Andreas Altmann

Andreas Altmann - Reisebuchautor - 10/2010 - Foto: Wolfgang Schmidt Ammerbuch Zwei grundsätzliche Gedanken geistern durch meinen Kopf, nachdem ich die Lektüre von Altmanns Buch beendet habe. Sie passen nicht zusammen, sondern widersprechen sich. Mein Eindruck ist somit zwiespältig.

Der erste, stärkere ist Hochachtung. Hut ab vor dem Mut, so ein Buch zu schreiben! Alle anderen wären in der Scheiße ertrunken, Altmann ist durch dieses Meer von Scheiße Zug um Zug geschwommen und hat sich ans Ufer gerettet. Die endlosen schrecklichen Geschehnisse und die vielen ekligen Personen beim wirklichen Namen zu nennen, hätte bei mir (und vielleicht auch bei vielen anderen) vermutlich den Zensor im Kopf eingeschaltet. Wer hat schon Lust sich mit den Rechtsanwälten der sadistischen Lehrer Johann Korbinian Spahn oder Josef Asenkerschbaumer wegen Persönlichkeitsverletzung herumzustreiten (nur um zwei Beispiele zu nennen). Andererseits: Altmann war 62, als das Buch erschien, er hat in Interviews gesagt, dass er das Buch nie veröffentlicht hätte, solange seine Eltern noch lebten, und dass das Manuskript vor der Herausgabe von einem Rechtsanwalt des Verlags gegengelesen wurde. Spahn oder Asenkerschbaumer waren bei der Veröffentlichung entweder tot oder im Greisenalter und ohne Bock auf Gerichtstermine. Altmanns Buch ist jedenfalls sehr überzeugend, präzise argumentierend und überhaupt nicht wehleidig geschrieben, was bei solchen Mega-Nabelschauen immer die Hauptgefahr ist. Ich gebe zu, dass ich nicht gedacht hätte, dass eine solche menschenfeindliche Sozialisation in Deutschland über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus überhaupt existiert hat. Von anderen erzählt, hätte ich das vermutlich für Schauermärchen und Übertreibungen gehalten. Da hat mich Altmanns Buch etwas dazu lernen lassen über die Verhältnisse in der bayerischen Provinz in den fünfziger und sechziger Jahren. Ein gewalttätiger, kriegsverseuchter Vater, der das Familienleben wie eine Nazi-Kaserne organisiert, eine bigotte, feige Mutter, der widerliche Wallfahrtsort Altötting mit seinem absurden Madonnen-Kult, die problematischen Gymnasialjahre im nahen Burghausen … seine eigene Scheißjugend rekonstruiert Altmann (wohl auch mittels Tagebuchaufzeichnungen) wie in einem Polizeibericht vom Ausflug in die Hölle. Auch das Nachwort Altmanns am Ende des Buchs, das auf diese schrecklichen Krüppeljahre zurückblickt und ganz am Ende den Weg der Aussöhnung zumindest andeutet, beweist eine in langen Jahrzehnten schmerzvoll überall auf der Welt erworbene Lebensweisheit. Die vielen Psychotherapien, Urschrei-Workshops, Aufenthalte in Ashrams und Zen-Klöstern waren am Ende doch nicht umsonst, sondern haben geholfen, Altmann zum Schriftsteller und vor allem Menschen heranreifen zu lassen.

Der zweite Gedanke ist einer von Skepsis. Was bildet sich Altmann eigentlich ein, mir eine 250 Seiten lange Autobiographie ins Gesicht zu rotzen? Ist es nicht hochgradiv naiv, nur chronologisch und ein Ereignis anch dem anderen geradeheraus herunterzuerzählen? Wäre es nicht interessanter gewesen, vom Karren der nackten Wirklichkeit abzuspringen und einen fiktiven Text zu schreiben, wo sich Wirklichkeit und Traum zu neuen Protagonisten verdichten? So hätte man über die eigenen Befindlichkeiten hinauswachsen und Bereiche erkunden können, die eine bloße Reportage mit ihrem ständigen Blick nach unten nicht sehen, hören und erschnüffeln kann. Ist Altmanns Sprache nicht zu journalistisch und zu wenig poetisch, um in solche Seelengullys hinabzusteigen? Trotz dieser Bedenken: Ein nötiges, wichtiges, ehrliches, mutiges und Mut machendes Buch.

Andrea Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend

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