Häschen in der Grube

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Rolf Dieter Brinkmann – In der Grube

Schon in Brinkmanns allererster Veröffentlichung im Jahre 1962, der längeren Erzählung „In der Grube“ sind sofort alle Elemente vorhanden, die seine Welt charakterisieren. Ein obsessiver, monomanischer, brachialer, experimenteller Schreibstil, der hier endlose Bewusstseinsströme verbalisiert, die etwa in der Mitte der Erzählung (kursiv gesetzt) dann sogar, wie im Kino, in einen Zeitraffer geraten, was die Lektüre nicht unbedingt einfacher macht. Auch das Thema ist Brinkmann-typisch: eine Hasstirade, diesmal gegen seine Geburtsstadt Vechta, wo er auf einer Zugreise nach Hamburg, aus purer Sentimentalität und Nostalgie aussteigt, nur um einen Tag puren Horrors dort zu verbringen. Eingerahmt ist alles von zwei Besuchen in der Bahnhofstoilette am Anfang und am Ende der Erzählung. Die Erinnerungen werden zu flüssigen und festen Ausscheidungen, die den Gully runterrauschen. Es wird eine eklige norddeutsche Provinz der sechziger Jahre gezeichnet, wo Konsum, Heuchelei und Dummheit den Ton angeben. Echte und ehrliche Beziehungen sind dort unmöglich. Folgerichtig trifft der Protagonist im Laufe des Tages niemanden, weder seine Eltern, noch alte Freunde und schon gleich gar nicht seine ehemalige Freundin Manon, mit der die Beziehung in Gewalt und Frustration endete. Wie immer, stellt Brinkmann den Leser mit solcher Radikalität vor eine Ja-Nein-Entscheidung. Entweder man kennt solche Gefühle der Entfremdung, Verzweiflung und Heimatlosigkeit, wie sie „In der Grube“ beschrieben werden. Dann wird man Brinkmann mögen und vielleicht sogar bewundern. Oder man hat ein völlig anders geschnürtes Gefühls- und Gedankenkorsett. In diesem Fall wird man die Lektüre von Brinkmanns Texten schnell verärgert abbrechen.

In der Grube

 

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