gründung von Staaten und Gesellschaftsverträgen damit verteidigt, dass der Mensch nur so seinen Naturzustand des Krieges aller gegen alle überwinden kann. Hier nimmt Bauman seine berühmte These der „flüssigen Gesellschaft“ wieder auf, nach welcher staatlichen Ordnungen immer labiler und schwächer werden. Der zweite Teil spricht von den neuen Strömungen des Nationalismus und Populismus („Zurück ans Stammesfeuer“), gegen die momentan kein Kraut gewachsen zu sein scheint. Im dritten Teil wird der Illusion der Gleichheit eine Abfuhr erteilt („Zurück zur sozialen Ungleichheit“), denn in unseren Gesellschaften werden die Reichen immer reicher und weniger, die Armen immer mehr und ärmer. Auch der vierte Teil des Buchs („Zurück in den Mutterleib“) knüpft an Bekanntes an. Für Bauman gibt es keine Solidarität in der Gesellschaft mehr, sondern immer mehr egoistische Einzelkämpfer, die nur noch Konsum und Selbstoptimierung an ihre Pinwand geschrieben haben.

In einem Schreibstil, der für meinen Geschmack ein bisschen zu populärwissenschaftlich und aphoristisch ist, verliert der Leser allerdings oft den roten Faden der Gedankenführung und muss sich mit einer Unmenge zitierter Bonmots über die Seiten und Zeiten retten wie diesem hier von Tim Jackson (auf Seite 150): It’s a story about us, people, being persuaded to spend money we don’t have on things we don’t need to create impressions that won’t last on people we don’t care about. (https://www.ted.com/talks/tim_jackson_s_economic_reality_check/transcript. Stand Januar 2018)

Zygmunt Bauman – Retrotopia

Nocheinmal zum Thema Pseudo-Verlage

Ich muss jetzt doch noch einmal auf das Thema Pseudo-Verlage (Druckkostenzuschussverlage) zurückkommen und ein bisschen Dampf ablassen. Ich hatte bisher ja sehr schlecht über den Südwestbuch-Verlag gesprochen, der aber zumindest ein gewisses menschliches Gesicht gezeigt hat und in manchen Zeiten auch bis an seine Grenzen gegangen ist.  Beim Berliner Westkreuz-Verlag war alles noch schlimmer, weil er nur die Notsituation eines No-Name-Schriftstellers ausgenutzt hat, der nach dem Streit mit dem Südwestbuch-Verlag keinen Verleger mehr hatte, um seinen Roman zu veröffentlichen.  In Zeiten von Self-Publishing und Print-On-Demand hätte ich Hornochse auch sofort an einen dieser Anbieter denken können. Es gab nun wirklich keine Notwendigkeit, den ersten Roman eines unbekannten Autors in einer Auflage von 500 Stück zu drucken, wenn nicht die, seine eigenen Druckmaschinen kostengünstig auslasten zu können und den armen, blöden Autor um € 4000 zu erleichtern.  Ich will ja gar nicht in Abrede stellen, dass solche „Dienstleister“ für ihren Service (Korrektorat, Covererstellung, Satz, Verlagslogistik) Geld verlangen dürfen, aber, wenn man bedenkt, dass das Buch schon vorlektoriert worden war, wäre eine Auflage von 50 Stück und Kosten von vielleicht € 1000 viel realistischer und fairer gewesen. Aber um Fairness geht es den Pseudo-Verlagen ja nicht. Sie wollen an der Eitelkeit der Jungspundautoren kräftig verdienen und lassen sich alles als Vorkasse bezahlen.  Wenn man dann auf seiner Auflage sitzen bleibt, hat nicht der Verlag, sondern der Autor den Schwarzen Peter. Beim ersten Buch, das ich beim Westkreuz-Verlag teuer verlegte, gab es immerhin noch einen Vertrag, der mir die Rechte am Buch beließ.  In der Folge wurde das Verhältnis zum Westkreuz-Verlag immer frostiger, sicher auch deswegen, weil die bisherige Ansprechpartnerin aus dem Verlagsleben ausgeschieden war und der neue Chef einen arroganteren Umgangston pflegte. Beim zweiten Buch hatte er das Interesse an mit als Autor schon gänzlich verloren und fand noch nicht mal die Zeit, um beide Seiten einen schriftlichen Vertrag dafür unterschreiben zu lassen. Die Kosten hatten sich jetzt halbiert (ich war jetzt mit immer noch mehr als € 2000 Euro im kenternden Boot), aber auch diesmal verdiente nur der Westkreuz-Verlag an dem Geschäft. Ich war wieder einmal der Gelackmeierte. Auf meinen Wunsch, ein drittes Lyrik-Buch diesmal kostenlos zu verlegen, hat es der Besitzer noch nicht für nötig befunden, zu reagieren. Auf E-Mails nach Freiexemplaren antwortet nicht mehr der Chef selbst, sondern seine Sekretärin.  Und da soll man vor Zorn nicht fauchen und züngeln!

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Leonard Cohen: Die Ohnmacht der Worte

Ende 2012 veröffentlichte der Südwestbuch-Verlag mein Sachbuch über Leonard Cohen, das allerdings dann schon einige Monate später aufgrund der Androhung einer Unterlassungsklage von Seiten einiger meiner Familienangehörigen, die sich in Teilen meines Buchs in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt sahen, wieder vom Markt genommen werden musste. Da die rechtliche Auseinandersetzung nicht mich selbst, sondern den Verlag selbst betraf (und indirekt vielleicht noch die externe Lektorin, die mit dem Buch leider überfordert war und versagt hat) , wurde ich bis zum heutigen Tag nie detailliert über den Stand der Dinge informiert. Ich weiß bis heute nicht, ob der Streit inzwischen beigelegt worden ist (wovon ich ausgehe), ob alles mit einer gütlichen Einigung und Zahlung eines Schmerzensgeldes endete oder ob es doch zu einem Prozess (1. oder 2. Instanz?) kam. Auch bin ich mir angesichts der vielen verschiedenen Firmenbezeichnungen des Verlags überhaupt nicht sicher, ob  der ursprüngliche Südwestbuch-Verlag, mit dem ich die Verlagsverträge unterzeichnete, in seiner damaligen Firmierung heute noch existiert. Was ich sicher weiß ist lediglich, dass ich im Jahre 2014 unaufgefordert einen Kostenbeitrag in Höhe von € 2000 an den Südwestbuch-Verlag geleistet habe, weil ich mich, wenn nicht streng juristisch, so doch ethisch und moralisch für die entstandene unglückliche Situation mitverantwortlich fühlte. Heute würde ich eine solche Geldzahlung allerdings nicht mehr leisten, weil sie letztendlich nichts Positives bewirkt hat. Nachher ist man ja bekanntlich immer klüger. Das Buch „Leonard Cohen: die Ohnmacht der Worte“ ist seit Anfang 2013 (immerhin fast 5 Jahre!) vom Markt verschwunden und ich habe vom Verlag nie eine Aufforderung dazu bekommen, das Manuskript umzuschreiben und von den brisanten Stellen zu befreien, um eine Neuauflage möglich zu machen. Eine solche Aufforderung wird mich auch die nächsten Jahre und Jahrzehnte nicht erreichen, weil mir der Verlag nämlich ein Honorar für die Revision zugestehen müsste, das er sich hüten wird mir anzubieten. Das Umschreiben eines Buchs bedeutet nämlich viel Arbeit. Auweia! Wir sind auf Sendung in Ede Zimmermanns „Aktenzeichen X Y  … ungelöst“ oder, noch schlimmer, in einer anderen seiner Sendungen gelandet, deren Namen zu nennen, Verleumdungsklagen befürchten ließe.

Mein Buch hängt  somit in alle Ewigkeit in einer negativen Schwebe: Es ist in seinem gegenwärtigen Zustand unveröffentlichbar, aber keiner will oder kann es ohne fehlende Autorisierungen des Verlags und Autors umschreiben. Und dann ist auch noch das Problem der Verlagsrechte. Verträge mit Pseudoverlagen (zu denen der Südwestbuch-Verlag laut „Wikipedia“ zu zählen ist)  sind zwar das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind, aber man muss als Autor verdammt aufpassen, dass einem nicht eine Horde von Rechtsanwälten auf den Hals gehetzt wird. In § 8 des Verlagsvertrags steht in Absatz 3 zwar, dass die Rechte auf den Autor zurückgehen und der Vertrag als aufgelöst gilt, wenn die letzte Auflage seit mehr als drei Monaten vergriffen ist, aber da liest man noch zusätzlich das ominöse Anhängsel „auch nach Aufforderung des Autors“. Heißt das, dass der Autor den Verlag auffordern muss? Und wenn ja, warum sollte ich einen Verlag zur Neuauflage auffordern, wenn ich schon vorher weiß, dass ich nie einen Cent für die Neuauflage überwiesen bekommen werde?  Man ist also schnell in einem Labyrinth von Widersprüchen. Überhaupt habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich die Pseudo-Verlage mit ihren Rechten gern gewaltig aufplustern und schnell auch in angstmachende Drohgebärden verfallen, dass es aber, andererseits, mit der Erfüllung ihrer Pflichten sehr mau aussieht. Einige Beispiele? Ich habe (bis auf ein einziges Mal ganz zu Beginn im Jahre 2012) nie die im Vertrag erwähnte halbjährliche Abrechnung zu den verkauften Büchern bekommen, wie wenige das auch immer gewesen sein mögen. Mein Roman „Keiner sagt was“ sollte ursprünglich beim Südwestbuch-Verlag veröffentlicht werden. Dazu wurde ein regulärer Verlagsvertrag unterzeichnet. Natürlich hat der Südwest-Buch dann nie die Kosten (oder wenigstens einen Teil davon) übernommen, die mir bei der Neuverlegung des Buchs durch den Westkreuz-Verlag entstanden sind, nachdem der Südwestbuch-Verlag sich geweigert hatte, den Roman zu veröffentlichen, weil er neue Persönlichkeitsrechtsverletzungen befürchtete. Was tun also? Am besten ist es vermutlich, sich die Nase zuzuhalten, das Cohen- Buch (natürlich gratis) gründlich umzuschreiben, durch ein paar neue Lieder zu ergänzen, die Leonard Cohen seit 2012 geschrieben hat und das neue Manuskript mit einem neuen Titel bei Epubli zu veröffentlichen. Ich glaube zwar nicht an große Verkaufszahlen, aber zumindest weiß ich zu jedem Zeitpunkt, was passiert, Das ist immer noch besser als das Buch bis zum Sankt Nimmerleinstag seinen Dornröschenschlummer weiter schlafen zu lassen. Es hat in Anbetracht der heutigen Situation keinen Sinn, dieses neue Manuskript dem ursprünglichen Verlag zur Veröffentlichung anzubieten, wenn das Vertrauensverhältnis so grundlegend zerstört ist.

Hoffen wir auf beiden Seiten auf das Walten des gesunden Menschenverstandes.

 

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Tom Cuson

Es ist inzwischen mehr als 30 Jahre her, als ich Mitte der achtziger Jahre im damaligen West-Berlin den 2007 leider viel zu früh verstorbenen Tom Cuson kennen lernte. Ich studierte damals Nordamerikanistik, aber mein Englisch war nicht gut genug für das anspruchsvolle Advanced Writing des Hauptstudiums. Deswegen mussten Nachhilfestunden mit Tom her, der sich als freischaffender Künstler mit disparaten Jobs über Wasser hielt, vor allem mit seinen Capoeira-Kursen (ein brasilianischer Kampfsport) und Tipp-Arbeiten auf damals noch ziemlich unbekannten   Wordprocessing-Programmen. Der Berliner „Tagesspiegel“ pappte ihm in einem Interview aus dem Jahre 2003 das Etikett eines Journalisten und Wissenschaftlers auf. Na ja. Zutreffender waren da wohl die Berufsbezeichnungen Lyriker, Musiker und Fotograf, die im Nachruf Jesse Hamlins vom 13. September 2007 zu lesen sind. Die biographischen Notizen dort sind spärlich. Geboren in Dayton in Florida, veröffentlichte Tom Cuson seit den Sechzigern seine Gedichte in heute legendären Zeitschriften und Anthologien („New York Quarterly“, „City Lights Anthology“). Eine 1974 veröffentlichter Lyriksammlung „The Vision oft he Burning Gate“ blieb wohl sein einziges eigenständiges Buch. In diesen Jahren veranstaltete er in San Fancisco auch Lyriklesungen in der „Coffee Gallery“, leitete das „Intersection for the Arts‘ literary program“ und war in Kontakt mit vielen wichtigen damaligen Schriftstellern Nordamerikas der Counter-Culture. Während meiner Englischstunden erzählte er mir auch von Sam Shepard, den er persönlich kennengelernt hatte. Ich begann etliche von Shepards Theaterstücken zu lesen, ließ mich von seinem Cowboy-Schreibstil beeindrucken und versuchte mich unverschämt dilettantisch an zwei eigenen Theaterstücken, die sowohl inhaltlich als auch stilistisch stark an Shepards Thematiken und Duktus erinnern. Im Jahre 2012 habe ich dann diese schreibmaschinengeschriebenen Manuskripte in Word-Dateien eingetippt, aber außer Rechtschreibfehlerkorrekturen nur behutsam Veränderungen und Aktualisierungen vorgenommen. Ganz klar: Die Texte hatten offensichtliche Schwächen, ihre kulturellen Bezüge waren inzwischen oft veraltet, aber allzu heftige Eingriffe hätten nur ihre Authentizität zerstört. Weitere fünf Jahre waren ins Land gegangen, als ich beschloss, diese zwei Stücke in einem kleinen Buch zu veröffentlichen. Aber hatte es überhaupt Sinn, zum Manuskriptgrabräuber zu werden und zu glauben, dass diese Texte für ein heutiges Publikum von Interesse sein könnten? Unabhängig von ihrem schwankenden Niveau war es doch reichlich surreal, pathetisch und wahrscheinlich auch hundsgemein, meine ödipalen Konflikte in eine wie auch immer große deutschsprachige Öffentlichkeit hinauszuplaudern. Im Vergleich zur Mitte der achtziger Jahre hatte sich in Deutschland und anderswo so ziemlich alles verändert. Auch meine ureigenen privaten und intimen Befindlichkeiten hatten sich radikal gewandelt. Meine Eltern waren beide inzwischen verstorben. De mortuis nil nisi bene. Das Verhältnis gerade zu meinem Vater hatte sich schon vor der Jahrtausendwende erheblich verbessert und besaß kaum mehr etwas von dem Generationenkrieg, den ich in den zwei Stücken anzettle. Doch alle diese durchaus berechtigten Einsprüche gegen eine Veröffentlichung änderten nichts daran, dass ich Betonkopf weiterhin davon überzeugt blieb, dass die von mir hier losgelassenen Todestriebe (um den Begriff Sigmund Freuds zu bemühen), die sich damals sowohl gegen mich selbst als auch gegen meine Eltern und die ganze Gesellschaft richteten, die Büchse der Pandora öffneten und den fauchenden Esso-Tiger in den Tank stopften, der mich aus meiner bayrischen Geburtsstadt wegscheuchte, zuerst nach oben zu den verachteten Preißn und später, nach einem U-Turn und weit nach unten, in ein unmögliches Südeuropa. Das war Rebellion pur gegen meine Herkunft. Eine solche Opposition, die sich aus den Quellen einer verschwindenden Späthippiekultur und einer damals in Westdeutschland noch recht umtriebigen Punkszene speiste, betraf aber nicht nur meine eigene kleine Person. Dann hätte ich auch den Deckel drauflassen können. Doch ein Großteil der damals von West-Deutschland nach West-Berlin verirrten, zwischen 1950 und 1965 geborenen Existenzen hatten, vermute ich, ähnliche Gefühlsgemengelagen und Weltansichten wie ich selbst. Das waren, so fand ich, wenn schon nicht gute, so zumindest hinreichende Gründe für den Schritt aus dem stillen Kämmerlein. Warum sollte ich mich über mein damaliges Seelenkorsett schämen (vor allem eine ziemlich lächerliche Macho- und Cowboy-Attitüde, die eigentlich nur meine Isolation und Traurigkeit verbarg), wie immer eng und abstrus es damals daherkam? Im günstigsten Fall waren meine zwei Stücke nicht nur private Fingerübungen, sondern auch authentische Zeitdokumente, in denen die Stimmungslage eines rebellischen West-Berlins in den Jahren kurz vor dem Mauerfall zur Sprache kam.