Miserere

Ich hatte ja schon einige Male über das Thema „neue deutsche Literatur“  geschrieben und laufe natürlich Gefahr, mein kleines Lesepublikum zu langweilen. Und dann werden bei polemischen Attitüden wie den meinen auch leicht unlautere Absichten wie Neid, Minderwertigkeitskomplexe, Boshaftigkeit, Heuchelei etc. unterstellt. Wie dem auch sei, jedes Mal, wenn ich Notizen über bestimmten Autorinnen und Autoren lese, kommt mir wieder die Galle hoch. Zeit heilt eben doch nicht alle Wunden. In diesem Fall geht es um eine Lesung im Zentrum Roms („Casa di Goethe“), in der Miss X ihr neues Buch promoten sollte. Die Lesung hat dann wegen Krankheit allerdings nie stattgefunden. Ich selbst war anscheinend damals ins Glück getreten. Ich hatte nämlich die in Frage stehende Autorin persönlich, ich glaube 2012, bei einem aus ähnlichen Gründen organisierten Autorentreffen im Goethe-Institut in Neapel getroffen und ihr sogar die erste, dann schnell nach einer Unterlassungsklage einkassierte Ausgabe meines Buches über Leonard Cohen geschenkt. In der Hoffnung auf. Ja, ja, ja. Die Dame veröffentlicht schließlich im Gegensatz zu mir beim renommierten Suhrkamp-Verlag. Dann natürlich Totenstille im deutsch-amerikanischen Blätterwald. Mit Freundschaft war da nichts. Nullkommanix. Wieder einmal Leichenschmaus in Loccum. Totenerweckung sozusagen. Ich hab dann natürlich das ein oder andere Buch der schriftstellernden Lady angelesen und schnell im Bücherregal versteckt. Fürchterlich! Warum? Ich gurke ja selbst gerne auf der hausbackenen, traditionellen Schreibspur: ich mag hoffentlich nicht zu lange, autobiografische  Texte. Wenn dann auch noch ein paar originelle Gedanken oder authentische Gefühle und Bezüge zur konkreten Welt, in der wir leben, zur Sprache kommen, bin ich vollends happy. Die Dame ist da allerdings ganz anderer Meinung. Sie schreibt experimentell. Sie schreibt schräg. Sie schreibt aus dem Elfenbeinturm. „Vorarbeiten zu einer Ästhetik, die auch für Nichtmenschen funktioniert“. Hä?  Man fragt sich, für wen sie ihre Texte schreibt. Wer liest denn so etwas?

Aber halt.  „Dämlich“ kommt bekanntlich nicht von „Dame“, sondern von „Dämmerung“. Seit 2007 jedes Jahr ein Buch. Macht 20 Bücher in 20 Jahren. Ungefähr. Komplimente. Das ist exponentielle Kreativität. Oder unkontrollierte Vielschreiberei. Wer weiß? Seit 2007 jedes Jahr ein Preis. Macht 20 Preise in 20 Jahren. Ungefähr. Komplimente. Das ist jede Menge Geld. Welche Kommission hat das entschieden? Wer weiß?  Neuerdings sogar Poetikdozenturen an deutschen Universitäten. Stipendiatin der „Villa Massimo“. Weiß sie, dass Rolf Dieter Brinkmann 1972 dort war?

Wahrscheinlich stelle ich wieder einmal die falschen Fragen. Man muss nur die richtigen Leute in wichtigen Institutionen kennen, gute Bekanntschaften in den großen Verlagen und Feuilletons haben, dann geht das schon mit der Schiftstellerkarriere. Andere Autoren ohne Connections müssen einen ungeliebten Brotjob machen, um die Stromrechnung zu zahlen. Machen einen auf „armen Poeten“. Sie schreiben in der knappen Freizeit.  Ballen die Hand zu Faust, aber haben niemanden, dem sie einen in die Fresse hauen könnten. Frei nach Wolfgang Borchardt. Sie sind und bleiben unbekannt. Kein Publikumsverlag will sie und wird sie je wollen. Keine Poetikdozenturen. Niemals. Es ist keine Frage der fehlenden Qualität. Es ist keine Frage der Belesenheit und angelesenen und sonst wie angeeigneten Kultur. Aber was ist es dann? Ich versteh das alles nicht. Aber wahrscheinlich gibt’s da auch nichts zu verstehen. Es sind die falschen Fragen in einer falschen Zeit.  Auf falsche Fragen gibt es keine richtigen Antworten. So steht es um die marode, deutsche Literatur in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts.

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