The Cambrigde Companion to THE BEATS (Steven Belletto)

Als ich 1985 das Hauptseminar am John-F.-Kennedy-Institut über die „Beat Generation“ besuchte, war das damals noch eine kleine akademische Sensation und Provokation, wurden doch Kerouac, Ginsberg, Burroughs und Company vom damaligen Universitätsbetrieb noch vollständig ignoriert und gesnobbt. Das war doch nur ein wilder Haufen drogenabhängiger, krimineller und schwuler Dilettanten, die von Kultur und Literatur keine Ahnung hatten. Für mich war das Seminar von Michael Hoenisch jedenfalls eines meiner Handvoll kulturellen Schlüsselerlebnisse: ich las das erste Mal „On the Road“, „The Subterreneans“, „Howl“, „Kaddish“ und „Naked Lunch“und nichts mehr war wie zuvor. Die „Beats“ schrieben spontan und autobiographisch, waren auf der Suche nach Abenteuer, Freihiet und Spiritualität, hatten klare Identifikationsmechanismen („queer“/“square“). Das alles sprach mir aus dem Herzen.

Inzwischen sind natürlich fast 40 Jahre vergangen. Die Welt und auch ich sind etwas anderes geworden. Die „Beat Generation“ ist längst Teil des regulären Literatur- und Kulturbetriebs geworden. Präziser formuliert: es gibt zwar immer noch Teile der akademischen Schickeria, welche die „Beats“ weiterhin als „unseriös“ und „gefährlich“ einstuft (speziell in Schulbuchanthologien tauchen sie als „nicht jugendfrei“ nur selten auf), aber auch unter den schwarzen Talaren und Roben ist inzwischen eine Generation herangewachsen, die sich überzeugt mit den „Beats“ beschäftigen und sie möglicherweise sogar für die wichtigste literarische Bewegung des 20. Jahrhunderts halten.

„The Cambridge Companion to THE BEATS” ist Ausdruck dieses geänderten akademischen Bewusstseins und präsentiert in 18, von jeweils verschiedenen, renommierten Autoren verfassten Artikeln die gesamte Bandbreite relevanter Autoren und Themen. Das ist sicherlich ein gewaltiger Schritt nach vorne, ändert aber nichts daran, dass mit dem klassischen akademisch-philologischen Werkzeugkasten kaum Neues und Interessantes über diese Schriftsteller herauszufinden ist. Man liest, dass die „Beats“ nicht nur das weiße Triumvirat Kerouac-Ginsberg-Burroughs gewesen sind, man erfährt, dass es Dutzende andere wichtige Beat-Schriftsteller gegeben hat, Schwarze, viele Frauenschriftstellerinnen, man hat inzwischen auch die Rezeption außerhalb Nordamerikas untersucht (in Deutschland vor allem Brinkmann und Fauser), alles schön und gut, trotzdem schaffen es viele der Artikel nicht, wirklich in die Tiefe zu gehen und Spannendes zu sagen. Gerade bei den Kernaufsätzen über die Romane von Kerouac und Burroughs oder über die Lyrik von Ginsberg kann man ein wenig standesgemäßes Gähnen kaum unterdrücken. Leicht machen es die „Beats“ dem Literaturwissenschaftler sicher nicht. Die literarische Qualität der „Beats“-Texte schwankt stark, vor allem bei William Burroughs. Möglicherweise stehen bei ihm seine geschriebenen Texte nicht immer wirklich im Vordergrund, sondern immer wieder seine radikale Attitüde. Burroughs ist fast so etwas wie eine Fleisch-und-Blut gewordenen Ikone des extremen Untergrunds, ein Anti-Künstler aus einem anderen Universum (schwul, zynisch, heroinsüchtig, arrogant, so krank, dass man sich wundert, wie er es geschafft hat, überhaupt zu überleben, ein Schmarotzer aus Amerika, der jahrzehntelang jeden Monat einen Scheck von seinen reichen Eltern bekommt, der in der Weltgeschichte herumreist (Mexiko, Marokko, Paris, London) und hinter Heroin und Strichjungen her ist, ein Waffennarr und Krimineller, der beim Wilhelm-Tell-Spiel im Drogenrausch seine Frau erschießt und sich durch eine Kautionszahlung von einem jahrzehntelangen Gefängnisaufenthalt in Mexiko freikauft, ein Schriftsteller, der im Drogenrausch seine Albträume und Phantasien niederschreibt, die nichts, aber rein gar nichts von einem herkömmlichen „Roman“ haben).

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