Hesse (Sein Leben in Bildern und Texten)

Hermann Hesse war der erste Schriftsteller, den ich 1977 bewusst gelesen habe, damals mit 17, in meinem Mansardenzimmer in Ingolstadt. Mit 17 hat man bekanntlich noch Träume. Und die erste Liebe vergisst man nie. Auch jetzt noch, nach 45 Jahren, fühle ich mich Hermann Hesses Gedankenwelt sehr nah, wenn ich mir die Bildbiografie aus dem Jahre 1979 durchlese, die von Volker Michels herausgegeben wurde. Wieviel ich damals von Hesse verstanden und wie wenig ich seit Jahrzehnten von ihm gelesen habe, scheint bei solchen Gefühlslagen unerheblich zu sein. Die damaligen wilden Lektüren des „Demian“, „Siddharta“ und „Steppenwolf“ waren für mich tiefe Einblicke in meine eigene kleine Seele. Seitdem konnte ich kein Musterschüler mehr sein, der für eine Frühform des K12 prädestiniert war, oder Arzt, Sportlehrer oder Informatiker werden, wie es mein Vater sicher gern gesehen hätte. Leonard Cohen hat einmal gesagt, dass ihm Garcia Lorca sein Leben ruiniert habe. Ähnliches gilt wohl auch für mich und Hermann Hesse. Allein Hesse Lieblingsautoren wurden von mir 1:1 abgekupfert und übernommen: Kafka, Robert Walser, Dostojewski, Musil, Rilke, Hölderlin, Novalis, um nur ein paar Namen zu nennen. Hermann Hesse war für mich ein paar Jahre lang ein geistiger und spiritueller Guru, mehr noch als später die nordamerikanischen Rockmusiker.

Abgesehen von solchen biographischen Anekdoten, ist die Wichtigkeit Hesses unumstritten. Heute ist er ja ein bisschen in Vergessenheit geraten. Das wird sicherlich nicht nur Zufall sein. „Tapferkeit, Eigensinn und Geduld“ hat er einmal in einem Brief als Waffen gegen die Infamitäten des Lebens anempfohlen. Ich befürchte, dass die heutigen Generationen von solchen Eigenschaften wenig halten und haben.  Beliebt war Hermann Hesse in den Hippie- und Nach-Hippie-Zeiten, in den 60ern, 70ern und auch noch 80ern. Damals erreichte er Millionen von Lesern mit seinem Nonkonformismus, mit seinem Glauben an die Selbstverwirklichung, mit seinem Individualismus, mit seinem Wunsch der Veränderung der Gesellschaft durch die Erneuerung jedes Einzelnen.  Heute haben wir Mühe mit solchen hochgesteckten Idealen. Hermann Hesse stellt einen der zwei großen und fundamentalen Pole der modernen (deutschen) Literatur dar: Introspektion, Psychoanalyse, Spiritualität. Der andere Pol ist Bert Brecht: keine Kontemplation, sondern politische Aktion, Wirkung nach außen auf die Massen, die ein Klassenbewusstsein entwickeln und die Revolution verwirklichen.

Was beim Lesen von Michels Biographie immer wieder auffällt, ist die seltsame, eigentlich völlig unvereinbare Mischung aus Hesses extremer Misanthropie und seiner Neigung zur Philanthropie. Wie um Himmels willen soll das alles zusammenpassen? Der Einsiedler, Außenseiter, Einzelgänger, Eigenbrötler, spirituelle Anachoret im „Siddharta“ und später der „dirty old man“ à la Bukowski (anti litteram) im „Steppenwolf“. Einerseits Hesses offensichtliche persönliche Probleme, die Reise nach innen und die psychische Evolution im „Demian“, die als Ursache oder Konsequenz zur Einweisung in die Psychiatrie und zur Scheidung von seiner ersten Frau sowie zur Fremdadoption seiner drei Söhne führte, dann Hesse enorme Bekanntheit spätestens seit „Siddharta“ in der Weimarer Republik, seine auch biographisch überzeugende Annäherung westlicher und östlicher Spiritualität, seine immer stärker gewünschte Rolle als „Beichtvater der Nation“, die Kraft und Energie, mit 50 Jahren mit dem „Steppenwolf“ noch einmal alles über den Haufen zu werfen und zum Teufel zu schicken, indem er einen letzten Tango in Zürich inszenierte, inmitten von Drogen, Musik, Charleston und Frauen. „Sex and drugs and rock and roll“ war 30 Jahre später genau dasselbe, das haben die Blumenkinder sehr genau gespürt.  Timothy Leary empfahl vor den LSD-Trips die Lektüre von Hesses „Siddharta“ und „Steppenwolf“ und war felsenfest davon überzeugt, dass Hesse in seinen Büchern eine durch Drogen hervorgerufene Selbstauflösung beschreibe. Hesse wäre damit vermutlich nicht einverstanden gewesen, aber manchmal zählt die Wirkung mehr als die ursprüngliche Absicht. Das alles einerseits.

Andererseits haben Hesse in seinen letzten 30 Lebensjahren, als er eigentlich gar nichts Neues mehr veröffentlicht hat, unglaublich viele Leute in seiner schmucken Villa im Tessin besucht und brieflich kontaktiert. Regelrechte Besucherströme von bekannten Schriftstellern, Musikern, Malern wollten das Gespräch in Montagnola, für viele Nazi-Verfolgte (auch Bert Brecht) war der Schweizer Staatsbürger erster Anlaufpunkt bei der späteren Emigration. Es soll 30.000 beantwortete Briefe und 3.000 Bücherrezensionen von Hermann Hesse geben. Hesse half mit unglaublichem Altruismus jahrzehntelang mit Rat und Tat, lebte ein volles Leben in ständigem Geben und Nehmen, war gleichzeitig passiver Nutznießer und selbst aktiver Mäzen, vermittelte Arbeit, schrieb Empfehlungen. Ein Philanthrop und Gärtner bei der Arbeit. Die Villa im Tessin, in der Hesse seit Anfang der 30er Jahre wohnte, wurde ihm von dem Schweizer Industriellen Bodmer gebaut. Hesse selbst legte Wert darauf, dass die Grabstelle in San Abbondio der einzige Grundbesitz in seinem Leben blieb. Hesse Buchrezensionen beeinflussten in entscheidender Weise das Kulturleben Deutschlands während der Nazizeit und den ersten Jahren der neuen Bonner Bundesrepublik.

Auf Hermann Hesse kann Deutschland wirklich stolz sein.

BoBoKo (10)

Hans Haller sieht nach langer Zeit Neapel wieder und stirbt trotzdem nicht. Außer einer dilettantischen Flugblattaktion fällt ihm nichts Besseres ein, um auf die Spuren der beiden Mädchen zu kommen.  Pasquale Napolitano taucht aus dem Gully auf und versucht, ihn abzulinken. Am Ende kehrt Hans Haller ohne Ergebnis nach Berlin zurück.

Als Hans Haller für die Kaffeefirma in Triest arbeitete, war er öfter in Neapel, weil er bei Produktionsengpässen die Röstanlage einer Firma in Melito benutzte. Bekanntlich ist Neapel ja ein Paradies für Kaffeetrinker. Caffè lungo, caffè doppio, tazza fredda, tazza calda. Da lacht die Kaffeebohne. Lang ist´s her und bekanntlich gibt es nichts, was uns mehr betrügt als unsere Erinnerungen. Er kommt am Abend in Capodichino an und stellt fest, dass sich in der Stadt wenig geändert hat: Lärm, Chaos, Schmutz. Auf der Piazza Garibaldi, den man ihm als Entführungsort angegeben hatte, verkaufen die Hehler jetzt keine Zigaretten und Uhren mehr, sondern Smartphones und Tablets. Hans Haller sucht sich ein Hotel direkt am Bahnhof und konzentriert sich auf den morgigen Tag. Er will früh am Morgen als erstes bei der Polizei nachfragen, ob irgendwelche Neuheiten vorliegen. Davon erwartet er sich allerdings nicht viel, auch deshalb nicht, weil die Kompetenzen zwischen den drei Polizeiorganen Polizia di Stato, Carabinieri und Vigili unklar verteilt sind und so Durcheinander und Hilflosigkeit noch eine Entschuldigung mehr haben. Er hat Flugblätter auf Italienisch mit den Farbfotos der beiden Mädchen, von denen er sich mehr erwartet als von den offiziellen italienischen Ermittlungen. Als Kontaktadresse hat er seine Handynummer und E-Mailadresse angegeben. Die Höhe der darin erwähnten „Belohnung“ hat er bewusst offengelassen. Diese Flugblätter will Haller morgen Vormittag überall in den Geschäften, Bars, Imbissen auf der Piazza Garibaldi verteilen in der Hoffnung, dass sich jemand melden wird. Jetzt sitzt er in der Hotelrezeption und blättert in den deutschsprachigen Zeitungen, die im Foyer ausliegen. In einem Artikel über die süditalienische Metropole des ihm unbekannten Corriere Il Cretino Albino liest er von Neapels Polizeisirenen, Abfallbergen und Hupkonzerten. Viele Jugendliche haben hier nichts zu tun, lachen und reden zu viel und tanzen auf dem schwirrenden Seil zwischen Kriminalität und Armut. Im Fanshop vom SSC Neapel darf man keine Bücher lesen, keinen Kaugummi kauen, keine Fotos machen und keine falschen Fragen zur Camorra stellen. Die hat es in Neapel immer gegeben und wird es immer geben wie Pizza, den SSC Neapel und Weihnachtskrippen. Meint jedenfalls der Corriere Il Cretino Albino. Fußball ist Leidenschaft und Tränen. Wenn du ein Foto von mir machen willst, kostet das zehn Euro. Handeln ist erlaubt und am Ende begnüge ich mich auch mit fünf. Hier in Neapel ist alles ein bisschen ungefähr und zirka. Wir haben ein Riesenherz und fast immer mufflige Laune. Hans Haller liest auch, dass Neapel am Abend und in der Nacht besonders gefährlich und ein rechtsfreies Niemandsland für kriminelle Banden sei, beschließt aber trotzdem, in ein nahegelegenes Restaurant zu gehen, wo er keine Pizza, sondern eine norditalienische Lasagne und den unverschämt teuren und schlechten vino della casa bestellt. Dann geht er früh schlafen. Er ist ja schließlich nicht zum Urlaubmachen, sondern aus beruflichen Gründen in der Stadt, von der ihm der erste Teil des bekannten Sprichworts über sie mehr als genügt. Vedi Napoli e poi muori. Alles muss sich ändern, damit sich nichts ändert. Wer war das noch? Am nächsten Morgen ist er früh auf den Beinen. Nach dem Besuch bei Polizei auf dem Hauptbahnhofsgelände, wo seine negativen Vorahnungen Bestätigung finden und ihm ein mürrischer Mit-Fünfziger in speckiger Uniform zu bedenken gibt, dass die Mädchen ja volljährig seien und vielleicht nur beschlossen hätten, ihren Urlaub zu verlängern, geht Haller systematisch von Bar zu Bar, von Laden zu Laden, von Werkstatt zu Werkstatt und drückt den Verkäufern, Handwerkern und Tagedieben sein Flugblatt in die Hand.  Am Nachmittag ruft ihn jemand in einem stark dialektal eingefärbten Italienisch an, das Haller nur mit großer Mühe versteht. Er hofft, nicht alles falsch verstanden zu haben und erscheint pünktlich am vereinbarten Treffpunkt vor dem Gebäude des größten italienischen Elektrizitätsversorgers auf dem Gelände des Centro Direzionale. Der Mann kommt tatsächlich, Mitte dreißig, dunkler Typ und ungepflegt, er macht einen schlechten, schmierigen Eindruck. Er heißt Gennaro Russo und behauptet, zu wissen, wo die zwei Mädchen seien. Um mehr zu sagen, will er erst einmal 2000 Euro. So dumm, irgendeinem wildfremden Ganoven 4 rosa Lappen rüberzuschieben, ist selbst Hans Haller noch nicht. Er vereinbart einen Scheintermin für morgen Nachmittag um drei am gleichen Ort, angeblich, weil er so lange benötigt, um das Bargeld zu organisieren. Ciaone. Der dritte Tag Hallers in Neapel verläuft ereignis- und ergebnislos. Er verteilt am Vormittag noch einige Flugblätter, diesmal südlich von der Piazza Garibaldi bis zur Via Giuseppe Pica. Am Nachmittag fährt er aus Langeweile mit der Circumflegrea von Montesanto nach Cuma und besucht dort die Orakelhöhle der Sibilla. Ich finde sie. Ich finde sie nicht. Am nächsten Morgen fliegt Hans Haller nach Berlin zurück. Außer Spesen wenig gewesen. Am Nachmittag berichtet er in einer längeren E-Mail Anna Mommsen über seinen Aufenthalt in Neapel und seine bisher vergeblichen Versuche, Kontakt mit Betty und Netty aufzunehmen.

BoBoKo (9)

Maria Mommsen ist zurück in Berlin und sieht im Tip eine Anzeige von Hans Hallers Detektivbüro. Sie fährt mit dem Fahrrad den Flaschenhalspark und Park am Gleisdreieck bis zum Landwehrkanal hoch und dann das Ufer entlang durch das Sommerbad Kreuzberg bis zur Gitschiner Straße. Sie trifft Hans Haller in seinem Büro. Wir Leser wissen auf einmal mehr als alle Romanfiguren.

Unsere verwelkte Halbkubanerin Maria Mommsen hat ein paar stressige Tage und schlaflose Nächte hinter sich. Alda Drache, die Schuldirektorin, bestellt Mommsen und Saitensprung natürlich am Tag nach ihrer Ankunft in Berlin gleich um Punkt acht morgens in ihr Büro. Bericht erstatten über die unerhörten Vorfälle. Nur dass beide im Laufe des Gesprächs kein Stück weiterkommen und nur resigniert feststellen, dass sie nicht nur keinen blassen Schimmer haben, wo die beiden Mädchen sind. Ganz nebenbei bemerkt, weiß auch keine Sau, wie es ihnen geht und ob sie überhaupt noch leben. Die beiden Lehrerinnen wissen noch nicht einmal, wie man sich in einer solchen Situation überhaupt verhält. Sie entschließen sich dann nach zirka einer halben Stunde die Familien Pickel und Bernstein anzurufen und sie für ein klärendes Gespräch in die Schule kommen zu lassen. Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Frau Pickel arbeitet als Sekretärin bei einer Firma in Spandau und bekommt heute nicht frei. Herr Pickel ist nicht in Deutschland, sondern im weit entfernten China. Frau Pickel erzählt am Telefon, dass sie gestern schon bei der Polizei war und eine Vermisstenanzeige aufgegeben habe, allerdings nur für ihre eigene Tochter und nicht für Betty Bernstein. Die Bernsteins machen glücklicherweise weniger Probleme. Herr Bernstein ist Lokführer bei der BVG und hat gerade Freischicht. Frau Bernstein ist arbeitslos. Doch auch beim Gespräch mit der Familie Bernstein kommt man nicht voran. Die Familie wird darauf hingewiesen, dass sie verpflichtet sei, ebenfalls schnell möglichst eine Vermisstenanzeige bei der Polizei für die verschwundene Tochter zu erstatten. Am Morgen danach, ebenfalls um acht Uhr im Zimmer der Direktorin, sind eine übereifrige Frau Drache sowie die Bernsteins und Frau Pickel da, um über das weitere Vorgehen zu diskutieren. Da sich alle einig darüber sind, dass unbedingt Eigeninitiative vonnöten sei und dass man sich unmöglich nur auf Amt und Polizei, dein nutzloser Schutz und Helfer etcetera, verlassen könne, setzt man sich in der Schulbibliothek vor einen ganz und gar nicht unschuldigen Computer und begibt sich auf die Suche nach einem Privatdetektiv im Netz. Im Tip findet das Grüppchen eine Anzeige, die richtig zu sein scheint: HAHA-Hans Hallers Privatdetektei. Unlösbare Fälle? Für mich gibt es sie nicht. Spezialgebiet: Auslandskriminalität. Hervorragende italienische Sprachkenntnisse. Professionalität, Seriosität. Effizienz. Klingt doch bestens. Man beschließt, dass Frau Mommsen Hans Haller anrufen und Genaueres über seine Aktivitäten in Erfahrung bringen soll. Als vorläufiges Budget legt man sich auf 5000 Euro fest. Die Familien zahlen jeweils 2000 Euro. Alda Drache weist auf die prekäre Situation der öffentlichen Kassen hin und lässt sich nur mühsam (nachdem man auch auf die Möglichkeit rechtlicher Schritte hingewiesen hat) davon überzeugen, dass auch die Schule gefälligst ihr Scherflein (sprich 1000 Euro) beizusteuern habe. Sonst treffen wir uns beim Rechtsanwalt, Frau Direktorin Drache. Schnitt. Jetzt sehen wir Maria Mommsen gerade durch den Flaschenhalspark radeln auf dem Weg zu Hans Hallers Büro am Wassertorplatz. Es regnet leicht, so dass Maria Mommsen sich dort etwas schäbig im Nasser-Pudel-Look präsentieren wird. Jetzt ist sie im Park am Gleisdreieck und biegt dann rechts ins Tempelhofer Ufer ein, das am Landwehrkanal entlangführt. Sie radelt dann unten am Carl-Herz-Ufer weiter, überquert auf der Baerwaldbrücke den Kanal und fährt durch den Böcklerpark zum Wassertorplatz. Bekanntlich ein Problemkiez: Viele Mieter mit Immigrationshintergrund, Hartz-4-Empfänger, konsumschwache Alkoholiker, Drogen vom nahen Kotti. Hans Haller erwartet sie schon in seiner Bürowohnung. Sie werden sich relativ schnell einig. Haller bietet ihr sein Start-Up-Pack (Ausland) an. Kosten 5000 Euro alles inklusive. Das passt doch wie der Arsch auf die Klobrille.  2500 Euro sofort bar auf die Kralle. Der Rest am Ende mit einem minutiösen Bericht über die Aktivitäten. Kurzer Check bei Easy Jet. Er kann schon für übermorgen einen Flug nach Neapel buchen und seine Arbeit beginnen. Alles oder Nichts. Er braucht ein paar neue Fotos von Betty und Netty, die ihm Maria Mommsen morgen per E-Mail schicken wird. Haben die Mädchen irgendwelche besondere körperliche Merkmale? Nein? Betty isst gern Gummibärchen und Erwachsene ebenso, aber ansonsten ist sie eigentlich ganz normal. Netty spricht ein paar Brocken Italienisch. Harry Haller fragt superblöd, ob die beiden Mädchen noch Jungfrauen seien. Frau Mommsen bemerkt superklug und angesäuert, dass das nun wirklich nicht das Geringste mit dem Fall zu tun habe. Eine U-Bahn rattert die Hochbahn Richtung Ruhleben entlang. Noch ein Zug nach nirgendwo. Weder Maria Mommsen noch Hans Haller können zu diesem Zeitpunkt wissen, dass sich die beiden Mädchen längst nicht mehr in Neapel befinden, sondern direkt noch im selben Auto, mit dem sie entführt wurden, in eine etwa 500 Kilometer entfernte Gegend im äußersten Süden Italiens gebracht wurden, wo sie in einer isolierten Masseria im Salento gefangen gehalten werden. Was die beiden ebenfalls nicht wissen, dass der Drahtzieher der Aktion ein gewisser Ciro Esposito ist, genannt „o genio“ und wohnhaft in Ponticelli. Den Spitznamen bekam er, als er in der siebten Klasse vom Mathematiklehrer aufgefordert wurde, das Ergebnis der Addition von zwei und zwei zu benennen und als Ergebnis fünf errechnete. Talentiert in kreativer Mathematik und im analytischen Denken. Quasi zum Programmierer geboren. Ciro Esposito ist einundzwanzig Jahre alt und gehört zum Clan De Micco. Er möchte sich innerhalb seines Clans profilieren und wird deshalb mit unnötigen Grausamkeiten unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aber da sind wir ja inzwischen von Abu Bakr al-Baghdadi einiges gewöhnt.

Klaus Mann (rororo-Monographie von Uwe Neumann)

Ich habe Thomas Mann nie besonders gemocht, er ist für mich zu sehr Teil der etablierten deutschen Literatur. Diese Antipathie geht weit zurück und rührt noch her aus meinen Gymnasialjahren Ende der 70er am Reuchlin-Gymnasium in Ingolstadt, als beim Dreigestirn Thomas/Heinrich/Klaus (es gibt ja noch viel mehr Clan-Mitglieder), die Sterne Heinrichs und Klausens (um den altertümelnden Genitiv von Papa zu verwenden) eindeutig heller strahlten als der von Thomas Mann, welchem man vermutlich kaum etwas vorwerfen kann außer seiner aseptischen Perfektion.

Von Thomas Mann habe ich dann logischerweise wenig gelesen, ein paar Geschichten in der Schule, mehr aus schlechtem Gewissen denn aus Interesse den „Zauberberg“ vor vielleicht jetzt auch schon wieder 20 Jahren und, wer weiß, vielleicht auch anderes, das ich vermutlich vergessen habe. Thomas Mann ist und bleibt langweilig.

Vom großen Bruder Heinrich habe ich mehr gelesen, wir sprechen allerdings von fast einem halben Jahrhundert im Rückwärtsgang: „Der Untertan“, die zwei Bücher über „Henri IV.“  Vor allem der „Untertan“ gilt ja als ewig gültiges Psychogramm der deutschen Seele.

Klaus Mann kannte ich nur vom Namen, sein berühmtester Roman „Mephisto“ war damals verboten, weil die Erben Gustav Gründgens eine Unterlassungsklage angezettelt hatten. Klaus ist eindeutig der interessanteste und modernste der drei mit all seinen Schwächen und Widersprüchen, die ihn nur sympathisch machen können. Wenn einer Kommunist, Pazifist, Homosexueller und drogenabhängig ist, und am Ende Selbstmord begeht, wird er es wohl nie in eine Schulbuchanthologie schaffen wie sein großer Übervater.

Klaus Mann ist einer der wenigen Autoren, die in der Lage waren, im Exil ihre Sprache zu wechseln, obwohl er sich der damit verbundenen Schwierigkeiten sehr wohl bewusst war: „Damals hatte ich eine Sprache, in der ich mich recht flink auszudrücken vermochte; jetzt stocke ich in zwei Zungen. Im Englischen werde ich wohl nie ganz so zuhause sein, wie ich es im Deutschen war – aber wohl nicht mehr bin

Wahrscheinlich ist Klaus Mann eher ein essayistischer und journalistischer Autor (als ein Schriftsteller von klassischer Fiktion). Lesenswert ist sicher seine Autobiographie „Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht“ (1952) mit vielen erhellenden Erkenntnissen über die dunkelsten Nachkriegsjahre, in denen alles unter den Teppich gekehrt wurde.

Alexander Sedlmaiers „Konsum und Gewalt“

Mein Eindruck nach der Lektüre von Alexander Sedlmaiers „Konsum und Gewalt“ ist zwiespältig. Kapitel 2 und 3 sind mehr als lesenswert, denn sie bieten eine schöne Zusammenfassung der sonst nur schwierig zu fassenden Ideen von Jürgen Habermas (Kapitel 2) und tiefe Einblicke in die neomarxistischen Seelen der RAF-Terroristen (Kapitel 3). Die restlichen fünf Kapitel plätschern dann allerdings ziemlich seicht dahin und warten oft mit monotonen Details und einschläfernden Einblicken in die besprochenen Thematiken auf. Frustrierend liest sich die akademisch dröge geschriebene lange Einleitung, dessen Lektüre mich mehr als einmal fast vom Weiterlesen abgehalten hat.

Michel Houellebecqs „Elementarteilchen“

Der 1998 erschienene Roman ist natürlich ein ganz anderes Kaliber als die kürzlich von mir besprochene, vergleichsweise harmlose Erzählung „Lanzarote“. In „Elementarteilchen“ versucht nämlich Houllebecq nicht nur eine fiktionale Autobiographie, sondern entwirft ein groß angelegtes Panoptikum der westlichen Industriegesellschaften am Ende des 2. Jahrtausends ( das problemlos auch auf die Gegenwart im Jahr 2022 übertragbar ist).

Wenn man sich auch nur ein paar schnelle Notizen zu Houllebecq in Wikipedia durchliest, findet man natürlich eine Unmenge von konkreten Entsprechungen im Romantext, die sicherlich kein Zufall und in den letzten über 20 Jahren in der Fachliteratur in allen Details aufgedröselt worden sind. Das geht bis zum fast schon surrealen Streit um das Geburtsjahr 1956 oder 1958. Natürlich ist ein Roman keine einfache Autobiographie, aber weitere diesbezügliche Überlegungen würden uns in ein ziemlich langweiliges literaturtheoretisches Exerzierfeld führen, für die hier glücklicherweise auch nicht der richtige Ort ist. Kurz gesagt: Houllebecqs Roman ist sicherlich auch eine Auseinandersetzung mit seinem wirklichen Leben. Genau diese Reflexion macht den Roman authentisch und interessant.  Man denke nur etwa an Houllebecqs reale naturwissenschaftliche Ausbildung und die schizophrene Spaltung des Protagonisten in einen Geistes- und Naturwissenschaftler (Gymnasiallehrer und Molekularbiologe).

Der Geisteswissenschaftler Bruno Clement, wie sein Halbbruder Michel als emotionaler Waise aufgewachsen, führt uns die ganze Misere der gescheiterten Ideologien der Philosophiegeschichte des Abendlands vor und stellt die ziemlich kühne Hypothese in den Raum, dass wir alle am Ende einer sogenannten metaphysischen Revolution stünden. Die sogenannte „Neuzeit“ mit ihrer Betonung des Materialismus, der individuellen Freiheit und des sexuellen Liberalismus würde bald durch ein neues Zeitalter abgelöst, die von einer geklonten, unsterblichen und geschlechtslosen Menschenrasse ohne jede Individualität dominiert werden werde. Der sexbesessene Bruno findet in einem sarkastisch „Ort der Wandlung“ genannten FKK-New Age-Freizeitcamp zwar kein überzeugendes Ideologieangebot, aber zumindest die ebenfalls sexbesessene Christiane. Happy End? Natürlich nicht! Christiane erkrankt an Krebs, begeht Selbstmord, Bruno verliert den Verstand und endet in einer psychiatrischen Klinik.

Der weltfremde, depressive Michel Djerzinski versucht ebenfalls eine gescheiterte tragische Beziehung mit seiner ehemaligen Jugendliebe Annabelle, die von ihm schwanger wird, abtreibt und, an Gebärmutterkrebs erkrankt, ebenfalls Selbstmord begeht. Michel entwickelt anschließend in einem Forschungsinstitut in Irland eine neue genetisch manipulierte Menschenrasse ohne Sexualität, Alter und Tod. Als Vorbild wird im Roman selbst Aldous Huxleys „Brave New World“ genannt, das allerdings in der Einschätzung des französischen Autors von einer Dystopie in eine Utopie mutiert. Die „schöne, neue Welt“ Houllebecqs?

„Elementarteilchen“ wurde wegen angeblicher Nähe zu rechtspopulistischen Ideen (Genetik, Rassismus, Misogynie etc.) zum Teil stark kritisiert. Ich selbst kann allerdings mit diesen offensichtlich provozierend eingesetzten Thesen umgehen. Was mich bei der Lektüre manchmal stört, ist Houllebecqs an einigen Stellen weit ausholender Schreibstil, der dann gefährlich in die Nähe von Gefasel und Gelaber abdriftet. Dem Roman hätten eine Straffung und Abmagerungskur gutgetan. Trotzdem ist er voll von gelungenen poetischen Pointen, die ich gern brav mit meinem gelben Marker hervorgehoben habe.

Wahrscheinlich ist „Elementarteilchen“ einer der wichtigsten Romane der letzten Jahrzehnte.

Michel Houellebecqs „Lanzarote“

Ich kannte den Erfolgsschriftsteller Michel Houellebecq (richtig so?) bisher noch nicht. Gesundes Misstrauen ließ mich die Bekanntschaft mit einer eher kürzeren Erzählung beginnen, um immer drohende gefährliche Frusterfahrungen bei der Lektüre nicht ausufern zu lassen.  Mein Eindruck einer ersten Leseerfahrung ist zwiespältig. Die 1999 geschriebene Erzählung liest sich flüssig (positiv), spickt von bösen und sarkastischen Remplern gegen Gott und die Welt (positiv), behandelt durchaus interessante Thematiken (Ausstieg aus der postmodernen Zivilisationsgesellschaft, Sexualität als Ideologiesurrogat, Sekten als mögliche Schlupflöcher in einem hohlen und leeren Konsumkapitalismus etc.), doch irgendwie bekommt Houellebecqs Erzählung nicht den nötigen Drall und Tiefgang. Alles bleibt an der Oberfläche. Alles perlt ab. Keine Schrammen, keine Löcher, keine Risse. Alles glatt und leblos. Das ist sicherlich nicht nur ein Problem der Prosa Houellebecqs, denn die Jahre, als es Literatur noch schaffte, den Zeitgeist zu bündeln, sind längst vorbei (mir fiele spontan etwas Bölls „Die Verlorene Ehre der Katharina Blum“ ein), trotzdem bleibt es ernüchternd, festzustellen, dass ich höchstwahrscheinlich Houellebecqs Erzählung „Lanzarote“ schon in ein paar Monaten vergessen haben werde.

Was in der Erzählung meiner Meinung nach böse holpert, ist eine auf vielen Seiten ausgebreitete und ziemlich unglaubwürdige Bordell-Sexualität. Hut ab vor Houellebecq, wenn er es hoppla-hopp zu einem flotten Dreier mit Barbara und Pam schafft, für mich sind das alles nur ein bisschen an den Haaren herbeigezogene Männerfantasien. Auch Rudis allzu schnelle intime Vertrautheit mit dem namenlosen Protagonisten wirkt seltsam und ziemlich erzwungen.

Ich versuch’s jetzt mal mit Houellebecqs längerem Roman „Elementarteilchen“. Vielleicht wird mein Urteil dann etwas ausgereifter.

Sami Modiano

Jedes Jahr um den 27. Januar (dem Befreiungstag des Konzentrationslagers in Auschwitz) werden (nicht nur) an den italienischen Schulen Gedenkfeiern zur Shoah abgehalten. Inzwischen werden diese Erinnerungstage nicht nur ausschließlich auf die Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten bezogen, sondern diskutieren auch über andere Diktaturen etwa in Argentinien, die Jugoslawien-Kriege, die Kolonialvergangenheit in Italien selbst usw. Dieses Jahr war wegen der Pandemie kein direkter Besuch eines KZ-Überlebenden möglich, sondern es wurde eine YouTube-Schalte mit Sami Modiano eingerichtet.

Das Buch Modianos „Per questo ho vissuto” erzählt die traurige autobiographische Geschichte der Verschleppung des dreizehnjährigen Sami ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und sein fast unglaubliches Überleben, was ihm nachträglich große Schuldgefühle verursachte, die er nur dadurch rechtfertigen konnte, dass er den fast schon schicksalhaften Auftrag annahm, über diese Erfahrungen zu sprechen.

Das Buch ist literarisch sicher kein Meisterwerk, hat aber eine Authentizität, die fiktive Texte nie erreichen können. Auch Modiano scheitert natürlich daran, den Horror in Auschwitz in Worte zu fassen, aber ermöglicht dennoch einen Blick durch das Schlüsselloch in die KZ-Realität.

Solche Bücher kann man natürlich nicht immer, sondern nur in dafür geeigneten Momenten lesen. Als Ergänzung vielleicht, wenn man sich nicht schon zu viel geekelt hat, die neue Dokumentation des ZDF „Die Wannseekonferenz“:

https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/die-wannseekonferenz—die-dokumentation-vom-24-januar-2022-100.html

BoBoKo (8)

Wir fahren mit Wilma Wildlife mit dem Zug von Hildesheim nach Hannover, anschließend in der Stadtbahn Linie 4 zur Universitätsbibliothek und sitzen einige Stunden mit ihr im dortigen Lesesaal. Es passiert nichts weiter, aber der Bildungsstand des Lesers geht steil nach oben durch die Decke. Man weiß jetzt, wer Tullio Cianetti ist und dass man in Venetien die Süditaliener für faul und „unanstellig“ hält.

Das megalomane Projekt der Nationalsozialisten, eine Autofabrik und Stadtsiedlung unweit Braunschweigs aus dem Boden zu stampfen, traf schon kurz nach der Grundsteinlegung im Februar 1938 auf enorme Schwierigkeiten. Die Bautätigkeit Albert Speers in Berlin, die Reichswerke Hermann Göring im nahen Salzgitter und vor allem der Westwallbau, für den im Herbst 1938 3000 Arbeitskräfte über Nacht vom Volkswagenwerk abgezogen wurden, dezimierten die Arbeitslosenlisten und machten es den Arbeitsämtern unmöglich, geeignete Bau- und Industriearbeiter bereitzustellen. Die aus strukturschwachen Gebieten wie Friesland, Schlesien und Sachsen gerufenen Arbeiter reichten für die Großbaustellen bei weitem nicht aus. Erst die engen Kontakte zwischen der Deutschen Arbeitsfronf (DAF) zur Parallelorganisation des italienischen Achsenpartners Confederazione Fascista dei Lavoratori dell’Industria (CFLI) lösten teilweise das Dilemma. Nachdem im Sommer 1938 eine erste italienische Delegation unter Tullio Cianetti das embryonale Volkswagenwerk und die entstehende Stadtsiedlung besucht hatten, wurden Vereinbarungen getroffen, italienische Arbeiter in großem Stil an das Volkswagenwerk und die Reichswerke Hermann Göring zu vermitteln.  Ohne sie hätten die Baustellen des Werks und der Stadt nicht weitermachen können. Die geplanten Kontingente von einigen tausend Arbeitern wurden speziell in den ersten beiden Jahren um ein Mehrfaches übertroffen, als die Dimensionen der Großbaustellen und die zur Schau gestellte modernste Technologie eine regelrechte Euphorie unter den Arbeitern auslösten. Dabei spielten, mehr noch als die großmäulige Propaganda auf beiden Seiten, welche die grenzüberschreitende kameradschaftliche Arbeitsleistung und die ideologische Blutsbruderschaft der Achse Rom-Berlin betonte, die guten deutschen Arbeitslöhne und die anhaltende Massenarbeitslosigkeit in Italien eine entscheidende Rolle. Das Kaufkraftgefälle zwischen dem Deutschen Reich und den nordöstlichen Regionen Oberitaliens, aus denen der Großteil der italienischen Arbeiter nach Fallersleben und Salzgitter aufbrach, war extrem: Der Lohn eines Facharbeiters in Deutschland war zwei- bis dreimal so hoch wie der eines Arbeiters aus Venetien. Arbeitstage von mehr als 10 Stunden, Überstunden, Samstags- und Sonntagsarbeit waren die Regel, die nicht selten 100 bis 150 Reichsmark Wochenverdienst einbrachten. Die schlechten Lebensbedingungen (Wohnbaracken, Ernährung, fehlende Freizeiteinrichtungen etc.) wurden in Kauf genommen, da auf beiden Seiten stillschweigend und fälschlich davon ausgegangen wurde, dass die Gastarbeiter aus Italien nur kurzfristige Lücken in einer durch die Kriegsvorbereitungen bedingten Ausnahmesituation des deutschen Arbeitsmarkts schlössen. Trotzdem kam es immer wieder zu Beschwerden der italienischen Arbeiter, vor allem über die ungewohnte und schlechte Ernährung von Seiten der Kantinenküche, wo Teigwaren und italienischer Rotwein im Speiseplan nicht vorgesehen waren und teuer auf eigen Kosten aus Italien besorgt werden mussten. Auch die Gruppendynamik in den Wohnbaracken und Kolonnen schlug immer wieder Funken, vor allem als in späteren Jahren immer mehr Süditaliener nach Fallersleben kamen, die in den Augen ihrer norditalienischen Kollegen als Drückeberger und Tollpatsche galten. Im Januar 1943 erreichte es Benito Mussolini, dass die italienischen Arbeitskräfte in ihr Heimatland zurückgezogen wurden. Ihre privilegierte Stellung als verbündete Auslandsarbeiter verloren die Italiener dann vollständig, als Mussolini im Juli 1943 zurücktrat, Italien die Fahnen wechselte und gegen Hitler-Deutschland Position bezog. Alte Ressentiments gegen die Italiener konnten sich jetzt in Deutschland ungehemmt Bahn brechen, die von einem auch rassisch begründeten Überlegenheitsdünkel herrührten, der kleingeistig angeblich preußische oder deutsche Tugenden beschwor: Aufrichtigkeit, Disziplin, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit.

BoBoKo (7)

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Wir sind in einem Puff in der Schönfließer Straße. Rudi Rührei lässt sich nicht lumpen und rührt in alten Wunden. Fetter Nebel dampft vor Zorn. Hans Haller hat ein Problem.

Die Kamera schwenkt hoch nach oben. Wir haben jetzt Berlin-Frohnau in der Schönfließer Straße auf dem Radar. Das ist zwar nicht wirklich eine Gegend, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, aber ohne guten Grund fährt trotzdem keiner dorthin. Früher, vor dem Mauerfall, war das Mal am Arsch der Welt. Heute ist Stadtrand in. Intime Nähe zu Wald und Wiese. Am Wochenende mit dem gerade gewaschenen geleasten Einser-BMW raus ins Brandenburgische und die Blagen an irgendeinem See austoben lassen. Rudi Rührei ist ein hoch aufgeschossener falscher Fuchziger mit krummen Rücken und Akne. Der lange Lulatsch starrt die meiste Zeit vornübergebeugt auf sein Iphone und kontrolliert irgendwelche Nachrichten oder tut wenigstens so. Dieser lange Labander besitzt das Puff in Frohnau, wo wir gerade sind.  Fetter Nebel könnte der Bruder von Reiner Calmund sein. Genauso dick, genauso lustig, genauso nutzlos. Fußball schauen, Paprika-Chips mampfen, quatschen. Immer die Klappe offen, fünf Minuten Wildwassermonolog, wenn man ihn nach seinem Beruf fragt und nachher ist man genauso schlau wie vorher. Bedröppelter Kugelblitz. Ulkig der Typ. Wie dämlich muss man sein, um so zu heißen? Fetter Nebel, noch nicht mal dichter Nebel. Man sieht seine Hand vor den Augen nicht.  Lass dir das mal langsam auf der Zunge vergehen. Klingt irgendwie wie Happy Hour. Fetter Nebel gibt Autogramme. Oh yeah. Günther mit H oder ohne. Außer Rudi Rührei, Fetter Nebel und Hans Haller steht da noch Atze vor der Tür mit seinem dunklen, südländischen Teint, seinem schwarzen Zwirbelschnurrbart und seinem Luxusbody direkt aus der Muckibude. Dem seine Geschichte ist uns nicht bekannt und auch egal. Rudi Rührei spielt trotz seiner Schlacksigkeit den dicken Max und lässt sich nicht lumpen. Der Puff gehört ihm schließlich selbst. Frauen und Drinks sind deshalb heute Abend für Hans Haller frei. Auch das Taxi nachher nach Hause in die Prinzenstraße spendiert Rudi Rührei. Normalerweise kostet ein Pikkolo hier 180 Euro und eine Flasche Schampus 300 Euro. 30 Minuten für 50 Euro. Französisch gegenseitig und Verkehr, möglich zweimal Mal kommen oder einmal Mal kommen und Massage. Unser Angebot: Zwei für Eins. Preis 30 Minuten für 60 Euro. Zwei Frauen. Zweimal Verkehr und französisch gegenseitig. Überhaupt geht es hier in Rudi Rühreis Puff international und tolerant zu. Englisch, griechisch, spanisch, bei entsprechender Bezahlung ist alles möglich. Doch wie immer im Leben ist auch Rudi Rühreis Großzügigkeit nicht uneigennützig. Nachtigall, ick hör dir trapsen. Er hatte zusammen mit Fetter Nebel und Hans Haller vor vielen Jahren in eine große, am Aktienmarkt quotierte Schweinefarm im Niedersächsischen investiert. Sichere Sache, Kumpels, die sturen und stillen Plattländer machen uns reich. Jeder hatte 40000 Euro reingebuttert. Am Anfang lief alles blendend, doch dann erreichte die Hysterie um den Rinderwahn auch die Schweinemast. Die üblichen Chinesen überfluteten den Markt mit billigem, schockgefrosteten Schweinefleisch. Der Hype um vegetarisches und veganes Essen tat sein Übriges. Scheiß Veggies und Veganer. Der Preiseinbruch beim Schweinefleisch trieb die Schweinefarm der drei stillen gelackmeierten Teilhaber innerhalb von kurzer Zeit in den Konkurs. Bei der Abwicklung des Unternehmens kamen Anwälte und Gerichte ins Spiel, die Prozesse gingen verloren, die Kosten schnellten in die Höhe. Rudi Rührei bezahlte erst einmal für alle aus seiner Privatschatulle, doch jetzt will er den Anteil Hans Hallers zurück. „Mein Goldesel ist seit gestern krank und scheißt kein Geld mehr. Du hast einen Monat Zeit, mir die 80 halben rosa Riesen rüberwachsen zu lassen“, sagt er mit seinem breiten Grinsen und schlürft an seinem Glas Mumm. Er akzeptiert übrigens auch Schweizer Franken, aber zum Tageskurs. Die haben wenigstens 1000-Franken-Scheine. Komm mir aber nicht mit 10000-Dollar-Scheinen aus Singapur. Sein blödes Grinsen gefällt Hans Haller überhaupt nicht. „Woher soll ich die 40000 Mäuse nehmen? Ich hab‘ noch nicht mal das Geld für die nächste Telefonrechnung“. – „Das ist dein Ding, Haller-Baby. Stell deine verendeten grauen Zellen auf on und lass dir was einfallen“, meint auch Fetter Nebel. Warum der sich einmischt, weiß man nicht. Überhaupt sind die guten Zeiten längst vorbei, als jeder der drei alles vom anderen wusste. Fetter Nebel hat wahrscheinlich den Blutdruck auf 250, so rot ist sein Gesicht angelaufen. „Du glaubst doch nicht, dass wir auf deinen Scheißschulden sitzen bleiben.“ Warum denn „wir“? „Was gehen denn dich meine Schulden bei Rudi an, du aufgeblasener Dackel?“ 80 rosa Lappen. 4 Wochen Zeit. Jetzt hat Hans Haller ein Problem, ein großes Problem sogar. Das Glas mit dem dunklen Schneider-Weißbier lässt er halbvoll stehen, als sich der Taxifahrer meldet. Sein Wabbelarsch geht ihm ganz schön auf Grundeis.