Tot wie Stein

In einem Interview mit der „Zeit“ aus dem Jahr 2012 hat der inzwischen verstorbene französische Schriftsteller Michel Butor bemerkt, dass seit zehn oder zwanzig Jahren nichts mehr in der Literatur passiere. Es gebe eine Flut von Veröffentlichungen, aber einen geistigen Stillstand.[1]

Eine solche Einschätzung teile ich nicht nur aus ganzem Herzen, ich bin sogar noch viel radikaler und behaupte, dass seit fünfzig Jahren nichts mehr Interessantes mehr geschrieben worden ist. Es ist auch nicht mehr möglich, den Kopf in den Sand zu stecken und wacker weiterzuschreiben. Keiner in Zukunft wird mehr einen Roman, einen Gedichtband oder Erzählungen, Theaterstücke etc. in die Tastatur hämmern, die irgendetwas Relevantes zum Literaturkanon beitragen.

Woran das liegt, ist ein sehr komplexes Thema, das mit der Verschiebung der Parameter zusammenhängt, die seit dem klassischen Altertum oder (wem das zu großkotzig ist) zumindest seit der Aufklärung unsere Ideen von Persönlichkeit, Erziehung, Entwicklung, Kultur und Kunst abgrenzen. Mit dem „homo elettronicus“, den Marshal McLuhan in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu definieren versucht hat und noch mehr mit dem „homo digitalis“, über den Byung-Chul Han so spannend schreibt, bricht sich immer mehr ein neues Zeitalter Bahn, wie es das Abendland bisher nicht gekannt hat. Dieses neue Zeitalter wird nicht nur völlig anders sein, sondern in jeder Hinsicht qualitativ sehr viel schlechter.

Hier gilt es anzusetzen und längerfristig weiter zu forschen.


[1] http://www.zeit.de/2012/29/L-Kanon-Interview-Butor. Zitiert nach Han Byung-Chul: Im Schwarm. Ansichten des Digitalen. Kapitel Entmediatisierung.  Berlin. 2013. Seite 32.

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