Vor 32 Jahren …

Wenn man wie ich im Ausland (Italien) lebt, wird man als Deutsche(r) unweigerlich früher oder später auf den Mauerfall angesprochen und um einen mehr oder minder gescheiten Kommentar dazu gebeten. Und genauso unweigerlich haben alle den Freudentaumel der Maueröffnung vom 9. November 1989 im Kopf und glauben, dass in dieser Nacht (und auch in den darauffolgenden Tagen und Wochen) alle Deutschen einen kollektiven nationalen multiplen Orgasmus erlebt hätten.

Natürlich stimmt das nicht.

Jeder, der damals vor über 30 Jahren in Deutschland gewohnt hat, hat diesen Mauerfall emotional anders erlebt. Sicherlich gab es auch freudetaumelnde Ostberliner, die die konsternierten Grenzbeamten abgebusselt haben, nachdem sie 1 Sekunde nach dem Schabowski-Interview mit ihrem stinkenden Trabant zur nächsten Grenzübergangsstelle geknattert waren, um sich in einer Westberliner Kneipe ohne D-Mark in der Tasche Freibier spendieren zu lassen oder endlich ihre Verwandten zu besuchen, die sie jahrzehntelang nicht gesehen hatten. Die gab es sicher, aber ebenso sicher ging es nicht allen Ostberlinern so. Im damaligen Ostdeutschland war die Begeisterung über den Mauerfall oft sicher echt und übermächtig, aber es gab vermutlich auch viele Skeptiker und Zweifler.

Im damaligen Westdeutschland war die Spontanbegeisterung unterkühlter, selbst unter den konservativen CSU-/CDU-Wählern. Man fragte sich vielerorts sicherlich, wohin diese chaotischen Entwicklungen führen sollten. Spontan begeistert zu sein ist eine Sache, mit einer radikal veränderten politischen Situation umzugehen, ist etwas ganz Anderes.

Ich selbst war in der Nacht vom 9. auf 10. November 1989 in meiner kleinen Wohnung in der Reichenberger Straße 125, nur ein paar Hundert Meter von der Oberbaumbrücke entfernt. Beste Westlage also, um den historischen Mauerfall live zu erleben. Der kleine Wolfi mitten in der großen Weltgeschichte. Von wegen! Ich habe überhaupt nichts davon mitbekommen. Fernseher hatte ich eh keinen, um die 8-Uhr- Nachrichten zu sehen, Tagespolitik interessierte mich nicht, weder diejenige Westdeutschlands des schwarzen Riesen Helmut Kohl und noch viel weniger die politische Misere von Sauertopf Erich Honecker. Mit den Alltagssorgen eines Sprachstudenten an der FU, der heillos verspätet endlich sein Studium an der FU zum Abschluss bringen wollte, hatten diese suspekten Umwälzungen hinter der Mauer nichts zu tun. Etwas Positives und Interessantes erwartete ich sowieso von dem grauen und unsympathischen Arbeiter- und Bauern-Staat nicht. Die DDR verband ich im günstigsten Fall mit einem Strafzettel und Sofort-Inkasso anrückender Vopos, weil ich mein Auto auf einem der Transitparkplätze angeblich oder wirklich falsch geparkt hatte. Dafür musste man prompt einen blauen Hunni abdrücken, was für mich armen Schlucker ein Vermögen war. Die politische Situation der DDR war mir genauso suspekt und ungeheuerlich wie die in Polen oder in der damals noch existierenden Tschechoslowakei. Weit weg alles, nie gesehen, kein Interesse, irgendwo zwischen Transsylvanien und der Walachei. Was konnte man sich von der DDR schon erwarten außer Langeweile, Rückständigkeit und Abgasgestank aus 2-Takt-Motoren? Die Musik spielte in London, New York oder Los Angeles, nicht in Ostberlin, Wittenberg oder Rostock. Warum sollte ich mir an einem verregneten Ostseestrand eine Sommergrippe holen (und um nach Hiddensee zu fahren, hätte man Mitglied der kommunistischen Partei sein und monatelang vorher eine Besuchserlaubnis beantragen müssen), wenn man in Spanien oder Italien viel besser Sand, Sonne und Meer erleben konnte? Darüber hinaus hatte ich Ende 1989 schon längst beschlossen, meiner Freundin nach Italien hinterherzufahren und in Arkadien mein Glück zu versuchen. Deutschland und Berlin konnten mir gestohlen bleiben und sich zum Teufel scheren. Das Wiedervereinigungs-Chaos kam für mich zum falschen Zeitpunkt. Ich stieg aus dem Zug aus.

Natürlich war eine solche Haltung im besten Fall sehr naiv und politisch extrem unreif. Aber ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mit einer solchen politischen Blauäugigkeit nicht allein war. In der Cafeteria in der Rostlaube diskutierten wir Deppen damals in den Wochen nach dem Mauerfall nicht über die Wiedervereinigung Deutschlands, sondern über eine mögliche Konföderation nach Schweizer Vorbild oder gleich über zwei autonome deutsche Staaten, die normale nachbarschaftliche Beziehungen haben sollten.

Natürlich hatte im Nachhinein die von uns so verachtete tumbe Birne Helmut Kohl mit der schnellen und straff organisierten Wiedervereinigung völlig recht, die er mit allen Mitteln wollte und durchsetzte. Mir und meiner Generation fehlte der politische Weitblick und die demokratische Intelligenz dafür. Wahrscheinlich fehlte uns ganz einfach auch der Mut für Veränderungen.  Wir waren zu misstrauisch und zu feige, um uns Hals über Kopf in ein politisches Abenteuer zu stürzen, das alles verändern würde. Unbewusst wollten wir den Status-Quo West-Berlins erhalten, weil wir spürten, dass mit der Wiedervereinigung der Mythos West-Berlin zu Ende war und das neue wiedervereinigte Berlin nie mehr so epochemachend sein würde wie der schräge Inselstaat Westberlin inmitten der SBZ.

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