Boboko

Boboko

Ich habe vor einigen Monaten (leider bisher recht unzuverlässig und wenig effizient) damit begonnen, mich einem neuen Schreibprojekt zu widmen, das in Wirklichkeit überhaupt nicht neu ist. Solche barocken Antinomien sind bei mir eigentlich ganz normal, dass ich mit dem Schreiben beginne, dann ins Stocken gerate und das Buch dann erst nach vielen Jahren zu Ende schreibe. Was lange währt, wird endlich gut, lehrt uns der Berliner Großflughafen BER. Konkret geht es um einen knappen und skurrilen Kriminalroman mit Namen „Boboko“, den ich irgendwann 2014 in Neapel begonnen habe. „Skurril“ deswegen, weil alles eigentlich nur Fake ist, mich das Genre „Krimi“ überhaupt nicht interessiert und ich auch darüber nichts weiß. Das Genre „Krimi“ diente mir lediglich dazu, eine Rahmengeschichte zu erzählen, in die ich dann Ideen stecken konnte, die mir wichtig sind. Konkret: die Entführung der Berliner Schülerinnen Netty und Betty in Neapel (mehr will ich nicht verraten), gab mir die Gelegenheit, über Deutschland und Italien nachzudenken. Über Deutschland, weil ich dort aufgewachsen bin und auf Deutsch schreibe, über Italien, weil ich dort seit den neunziger Jahren lebe. Wenn ich Deutschland und Italien sage, meine ich natürlich in Wirklichkeit mein Deutschland und Italien. Ich habe diesmal vor allem über die Autoindustrie geschrieben, weil diese in Deutschland eine Kernindustrie ist, momentan in einem gigantischen Umwälzungsprozess dümpelt und natürlich auch, weil ich in der Audi-Stadt Ingolstadt großgeworden bin und selbst wegen knapper Finanzen und grüner Gewissensbisse ein verhinderter Autonarr bin, der sich mit einem Ford Fiesta begnügt. Italienthemen waren diesmal Neapel und die dort im Straßenbild allgegenwärtigen Roma/Sinti sowie der Salento, den ich aus persönlichen Gründen gut kenne. Mit den unvermeidlichen Vorwürfen, nur ein weiteres Mal wieder die üblichen Standardvorurteile über Süditalien befeuert zu haben, werde ich leben müssen.
 
Es galt, ein wenig teutonische Ordnung in den stockenden Schreibprozess der letzten Monate zu bringen, in der Hoffnung, dass eine chronologische Pedanterie mich dazu zwingen kann, ein bisschen fleißiger und systematischer an dem Projekt zu arbeiten und vielleicht sogar die hinter dem Ofen eingenickten Inspirationsgeister aufzuwecken. Ich wollte etwas schreiben, was ich selbst gerne lesen würde. Das ist aber schnell dahingeplappert in Zeiten, in denen seit Jahrzehnten in der (deutschen) Literaturgeschichte nichts mehr Aufregendes passiert. Schlinks „Der Vorleser“, Kehlmanns „Vermessung der Welt“ oder Herrndorfs „Tschick“ (um wahllos ein paar Beispiele zu nennen, die mir gerade einfallen) sind alle drei wichtige und inspiriert geschriebene Romane, aber sicherlich keine Meilen- und Ecksteine der deutschen Kulturgeschichte. Vergangen, vergessen, vorüber. Warum also noch ein weiteres Buch dazuschreiben, das noch viel weniger Durchschlagskraft haben kann als die drei erwähnten Beispiele von sehr bekannten Autoren. Antwort auf diese Frage habe ich eigentlich keine. Ob mein Projekt sinnvoll ist, müssen letztendlich die Leser entscheiden.
 
Ich habe mich also entschlossen, in Abständen von zirka zwei Wochen ein Kapitel des Romans ins Netz zu stellen. Es handelt sich bei „Boboko“ um ein echtes „work in progress“, denn von den geplanten vielleicht 35 Kapiteln sind momentan gerade einmal 13 fertig. Nur der Masterplan steht so einigermaßen (auf wackligen Füßen). Vielleicht hilft mir diese etwas pedantische Terminierung ja, meine chronische Faulheit zu überwinden und das Romanprojekt bis Ende des nächsten Jahres abzuschließen.
 
Viel Spaß beim Lesen!

 

 

 

 

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Maria Mommsen bei sich zu Hause im gemütlichen Mauer-Kreuzberg, das längst Kreuzberg-Friedrichshain heißt. Sie fliegt morgen mit ihrer Klasse nach Italien. Die Weltpolitik lässt von sich hören.

Es ist ein eher kühler Morgen für die Jahreszeit. Ein leichter Morgennebel hängt über dem Garten vor dem Haus, der sich allerdings in der Spätsommersonne bald verflüchtigen wird. Maria Mommsen steht barfüßig in der Küche und setzt die Kaffeemaschine in Gang. Sie ist eine Frau Ende vierzig, drahtig, dunkler Teint. Sie ist mindestens 10 Jahre jünger als du denkst, wenn du sie das erste Mal siehst, aber das hilft trotzdem nichts. Manche Frauen sind mit 25 schon alt. Sie lebt allein, immer noch in Kreuzberg, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Nähe des Volksparks. Sie ist Lehrerin für Geschichte und Latein an der Johann-Gottfried-Herder-Oberschule in Berlin-Lichtenberg. Ihr Vater Herbert Mommsen kam irgendwoher aus Neubrandenburg und war, als es die Mauer noch gab, an derselben Schule im damaligen Ost-Berlin schon Studiendirektor gewesen. Er hatte sich in die Kubanerin Maria Perez verliebt, die im Rahmen des Programms der befreundeten sozialistischen Bruderstaaten in den sechziger Jahren nach Ost-Berlin gekommen war, um an der Humboldt-Universität Spanisch zu unterrichten, und sie zum Bleiben überredet. Ihr Onkel Pedro Tablada hatte am 17. April 1961 an vorderster Front an den Gefechten der kubanischen Bahía de Cochinos teilgenommen. Pedro Tablada war Oberst der Fuerza Aérea Revolucionaria Fidel Castros und flog ein Jagdflugzeug des Typs Hawker Sea Fury gegen die angreifende Fuerza Aérea de Liberación, die mit Zustimmung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy und der CIA Kuba vom lästigen Kommunisten und Diktator Castro befreien sollte. Onkel Pedros Kiste war leider während seiner angeblich heldenhaften und mutigen Verteidigung der neuen Volksrepublik von einer Boden-Luft-Rakete des unter nigerianischer Flagge segelnden Flugzeugkreuzers Freedom getroffen worden und abgestürzt.  In allen Geschichtsbüchern Kubas war zu lesen, dass Onkel Pedro für eine gute Sache gestorben war. Wer konnte daran zweifeln? Aber ein Toter konnte nicht mehr fliegen, und die Witwenrente betrug nur einen Bruchteil des Pilotengehaltes.  Maria Mommsen (Tochter) blieb das erste und einzige Kind von Herbert und Maria (Mutter). Das Telefon klingelt. Ihre Kollegin Susann Saitensprung ist am Apparat. Maria Mommsen hat kein besonders gutes Verhältnis zu ihr, aber jetzt, wo man eine Woche zusammen nach Italien fährt, muss man die Stirnfalten und Arschbacken zusammenkneifen. „Dieter Rostel besitzt keine gültigen Ausreispapiere, weder Personalausweis noch Reisepass, was sollen wir machen?“ – „Wie ist so etwas möglich?“ – „Das frage ich mich auch. Er sagt, es gab gestern einen Einbruch bei ihm in der Wohnung und beide seien gestohlen worden.“ – „Und jetzt?“ – „Er hat die Anzeige der Polizei und einen Führerschein A1. Das sollte für einen EU-Staat eigentlich reichen“. „Dann sehen wir uns also um zwei Uhr direkt am Flughafen.“ – „Ja, mit der ganzen Klasse direkt am Check-In von Easy Jet.“ – „Hoffentlich sind alle pünktlich.“ Maria Mommsen hat genug Zeit, um in Ruhe zu frühstücken. Von irgendwoher kommen Nachrichten aus dem fernen Renzi-Italien. Das plärrende Radio auf der Fensterbank in der Küche versucht Autorität zu verbreiten. Es gibt mal wieder einen neuen Ministerpräsidenten In Italien.  Mehr Lohn, mehr Arbeit, mehr Italien in Europa. Mehr Wachstum. Mehr Büffelkäse auf der tiefgefrorenen Pizza. Weniger Disziplin. Alle Schulden in einen Topf. Jeder schüttet seine Miesen dort rein. Jeder gibt seinen Zimt und sein Zinnober dazu. Politik. Maria schaltet das Radio aus und setzt sich mit der Tasse Kaffee auf den Balkon ihrer Wohnung. Im Viktoriapark ist so früh am Morgen noch kaum etwas los. Ein Radfahrer, vereinzelte Jogger, ein Mädchen, das seinen glänzend braunen Dackel Gassi führt. 

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