Boboko (2)

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Nicht weit weg von Oberstudienrätin Mommsen lebt Hans Haller im Wassertorkiez

Hans Haller sitzt ebenfalls auf dem Balkon seiner Wohnung in der Gitschiner Straße, von wo aus er die U-Bahn-Linie 1 nicht nur hört, sondern im 10-Minuten-Takt richtig rumpeln spürt. Der Tag ist vorbeigegangen, ohne Spuren zu hinterlassen und zu einem lauen Sommerabend geworden. Auf dem Blechtisch steht eine Flasche Grafenwalder Gold. Haller ist eigentlich ein athletischer Typ Ende fünfzig, hat aber Bauch angesetzt und wirkt verlebt. Er hat in seinem Leben keine besten Zeiten gehabt und in jedem Fall sind sie längst vorbei. Er isst zu schlecht und trinkt zu viel. Seine neuesten Blutwerte versteckt er ganz unten in der Schublade des Wohnzimmerschranks. Nach dem Abitur in Esslingen und dem Grundwehrdienst in Freiburg war er mehr als zehn Jahre lang in München bei einem Marmorgroßhändler als Sachbearbeiter beschäftigt. Die Firma verkalkulierte sich dann bei Großaufträgen in den neuen Bundesländern und ging pleite. Hans Haller lebte eine Zeitlang von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe (oder wie auch immer die heute heißt) und fand einen Job in Triest, weil er ein bisschen Italienisch konnte. Anfänger mit Vorkenntnissen in der VHS. Die Firma verkaufte Kaffee. Haller war für den Markt in Deutschland, Österreich und Slowenien zuständig. Auf einer seiner zahlreichen Reisen lernte er dann Wilma Wildlife, seine künftige Frau kennen, die ihn dazu überredete nach Berlin umzuziehen. Job in Italien geschmissen, hoppla hopp ins Goldgräber-Berlin nach der Wende. Er heiratete 1995. 1997 wurde die Tochter Nathalie geboren. Haller eröffnete einen kleinen Weinladen in Charlottenburg, mit dem er einige Jahre ganz gut verdiente. Nachdem aber sein Steuerberater bei einer Reihe von größeren Weinlieferungen aus Frankreich die Mehrwertsteuer falsch berechnet hatte, wollte das Finanzamt eine fette Nachzahlung und drohte mit Pfändung und Gerichtsprozess. Haller war mit seiner bescheidenen Weisheit am Ende und meldete mit seinem Laden In Vino Veritas Konkurs an. Die Nullerjahre dann waren für Haller reinrunde Nietenjahre. Zweimal Null Komma Nichts. Seine Ehe wurde geschieden, seine Frau zog in den Wedding und später ganz aus Berlin weg nach Hildesheim. 2008 hatte Haller dann die Nase voll von Hartz-IV und machte sich mit einer Ein-Mann-AG selbständig: Hans Hallers Privatdetektei, kurz HaHa. Ermittler mit bundesweiter und globaler Operationsfähigkeit. Eine goldene Nase konnte man sich damit auch nicht verdienen, wie die letzten 10 Jahre bewiesen, aber zumindest hielt man den Kopf überm Wasser. Die letzten Wochen waren allerdings mager gewesen. Eine Firma in Lübars vermutete Spesenbetrug bei einem ihrer Außendienstmitarbeiter, schreckte dann allerdings angesichts der hohen Überwachungskosten vor einer Auftragserteilung zurück. Im Mai hatte man ihn mitten in der Nacht am Handy wegen eines verletzten Kätzchens in Potsdam angerufen, das vom Dach gestürzt war. Als er um vier Uhr morgens am Humboldtring angekommen war, hatten sie allerdings schon den veterinären Notfalldienst kontaktiert und das Tier abholen lassen. Mit Mühe und Not konnte er die Gruppe der schlaftrunkenen Bewohner überzeugen, ihm pauschal 100 Euro bar auf die Kralle als Ausfallleistung zu zahlen. Letzte Woche war etwas besser. Ein gewisser Hackensack hatte ihm eine Mail geschrieben und 2000 Euro dafür angeboten, einen Aktenkoffer mit Rasierschaumdosen aus einem Schließfach im Münchner Hauptbahnhof nach Berlin zu bringen. Das hatte Haller einen Tag Arbeit und vielleicht 200 Euro Benzin gekostet. Warum war jemand so blöd und zahlte für so wenig Einsatz so viel Geld? Drogen?  Aber was steht auf der Webseite von HaHa? Absolute Diskretion. Ihre persönlichen Daten sind nur Hans Haller persönlich bekannt, das strengste Stillschweigen wird garantiert. Bei der Datensicherheit halten wir uns selbstverständlich an das Bundesdatenschutzgesetz. Hans Haller schenkt sich den Rest seines Grafenwalder Gold ein und hört wieder eine U-Bahn vorbeirumpeln. Metall auf Metall. Metal Machine Music. Um acht Uhr will er seine Ex-Frau Wilma und Tochter Nathalie beim Italiener in der Schlesischen Straße treffen. Mit einem Loch im Bauch lässt sich nicht nachdenken.

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