Byung-Chul Han: Psychopolitik

Mit seinem 2014 erschienenem Buch “Psychopolitik (Neoliberalismus und die neuen Machttechniken)” setzt der koreanischstämmige, in Berlin lebende und unterrichtende Philosoph Byung-Chul Han seine radikale Gesellschaftskritik und seinen gnadenlosen Kulturpessimismus unbeirrt fort. Das Seltsame dabei ist, dass Han mit diesen extremen Positionen inzwischen selbst ein umjubelter Star-Philosoph geworden ist, der pausenlos neue Bücher veröffentlicht und sich vor Interviews und Rezensionen kaum noch retten kann. Die von ihm so heftig und manichäisch  kritisierten westlichen Gesellschaften scheinen sich ohne Wimpernzucken auch den Luxus der Autopsie ihrer innersten Mechanismen leisten zu können.

In der Folge stelle ich einige der Thesen zur Diskussion, die Hans Weltanschauung abstecken. Wer alles noch genauer wissen muss, kann sich seinen Aufsatz „Wie der Kapitalismus uns zu Selbstausbeutern macht (Aspekte einer Psychopolitik)“ durchlesen, der im Januar 2015 auch vom Südwestrundfunk ausgestrahlt wurde und problemlos im Internet gefunden werden kann.

In den postmodernen Gesellschaften ist die klassische marxistische Fremdausbeutung durch eine perfide freiwillige Selbstausbeutung ersetzt worden, die viel fieser ist als ihr Urahn, da sie die Sphäre der Emotionen und Gefühle in den Ausbeutungsprozess integriert. Führungskräfte und Vorgesetzte sind deshalb heute im Regelfall keine gestrengen Überwacher und Bestrafer mehr, sondern wollen motivieren, positive  Stimmungen erzeugen, kommunikative Ressourcen freilegen. Nicht mehr Turnvater Jahn, sondern jovialer Zirkus Giovanotti. Doch das Weltgeschehen wird nicht cooler, sondern zur überdimensionierten Spielhölle. Arbeit und Kommunikation werden (im feinsten Denglisch Byung-Chul Hans) „gamifiziert“ und produzieren ein end- und sinnloses virtuelles Geplärre an „Likes“ und „Dislikes“ von Seiten der sich möglichst wie Bazillen vermehrenden „Friends“ und „Followers“.

Das neoliberale Regime vereinzelt seine Subjekte, die sich in geradezu pornographischer Weise im Netz zur Schau stellen. Groteske moderne Clowns im ewigen Zirkus der sozialen Netzwerke. Exhibtionismus und Voyeurismus, Striptease der Emotionen und Lapdance der Lächerlichkeiten im digitalen Panoptikum. Endlose Selbstausbeutung, die nur im Burn-Out endet.

Eine digitale postdemokratische Psychopolitik macht sich immer mehr breit, die uns kleine Allerweltsbürger zu steuer- und manipulierbaren Nobodys und kleinen Scheißern degeneriert, die nur noch nicht verstanden haben, dass sie im großen Spiel nichts, aber auch gar nichts zählen. Wenn menschliches Verhalten immer mehr erfasst und prognostiziert wird, kann es auch keine offene Zukunft und kein freies Handeln mehr gaben,  scheinbar unabkömmliche Voraussetzungen, um unser persönliches, privates Leben und auch das unserer komplexen Gesellschaft in Gang zu halten.

Eine neue digitale Leibeigenschaft ersetzt die nur noch scheinbare Herrschaft des Volks. „Democracy is coming to the U.S.A.“ sang Leonard Cohen  vor einem Vierteljahrhundert.  Aus gestressten, depressiven, atomisierten Individuen lässt sich keine Revolutionsmasse mehr bilden.  Aus die Maus. Wir stehen vor einer Totalkommerzialisierung unserer Existenzen. Zweckfreie Freundschaften, wenn es sie denn jemals gegeben haben mag, können sich nicht mehr formieren. Ich bin freundlich zu dir, weil ich eine bessere Bewertung in Facebook und mein Produkt besser verkaufen will. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Das war wohl nix. Der Kapitalismus vollendet sich in dem Moment als er den Kommunismus als Ware auspreist.

Byung-Chul Han: Psychopolitik (Neoliberalismus und die neuen Machttechiken)

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