Boboko (4)

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Hans Haller trinkt und denkt zu viel. Seine Schweine grunzen nicht mehr. Wilma Wildlife forscht.

Hans Haller hat sich mit seiner ehemaligen Frau Wilma Wildlife in einem italienischen Restaurant im Wrangel-Kiez verabredet. I Golosi Ribelli. Seine Verflossene hat ihm gerade eine Whats-App-Nachricht geschickt, dass die achtundzwanzigjährige Tochter Nathalie nicht mit dabei ist. Sie ist zwei Wochen in Boston bei Tante Ann. Nathalie versucht, mit bisher wenig Erfolg, eine Karriere als Popsängerin aufs Gleis zu bringen. Künstlername Ata F. Ihr erstes Album Queen in the Mirror, letztes Jahr erschienen, verkauft sich schlecht. Mutti Wilma Wildlife, inzwischen mit einem Amerikaner verheiratet, der sich ziemlich erfolglos als Filmproduzent versucht, ist zu mager, hat trotzdem schlechte Cholesterinwerte, hohen Blutdruck und einen schrecklichen Kurzhaarschnitt. Man sieht, dass sie für Kleidung nicht viel Geld ausgibt. Die inneren Werte sind wichtig. Deutsche Intellektuelle sind so. Du kannst doch nicht Mitglied bei Amnesty International sein und 300 Euro für ein Paar Markenschuhe ausgeben. Pfui. Hans Haller hatte Wilma Wildlife Ende der achtziger Jahre kennengelernt, als sie noch Wilma Wolkehanekamp hieß, er in Triest lebte und für eine italienische Firma Kaffee nach Deutschland verkaufte. Wilma studierte damals in Hannover an der Leibniz-Universität Geschichte und promovierte über Zwangsarbeit im Wolfsburger Volkswagenwerk, wo sie Zugang zu den Firmenarchiven hatte. Wegen ihrer guten englischen und italienischen Sprachkenntnisse jobbte sie in den Semesterferien bei „Centro Italia“ (Italienische Feinkost, nur das Beste für den feinen Gaumen). So kamen sie zusammen, zuerst nur telefonisch und dann auch mit Leib und Seele. Wilma und Hans lebten dann einige Jahre im chaotischen Berlin der Wendezeit. Tochter Nathalie wurde Anfang der neunziger Jahre geboren. Hans fand einen schlecht bezahlten Job als „Schwarzer Scheriff“ (offiziell: Sicherungsaufsichtskraft) bei der Gesellschaft „Fucking New Berlin“ und überwachte zum Beispiel nach Friedhofsschließung den Alten St. Matthäus- und Zwölf-Apostel-Kirchhof, wo ständig Randalierer Grabsteine vollsprühten und umstürzten. Dann bekam Wilma eine Stelle als Lehrkraft für besondere Aufgaben am Historischen Seminar der Leibniz-Universität, wo eine Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Volkswagenwerks gebildet worden war. Wilma zog ohne Mann und Maus, aber mit zweijähriger Tochter nach Hildesheim, wo sie zuerst bei einer Freundin unterkam, aber dann endgültig in der todlangweiligen niedersächsischen Unesco-Welterben-Stadt hängenblieb. In den Nullerjahren gründete Hans Haller zusammen mit Rudi Rührei und Fetter Nebel eine Schweinemastfarm in Rüdersdorf. Es gab vom Land Brandenburg Kredite zum Nullzins mit langer Laufzeit und Subventionen für Existenzgründer. Nullen hatte Hans Haller immer gerngehabt. Das Geschäft mit der Schweinefarm ging einige Jahre gut, doch dann funkten ihnen die Billigfleischimporte aus China und ein gewandeltes Ernährungsbewusstsein in Deutschland dazwischen, das immer mehr eine vegetarische, fettarme oder exotische Küche bevorzugte. Rüdersdorf entpuppte sich als Fehlinvestition. Die drei Desperados saßen plötzlich auf 120000 Miesen fest. Die Bank drehte den Geldhahn zu. Aus irgendwelchen undurchsichtigen Geschäften aus der Vergangenheit oder vielleicht auch aus einer Erbschaft hatte Rudi Rührei Geld genug um die gemeinsamen Schulden zu bezahlen. Hans Haller hatte dann viele Jahre kaum Rührei gegessen und auch nichts mehr von ihm gehört.  Back to the present. „Vor ein paar Tagen hat er überraschend angerufen und gibt mir einen Monat Zeit um 40000 Euro aufzutreiben“. – „Von mir bekommst du jedenfalls nichts“.  Hans Haller bestellt sein drittes, dunkles Weizenbier. Wilma Wildlife trinkt Sprudelwasser. „Geh halt zur Bank“. – „Kennst du meine Schufa-Auskunft? Ich krieg noch nicht mal eine neue Mietwohnung, wenn ich kündige“. Der Kellner bringt einen kleinen Gurkensalat für ihn. Wilma Wildlife isst überhaupt nichts. Keine Lasagne. Kein Schokoladeneis. Sie zahlen getrennt. Salvo Spizzirri, der Pächter des gutgehenden Lokals im Wrangel-Kiez, liest gerade einen Schmierzettel durch, den ihm drei unbekannte Italiener in die Hand gedrückt haben. Damit der Santo Padrone sein Lokal auch weiterhin unversehrt lässt, soll er gefälligst, schleunigst und nach der Beichte bei einem katholischen Pfarrer in den Verein zur Unterstützung des Ortsheiligen eintreten. Mitgliedsbeitrag: 5000 Euro pro Quartal. Mannaggia! 

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