Mein neues Buch „Italien!“ ist soeben im Westkreuz-Verlag erschienen!
Autor: Wolfgang Haberl
Byung-Chul Han: Im Schwarm
Meine Erfahrungen bei der Lektüre von philosophischen Büchern im Original waren lange Zeit eher traumatisch. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mir Anfang der achtziger Jahre während meines Philosophiestudiums, das ich nach ein paar Semestern abgebrochen habe, die Zähne an unverdaulichen Texten wie Monadologie, Die Kritik der reinen Vernunft, Phänomenologie des Geistes und anderen Geistesblitzen mehr ausgebissen habe. Als ich dann Mitte der achtziger Jahre auf Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung stieß, war das eine regelrechte Erleuchtung für mich. Zum ersten Mal hatte ich einen Philosophen gefunden, der mir aus der Seele sprach und den ich verstand.
Ein bisschen ähnlich wie mit Schopenhauers Buch ist es mir jetzt bei der Lektüre von Byung-Chul Hans Büchlein Im Schwarm ergangen. Ich hatte sofort das Gefühl und Bewusstsein, dass hier jemand Gemütsverfassungen und Betrachtungen artikuliert zur Sprache gebracht hat, die auch meine eigenen geistigen Jagdgründe ausmessen.
Ohne dass ich an dieser Stelle eine genaue Analyse der 16 kleinen Kapitel liefern will, versucht Han die erste mir bekannte überzeugende Abhandlung über ein Phänomen, das allgemein digitale Revolution genannt wird. Dabei holt er sehr weit aus und geht bis auf Marshall McLuhans Schriften der sechziger Jahre zurück, als dieser schon 1964 von einem radikalen Paradigmenwechsel im Zusammenhang der Verbreitung der Massenmedien (vor allem des Fernsehens) sprach.
Die neue digitale Revolution , die für viele auch heute noch mit scheinbar positiven Werten wie Fortschritt, Modernität, Effizienz usw. positiv besetzt ist, bedeutet für Han den Fall in den Abgrund einer totalitären Überwachungsgesellschaft, wo vereinzelte Egoshooter ohne Bindungsfähigkeiten und Solidaritätsgefühle in den sozialen Netzwerken pausenlos pornographische Peep-Shows inszenieren. Die angebliche Freiheit ist längst in die erdrückenden Konformitätszwänge einer postindustriellen Gesellschaft umgeschlagen, wo nicht mehr skrupellose Kapitalisten die Industriearbeiter ausbeuten, sondern ständig präsente und verbundene Smartphones und Tablets die Selbstausbeutung zur Regel machen.
Sehr empfehlenswerte Lektüre.
© Wolfgang Haberl 2017
Helikopter-Robby
Es ist schon immer wieder erstaunlich zu lesen, wieviel die großen Fußballstars verdienen, ohne dass große Empörung laut wird. Die Volksseelen auf der ganzen Welt kochen nicht hoch und über, wenn Zlatan Ibrahimovic 14,5 Millionen Euro (nach Steuern und ohne Prämien und Werbeeinnahmen) bei Paris St. Germain verdient. Viele Millionen im Jahr verdienen natürlich auch noch Dutzende anderer Fußballer, die meistens in den gut bezahlenden Ligen Europas und in den Vereinen spielen, die Aussichten haben, die Landesmeisterschaften und die Champions League zu gewinnen. Komisch eigentlich, dass in Zeiten langjähriger chronischer Wirtschaftskrisen und geopolitischer Verwerfungen ein paar dutzend Sportlern erlaubt wird, so fett Asche zu machen. Die Flüchtlinge ersaufen im Mittelmeer oder kriegen eine von Assads Fassbomben auf den Kopf, der zweite Minsker Vertrag ist voll für den Arsch, in Paris hat man mal wieder das übliche historische Abkommen vereinbart, um den Klimawandel zu stoppen und ich verwette den Schlüpfer meiner Schwiegermutter darauf, dass nächstes Jahr die Schadstoffemissionen weiter steigen, doch unsere kreuzfidelen Fußballstars kicken munter wie immer und machen Köpper in ihre Golddukaten. Jetzt wird natürlich jemand zynisch sagen, dass ethische und moralische Bedenken in Josef Blatter einen schlechten Schutzpatron haben und dass die Spieler eben so viel verdienen, weil der Markt bereit ist, so viel für sie zu bezahlen. Mit einem hohen Intelligenzquotienten auf der einen oder anderen Bühne hat ein solcher Kuhhandel jedenfalls nichts zu tun. Denn die hellsten Kerzen im Leuchter sind Fußballspieler im Regelfall nicht. Sonst würden sie wahrscheinlich auch nicht 90 Minuten lang einer Lederkugel auf dem Rasen hinterherrennen. In den Jahren, wenn andere arme Wichte die Schulbänke drücken und auf der Parkbank den aus der Stadtbibliothek ausgeliehenen superkomplizierten Roman lesen, trainiert man als Fußballgott eben stundenlang in der Muckibude. Mit Wissen, Kultur und Bildung ist dann bei unserem Superstar nicht viel los. Macht nix, er wird ja fürs Toreschießen oder Toreverhindern bezahlt. Wenn er nach dem Spiel ein Interview gibt, worin er Bukarest zur Hauptstadt Ungarns kürt, hört man eben weg und glaubt nicht an einen Flüchtigkeitsfehler. Robert Lewandowski, momentan neben Thomas Müller einer der zwei Bomber des FC Bayern München, besitzt eine abgelegene Villa im polnischen Stanclewo, das unter dem Namen Sternsee bis 1945 zu Ostpreußen gehörte. Eine Bäckerei gibt es erst im nächsten 30 Kilometer entfernten Ort. Autofahren bis dorthin ist natürlich zu anstrengend. Was also tun, wenn man morgens frische Brötchen auf dem Tisch will. Na klar! Man mietet sich einen Heli inklusive Pilot. Ein Air Taxi kostet gerade mal 5000 Euro pro Tag und landet schnell mal eben auf der grünen Wiese vor der Villa. Kurze Zeit später steigt Roberts attraktives Eheweib Anna mit ein paar Einkaufstüten und wenig schlechtem Gewissen beschwert wieder aus dem Bauch des fliegenden Wals. Bei einem Jahresgehalt des Angetrauten in zweistelliger Millionenhöhe sind 5000 Euro natürlich Peanuts. Ein polnisches Durchschnittsmonatsgehalt erreicht auf dem Land netto kaum 800 Euro. Helikopter-Robby hat also für seinen Appetit auf frische Brötchen ein halbes polnisches Jahresgehalt verjubelt.
© Wolfgang Haberl 2017
Heldinnen und Helden
In der Zeitmaschine von Captain Kirk sehen wir Franz Kafka, wie er verschämt nackt im Gardasee badet und mit seinem Herzensfreund Max Brod ein Luxusbordell in Mailand besucht. Sonne, See und Sex als Erholung von den phantasmagorischen Albträumen seiner Schriften.
Rainer Maria Rilke schrieb auf Schloss Duino bei Triest viel zu lange Elegien. Die Deutsche Kriegsmarine ließ später dort von Zwangsarbeitern einen Bunker bauen, um sich gegen die Angriffe der Alliierten zu verteidigen. Man kann dort heute einen Spaziergang auf Rilkes Spuren machen. Wie viele Zwangsarbeiter beim Bunkerbauen starben, weiß keiner.
Hermann Hesse war in den Jahren 1904 bis 1914 oft in Oberitalien. Es zog ihn südwärts, aber er machte im reichen Tessin Halt, wo der Erfolgsschriftsteller sich in eine Mischkultur zwischen Schweiz und Italien einklinkte. Seine verrückte Frau deponierte er in der Klapsmühle und seine drei Söhne bei Freunden, bevor er sich dem Demian widmete. Vita brevis, ars longa. Initialzündungen für lange Isolationen in alternativen Literaturwelten. Scheue Umstürzler und Neinsager, die in Jungs Schatten Erholung vor der Wirklichkeit suchen.
Ingeborg Bachmann zündelte sich in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Ewigen Stadt zu Tode. Tatsächlich gibt es Rom auch heute noch. Sie rauchte, trank, war tablettenabhängig und hasste Delikatessen. Ihren kalten Krieg führte sie auf Ischia, in einer Künstlerkolonie zusammen mit Hans Werner Henze. Was hätte man mit so viel Talent auch im hinterwäldlerischen Klagenfurt anstellen sollen? Oder als schwuler letzter Cowboy im römisch-katholischen Gütersloh, wenn Papa doch meinte, dass „so etwas“ ins KZ gehöre.
Luise Rinser hat es nach vierzig Jahren in Italien am Ende doch vorgezogen, die letzten Jahre in einem Altersheim in München zu verbringen. Wie viel Exil darf’s denn sein, gnä‘ Frau?
Hans Magnus Enzensberger konnte vermutlich unter Lanuvios Palmen besser über Deutschland schimpfen als irgendwo im Bayerischen. Sein jüngerer Bruder Ulrich hat mit Italien nichts am Hut, muss sich wegen terroristischer Aktivitäten aus seinen wilden Jahren verantworten und ist mir irgendwie viel sympathischer als sein älterer Bruder
Rolf-Dieter Brinkmann wurde in Vechta im Oldenburger Münsterland geboren. Zu weit im Norden für einen wie mich, der kein stimmhaftes S hinbekommt. „Katholisch verseucht“ nannte Brinkmann die Gegend. In Goethes berühmtem Gedicht „Ein Gleiches“ spürte er keinen Hauch von echtem Leben. 1972 bekam er ein Stipendium in Rom in der deutschen Akademie Villa Massimo. In „Rom, Blicke“ demolierte er den Mythos Italiens beim deutschen Bildungsbürgertum. Der Autor kam tragisch bei einem Autounfall ums Leben. In London. Auf der Suche nach seinem „Wörtersüden“.
Muss man die alle kennen?
© Wolfgang Haberl 2017
Happy Birthday Mr. Rödl!
Heute hat Eddy bei mir angerufen und sich darüber beschwert, dass ihm niemand zum Geburtstag gratuliert. Klar, seine Eltern sind inzwischen beide tot und dass die ihn vom Jenseits anfunken, ist vermutlich ein bisschen zu viel verlangt. Mit seinen Brüdern hatte er seit Asbach Uralt ein grottenschlechtes Verhältnis, dass die ihn aus Austin und Hongkong, wo sie leben, anklingeln, ist allein schon wegen der Zeitzonen ein Riesenproblem. Ich mein, vielleicht bring ich das alles jetzt total durcheinander, aber spring du mal um drei Uhr morgens aus dem Bett oder stell um halb sechs die elektrische Zahnbürste im Bad ab, weil irgendjemand einen WhatsApp-Anruf startet und ein metallisches „Happy Birthday, Eddy!“ aus dem Handyhörer quakt. Das Ausbleiben der Glückwünsche seiner Brüder hat ihn noch nicht einmal besonders geärgert, weil er sich nichts Anderes erwartet hat. Da ist sowieso eigentlich nur noch tote Hose, was seine Familie anbelangt. Anrufen tut da eh keiner, zum Geburtstag nicht und auch sonst nicht, sagt mir Eddy am Telefon. Die kriegen doch nicht mal mit, wenn ich den Abgang mache und zu meinem Begräbnis kommt kein Schwein, klagt Eddy. Ich versuche ihn vergeblich zu beruhigen und sage, dass doch wenigstens seine Tochter und seine Frau den Termin nicht vergessen haben, nein natürlich nicht, sagt er, die ham mir sogar eine Flasche Schampus, eine Eistorte und zwei Pullover gekauft, aber die leben doch ständig mit mir zusammen, das gilt doch nicht, wenn die mir zum Geburtstag gratulieren, das ist doch nur was innerhalb der Familie. Am meisten hab ich mich darüber geärgert, meint Eddy, dass sich meine Schwiegermutter nicht gemeldet hat, das ist eigentlich ein starkes Stück, weil die seit einem Vierteljahrhundert jedes Mal zu meinem Geburtstag angerufen hat, nichts Besonderes, alles reichlich verlogen und formal, sagt er, aber er versteht nicht so recht, warum diesmal der Anruf ausgeblieben ist, 25 Jahre sind schließlich eine lange Zeit. Na ja, irgendeinen Grund wird es schon geben, vielleicht ist die irgendwie sauer auf irgendwas, aber wenn sie nicht anruft, wird man das nie klären, die alte blöde Schnepfe. Nur irgendwelche Banken und Vodafone schicken mir ihre Geburtstagswünsche per Mail, sagt Eddy. Die ham mein Geburtsdatum bei sich gespeichert, das ist doch einfach nur Werbung und Beutelschneiderei, das ist doch nur Interesse und Opportunismus, meint Eddy, da ist doch kein ehrliches Gefühl dahinter. Ich sag ihm, das mit dem Gefühl dahinter ist doch Schwachsinn, heute steht doch jeder auf doppeltem Boden und hat mindestens sieben verschiedene Gesichter für die jeweils passenden Gelegenheiten, und dann, sag ich ganz aufgeregt und verhasple mich ein bisschen, alles ist inzwischen nüchtern und sachlich geworden, so ist die Welt halt heute, so läuft der Hase eben, da kann man doch nichts ändern, schmink dir bitte deinen Blues ab. Dann ist erst mal Stille, bevor Eddy meint, irgend so ein Internetportal, wo ich mich mal registriert habe und ab und zu Unterrichtsblätter runterlade, schickt auch Geburtstagsgrüße, aber was soll denn der ganze Scheiß, die sind irgendwo in Polen, Tschechien oder Ungarn, die krieg ich nie in meinem Leben persönlich vor die Linse für ein Selfie, und außerdem ist mir das ganze New Europe eh unsympathisch, die sind alle bis auf die Knochen reaktionär. Ich sag, Eddy, du bist mal wieder so pauschal, das ist doch Kacke, in Bausch und Bogen, und auch so überempfindlich, jedenfalls wünsch ich dir Alles Gute zu deinem Geburtstag, ehrlich, wir sehn uns ja in letzter Zeit nicht mehr so oft, ist aber trotzdem von Herzen, alle deine Vorhaben sollen in Erfüllung gehen, Ausrufezeichen, das ist ein Befehl, ha, ha. Gesundheit, zwei Ausrufezeichen, wünsch ich dir natürlich auch, die kann man immer brauchen, die ist sowieso das Allerwichtigste, denk mal an Lou Reed und grad erst David Bowie. Grüße auch an die da und an den da auch, mehr ist mir auf die Schnelle nicht eingefallen. Eddy sagt, so spät gilt das doch nicht, warum hast du denn nicht schon morgens angerufen, du Spacko, am Abend geht das doch eigentlich gar nicht mehr und ich hab dich angerufen, nicht du mich, aber ich mein das natürlich nicht Ernst, nur ein lüttes Scherzchen unter alten Freunden, vielen Dank für deine Glückwünsche. Ich sag dann noch einmal Happy Birthday Mr. Rödl, er meint dann, warum nicht Mr. President, lol, das waren noch Zeiten damals, JFK und Marilyn, ach red doch kein Scheiß, der Kennedy hat doch den Krieg in Vietnam begonnen.
© Wolfgang Haberl 2017
Gift gab gewesen
Es ist in der Fachdiskussion nicht unumstritten, ab genau welcher Menge Alkohol bleibende Schäden verursacht. Aber selbst wenn verschiedenste Faktoren wie Körpergewicht, Erbveranlagung, Trinkverhalten und andere mehr eine Rolle bei dieser Berechnung spielen, geben viele als Richtwert 40 Gramm Alkohol pro Tag an. Das entspricht einem Liter Bier oder einem halben Liter Wein. Wer mehr trinkt, läuft Gefahr, seinen Körper zu zerstören. Die bekanntesten Schäden richtet Alkohol in der Leber an. Dieses Organ muss jeden Tag 2000 Liter Blut von allen möglichen Schadstoffen sauber waschen. Das Zellgift Alkohol zerlegt die Leber in Essigsäure und Kohlendioxid, wobei als Nebenprodukt das hochgiftige Acetaldehyd produziert wird. Dieses toxische Abbauprodukt verarbeitet die Leber zu Acetat. Die typischen Symptome eines Alkoholkaters beruhen auf der zu großen Menge von Acetaldehyd, die sich durch übertriebenen Alkoholgenuss angestaut hat. Doch die Schäden, die der Alkohol in der Leber anrichtet, sind nur vorübergehend wie ein Rausch und Kater. Aufgrund der Vergiftung durch Alkohol geraten der Stoffwechsel und Hormonhaushalt der Leber im Lauf der Jahre immer mehr durcheinander. Im Gewebe des Organs stauen sich Fettsäuren, die nicht mehr abtransportiert werden können. Man spricht von einer „Fettleber“, die sich bei rechtzeitiger Diagnose und Verzicht des Patienten auf Alkoholgenuss durch einen Selbstheilungsprozess noch zurückbilden kann. Wenn der Alkoholmissbrauch fortgesetzt wird, zerstört sich irgendwann einmal das Lebergewebe, was im Endstadium eine vernarbte Schrumpfleber herausbildet, die sogenannte Leberzirrhose. In den entzündeten Leberteilen können sich bösartige Krebszellen heranbilden. Dann kommt es zu einem Lebertumor. Eine kaputte Leber bringt auch den Blutkreislauf durcheinander. Das Organ reinigt das Blut auf seinem Weg vom Verdauungstrakt zum Herzen. Wenn es nicht mehr funktioniert, staut sich das Blut vor der Leber und muss sich einen alternativen Verlauf zum Herzen über die Venen der Speisröhre suchen. Doch für so viel Flüssigkeit sind diese Adern nicht gemacht. Sie schwellen an und reißen. Es kommt zu inneren Blutungen. Dieses Platzen der Ösophagusvarizen ist eine typische Alkoholikerkrankheit, kann aber auch bei anderen Fehlfunktionen der Leber auftreten. David Wagner spricht in seinem bekannten Buch „Leben“ aus dem Jahr 2013 von solchen lebensgefährlichen inneren Blutungen, die eine Lebertransplantation nötig machen. Doch nicht nur die Leber, auch die Bauchspeicheldrüse reagiert extrem sensibel auf das Zellgift Alkohol. Auch hier kommt es bei chronischem Alkoholmissbrauch zur Entzündung (Pankreatitis), die schnell chronisch wird, Schmerzen, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust und Erbrechen verursacht und, weil die insulinbildenden Zellen zerstört werden, eine Diabetes zur Folge hat. Geht der Alkoholkonsum weiter, wird die Bauchspeicheldrüsenentzündung chronisch und es entsteht Bauchspeicheldrüsenkarzinom. Auch hier wie beim Leberkrebs handelt es sich oft um Spätfolgen jahrzehntelangen Alkoholkonsums, da sowohl die Leberzirrhose als auch die chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung mit ihrem entarteten Zellwachstum und dem mutierten Stoffwechsel einen idealen Nährboden für die Bildung von Tumoren bereitstellen. Alkohol greift auch in den Blutkreislauf ein, steigert den Blutdruck und führt zu Herzrhythmusstörungen. Wenn noch weitere Faktoren wie Übergewicht oder Stress dazukommen, steigt auch die Gefahr eines Herzinfarkts. Auch das Nervensystem wird vom Alkohol angegriffen. Zu Beginn sind die Symptome oft noch relativ harmlos. So klagen Alkoholiker oft über Schmerzen an den Beinen und Muskelkrämpfe, was auf Schäden an den peripheren Nervenbahnen hindeutet. Doch es sind vor allem die Auswirkungen auf das Gehirn, die am besorgniserregendsten sind. Dass jeder Vollrausch Millionen von Gehirnzellen abtötet, mag vielleicht noch mit einer witzigen Bemerkung abgetan werden. Alkohol und Nikotin rafft die halbe Menschheit hin. Aber ohne Bier und Rauch, stirbt die andre Hälfte auch. Doch die feucht-fröhlichen Witzchen bleiben einem schnell im Halse stecken, wenn man weiß, dass übermäßiger Alkoholkonsum die Gedächtnisleistung und das Konzentrationsvermögen negativ beeinflusst. Man tut sich immer schwerer, intelligente Urteile zu bilden. Im Endstadium zerstört der Alkohol die Persönlichkeit sowohl im physischen als auch im psychischen Bereich. Es kommt zu vom Alkohol verursachten Demenzphänomenen. Bevor es zu spät ist, sollte man reagieren. Wenn der eigene Wille nicht ausreicht, um den Alkoholkonsum zu verringern (wozu das Eingeständnis falscher Trinkgewohnheiten unabdinglich ist), sollte man an eine Entwöhnungstherapie denken. In leichteren Fällen kann diese ambulant durchgeführt werden. Eine solche Therapie kostet viel Kraft und wird nur erfolgreich durchgeführt werden können, wenn es die Lebenssituation erlaubt. Andernfalls ist eine stationäre Behandlung angebracht. In speziellen Fachkliniken wird in einem Zeitraum, der bis zu vier Monaten dauern kann, eine stationäre Alkoholentwöhnung durchgeführt. Zwischen Leber und Milz passt dann kein Pils mehr.
© Wolfgang Haberl 2017
Kurt Novack: Das Christentum
Die Autorität Kim Nowaks zum Thema kann um Himmels willen niemand ernsthaft in Zweifel ziehen. Aber schmale Handbücher für die Jackentasche haben oft das Manko, dass sie nur Basisinformationen liefern können, die auf allzu offensichtlich ausgetretenen Pfaden wandeln und selten frische und originelle Informationen bereitstellen. So erklärt es sich vielleicht, dass sich Novaks Buch nur sehr zäh liest und sich nur an wenigen Stellen die dunklen Wolken der Langeweile etwas auflichten. Den Lektüreverzicht muss man nicht beichten.
Measure for measure
Meine Frau ist Englischlehrerin und vor einigen Wochen ging ich mit ihr ins Teatro India, wo Shakespeares relativ unbekannte Komödie „Measure for Measure“ zu sehen war. Das Verwechsel-Karrusell um den nur scheinbar integren und doppelbödigen Bösewicht Angelo und die tugendhafte Isabella samt unglaubwürdigem Happy-End (Angelo heiratet die erst verschmähte Marianna, Claudio kommt mit heiler Haut davon und der Herzog heiratet Isabella) überzeugt allerdings nicht wirklich.
Freundin in New York
Der Mensch ist nicht nur der Feind jedes anderen Menschen, sondern jeder anderen Kreatur auf dieser Erde. Mit solch schönen Gedanken sitzen wir heute bequem auf unseren Wohnzimmercouchs mit unseren nagelneuen Tablets und drahtlosem Zugriff auf Daten mit einer noch vor wenigen Jahren unvorstellbaren Geschwindigkeit und mit Mini-Kosten, die sich selbst ein Arbeitsloser leisten kann. Ein rechtzeitig gebuchter Flug nach New York hin und zurück kostet nicht mehr als ein paar hundert Euro. Stundenlang jeden Tag mit meiner Freundin dort zu telefonieren kostet mich fünf Euro im Monat. Willkommen im Globalen Dorf! Aber sind wir in all dieser grenzenlosen Freiheit glücklicher und emanzipierter geworden? Sehnen wir uns nicht alle nach einer kleinen und überschaubaren Gemeinschaft zurück, obwohl wir wissen, dass sie nur eine nostalgische Illusion in unseren Köpfen ist?
© Wolfgang Haberl 2017
Flittern
Es gibt manche Leute, die sagen, dass immer weniger junge Frauen (gerade in den großen Städten) Interesse an einer festen Beziehung und wahrer Liebe mit all ihren Irrungen und Wirrungen haben und anstelle derer sich mit schnellem Sex begnügen. Vielleicht sind sie nicht wirklich glücklich darüber und sehnen sich hinter der harten Schale nach den großen Gefühlen. Doch Leidenschaft und Sehnsucht, Ehrlichkeit und Zauber sind seltene Stecknadeln im unübersichtlichen Heuhaufen der Partnersuche, während der Spaß am Sex viel einfacher zu haben ist. Für die wahre Liebe hängt die Latte inzwischen weltrekordsverdächtig hoch und der ideale Mann für die Frau von heute scheint so rar wie ein bunter Hund. Was soll er nicht alles können! Er schafft so viel Geld nach Hause wie Martin Winterkorn vor dem VW-Abgasskandal und ist treuer als Fido und Bello zusammen. Zuhören kann er wie der todernste Kaplan im Beichtstuhl, aber schon gleich nach dem Aufstehen erzählt er die neuesten Blondinenwitze, um locker wie luftiger Blätterteig in den Tag zu starten. Im Bett ist er natürlich Johnny Rakete mit dem Besenstiel, aber er bringt das Töchterchen auch jeden Tag zum Kindergarten und staubsaugt zwei Mal die Woche die ganze Wohnung so sauber, dass man auf dem Fußboden essen kann. Dieser Supermann, von dem alle Frauen träumen, ist natürlich auch gleichzeitig Mitglied in mindestens fünf verschiedenen gemeinnützigen Organisationen wie Greenpeace, WWF, Peta, Amnesty International und Brot für die Welt. Dann kommt noch das K.o.-Kriterium Lebensalter. Während in früheren Zeiten zarte Milchbubis schon mit 20 drei Kinder gezeugt hatten und mit 43 silberne Hochzeit feierten, wollen heute selbst blutjunge Frauen kaum mehr Männer unter 40. An der Mathematik kommt keiner vorbei: Eine dreißigjährige Frau will endlich ein Kind. Ein dreißigjähriger Mann ist selbst noch ein Kind. Auweia. Da passt was nicht. Junge Männer sind zwar nett, aber sie haben’s einfach nicht drauf. Alle Frauen und Männer haben immer weniger Zeit für den anderen und eine Heidenangst, etwas zu versäumen. Die Freiheit für den Partner einzuschränken, geht zu weit. Da genießt man lieber das Leben und probiert möglichst viele Kerle und Mädels aus. Ans Heiraten denkt niemand. Da fühlt man sich wie in Ketten. Das ist was für später. Oder auch nie.
© Wolfgang Haberl 2017










