Sommerhaus später

18_Judith_Hermann_Deutschland

Judith Hermanns erster, 1998 erschienener und hochgelobter Erzählband „Sommerhaus später“ hat hohe Auflagen erreicht, weil er einer neuen Generation (der ehemaligen Westberliner Subkultur) eine literarische Plattform bot. Solche Typen wie Kaspar, Sonja, Koberling etc. kannte man bisher nicht. Ihre Befindlichkeiten hatte kaum mehr etwas gemeinsam mit den Freaks der siebziger oder den Punks der achtziger Jahre. Vorbei waren Selbsterforschungsdrang und Systemkritik, hier sprach eine neue deutsche (Berliner Szene) nach dem Mauerfall. Ein neues Selbstbewusstsein und ein neuer Materialismus (Egoismus, Zynismus) hatten sich breit gemacht. Man hatte genug Geld für einen Urlaub in Jamaika, für ein Häuschen im Brandenburgischen, für eine klassische Kleinfamilie. Eine neue urbane Unverbindlichkeit, Vieldeutigkeit und Oberflächlichkeit bestimmte die Beziehungskisten, die nicht mehr laut rappelten, sondern nur noch gedämpft nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit und Unschärfe mit aufgesetztem Schalldämpfer murmelten. Alle waren irgendwie supercool geworden und irgendeine Oma, die einem mal schnell 100000 Mark vererbte, hatte doch jeder. Manche von Hermanns Geschichten sind sehr gut (Hurrikan(something farewell)/Sonja/Hunter-Tompson-Musik/Diesseits der Oder), andere sind schwächer. Sprachrohr einer ganzen Genration geworden zu sein, bleibt Hermanns großer literarischer Verdienst. Leider ist sie danach in das mörderische Getriebe des deutschen Literaturbetriebs geraten, hastete von einer Lesung zur nächsten, heimste Literaturpreise und Stipendien ein. Der Hype scheint ihrer Kreativität eher geschadet zu haben, denn sie wiederholt seit ihrem Debüterzählband einen Schreibstil, der, so flüssig und frisch er einmal gewesen war, unvermeidlich zur Pose gerinnen musste. Als Künstler muss man sich weiterentwickeln, sonst befriedigt man nur Erfolg vorgaukelnde Leseerwartungen, auf die man mit dem Aufguss von Stil und Inhalten reagiert. Was einmal gut war, schmeckt 10 Jahre später schal und wird 20 Jahre danach ungenießbar. Wer nur auf Nummer Sicher geht und den ausgetretenen Stinkstiefel weitermacht, läuft Gefahr, zur literarischen Mumie zu werden.

Judith Hermann- Sommerhaus, später

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