Karl Marx

Karl Marx

Im Jahre 2014 etwas über Karl Marx zu sagen ist ein schwieriges Unterfangen. Man fährt zwischen Skylla und Charybdis hindurch, denn entweder wird der Trierer Philosoph kritiklos als genialer Denker glorifiziert, wie es oft im Roten Jahrzehnt zwischen 1967 und 1977 passiert ist oder, genauso falsch, in den Mülleimer der Geschichte gepfeffert, was meistens nach dem Fall der Berliner Mauer und Zusammenbruch des Ostblocks der Fall war. Mit solchen extremen Einschätzungen wird man aber dem Begründer des Kommunismus nicht gerecht. Das hier besprochene Buch von Peter Stadler, das noch 1966 vor dem Roten Jahrzehnt erschienen ist, hat trotz des hohen Alters seine Aktualität nicht verloren und stellt eine solide und gut lesbare Plattform im Handbuchformat bereit, um sich der Philosophie von Karl Marx anzunähern und sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Karl Marx war trotz seines historischen Materialismus vor allem ein Idealist und hartnäckiger Träumer. Seine erträumte Diktatur des Proletariats war eine Utopie, wegen der er seine Arbeitsstellen, seinen deutschen Pass und sein Vaterland verlor. Krankheit, Armut, ein Leben im Exil, Anfeindungen, Verleumdungen und persönliche Schicksalsschläge bremsten seinen Elan nicht, auf tausenden von Seiten seinen wissenschaftlichen Sozialismus zu entwickeln und durch die Mitarbeit bei den ersten kommunistischen Organisationen und Parteien konkret in die Tat umzusetzen . Karl Marx hat etwas von Sigmund Freud und Charles Darwin. Alle drei waren mutige Pioniere und Begründer von geisteswissenschaftlichen Epochen, die die Welt verändert haben. Alles, was sich heute auf der ganzen Welt „links“ nennt, hat unweigerlich seinen Ursprung in den Gedanken von Karl Marx. Kein Sigmar Gabriel ohne Karl Marx. Doch Karl Marx war nicht nur ein Idealist, sondern auch ein Revolutionär. Er wollte konkret die kapitalistische Wirtschaftsordnung und die sie tragenden staatlichen Institutionen abschaffen und glaubte, dass das in kurzer Zeit möglich sei. Er gab den Arbeitern der Frühzeit der Industrialisierung ein Klassenbewusstsein und das geistige Konzept, sich von Unterdrückung und Ausbeutung zu befreien. Karl Marx verließ den Elfenbeinturm und das stille Kämmerlein der hehren Philosophie und ließ sich auf die mühselige politische Drecksarbeit im konkreten Alltag ein. „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern“. „Kömmt“ klingt doch gut, nicht wahr?

Peter Stadler: Karl Marx. Ideologie und Politik.

Zum Weiterlesen: Das Manifest der kommunistischen Partei als pdf-Datei.

Schlange frisst Schlange: Jörg Fausers „Das Schlangenmaul“

Jörg Fausers 1985 veröffentlichter Roman „Das Schlangenmaul“ präsentiert dem Leser ein Deutschland Mitte der achtziger Jahre, das von Käuflichkeit, Karriere und Geldgeilheit entstellt ist. Von Jörg Fauser konnte man auch nichts anderes erwarten als eine weitere Ausarbeitung seines Theorems, dass im Yuppie-Deutschland des Dauerkanzlers Helmut Kohl jedes Ideal und jedes ehrliche Gefühl zum Kalkül und zur Ware verkommen ist. Bestechliche, karrieregeile Politiker und Polizisten, Alkoholiker, lauernde Steuerbeamte, rachesüchtige, hinterfotzige Ehefrauen, Prostituierte in der Sado-Maso-Hölle, brutale Kriminelle, ein geschäftstüchtiger Ausverkauf alter Hippie-Utopien, eine von Steuergeldern subventionierte Bla-Bla-Kultur ohne Substanz bilden die Kulissen einer düsteren bundesrepublikanischen Landschaft, die so hässlich wie wahr ist. Der Bogen der Schauplätze spannt sich diesmal von Hannover nach Berlin. Die platte norddeutsche Tiefebene, das ehemalige Preußen, das seit Bismarck Deutschland kulturell, sprachlich und jetzt auch politisch dominiert, unterkühlt und unsympathisch wie Heinz Harders ( hart, härter!) Auftraggeberin, die flachsblonde Nora Schäfer-Scheunemann. Doch kein verfrühter Siegestaumel, bitte. Natürlich bekommt auch das reiche und umtriebige Süddeutschland sein Fett weg. Der Lude und Ganovenboss Mike Malzan (ein krimineller Backenzahn, der alles zermahlt!) spricht mit gepflegt bayrischem Akzent, bevor er lästige Prostituierte ermordet, Wohnungen abfackelt und von einer Königskobra ermordet wird. Den wahrscheinlich einzigen positiven Ton, den „Das Schlangenmaul“ setzt, hört man ganz zum Schluss des Romans, als Heinz Harder trotz hoher Steuerschulden den 20000-DM-Scheck zerreißt. Das schmutzige Geld von Nora Schäfer-Scheunemann will er nicht. Geld stinkt eben doch.

Das Schlangenmaul

 

Peruvia Flakes

Fauser

Der Schneemann, Jörg Fausers 1981 erschienener und drei Jahre später mit Marius Müller-Westernhagen in der Hauptrolle verfilmter bekanntester Roman, erzählt Sigfried Blums vergeblichen Versuch, 2, 5 Kilo lupenreinen Schnee zu barer Münze zu machen. Dabei rutscht Blum, ein fast vierzigjähriger plan- und perspektivloser Anti-Held und Desperado, der überraschend auf der Insel Malta in den Besitz einer großen Menge Peruvia Flakes kommt, von Abenteuer zu Abenteuer, an verschiedenen Schauplätzen (vor allem Frankfurt, Amsterdam und Ostende), in Kontakt mit der mysteriösen bauernbarocken Cora, in einer dubiosen und kriminellen Dealer- und Prostituiertenszene, wo Verrat und Betrug den Ton angeben. Ähnlich wie Harry Gelb, der am Ende von Rohstoff betrunken und pleite aus einer Kneipe herausgeworfen wird, zieht auch Sigfried Blum am Romanschluss von Der Schneemann den kürzeren. Der Traum von der schnellen Kohle mit den vielen, schwarzen Nullen und der hemingwayschen Utopie einer kleinen Männerkneipe auf den Bahamas verflüchtigt sich. Der Loser Blum kann mit Ach und Krach sein eigenes Leben retten und zieht sich die Strip-Show in der Roxy Bar rein. Weniger autobiographisch und authentisch als Rohstoff überzeugt die Handlungsentwicklung nicht überall. Fauser ist aber wahrscheinlich an der Schlüssigkeit und Kongruenz eines klassischen Krimis gar nicht interessiert. Seine Stärken hat Der Schneemann in der beißenden Kritik der bundesrepublikanischen Verhältnisse der achtziger Jahre sowie in den häufig eingestreuten aphoristischen Bonmots von Fausers gnaden- und hoffnungslosem Nihilismus.

Jörg Fauser-Der Schneemann

 

Jörg Fauser: Rohstoff

joerg_fauser_todestag_jung_body_n.2159984Ich hätte eigentlich Jörg Fauser Anfang der 80-iger Jahre lesen sollen, als er für das Westberliner Stadtmagazin TIP schrieb und nach der Veröffentlichung seines Romans Der Schneemann seine erfolgreichste Zeit als Schriftsteller hatte, bevor er 1987 viel zu früh starb. Wieder einer. Das Romantiker-Syndrom. Love hard , live fast, die young. Damals rauschte jedenfalls, wer weiß aus welchen Gründen, Fauser an meinem studentischem Wirrkopf vorbei. Ich las einige der amerikanischen Autoren, von denen er schamlos abkupferte (Hemingway, Kerouac, Burroughs, Bukowski), aber Fauser selbst ignorierte ich.

Der Roman Rohstoff, den viele für seinen besten überhaupt halten, wurde 1982 veröffentlicht. Er erzählt die Geschichte von Fausers Alter Ego Harry Gelb und nimmt die Handlungsstränge von Fausers allerersten, Anfang der siebziger veröffentlichten Romanen wieder auf. Viele der in Rohstoff auftauchenden Orte (Istanbul, Berlin, Göttingen, Frankfurt), die im Roman erwähnten Personen (durch fiktive Namen ersetzt) und auch die aufeinander ab folgenden Situationen selbst, die einen nicht genau definierten Zeitraum von Ende der sechziger Jahre bis Mitte der siebziger Jahre abdecken, dürften mehr oder weniger entfremdet Fausers eigene Biographie nacherzählen. Life is art. Nichts erfinden, sondern am eigenen Leib Erlebtes beschreiben.

Harry Gelbs Leben ist eine Abfolge von endlosen Frustrationen. Er veröffentlicht seine ersten Bücher, kann aber davon nicht leben. Deshalb muss er sich notgedrungen auf Gelegenheitsjobs (Angestellter bei der Bundesbank, Nachtwächter, Flughafenarbeiter bei der Gepäckabfertigung, Chefredakteur bei der Zeitschrift Zero etc.) einlassen, die er genauso häufig wechselt wie seine Frauen und Wohnsitze. Drogenerfahrungen, zuerst mit Opium, dann mit banalem Alkohol kennzeichnen Harry Gelbs Künstlerexistenz, die nur nach vielen Rückschlägen zu einer eigenen Identität findet. Das Buch endet bezeichnenderweise mit dem Hinauswurf des stockbesoffenen Gelb aus einer Frankfurter Kneipe, wo das Honorar seiner ersten Lesung nicht ausreicht, um seine Zeche zu bezahlen.

Rohstoff ist aber nicht nur Fausers Autobiographie, sondern die Dokumentation einer ganzen Generation. Aus der Sicht eines Außenseiters und gnadenlosen Skeptikers beschreibt er den Kater und Katzenjammer der Nach-Achtundsechziger, die aus dem Revolutionsrausch erwacht sind und sich entsetzt die Augen reiben. Übriggeblieben von den abgestürzten kühnen Utopien der Weltveränderung ist der Steinbruch von Fausers tieftraurigen Lebensweisheiten, von denen der Roman übersät ist. Die wird man als Leser nicht immer wort- und gedankengenau übernehmen wollen , sie sind aber immer intelligent genug, um sich darüber Gedanken zu machen und bezeugen Fausers Tiefgang. Vor allem die Verachtung des deutschen Kulturbetriebs zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Roman:. … was uns zu schaffen machte, war dieser deutsche Brei, diese klebrige Soße, die sie mit ihren Kulturprodukten servierten, und diese Soße schmeckte so schlecht, weil sie zubereitet war aus den Rückständen politischer Krankheiten, aus den überlebten Doktrinen des Jahrhunderts, und angereichert mit den politischen Modebegriffen der jeweiligen Saison. Davon wurde uns schlecht, das machte uns manchmal mutlos, der Anblick dieser Völlereien, das Geschleime und Gesabber an Tischen, die sich immer noch unter Schüsseln voller toter Theorien und Ästhetiken bogen, und dann die Kotzereien im Feuilleton und die Blutspuren bis in die Hochsicherheitstrakte.

Jörg Fauser-Rohstoff

Häschen in der Grube

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Rolf Dieter Brinkmann – In der Grube

Schon in Brinkmanns allererster Veröffentlichung im Jahre 1962, der längeren Erzählung „In der Grube“ sind sofort alle Elemente vorhanden, die seine Welt charakterisieren. Ein obsessiver, monomanischer, brachialer, experimenteller Schreibstil, der hier endlose Bewusstseinsströme verbalisiert, die etwa in der Mitte der Erzählung (kursiv gesetzt) dann sogar, wie im Kino, in einen Zeitraffer geraten, was die Lektüre nicht unbedingt einfacher macht. Auch das Thema ist Brinkmann-typisch: eine Hasstirade, diesmal gegen seine Geburtsstadt Vechta, wo er auf einer Zugreise nach Hamburg, aus purer Sentimentalität und Nostalgie aussteigt, nur um einen Tag puren Horrors dort zu verbringen. Eingerahmt ist alles von zwei Besuchen in der Bahnhofstoilette am Anfang und am Ende der Erzählung. Die Erinnerungen werden zu flüssigen und festen Ausscheidungen, die den Gully runterrauschen. Es wird eine eklige norddeutsche Provinz der sechziger Jahre gezeichnet, wo Konsum, Heuchelei und Dummheit den Ton angeben. Echte und ehrliche Beziehungen sind dort unmöglich. Folgerichtig trifft der Protagonist im Laufe des Tages niemanden, weder seine Eltern, noch alte Freunde und schon gleich gar nicht seine ehemalige Freundin Manon, mit der die Beziehung in Gewalt und Frustration endete. Wie immer, stellt Brinkmann den Leser mit solcher Radikalität vor eine Ja-Nein-Entscheidung. Entweder man kennt solche Gefühle der Entfremdung, Verzweiflung und Heimatlosigkeit, wie sie „In der Grube“ beschrieben werden. Dann wird man Brinkmann mögen und vielleicht sogar bewundern. Oder man hat ein völlig anders geschnürtes Gefühls- und Gedankenkorsett. In diesem Fall wird man die Lektüre von Brinkmanns Texten schnell verärgert abbrechen.

In der Grube

 

Die Umarmung der oldenburgischen Boa Constrictor

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Die meisten kennen ja (wenn überhaupt) Rolf Dieter Brinkmann als Lyriker. Manche wissen auch noch, dass Brinkmann lange, unzumutbare und unleserliche „Tagebücher“ geschrieben hat, die nach seinem frühen Tod als „Materialsammlungen“ veröffentlicht wurden und aus denen vermutlich nie verwirklichte Prosaprojekte destilliert werden sollten („Rom, Blicke“ und „Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand“). Fast niemand weiß, dass Brinkmann 1962 mit der Erzählung „In der Grube“ als Prosaautor begonnen und 1965 einen kleinen Prosaband „Die Umarmung“ mit sechs Erzählungen veröffentlicht hat. Wie kaum bei einem anderen Autor scheiden sich bei Brinkmann die Geister und Lager. Entweder man mag ihn so sehr, dass man ihn immer wieder liest oder man hasst ihn sofort, stellt sein Buch nach eineinhalb gelesenen Seiten ins Regal zurück und verurteilt ihn zu lebenslänglicher Nichtbeachtung. In einem einzigen Zug kann aber wohl kaum einer die 400 Seiten Prosatexte durchlesen, die Rowohlt in diesem dicken Erzählband zur Verfügung gestellt. Dafür sind die Texte zu dicht geschrieben. Man muss die Prosatexte Brinkmanns unvermeidlich aufteilen und häppchenweise lesen. Ich hab mir diesmal, wie schon erwähnt, die sechs Stücke von „Die Umarmung“ vorgenommen. Eine lineare Erzählung mit Anfang und Ende sowie eine klassische Handlung, auf die der Titel der Erzählung vorbereitet, darf man sich bei Brinkmann sowieso nicht erwarten. Es handelt sich vielmehr um nicht enden wollende, unglaublich intensive und obsessive Bewusstseinsströme, in die der Leser mit hineingerissen wird. Wut und Verzweiflung über die potthässliche Welt gerinnen zu Satzungetümen und Hasstiraden. Etwas Vergleichbares hab ich zumindest in der deutschen Literatur noch nie gelesen. Brinkmann wird mit seiner Sprache allein zum Markenzeichen. Als einziger Schriftsteller mit einem ähnlich absoluten Erkennungswert seines Sprachstils fiele mir nur noch Franz Kafka ein. Die erste Erzählung „Der Arm“ erzählt von einem Schüler, der im Bett liegt und an die Krebskrankheit seiner Mutter denkt. Mitten in der Nacht öffnet am Ende der Erzählung jemand seine Zimmertür (um ihm mitzuteilen, dass seine Mutter gestorben ist?). Es folgt „Das Lesestück“, das eine Deutschstunde beschreibt. Ein Lehrer reagiert nachsichtig auf die Entdeckung eines Pornoheftes seiner Schüler. „Weißes Geschirr“ erzählt das letzte Rendezvous einer Jugendliebe. „Geringes Gefälle“ berichtet aus einer Cafeteria und ist eine Anklage gegen die Konsumgesellschaft. Die essenden und trinkenden Personen werden in ihrer bodenlosen Hässlichkeit und Dumpfheit bloßgestellt. „Die Umarmung“ ist eine weitere Bloßstellung der sich formierenden Spaß- und Genussgesellschaft. Diesmal attackiert Brinkmann nicht die Gaumenfreuden, sondern die Sexualität. In einer unglaublich direkten und pornographischen Sprache, die sicherlich 1965 sehr provozierend war, aber in ihrer photographischen Direktheit und Brutalität auch etwas Unschuldiges und Poetisches besitzt, schildert Brinkmann Sex als etwas zutiefst Desolates, Widerliches, Ekliges, Tierisches, Unmenschliches. Auch die Schwangerschaft der Frau und der in ihr entstehende Embryo ist Teil dieser Horrorgalerie des Lebens. „Der Riss“ spielt in einer hässlichen und bedrohlichen Entbindungsstation, wo ein Mann darauf wartet, dass seine Frau ihr Kind zur Welt bringt. Außer dem hier etwas ausführlicher besprochenen Erzählband „Die Umarmung“ bietet die rowohlt’sche Zusammenstellung von Brinckmanns „Erzählungen“ noch seine zwei ersten in Anthologien veröffentlichten Erzählungen „Die Grube“ und „Die Bootsfahrt“, den 1966 veröffentlichten Erzählband „Die Raupenbahn“ sowie bisher unveröffentlichte sechs Erzählungen aus den Jahren 1959 bis 1961 mit dem Titel „Was unter die Dornen fiel“. Heiner Müller hat Brinkmann einmal „vielleicht das einzige Genie der westdeutschen Nachkriegsliteratur“ genannt. Keiner weiß, ob das stimmt. Sicher ist jedenfalls, dass Brinkmanns literarischer Wert auch heute nach 40 Jahren völlig unterschätzt bleibt. Rolf Dieter Brinkmann: Erzählungen

The Crying Of Lot 49

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Als ich in den achtziger Jahren am West-Berliner John-F.-Kennedy-Institut studierte, sprachen alle vom „postmodernen Roman“ und von Thomas Pynchon als dessen wichtigsten Vertreter. Die Lektüre seines Erstlingsromans „V“ (1963) und vor allem seines Hauptwerks „Gravity’s Rainbow“ (1973) wurde allen Studierenden wärmstens empfohlen. Das hörte sich erst einmal ganz vernünftig an, doch der Spaß hörte schnell auf, wenn man konkret anfing, Pynchons Bücher zu lesen. „V“ hat den Umfang von Manns „Zauberberg“, „Gravity’s Rainbow“ den von Joyces „Ulysses“. Plot und Stil sind dermaßen komplex, schwierig und verschachtelt, dass ich beide Romane nach ein paar hundert Seiten quälender Lektüre abgebrochen und frustriert ins Regal zurückgestellt habe. Das war zwar weiter halb so schlimm, denn ähnliches war mir auch schon bei anderen Autoren passiert, etwa bei dem schon erwähnten James Joyce, aber auch bei anderen Klassikern der modernen Literatur wie Thomas Musils „Mann ohne Eigenschaften“ oder Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Alles für mich unleserliche Biester. Das Thema Thomas Pynchon war für mich damit erledigt. Ein übler Nachgeschmack bleibt bei solchen frustrierenden Leseerfahrungen trotzdem zurück. Als mir jetzt vor ein paar Wochen ein Freund erzählte, dass er Pynchons „Vineland“ lesen wolle und dieser Roman gar nicht so schwer zu lesen sei, habe ich noch einmal einen Versuch gewagt und mir Pynchons 1966 erschienenen Roman „Die Versteigerung von No. 49“ vorgeknöpft, der ebenfalls den Ruf hat, zu seinen zugänglichsten Werken zu gehören. Zumindest ist er mit 160 Seiten erfreulich kurz. Da ich ein gebranntes Kind war, hab ich nicht einfach angefangen zu lesen, sondern mir vorher einige Inhaltsangaben des Romans und seiner sechs Kapitel sowie Analysen der Romanfiguren aus dem Netz heruntergeladen. Die Lektüre konnte beginnen und lief erstaunlich und erfreulich glatt. Der Roman begann mir zu gefallen. Und nicht nur das: Nachdem ich ihn ein zweites Mal gelesen hatte, war ich schlichtweg begeistert! Die sicherlich mit autobiographischen Elementen angereicherte Geschichte um die Protagonistin Oedipa Maas, die als Testamentsvollstreckerin ihres ehemaligen Liebhabers Pierce Inverarity das mysteriöse alternative Kommunikationsnetz W.A.S.T.E und den anarchischen Geheimbund „Trystero“ entdeckt, beschreibt natürlich auch das Entstehen der amerikanischen Counterculture Mitte der sechziger Jahre, die ja in Kalifornien einen ihrer Hauptschwerpunkte hatte. Die Hinweise auf solche Zeitumstände sind zu auffällig. Die Musikgruppe „Paranoids“ entspricht allzu offensichtlich den Beatles und der musikalischen „British Invasion“ im Jahre 1964, die LSD-Experimente von Dr. Hilarius gab es wirklich im Kalifornien der sechziger Jahre. Doch Pynchon wäre nicht Pynchon, wenn er sich mit einem banalen Aufspringen auf den Zug des Zeitgeists begnügen würde. Das „Trystero“-System reicht nämlich, so erfährt man im Laufe des Romans, weit zurück in die europäische Geschichte und entstand schon Ende des 16. Jahrhunderts im gegen Spanien rebellierenden Holland, in dem ein alternatives Postsystem zu Thurn und Taxis heranwuchs. Nach der gescheiterten Revolution 1848 emigrierten die Geheimbündler dann ein Jahr später im Jahr des kalifornischen Goldrausches 1849 nach Amerika, was dem Roman wahrscheinlich seinen Namen gab. Pynchon bindet somit seine Geschichte des subversiven Anti-Apparats „Trystero“ in die Geschichte der europäischen Neuzeit ein und liest sie als Kampf der intelligenten rechtlosen Außenseiter gegen den kulturdominanten Mainstream, der seit eh und je an den Schalthebeln der Macht sitzt. Allerdings bliebt trotzdem bis zum Schluss unbeantwortet, ob dieser „Trystero“ tatsächlich existiert oder nicht vielleicht doch nur ein eine Wahnvorstellung von Oedipa Maas ist oder noch schlimmer, eine Verschwörung des toten Inverarity gegen seine ehemalige Geliebte. Absolut lesenswert.

The Crying of Lot 49

 

Klassiker der amerikanischen Literatur

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Der 1969 veröffentlichte Roman „Slaughterhouse-5“ von Kurt Vonnegut ist längst ein Klassiker der nordamerikanischen Literatur. Das hat mindestens zwei Gründe. Einmal gehört der Roman zu den wichtigsten Werken der modernen Antikriegsliteratur (in Deutschland etwa Heinrich Böll oder Wolfgang Borchert). Das Buch beschreibt in einem seiner Handlungsstränge nämlich die unnötige Bombardierung Dresdens im Februar 1945, die Vonnegut persönlich erlebt hat und die er in der Figur des (Anti-)Helden Billy Pilgrim nacherzählt. Im Keller des stillgelegten „Schlachthof-5“ überlebt eine Gruppe von amerikanischen Kriegsgefangenen das Inferno und kann davon berichten. Der Roman gehört, zweitens, zu den (glücklicherweise relativ kurzen und im Vergleich zu anderen Romanlabyrinthen noch relativ einfach zu lesenden) Klassikern der sogenannten „postmodernen“ Literatur. Dieser nie genau definierte, schillernde Begriff versucht einige Charakteristiken zu beschreiben, die speziell die nordamerikanische Literatur ab der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auszeichnen. „Slaughterhouse-5“ macht ständig Anspielungen auf andere (erfundene oder wirkliche) Bücher und reflektiert die eigene Handlung in ihnen (Intertextualität). Neben der Erzählung des Kriegsgeschehens in Dresden hat der Roman noch zahlreiche andere Ebenen (das heutige Leben Billy Pilgrims als erfolgreicher Geschäftsmann in Illium, Episoden auf dem extragalaktischen Planeten Trafalmadore, der „Autor“ taucht an mehreren Stellen des Romans direkt auf usw.), eine Schreibtechnik,  die von der Literaturwissenschaft gern mit dem Begriff „Metafiktionalität“ umrissen wird.  Ein solcher Roman hat natürlich keine lineare und chronologische Erzählweise mehr, sondern hüpft ständig zwischen verschiedenen Zeitebenen und Handlungssträngen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin und her, was in „Slaughterhouse-5“ möglicherweise auch mit den im Krieg und bei einem Flugzeugunglück erlittenen Traumata Billy Pilgrims in Verbindung steht. Jede Form von Entwicklung oder Evolution wird geleugnet. Der freie Wille existiert nicht. Die Romanfiguren sind passiv oder werden von undurchschaubaren Kräften und Mächten fremdgesteuert. Aus der Geschichte wird nichts gelernt. Eine verbindliche Weltsicht und ein Sinn des Lebens fehlen (postmoderne Beliebigkeit). Die menschliche Gattung wird als gewalttätig und gefährlich geschildert. Der Krieg in Dresden geht im Vietnam-Krieg von Billys Sohn Robert weiter. Ein an sich vom Verstand her abgelehnter Reproduktionsprozess setzt sich als nicht steuerbarer Instinkt fort und die Weltbevölkerung wächst im Jahre 2000 auf unheilvolle sieben Milliarden, was Vonnegut in Zeiten, als es das Wort „Umweltschutz“ noch nicht gab, erstaunlich präzise prognostiziert hat. Ein solcher Antikriegsroman passte natürlich bestens zu den Nach-Hippie-Zeiten und zur Protestbewegung gegen den Vietnam-Krieg. Die sehr düstere und pessimistische Weltsicht Vonneguts allerdings nimmt ein halbes Jahrhundert zuvor Gefühlslagen vorweg, die erst heute nach der Weltwirtschaftskrise 2007 und in einer total globalisierten Welt den Ton angeben.  Für meinen persönlichen Geschmack ist der Roman allerdings überkonstruiert.

Kurt Vonnegut – Slaughterhouse-5

Alte Amazon-Rezensionen

Beste Cohen-Biografie

Die Biografie von Sylvie Simmons, die auch in deutscher Übersetzung vorliegt,  ist für mich zu spät gekommen. Ich habe sie zu einem Zeitpunkt gelesen, als mein eigenes Manuskript schon im Lektorat war und der Verleger drängelte. „I’m Your Man“ ist zweifellos die beste Cohen-Biografie, die zurzeit greifbar ist. Ich wage sogar zu behaupten, dass das in jahrelanger Arbeit aufwendig recherchierte, sauber dokumentierte und mit viel Liebe geschriebene Buch die nächsten zehn, vielleicht sogar zwanzig Jahre keinen ebenbürtigen Nebenbuhler haben wird. Sylvie Simmons ist eine der bekanntesten Musikjournalistinnen der Welt und hat mit „I’m Your Man“ einen Meilenstein und ein Meisterwerk vorgelegt. Dennoch wage ich eine Kritik. Das Buch braucht drei Voraussetzungen für eine befriedigende Lektüre, die nicht selbstverständlich sind: Man kennt Cohens Lebensdaten wenig oder gar nicht. Man hat Zeit und Lust ein dickes Buch mit 25 Kapiteln zu lesen. Man ist davon überzeugt, dass biografische Daten in Hülle und Fülle auch Cohens poetisches Werk erschließen helfen. Denn wenn eine, zwei oder alle dieser drei Voraussetzungen abhandenkommen, verflüchtigt sich stufenweise der Überschwang der Begeisterung über Simmons’ Buch, die auch die Cohen-Foren durchweht. Wer wie ich und vermutlich viele andere Cohen-Fans die guten Biografien Nadels und Reynolds schon gelesen hat, findet in Simmons’ Buch bis zum 20. Kapitel („Im Kloster“) kaum Neues. Sicher ist es witzig zu lesen (Kapitel 18), wie Cohen Sean Dixons Katze Hank mit Om-Gesang heilt oder zum „Ameisenflüsterer“ in seiner eigenen Küche wird,  aber wenn man all das nicht weiß, geht die Cohen-Welt auch nicht unter.  Ich gebe zu, dass ich noch nicht einmal wusste, wer Sean Dixon überhaupt ist. Wem es angst und bange wird, wenn er so umfangreiche Wälzer wie „I’m Your Man“ aufschlägt, kann alternativ zu dem kleinen Büchlein von David Sheppard aus der Serie „Kill Your Idols“ aus dem Jahre 2000 greifen. Es fehlen dort sicher die neuesten Informationen, aber in Ermangelung einer aktuelleren Studie (leider hat es Leonard Cohen noch nicht wie Bob Dylan zu einem „rough guide“ von „penguin“ geschafft) ist die Lektüre von Sheppards Untersuchung trotzdem ein guter Einstieg in die Cohenologie für Leute, die in ihrem Leben noch anderes tun müssen als Biografien zu lesen. Dass biografische Daten beim Verständnis von Cohens Liedern, Gedichten, Romanen helfen, steht glücklicherweise außer Frage. Natürlich geht gute Kunst wie die von Cohen aber weit über sein Leben hinaus. Immer neue Gespräche mit Suzanne Vaillancourt (Kapitel 7) sind letztendlich nicht der richtige Ansatz, um Cohens Lied „Suzanne“ besser zu verstehen. Eine umfassende, nicht vom Leben auf die Kunst schielende, sondern direkt bei Cohens Kunst ansetzende Werkanalyse wie die von Christopher Ricks und Michael Gray für Bob Dylan fehlt bisher für den kanadischen Ausnahmekünstler.

(02.10.2012)

Sylvie Simmons-I’m your man. Das Leben des Leonard Cohen

Lang lebe Rolf Dieter Brinkmann!

Ich bin natürlich ein Fan von Brinkmanns Schriften, und Fans sind bekanntermaßen verblendet. Der 1975 veröffentlichte Gedichtband „Westwärts1&2“, dessen Originalversion ein wohl vom schlechten Gewissen umgetriebener „Rowohlt Taschenbuchverlag“ dreißig Jahre nach Brinkmanns tragischem Tod seiner geschätzen Leserschaft nicht mehr vorenthalten konnte, bietet eine völlig unzumutbare und unleserliche „Materialsammlung“ von genialisch hoch inspirierten Texten und banalen, für den bloßen Moment gedachten flüchtigen, teilweise völlig abstrusen Überlegungen. Das Buch erinnert natürlich auffällig an Brinkmanns andere, ein paar Jahre zuvor geschriebene, unter Roman durchgehende „Materialsammlung“ namens „Rom, Blicke“. Gerade die siebzigseitige, bisher nicht pubblizierte Hasstirade auf Deutschland am Ende von „Westwärts1&2“ (in Form von frei assoziativer, mit Photos entstellter Prosa) lässt sich der literarische Gourmet genüsslich auf der Zunge zergehen. Natürlich musste das Vaterland den krisengebeutelten Brinkmann dafür mit dem Unfalltod in London bestrafen. Jetzt, nachdem aller Zorn verraucht ist, wollen die Schlaumeier, bevor die Urheberrechte verfallen, noch einmal kräftig Reibach mit Brinkmanns Leid und Unheil machen. Liest diese Zeilen auch eigentlich irgendjemand, der Anthologien für Schulbücher zusammenstellt: bitte einige Gedichte aus „Westwärts1&2“ für das Kapitel „Nachkriegslyrik“ vorsehen. Brinkmann hätte sich Schadensersatz von Deutschland verdient!

(29.11.2011)

Rolf Dieter Brinkmann – Westwärts 1 & 2

Unter den Teppich gekehrter Klasiker

Rolf Dieter Brinkmanns Buch „‚Keiner weiß mehr“‚ ist einer der ganz großen, aber leider oft unbeachtet gebliebenen Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur. In jeder Anthologie finden sich die Werke von Böll, Enzensbeger, Grass, Rinser, fast immer fehlen die Prosa und Lyrik von Rolf Dieter Brinkmann. Für den deutschen Kulturbetrieb ist er wohl auch heute noch zu radikal, zu böse, zu ehrlich, zu pornographisch, zu rebellisch, zu unakademisch. Schade. Rolf Dieter Brinkmann hat kompromisslos und ohne jedes Schielen in Richtung Massenpublikum bis zu seinem frühen Tod einen faszinierend experimentellen Schreibstil weiterentwickelt. Dass dieser seltsam-tragische Unfalltod auch mit den großen persönlichen und finanziellen Problemen in London 1975 zu tun hat, macht ihn mir nur noch sympathischer. ‚“Keiner weiß mehr“‚ gehört zu den hundert wichtigsten Romanen der deutschen Literaturgeschichte.

(12.12.2011)

Rolf Dieter Brinkmann – Keiner weiß mehr

Lohnende Lektüre

Bölls 1963 erschienener Roman „Ansichten eines Clowns“ stammt aus seiner schöpferischsten Phase in den fünfziger und sechziger Jahren und ist einer der großen Klassiker der deutschen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vermutlich ist eine solche Einschätzung sogar noch tiefgestapelt. Mit diesen zwei Sätzen hat man eigentlich schon alles gesagt. Muss man denn unbedingt noch seinen Senf dazugeben, wenn es für ein Buch, das überall auf der Welt immer noch die Lehrpläne und Vorlesungsverzeichnisse füllen hilft, schon unzählige Interpretationshilfen und Materialsammlungen gibt? Wahrscheinlich nicht. Und doch ist „Ansichten eines Clowns“ nicht nur Gähnreflexe auslösende Zwangslektüre für zukünftige Deutschlehrer oder was sind das nur für Leute, die mit ihren Literaturkenntnissen Eindruck schinden wollen. Es ist ganz einfach ein gutes und lesenswertes Buch. Die paar Stunden im Leben von Hans Schnier, in denen er sein Clown-Leben Revue passieren lässt, ist meiner Kenntnis nach immer noch die beste literarische Beschreibung der Schattenseiten des Rheinkapitalismus und der Adenauer-Zeit, die ja heute für viele zur Legende geworden sind. Denn die rosa Mär vom Wirtschaftswunderland hat jede Menge Stacheln und Dornen und war vor allem für Künstler eine beschissene Zeit. Hans Schniers Eltern waren beide überzeugte Nationalsozialisten und haben sich in wundersamer Weise zu geizigen Millionären und hinterfotzigen CDU-Wählern gewandelt. Schniers Schreckschrauben-Mama arbeitet  bei einem surrealen „Zentralkomitee zur Versöhnung rassischer Gegensätze“. Schniers Papa ist erfolgreicher Braunkohlen-Unternehmer, hat eine Geliebte und überall seine Finger im Spiel. Schniers Bruder Leo wird Priester und ist Teil eines katholischen Bonner Klüngels, in dem Karrieregeilheit, brutaler Materialismus, doppelbödige Moral, Anpassung und Gehorsam den Ton angeben. Sein Fräulein Marie Derkum,  mit der er „in Sünde“ und in „wilder Ehe“ zusammenlebte und über welcher ständig das Damoklesschwert des Kuppelparagraphen schwebte, hat ihn für ein „hohes Tier“ verlassen und verbringt gerade die Flitterwochen im päpstlichen Rom mit dem arrivierten katholischen Heribert Züpfer, ekelhafter Vorsitzender eines „Dachverbands katholischer Laien“. Da bleibt Hans Schnier beim Flipperspiel in bester Gesellschaft nur noch Abgang der Fürchterliche. Schniers Karriere als Komiker gerät in die Krise, er rutscht auf der Bühne aus, bekommt keine Auftritte mehr, verfällt dem Suff und endet als Penner auf den Stufen des Bonner Bahnhofs mitten im rheinländischen Karnevalstreiben.  Erstaunt hat mich der teilweise sehr persönliche und poetische Schreibstil Bölls in diesem Roman. Normalerweise kenne ich ihn ja eher als bieder und konventionell (Eine solche Kritik sei auch einem Leser erlaubt, der nur wenige seiner Romane gelesen hat).  Auch zahlreiche Kommentare zu anderen Schriftstellern und literarischen Werken sowie an manchen wenigen Stellen metafiktionale Elemente fehlen im Roman nicht, mittels derer Böll manchmal über das Schreiben selbst reflektiert. „Ansichten eines Clowns“ ist ein wichtiges Bindeglied zwischen der Trümmerliteratur Wolfgang Borcherts und „Keiner weiß mehr“ von Rolf Dieter Brinkmann. Absolut lesenswert.

Heinrich Böll – Ansichten eines Clowns