Der Comic-Zeichner Michele Rech, der sich den Künstlernamen zerocalcare gegeben hat, ist seit einem Jahr in Italien sehr bekannt geworden, nachdem die Fernsehsendung Propaganda Live seine Comics-Filme Rebibbia Quarantine einem breiteren Publikum zugänglich gemacht hatte. Zuvor hatte Rech allerdings jahrelang am Hungertuch genagt und seine Comics im Self-Publishing und für den Mailänder Verlag BAO Publishing veröffentlicht.Jetzt hat ihm sogar Netflix die heiligen Pforten geöffnet, wo gerade die sechsteilige Serie Strappando Lungo I Bordi zu sehen ist.
Der zweisprachige Rech (er hat eine französische Mutter) schreibt und zeichnet sogenannte graphic novels, was mir in der seit Jahrzehnten desolaten Wüste der heutigen Literatur eine unglaublich erfrischende und originelle neue Literaturgattung zu werden scheint, die das olle lateinische delectare + prodesse problemlos unter einen Hut bekommt. Selten in ein paar Minuten so viel gelacht und so viel nachgedacht. Man muss allerdings sowohl sehr gut Italienisch und auch den römischen Dialekt als auch die Topographie der Stadt Rom kennen, um die Episoden zu genießen. Obacht: Wer ein Fan der reinen aulischen italienischen Sprache ist, ist im falschen Film. Bei Rech geht’s grob und derb zur Sache.
Hans Haller trinkt und denkt zu viel. Seine Schweine grunzen nicht mehr. Wilma Wildlife forscht.
Hans Haller hat sich mit seiner ehemaligen Frau Wilma Wildlife in einem italienischen Restaurant im Wrangel-Kiez verabredet. I Golosi Ribelli. Seine Verflossene hat ihm gerade eine Whats-App-Nachricht geschickt, dass die achtundzwanzigjährige Tochter Nathalie nicht mit dabei ist. Sie ist zwei Wochen in Boston bei Tante Ann. Nathalie versucht, mit bisher wenig Erfolg, eine Karriere als Popsängerin aufs Gleis zu bringen. Künstlername Ata F. Ihr erstes Album Queen in the Mirror, letztes Jahr erschienen, verkauft sich schlecht. Mutti Wilma Wildlife, inzwischen mit einem Amerikaner verheiratet, der sich ziemlich erfolglos als Filmproduzent versucht, ist zu mager, hat trotzdem schlechte Cholesterinwerte, hohen Blutdruck und einen schrecklichen Kurzhaarschnitt. Man sieht, dass sie für Kleidung nicht viel Geld ausgibt. Die inneren Werte sind wichtig. Deutsche Intellektuelle sind so. Du kannst doch nicht Mitglied bei Amnesty International sein und 300 Euro für ein Paar Markenschuhe ausgeben. Pfui. Hans Haller hatte Wilma Wildlife Ende der achtziger Jahre kennengelernt, als sie noch Wilma Wolkehanekamp hieß, er in Triest lebte und für eine italienische Firma Kaffee nach Deutschland verkaufte. Wilma studierte damals in Hannover an der Leibniz-Universität Geschichte und promovierte über Zwangsarbeit im Wolfsburger Volkswagenwerk, wo sie Zugang zu den Firmenarchiven hatte. Wegen ihrer guten englischen und italienischen Sprachkenntnisse jobbte sie in den Semesterferien bei „Centro Italia“ (Italienische Feinkost, nur das Beste für den feinen Gaumen). So kamen sie zusammen, zuerst nur telefonisch und dann auch mit Leib und Seele. Wilma und Hans lebten dann einige Jahre im chaotischen Berlin der Wendezeit. Tochter Nathalie wurde Anfang der neunziger Jahre geboren. Hans fand einen schlecht bezahlten Job als „Schwarzer Scheriff“ (offiziell: Sicherungsaufsichtskraft) bei der Gesellschaft „Fucking New Berlin“ und überwachte zum Beispiel nach Friedhofsschließung den Alten St. Matthäus- und Zwölf-Apostel-Kirchhof, wo ständig Randalierer Grabsteine vollsprühten und umstürzten. Dann bekam Wilma eine Stelle als Lehrkraft für besondere Aufgaben am Historischen Seminar der Leibniz-Universität, wo eine Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Volkswagenwerks gebildet worden war. Wilma zog ohne Mann und Maus, aber mit zweijähriger Tochter nach Hildesheim, wo sie zuerst bei einer Freundin unterkam, aber dann endgültig in der todlangweiligen niedersächsischen Unesco-Welterben-Stadt hängenblieb. In den Nullerjahren gründete Hans Haller zusammen mit Rudi Rührei und Fetter Nebel eine Schweinemastfarm in Rüdersdorf. Es gab vom Land Brandenburg Kredite zum Nullzins mit langer Laufzeit und Subventionen für Existenzgründer. Nullen hatte Hans Haller immer gerngehabt. Das Geschäft mit der Schweinefarm ging einige Jahre gut, doch dann funkten ihnen die Billigfleischimporte aus China und ein gewandeltes Ernährungsbewusstsein in Deutschland dazwischen, das immer mehr eine vegetarische, fettarme oder exotische Küche bevorzugte. Rüdersdorf entpuppte sich als Fehlinvestition. Die drei Desperados saßen plötzlich auf 120000 Miesen fest. Die Bank drehte den Geldhahn zu. Aus irgendwelchen undurchsichtigen Geschäften aus der Vergangenheit oder vielleicht auch aus einer Erbschaft hatte Rudi Rührei Geld genug um die gemeinsamen Schulden zu bezahlen. Hans Haller hatte dann viele Jahre kaum Rührei gegessen und auch nichts mehr von ihm gehört. Back to the present. „Vor ein paar Tagen hat er überraschend angerufen und gibt mir einen Monat Zeit um 40000 Euro aufzutreiben“. – „Von mir bekommst du jedenfalls nichts“. Hans Haller bestellt sein drittes, dunkles Weizenbier. Wilma Wildlife trinkt Sprudelwasser. „Geh halt zur Bank“. – „Kennst du meine Schufa-Auskunft? Ich krieg noch nicht mal eine neue Mietwohnung, wenn ich kündige“. Der Kellner bringt einen kleinen Gurkensalat für ihn. Wilma Wildlife isst überhaupt nichts. Keine Lasagne. Kein Schokoladeneis. Sie zahlen getrennt. Salvo Spizzirri, der Pächter des gutgehenden Lokals im Wrangel-Kiez, liest gerade einen Schmierzettel durch, den ihm drei unbekannte Italiener in die Hand gedrückt haben. Damit der Santo Padrone sein Lokal auch weiterhin unversehrt lässt, soll er gefälligst, schleunigst und nach der Beichte bei einem katholischen Pfarrer in den Verein zur Unterstützung des Ortsheiligen eintreten. Mitgliedsbeitrag: 5000 Euro pro Quartal. Mannaggia!
Neapel schlüpft aus dem Bilderbuch der Vorurteile. Boboko lässt sich kurz blicken. Der Leser erfährt, wie Betty und Netty auf der Piazza Garibaldi gekidnappt werden.
Es ist die typische süditalienische Gluthitze, als die zwei Lehrerinnen mit ihren Schülern in Neapel Capodichino ankommen. Als das Grüppchen hinten und vorne die Treppe des Low-Cost-Fliegers hinuntersteigt, haben alle das Gefühl, dass gerade eine Backofenluke geöffnet wird. Sie sind insgesamt 23, aus zwei verschiedenen Abiturklassen, inklusive der zwei Lehrerinnen. Sie fahren mit dem Bus Curreri vom Flughafen nach Meta di Sorrento, wo sie im Feriendorf Paradise Village eine günstige Unterkunft gefunden haben. In der Woche, die sie dort verbringen, machen sie den ganzen Mist, der seit Ewigkeiten und noch länger in den in den in Granit gemeißelten Reiseführern steht. In Pompei ist es zwischen den alten Steinen so heiß, dass einige Schüler Kreislaufprobleme bekommen und sie die Führung abbrechen müssen. Sie setzen sich dann alle in den Schatten in eine Cafeteria und trinken stilles, kaltes Mineralwasser. Das kostet nicht viel. Am Dienstag machen sie eine Rundreise auf einem Restaurantschiff, das von Castellammare di Stabia über Capri nach Amalfi vor und zurück tuckert. Vor der Insel Capri macht das Schiff kurz Halt. Man hat die Möglichkeit, im Meer zu schwimmen. Ein paar Schüler hüpfen in das kobaltblaue Wasser wie Außerirdische in ein ihnen unbekanntes Element. In Amalfi steigen sie die hohe Treppe zur Cattedrale di Sant’Andrea hoch und denken, dass es sich um eine Heilige, nicht um einen Heiligen handelt. Alle, die an den glauben, werden zumindest selig. Oder kommen zumindest ins Paradies. Das ist doch schon mal was. In Neapel gehen sie erst ins Museo Archeologico und dann einmal die Via Toledo rauf und runter bis zur Galleria Umberto. Beware of pickpockets. Sorrent ist folkloristisch und Touristennepp. In der Via San Cesareo gibt es jede Menge dumme Ami-Touris, Ledergürtel aus China und rote Hörnchen gegen den bösen Blick. Zeigefinger und kleinen Finger spreizen und nach unten richten. Die Neapolitaner glauben tatsächlich an den ganzen Scheiß. Das Abendessen im Feriendorf in Meta di Sorrento, als sie erschöpft von ihrem Tagesausflug zurückkommen, ist auch nur Mittelklasse. Jetzt sitzen sie nach einer Woche Ferien wieder im Bus Curreri, der sie auf der SS145 zum Flughafen nach Neapel bringen soll. Doch irgendetwas funktioniert nicht. Der Bus hat Probleme mit dem Motor. Jetzt steht der Fahrer sogar hinten und öffnet bei laufendem Motor die Motorhaube. Dann erklärt er, dass er sie leider nicht nach Capodichino bringen könne, erstattet ihnen den Fahrpreis zurück und bringt alle zum Bahnhof der Vesuviana nach Meta. Glücklicherweise haben sie kein Zeitproblem. Zwei Kioske im Familienbetrieb. Der unfreundliche Sohn drinnen im Bahnhofsgebäude. Die unfreundliche Mutter draußen in einem anderen Behelfskiosk auf der Straße. Macht nichts, man kann auch trotz unfreundlicher Leute weiterleben. Dann durch den langen Tunnel bis nach Vico Equense, in dem die Entlüftungsturbinen ein Geräusch machen, das fast so schlimm wie Sirenen bei Fliegeralarm ist. In Neapel kommen sie an der Piazza Garibaldi an, laufen die hässlichen blaugrauen Billigfliesen entlang, auf denen man bei Nässe so schön ausrutscht. Kennen die kein Akemi-Antirutsch-R9? Oben vor dem McDonalds an der Ecke stehen Zigeunerfamilien mit kleinen Kindern, die um Geld betteln. Braungebranntes Gesocks. Slum-Feeling. Alles ist abgeranzt und stinkt: das Ergebnis der langjährigen Neugestaltung des Hauptbahnhofgeländes. Vor dem ehemaligen Postamt liegen Penner auf dem schwarzen Gummiboden und trinken Tavernello aus Tetrapaks. Die Typen, die hier herumlungern, scheinen Komparsen für einen Gangsterfilm aus den siebziger Jahren. Die Klasse überquert im Wilde-Sau-Verfahren mit ihren Rollkoffern den belebten Corso Novara. Sie drängt sich in die enge Straße, die zum Ende des Platzes führt, wo das Hotel Cavour steht. Linkerhand ist die Haltestelle des Flughafenbusses, der inmitten des ständigen neapolitanischen Allzeit-Chaos den Corso Giuseppe Garibaldi nach Capodichino hochfährt. Hier in Neapel ist alles so, wie man es schon vorher weiß: Pralles Leben mit Dauernerveffekt, Provinz pur, alles super-hässlich und Asbach-uralt. Meine Pizza ist die beste in der ganzen Stadt. Meine Oma kocht die beste Tomatensoße. Die Leute lachen zu viel, am besten machst du einen weiten Bogen um sie. Neapel scheidet die Geister: entweder hasst man die Stadt oder man liebt sie. Der Ali-Bus zum Flughafen ist den feinen Pinkeln aus dem hohen Norden vor der Nase weggefahren. Die brave Betty und die naive Netty aus der 12B haben Hunger. Sie fragen ihre Lehrerinnen Frau Mommsen und Frau Saitensprung, ob sie sich schnell noch einen Döner Kebab holen können. „Okay, aber macht schnell. Der nächsten Bus kommt gleich.“ Die zwei Mädchen bugsieren sich gutgelaunt und kichernd in die Via Torino in Richtung Norden. Betty ist blond, lange Haare, T-Shirt, Büstenhalter, der nichts zu halten hat, Hotpants. Sie liebt japanische Mangas und Boybands aus Südkorea. Netty ist trotz ihres niedlichen Namens überhaupt nicht nett. Sie ist klein, schwarz, kurzhaarig, oft schlecht gelaunt. Ihr Idol ist Sophia Thomalla. Im Musikgeschmack schwankt sie unentschlossen zwischen Justin Bieber und Shakira. Sie heißt eigentlich Annette Pölzin und hat eine unerträgliche Fistelstimme. Beim Imbiss El Quods geht es dann ganz schnell. Ein neuer weißer Audi A5 Sportback prescht aus einer Parklücke, reißt die rechte Hintertür auf. Boboko rast aus dem Imbiss, beginnt die völlig überraschten Mädchen nach vorne zu schubsen und drückt sie auf die Rücksitze des Audi. Er knallt die Hintertür zu, beschleunigt, der Wagen biegt mit quietschenden Reifen rechts ab in die Via Firenze, dann links in den Corso Novara und die Via Arenaccia Richtung Autobahn. Im Fernsehen haben wir das alles schon tausendmal gesehen.
Wenn man wie ich im Ausland (Italien) lebt, wird man als Deutsche(r) unweigerlich früher oder später auf den Mauerfall angesprochen und um einen mehr oder minder gescheiten Kommentar dazu gebeten. Und genauso unweigerlich haben alle den Freudentaumel der Maueröffnung vom 9. November 1989 im Kopf und glauben, dass in dieser Nacht (und auch in den darauffolgenden Tagen und Wochen) alle Deutschen einen kollektiven nationalen multiplen Orgasmus erlebt hätten.
Natürlich stimmt das nicht.
Jeder, der damals vor über 30 Jahren in Deutschland gewohnt hat, hat diesen Mauerfall emotional anders erlebt. Sicherlich gab es auch freudetaumelnde Ostberliner, die die konsternierten Grenzbeamten abgebusselt haben, nachdem sie 1 Sekunde nach dem Schabowski-Interview mit ihrem stinkenden Trabant zur nächsten Grenzübergangsstelle geknattert waren, um sich in einer Westberliner Kneipe ohne D-Mark in der Tasche Freibier spendieren zu lassen oder endlich ihre Verwandten zu besuchen, die sie jahrzehntelang nicht gesehen hatten. Die gab es sicher, aber ebenso sicher ging es nicht allen Ostberlinern so. Im damaligen Ostdeutschland war die Begeisterung über den Mauerfall oft sicher echt und übermächtig, aber es gab vermutlich auch viele Skeptiker und Zweifler.
Im damaligen Westdeutschland war die Spontanbegeisterung unterkühlter, selbst unter den konservativen CSU-/CDU-Wählern. Man fragte sich vielerorts sicherlich, wohin diese chaotischen Entwicklungen führen sollten. Spontan begeistert zu sein ist eine Sache, mit einer radikal veränderten politischen Situation umzugehen, ist etwas ganz Anderes.
Ich selbst war in der Nacht vom 9. auf 10. November 1989 in meiner kleinen Wohnung in der Reichenberger Straße 125, nur ein paar Hundert Meter von der Oberbaumbrücke entfernt. Beste Westlage also, um den historischen Mauerfall live zu erleben. Der kleine Wolfi mitten in der großen Weltgeschichte. Von wegen! Ich habe überhaupt nichts davon mitbekommen. Fernseher hatte ich eh keinen, um die 8-Uhr- Nachrichten zu sehen, Tagespolitik interessierte mich nicht, weder diejenige Westdeutschlands des schwarzen Riesen Helmut Kohl und noch viel weniger die politische Misere von Sauertopf Erich Honecker. Mit den Alltagssorgen eines Sprachstudenten an der FU, der heillos verspätet endlich sein Studium an der FU zum Abschluss bringen wollte, hatten diese suspekten Umwälzungen hinter der Mauer nichts zu tun. Etwas Positives und Interessantes erwartete ich sowieso von dem grauen und unsympathischen Arbeiter- und Bauern-Staat nicht. Die DDR verband ich im günstigsten Fall mit einem Strafzettel und Sofort-Inkasso anrückender Vopos, weil ich mein Auto auf einem der Transitparkplätze angeblich oder wirklich falsch geparkt hatte. Dafür musste man prompt einen blauen Hunni abdrücken, was für mich armen Schlucker ein Vermögen war. Die politische Situation der DDR war mir genauso suspekt und ungeheuerlich wie die in Polen oder in der damals noch existierenden Tschechoslowakei. Weit weg alles, nie gesehen, kein Interesse, irgendwo zwischen Transsylvanien und der Walachei. Was konnte man sich von der DDR schon erwarten außer Langeweile, Rückständigkeit und Abgasgestank aus 2-Takt-Motoren? Die Musik spielte in London, New York oder Los Angeles, nicht in Ostberlin, Wittenberg oder Rostock. Warum sollte ich mir an einem verregneten Ostseestrand eine Sommergrippe holen (und um nach Hiddensee zu fahren, hätte man Mitglied der kommunistischen Partei sein und monatelang vorher eine Besuchserlaubnis beantragen müssen), wenn man in Spanien oder Italien viel besser Sand, Sonne und Meer erleben konnte? Darüber hinaus hatte ich Ende 1989 schon längst beschlossen, meiner Freundin nach Italien hinterherzufahren und in Arkadien mein Glück zu versuchen. Deutschland und Berlin konnten mir gestohlen bleiben und sich zum Teufel scheren. Das Wiedervereinigungs-Chaos kam für mich zum falschen Zeitpunkt. Ich stieg aus dem Zug aus.
Natürlich war eine solche Haltung im besten Fall sehr naiv und politisch extrem unreif. Aber ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mit einer solchen politischen Blauäugigkeit nicht allein war. In der Cafeteria in der Rostlaube diskutierten wir Deppen damals in den Wochen nach dem Mauerfall nicht über die Wiedervereinigung Deutschlands, sondern über eine mögliche Konföderation nach Schweizer Vorbild oder gleich über zwei autonome deutsche Staaten, die normale nachbarschaftliche Beziehungen haben sollten.
Natürlich hatte im Nachhinein die von uns so verachtete tumbe Birne Helmut Kohl mit der schnellen und straff organisierten Wiedervereinigung völlig recht, die er mit allen Mitteln wollte und durchsetzte. Mir und meiner Generation fehlte der politische Weitblick und die demokratische Intelligenz dafür. Wahrscheinlich fehlte uns ganz einfach auch der Mut für Veränderungen. Wir waren zu misstrauisch und zu feige, um uns Hals über Kopf in ein politisches Abenteuer zu stürzen, das alles verändern würde. Unbewusst wollten wir den Status-Quo West-Berlins erhalten, weil wir spürten, dass mit der Wiedervereinigung der Mythos West-Berlin zu Ende war und das neue wiedervereinigte Berlin nie mehr so epochemachend sein würde wie der schräge Inselstaat Westberlin inmitten der SBZ.
Ich gebe zum wiederholten Mal zu, nicht objektiv sein zu können oder zu wollen, wenn ich sage, dass mir generell die Goethe-Institute als Träger und Verbreiter deutscher Kultur auf die Nerven gehen. Ich halte es da mit Rolf Dieter Brinkmann und seiner Generation. Trotzdem gibt es natürlich mehr oder weniger misslungene Exemplare dieser Einrichtungen auf der Welt. Übel stößt mir auch heute noch das Goethe-Institut in Neapel auf, mit dem ich schulbedingt von 2006 bis 2014 Kontakt hatte. Um Gottes willen! Erst mal fragt man sich sicher, ob es wirklich nötig gewesen war, eine Italienerin an die Spitze eines Goethe-Instituts zu hieven, die nach dem fetten deutschen Tarifplan besoldet ist. Zwangsläufig musste der Dame viel Authentizität fehlen. Und nicht nur das. Neben dem gut bezahlten Fulltime-Job, fand sie erstaunlicherweise auch die Zeit, sich als Schriftstellerin zu versuchen. Schlau und irgendwie typisch italienisch. Brotjob am Morgen und Ruhm am Nachmittag. Als Direktorin des Goethe-Instituts war man automatisch im Netzwerk renommierter deutscher Verlage und konnte eher zweifelhafte Belletristik veröffentlichen (Reiseführer, Liebesromane etc.), die ihr wenig wohlgesinnte Geister als Trash und Schund, bestenfalls als U-Literatur abtun und ungelesen in die Tonne zum Recyceln donnern würden. Andy Warhol hatte mal wieder recht: In the future everyone will be world-famous for 15 minutes. Was mich darüber hinaus nervt, ist auch der Glamour, den sie zu lieben scheint: ein rauschendes Fest zum 50-jährigen Bestehen des Goethe-Instituts in Neapel, der Besuch des feisten Frank-Walter samt Gattin, des damalige Bürgermeisters aus der Generation Kopf unten und emsiger Leibwächter, unsere Direktorin in feiner Abendrobe … Mich nervt das alles gewaltig, und mit der deutschen Kultur, die ich mag, hat das nichts zu tun. Wenn man immer noch nicht kapiert hat, dass das Beste dieser deutschen Kultur nicht in ihren lauten und offiziellen Offenbarungen, sondern in ihren versteckten Nischen zu finden ist, dann ist einer/einem nicht mehr zu helfen. Halts Maul, Deutschland!
Nicht weit weg von Oberstudienrätin Mommsen lebt Hans Haller im Wassertorkiez
Hans Haller sitzt ebenfalls auf dem Balkon seiner Wohnung in der Gitschiner Straße, von wo aus er die U-Bahn-Linie 1 nicht nur hört, sondern im 10-Minuten-Takt richtig rumpeln spürt. Der Tag ist vorbeigegangen, ohne Spuren zu hinterlassen und zu einem lauen Sommerabend geworden. Auf dem Blechtisch steht eine Flasche Grafenwalder Gold. Haller ist eigentlich ein athletischer Typ Ende fünfzig, hat aber Bauch angesetzt und wirkt verlebt. Er hat in seinem Leben keine besten Zeiten gehabt und in jedem Fall sind sie längst vorbei. Er isst zu schlecht und trinkt zu viel. Seine neuesten Blutwerte versteckt er ganz unten in der Schublade des Wohnzimmerschranks. Nach dem Abitur in Esslingen und dem Grundwehrdienst in Freiburg war er mehr als zehn Jahre lang in München bei einem Marmorgroßhändler als Sachbearbeiter beschäftigt. Die Firma verkalkulierte sich dann bei Großaufträgen in den neuen Bundesländern und ging pleite. Hans Haller lebte eine Zeitlang von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe (oder wie auch immer die heute heißt) und fand einen Job in Triest, weil er ein bisschen Italienisch konnte. Anfänger mit Vorkenntnissen in der VHS. Die Firma verkaufte Kaffee. Haller war für den Markt in Deutschland, Österreich und Slowenien zuständig. Auf einer seiner zahlreichen Reisen lernte er dann Wilma Wildlife, seine künftige Frau kennen, die ihn dazu überredete nach Berlin umzuziehen. Job in Italien geschmissen, hoppla hopp ins Goldgräber-Berlin nach der Wende. Er heiratete 1995. 1997 wurde die Tochter Nathalie geboren. Haller eröffnete einen kleinen Weinladen in Charlottenburg, mit dem er einige Jahre ganz gut verdiente. Nachdem aber sein Steuerberater bei einer Reihe von größeren Weinlieferungen aus Frankreich die Mehrwertsteuer falsch berechnet hatte, wollte das Finanzamt eine fette Nachzahlung und drohte mit Pfändung und Gerichtsprozess. Haller war mit seiner bescheidenen Weisheit am Ende und meldete mit seinem Laden In Vino Veritas Konkurs an. Die Nullerjahre dann waren für Haller reinrunde Nietenjahre. Zweimal Null Komma Nichts. Seine Ehe wurde geschieden, seine Frau zog in den Wedding und später ganz aus Berlin weg nach Hildesheim. 2008 hatte Haller dann die Nase voll von Hartz-IV und machte sich mit einer Ein-Mann-AG selbständig: Hans Hallers Privatdetektei, kurz HaHa. Ermittler mit bundesweiter und globaler Operationsfähigkeit. Eine goldene Nase konnte man sich damit auch nicht verdienen, wie die letzten 10 Jahre bewiesen, aber zumindest hielt man den Kopf überm Wasser. Die letzten Wochen waren allerdings mager gewesen. Eine Firma in Lübars vermutete Spesenbetrug bei einem ihrer Außendienstmitarbeiter, schreckte dann allerdings angesichts der hohen Überwachungskosten vor einer Auftragserteilung zurück. Im Mai hatte man ihn mitten in der Nacht am Handy wegen eines verletzten Kätzchens in Potsdam angerufen, das vom Dach gestürzt war. Als er um vier Uhr morgens am Humboldtring angekommen war, hatten sie allerdings schon den veterinären Notfalldienst kontaktiert und das Tier abholen lassen. Mit Mühe und Not konnte er die Gruppe der schlaftrunkenen Bewohner überzeugen, ihm pauschal 100 Euro bar auf die Kralle als Ausfallleistung zu zahlen. Letzte Woche war etwas besser. Ein gewisser Hackensack hatte ihm eine Mail geschrieben und 2000 Euro dafür angeboten, einen Aktenkoffer mit Rasierschaumdosen aus einem Schließfach im Münchner Hauptbahnhof nach Berlin zu bringen. Das hatte Haller einen Tag Arbeit und vielleicht 200 Euro Benzin gekostet. Warum war jemand so blöd und zahlte für so wenig Einsatz so viel Geld? Drogen? Aber was steht auf der Webseite von HaHa? Absolute Diskretion. Ihre persönlichen Daten sind nur Hans Haller persönlich bekannt, das strengste Stillschweigen wird garantiert. Bei der Datensicherheit halten wir uns selbstverständlich an das Bundesdatenschutzgesetz. Hans Haller schenkt sich den Rest seines Grafenwalder Gold ein und hört wieder eine U-Bahn vorbeirumpeln. Metall auf Metall. Metal Machine Music. Um acht Uhr will er seine Ex-Frau Wilma und Tochter Nathalie beim Italiener in der Schlesischen Straße treffen. Mit einem Loch im Bauch lässt sich nicht nachdenken.
Du sprachst: „Ich gehe in ein anderes Land, an eine andere Küste. Es findet sich die andere Stadt, die besser ist als diese eben. Jeder meiner Mühen ist das Scheitern vorgegeben; und es ist mein Herz – als sei es tot – begraben. Wie lange noch verharren hier in Ödnis die Verstandesgaben. Wohin ich mein Auge wende, wohin ich auch schau‘, hier sehe ich nur meines Lebens schwarzen Trümmerbau, welches ich soviele Jahre führte und verheerte und verwüste.“
Du findest keinen neuen Platz, findest keine anderen Küsten. Dir folgt die Stadt. Durch die Straßen streifst du, unveränderlich dieselben. Und in selben Vierteln kommt das Alter über dich; und es wird in selben Häusern weiß dein Haar. Dein Ziel liegt stets in dieser Stadt. Nach anderen Orten – Hoffnung fahr – gibt es kein Schiff für dich und gibt es keine Straße. Wie du dein Leben hier verheert hast, in dem Maße dieses kleinen Ecks, so mußtest du es in der ganzen Welt verwüsten.
Wenn Touristen in Italien Urlaub machen, übernachten sie inzwischen immer weniger in den klassischen Hotels und Touristenressorts, sondern wählen private B+B-Angebote. Man zahlt viel weniger und bekommt den gleichen Standard geboten. Küche und Waschmaschine gibt es sogar noch kostenlos dazu. Meist reist man auch in der Sommersaison und benutzt die gemietete Unterkunft eh nur für einige Stunden, um dort zu schlafen. Was die Touristen allerdings gerne vergessen (oder, treffender formuliert, kein Interesse haben, genauer in Augenschein zu nehmen), ist der krasse Preisunterschied zwischen Hotelzimmer und B+B-Unterkunft, der unmöglich mit rechten Dingen zugehen kann. Während die Hotels wenige Möglichkeiten haben, Steuern zu hinterziehen und Subventionen zu prellen, ist ein solcher Steuer- und Subventionsbetrug für die privaten B+B-Betreiber viel einfacher. Eigentlich nicht vorgesehene und nachträglich sanierte Privatwohnungen in Industriegebieten, „Schlampigkeiten“ bei der Rechnungsstellung, um die Mehrwertsteuer nicht zu zahlen, zum Teil fehlende Lizenzen und Schwarzmieten, sind in Italien Stretchingübungen eines weit verbreiteten Volkssports und werden oft, selbst wenn man den Versuch unternimmt, diese Machenschaften in die Öffentlichkeit zu zerren, als Kavaliersdelikte eingeordnet. Man sollte allerdings immer daran denken, dass sich hier einige der vielen Ursachen der horrenden italienischen Staatsverschuldung verbergen.
When tourists vacation in Italy, they now stay less and less in the classic hotels and tourist resorts, but choose private B+B offers. You pay much less and get the same standard. Kitchen and washing machine are even free of charge. Mostly one travels also in the summer season and uses the rented accommodation anyway only for some hours, in order to sleep there. However, what tourists tend to forget (or, more accurately, have no interest in looking at more closely) is the stark difference in price between hotel rooms and B+B accommodation, which can’t possibly be right. While hotels have few opportunities to evade taxes and cheat on subsidies, such tax and subsidy fraud is much easier for private B+B operators. Private apartments in industrial areas that were not actually intended and subsequently refurbished, „sloppiness“ in invoicing in order to not pay the VAT, in some cases missing licenses and black rents, are stretching exercises of a widespread popular sport in Italy and are often classified as peccadilloes, even when an attempt is made to drag these machinations into the public eye. It should always be remembered, however, that this is where some of the many causes of Italy’s horrendous national debt are hidden.
Ich habe vor einigen Monaten (leider bisher recht unzuverlässig und wenig effizient) damit begonnen, mich einem neuen Schreibprojekt zu widmen, das in Wirklichkeit überhaupt nicht neu ist. Solche barocken Antinomien sind bei mir eigentlich ganz normal, dass ich mit dem Schreiben beginne, dann ins Stocken gerate und das Buch dann erst nach vielen Jahren zu Ende schreibe. Was lange währt, wird endlich gut, lehrt uns der Berliner Großflughafen BER. Konkret geht es um einen knappen und skurrilen Kriminalroman mit Namen „Boboko“, den ich irgendwann 2014 in Neapel begonnen habe. „Skurril“ deswegen, weil alles eigentlich nur Fake ist, mich das Genre „Krimi“ überhaupt nicht interessiert und ich auch darüber nichts weiß. Das Genre „Krimi“ diente mir lediglich dazu, eine Rahmengeschichte zu erzählen, in die ich dann Ideen stecken konnte, die mir wichtig sind. Konkret: die Entführung der Berliner Schülerinnen Netty und Betty in Neapel (mehr will ich nicht verraten), gab mir die Gelegenheit, über Deutschland und Italien nachzudenken. Über Deutschland, weil ich dort aufgewachsen bin und auf Deutsch schreibe, über Italien, weil ich dort seit den neunziger Jahren lebe. Wenn ich Deutschland und Italien sage, meine ich natürlich in Wirklichkeit mein Deutschland und Italien. Ich habe diesmal vor allem über die Autoindustrie geschrieben, weil diese in Deutschland eine Kernindustrie ist, momentan in einem gigantischen Umwälzungsprozess dümpelt und natürlich auch, weil ich in der Audi-Stadt Ingolstadt großgeworden bin und selbst wegen knapper Finanzen und grüner Gewissensbisse ein verhinderter Autonarr bin, der sich mit einem Ford Fiesta begnügt. Italienthemen waren diesmal Neapel und die dort im Straßenbild allgegenwärtigen Roma/Sinti sowie der Salento, den ich aus persönlichen Gründen gut kenne. Mit den unvermeidlichen Vorwürfen, nur ein weiteres Mal wieder die üblichen Standardvorurteile über Süditalien befeuert zu haben, werde ich leben müssen.
Es galt, ein wenig teutonische Ordnung in den stockenden Schreibprozess der letzten Monate zu bringen, in der Hoffnung, dass eine chronologische Pedanterie mich dazu zwingen kann, ein bisschen fleißiger und systematischer an dem Projekt zu arbeiten und vielleicht sogar die hinter dem Ofen eingenickten Inspirationsgeister aufzuwecken. Ich wollte etwas schreiben, was ich selbst gerne lesen würde. Das ist aber schnell dahingeplappert in Zeiten, in denen seit Jahrzehnten in der (deutschen) Literaturgeschichte nichts mehr Aufregendes passiert. Schlinks „Der Vorleser“, Kehlmanns „Vermessung der Welt“ oder Herrndorfs „Tschick“ (um wahllos ein paar Beispiele zu nennen, die mir gerade einfallen) sind alle drei wichtige und inspiriert geschriebene Romane, aber sicherlich keine Meilen- und Ecksteine der deutschen Kulturgeschichte. Vergangen, vergessen, vorüber. Warum also noch ein weiteres Buch dazuschreiben, das noch viel weniger Durchschlagskraft haben kann als die drei erwähnten Beispiele von sehr bekannten Autoren. Antwort auf diese Frage habe ich eigentlich keine. Ob mein Projekt sinnvoll ist, müssen letztendlich die Leser entscheiden.
Ich habe mich also entschlossen, in Abständen von zirka zwei Wochen ein Kapitel des Romans ins Netz zu stellen. Es handelt sich bei „Boboko“ um ein echtes „work in progress“, denn von den geplanten vielleicht 35 Kapiteln sind momentan gerade einmal 13 fertig. Nur der Masterplan steht so einigermaßen (auf wackligen Füßen). Vielleicht hilft mir diese etwas pedantische Terminierung ja, meine chronische Faulheit zu überwinden und das Romanprojekt bis Ende des nächsten Jahres abzuschließen.
Viel Spaß beim Lesen!
1
Maria Mommsen bei sich zu Hause im gemütlichen Mauer-Kreuzberg, das längst Kreuzberg-Friedrichshain heißt. Sie fliegt morgen mit ihrer Klasse nach Italien. Die Weltpolitik lässt von sich hören.
Es ist ein eher kühler Morgen für die Jahreszeit. Ein leichter Morgennebel hängt über dem Garten vor dem Haus, der sich allerdings in der Spätsommersonne bald verflüchtigen wird. Maria Mommsen steht barfüßig in der Küche und setzt die Kaffeemaschine in Gang. Sie ist eine Frau Ende vierzig, drahtig, dunkler Teint. Sie ist mindestens 10 Jahre jünger als du denkst, wenn du sie das erste Mal siehst, aber das hilft trotzdem nichts. Manche Frauen sind mit 25 schon alt. Sie lebt allein, immer noch in Kreuzberg, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Nähe des Volksparks. Sie ist Lehrerin für Geschichte und Latein an der Johann-Gottfried-Herder-Oberschule in Berlin-Lichtenberg. Ihr Vater Herbert Mommsen kam irgendwoher aus Neubrandenburg und war, als es die Mauer noch gab, an derselben Schule im damaligen Ost-Berlin schon Studiendirektor gewesen. Er hatte sich in die Kubanerin Maria Perez verliebt, die im Rahmen des Programms der befreundeten sozialistischen Bruderstaaten in den sechziger Jahren nach Ost-Berlin gekommen war, um an der Humboldt-Universität Spanisch zu unterrichten, und sie zum Bleiben überredet. Ihr Onkel Pedro Tablada hatte am 17. April 1961 an vorderster Front an den Gefechten der kubanischen Bahía de Cochinos teilgenommen. Pedro Tablada war Oberst der Fuerza Aérea Revolucionaria Fidel Castros und flog ein Jagdflugzeug des Typs Hawker Sea Fury gegen die angreifende Fuerza Aérea de Liberación, die mit Zustimmung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy und der CIA Kuba vom lästigen Kommunisten und Diktator Castro befreien sollte. Onkel Pedros Kiste war leider während seiner angeblich heldenhaften und mutigen Verteidigung der neuen Volksrepublik von einer Boden-Luft-Rakete des unter nigerianischer Flagge segelnden Flugzeugkreuzers Freedom getroffen worden und abgestürzt. In allen Geschichtsbüchern Kubas war zu lesen, dass Onkel Pedro für eine gute Sache gestorben war. Wer konnte daran zweifeln? Aber ein Toter konnte nicht mehr fliegen, und die Witwenrente betrug nur einen Bruchteil des Pilotengehaltes. Maria Mommsen (Tochter) blieb das erste und einzige Kind von Herbert und Maria (Mutter). Das Telefon klingelt. Ihre Kollegin Susann Saitensprung ist am Apparat. Maria Mommsen hat kein besonders gutes Verhältnis zu ihr, aber jetzt, wo man eine Woche zusammen nach Italien fährt, muss man die Stirnfalten und Arschbacken zusammenkneifen. „Dieter Rostel besitzt keine gültigen Ausreispapiere, weder Personalausweis noch Reisepass, was sollen wir machen?“ – „Wie ist so etwas möglich?“ – „Das frage ich mich auch. Er sagt, es gab gestern einen Einbruch bei ihm in der Wohnung und beide seien gestohlen worden.“ – „Und jetzt?“ – „Er hat die Anzeige der Polizei und einen Führerschein A1. Das sollte für einen EU-Staat eigentlich reichen“. „Dann sehen wir uns also um zwei Uhr direkt am Flughafen.“ – „Ja, mit der ganzen Klasse direkt am Check-In von Easy Jet.“ – „Hoffentlich sind alle pünktlich.“ Maria Mommsen hat genug Zeit, um in Ruhe zu frühstücken. Von irgendwoher kommen Nachrichten aus dem fernen Renzi-Italien. Das plärrende Radio auf der Fensterbank in der Küche versucht Autorität zu verbreiten. Es gibt mal wieder einen neuen Ministerpräsidenten In Italien. Mehr Lohn, mehr Arbeit, mehr Italien in Europa. Mehr Wachstum. Mehr Büffelkäse auf der tiefgefrorenen Pizza. Weniger Disziplin. Alle Schulden in einen Topf. Jeder schüttet seine Miesen dort rein. Jeder gibt seinen Zimt und sein Zinnober dazu. Politik. Maria schaltet das Radio aus und setzt sich mit der Tasse Kaffee auf den Balkon ihrer Wohnung. Im Viktoriapark ist so früh am Morgen noch kaum etwas los. Ein Radfahrer, vereinzelte Jogger, ein Mädchen, das seinen glänzend braunen Dackel Gassi führt.
Bücher über Computer und Informatik gibt es ja mehr als Sand am Meer, aber eines zu finden, dass meinen bescheidenen Sachverstand in Mathematik und Programmierkenntnissen nicht überfordert (wie etwa das als einfach (!) zu lesend hochgepriesene Buch Clark Scotts But How Do It Know?) und andererseits bereichernd herunterzuschmöckern ist, stellt sich als gar nicht so leicht heraus. Bernd Leitenbergers Computergeschichte(n) (Die ersten Jahre des PC) habe ich gerne gelesen, auch wenn ich weiß, dass ich hier die Niederungen der Populärwissenschaft betrete und bei den zahlreichen, groben Druckfehlern des im Selbstverlag veröffentlichten Werks alle meine Augen und Hühneraugen zudrücken muss. Das Buch lässt sich flüssig und ohne Fachchinesisch herunterlesen und bleibt trotzdem informativ.
Endlich weiß ich nun, dass Jack Tramiel der Firmengründer von Commodore war. Schließlich war ja ein Commodore PC-20-II mein erster Computer. Und endlich kann ich zwischen einem 8086er-, 8088er- und 186er-Prozessor unterscheiden.
Bernd Leitenberger: Computergeschichte(n). Die ersten Jahre des Pc. BoD. Norderstedt. 2012.2014.