Thomas Bernhard: Frost

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Thomas Bernard ist nicht der erste und wird auch nicht der letzte Autor sein, bei dem der simple Rückschluss vom Thema, das mich interessiert auf ein Buch, das mir gefällt, nicht funktioniert hat. Das war mir zum Beispiel in den letzten Jahren bei Herta Müllers Herztier oder Elfriede Jelineks In den Alpen passiert. Alles Autoren, die über jeden Zweifel erhaben und mit Preisen, Lobreden und Rezensionen vollgeschüttet worden sind, nur dass mir die Bücher dann nicht gefielen und ich nach kurzer Zeit deren Lektüren abbrach. Jetzt also Thomas Bernhards Erstlingsroman Frost (1963), bei dem ich mich bis Seite 100 gequält und dann angesichts weiteren 200 Seiten das Handtuch geworden habe. Und dabei hatte die Rezension von Michaela Schmitz bei mir eigentlich Interesse an Bernhards Buch geweckt. Es geht um die Auseinandersetzung zwischen Naturwissenschaft und Kunst, zwischen rationaler Vernunft (der Tagebuch führende Medizinstudent) und einem irrationalem Anachronismus, verkörpert im Kunstmaler Strauch. Durchaus interessante Themenstellungen. Auch für den radikalen Nihilismus Bernhards fühlte ich mich gewappnet. Strauch denkt und spricht seine Monologe endlos weiter, käut ohne Ende Wiederholtes wieder und wieder, ist gleichzeitig eine komische und tragische Gestalt (am Ende, als er verschwindet (Selbstmord? Unfall?), allerdings mehr Letzteres). Alles ist sinnentleert und frostig wie der Winter in Weng. Doch braucht man für die Darstellung solcher Thematiken wirklich dreihundert Seiten? Kann man das alles nicht auch in 50 oder 100 Seiten genauso überzeugend sagen? Ich habe irgendwann einfach die Geduld verloren. Es ist, als ob man einem schizophrenen Patienten zugehört hat, der gar nicht merkt, dass man längst das Zimmer verlassen hat und endlos weiterlabert.

Michaela Schmitz: Bernhards Weg zu seinem Meisterwerk „Frost“

Thomas Bernhard: Frost

Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

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Walter Benjamins 1936 erschienener langer Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ galt jahrzehntelang (und gilt auch heute noch?)als Klassiker der modernen Soziologieforschung. Auf mich wirkt er dennoch dick angestaubt, bleibt er doch auffällig verankert in den ideologischen Auseinandersetzungen der dreißiger Jahre, die von rechtsextremistischen (faschistischen) und linksextremistischen (kommunistischen) Ideen charakterisiert waren. Das ist erst einmal Schnee von gestern und ein Exerzierfeld für Historiker. Benjamin, der politisch eindeutig Position zugunsten des Kommunismus bezog, ging es jedoch in seinem Aufsatz nicht in erster Linie um eine politisch-ideologische Diskussion, sondern um ästhetische Fragestellungen (die für ihn allerdings immer auch politische waren). Er war überzeugt, dass die damals noch relativ neue künstlerische Ausdrucksform des Films die bisher geltenden Regeln der Ästhetik revolutionieren würde. Während bisher in der Kunsttheorie ein elitäres Bewusstsein und Konzepte der Innerlichkeit, Konzentration und Versenkung den Ton angaben, kämpft sich jetzt eine neue cineastische Ästhetik immer mehr in den Vordergrund. Mit dem Film entsteht eine modernes, technologisches Medium der Kunst für die Massen, das auf (so wenig erhabene Faktoren wie) Zerstreuung und Assoziation setzt. Diese neue Kunst ist in der Meinung Benjamins immer auch eine politische Kunst, wie er schon im Vorwort des Aufsatzes sagt und erinnert damit an Positionen, wie sie Bertolt Brecht zur gleichen Zeit für ein revolutionäres Theater entwickelt hat.

Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Wikipedia-Eintrag

Ralf Rothmann

Rothmann(c)Je.Bauer

Ich habe Rothmanns zwei Ruhrpott-Romane Stier und Milch und Kohle vor gut zwei Jahren gelesen, so dass ich nicht mehr jede Einzelheit ihrer Handlungen und Personen aus dem Gedächtnis abrufen kann. Trotzdem erinnere ich mich mit einem guten Gefühl an die beiden Texte. Sie beschreiben alle beide sehr überzeugend und autobiographisch die Entwicklung ihrer Ich-Erzähler zuerst während der siebziger (Stier) und dann Ende der sechziger Jahre (Milch und Kohle). Rothmann selbst kommt aus einer westpreußischen Familie, die nach dem Krieg im Ruhrgebiet hängengeblieben war. Sein Vater arbeitete unter Tage. Rothmann wächst in einem proletarisch-kleinbürgerlichen Umfeld auf. Er wechselt viele Berufe, zieht nach West-Berlin, um in der Metropole eine neue Identität zu suchen und lebt jahrzehntelang im wilden Kreuzberg. Bevor er vom Schreiben leben kann, ist er Maurer, Koch, Krankenpfleger, Drucker, Kellner, Fahrer und sicher auch noch anderes mehr. Die sechziger und siebziger Jahre sind die Jahre der Familienkonflikte zwischen Eltern und Kindern, zwischen Vater und Sohn, zwischen Zweckoptimismus, Fortschrittsgläubigkeit und Aufbruch und Rebellion einer Generation, die mit Rockmusik, Alkohol, Drogen, Partys und Sex einem neuen Lebensgefühl Ausdruck verleiht. Solche Geschichten von Tagträumern und Taugenichtsen, die sich in ihrer aufsässigen Suche nach Sinn in den Untergrund der Großstädte verirren, wurden bis Anfang der neunziger Jahre, als Stier erschien, von niemandem erzählt. Frisch und nie so beschrieben war auch der Schauplatz Ruhrgebiet. Normalerweise lag der Schwerpunkt anderswo (Berlin, Hamburg oder Frankfurt im Studenten-, Hausbesetzer- oder Terroristenmilieu) und auch die Protagonisten waren andere und viel mehr im Scheinwerferlicht (Dutschke, Marcuse, die Kommune 1, die APO, die Bewegung 2. Juni, die RAF). Bei Rothmann taucht man in die kleinen, aber glaubwürdigen Geschichte einer dumpfen und miefigen Industriekultur zwischen Duisburg und Dortmund, Recklinghausen und Essen ein und erlebt die Befreiung einer Generation durch Bücher, Musik und Esoterik, aber auch durch Alkohol, Gewalt und Zerstörung. Diese Revolte ist aber nie unreflektiert und gewalttätig, sondern eine sehr persönliche Verweigerungspose von Rothmanns Anti-Helden. Sie zweifeln, zaudern und scheitern. Insofern haben die rothmann’schen Figuren auch eine christliche Aura: Sie stehen unter Leidensdruck und praktizieren Geduld und Mitleid. Nicht umsonst ist Ralf Rothmann auch ein christlicher Schriftsteller genannt worden und hat 2003 den Evangelischen Buchpreis, 2008 den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung und 2014 den Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken bekommen.

Stier

Milch und Kohle

Der Vorleser

Bernhard Schlink Ich habe zuerst den 2008 produzierten Film gesehen und war wirklich beeindruckt. Normalerweise sind ja Hollywood-Schinken mit Oscar-Prämierungen nicht so meine Sache, ich bin auch seit vielen Jahrzehnten ein Kino-Muffel, aber diesen Film fand ich ganz einfach wunderbar. Warum? Na ja, wahrscheinlich handelt es sich im Wesentlichen um Primärreflexe, denn die unmögliche Liebe (amour fou) zwischen dem Schuljungen Michael Berg und der Ex-KZ-Aufseherin Hanna Schmitz rührt wohl Instinkte in mir auf, die ich gar nicht kontrollieren kann. Endlich wird einmal die Judenvernichtung nicht mit Standardstereotypen von Gut und Böse präsentiert, sondern viel differenzierter und origineller. Am Ende bleiben viele unbeantwortete Fragen zurück, die alle um einige Masterfragen kreisen: Wie schuldig und glaubwürdig ist Hanna Schmitz? Gibt es eine Verzeihung für die Verbrechen der Nazi-Zeit? Ist Liebe stärker als Delikt und Schuld? Aber immerhin sind solche Fragen ein Fortschritt zu früher eingenommenen Positionen, dass man über Ausschwitz nicht reden könne, sondern schweigen müsse und dass alle Begründer und Mitläufer des Nazi-Systems automatisch und notgedrungen zu verdammen seien. Natürlich spielt bei einer solchen Einschätzung der Faktor Zeit eine wichtige Rolle. 1995, als Bernhard Schlink das Buch geschrieben hat, war sie wohl reif geworden, um neu und trotzdem glaubwürdig über den Nazismus nachzudenken, denn die Hauptideologen waren 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs alle längst tot. Schlinks Buch selbst packt mich allerdings weniger. Sicherlich gibt es im Roman noch mehr interessante Diskussionen zum Thema, das frisch, mutig, brisant und vielleicht sogar ein wenig genial bleibt. Doch mich stören hauptsächlich zwei Dinge: Bernhard Schlinks Biographie hat etwas penetrant Bildungsbürger- und Philisterhaftes, das mich im besten Fall nicht interessiert, bei schlechter Laune auch nervt und mit seinem strengen Geruch ziemlich viel Sympathie kaputt macht. Für einen 1944 Geborenen war da auf jeden Fall mehr drin. Rolf-Dieter Brinkmann ist Zeitgenosse, um nur einen Namen zu nennen. Mein Vorwurf bezieht sich dann auch auf stilistische und ästhetische Faktoren. Wahrscheinlich hängen Biographie und Stil auch unausweichlich zusammen. Wer 1995 so traditionell und bieder wie Schlink erzählt, setzt sich nicht nur dem Vorwurf der Langeweile und Einfallslosigkeit aus, sondern beweist auch eine erschreckende Unkenntnis von experimentellen Erzählstrategien, die seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausprobiert wurden. Es gibt eben nicht nur Gottfried Keller und Anton Tschechow. Der Roman ist inzwischen Pflichtlektüre im Schulunterricht der Sekundarstufe. Zusammenfassung und Analyse seines Inhalts sind Massenware und an diesem Ort überflüssig. Wer das Thema vertiefen möchte, findet hier einen guten Ausgangspunkt. Das Buch und den Film selbst kann man hier (Buch)  und hier (Film) erwerben.

Maren Kames

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Ich bin zufällig auf den Namen Maren Kames gestoßen, hab im Anschluss ein wenig im Internet recherchiert und herausgefunden, dass die 31- jährige Lyrikerin noch gar kein eigenes Buch veröffentlicht, sondern nur ein paar wenige Seiten ihres Schaffens ins Internet gestellt hat. 2013 war sie Preisträgerin beim Open Mike in Berlin, 2014 Stipendiatin der Gargonza Arts Awards. Folgendes Gedicht finde ich wirklich sehr inspiriert und frisch:

Halte hier Reden

vom Gras über den Dingen
über die Zärtlichkeit in dir und das Tier
den räudigen Zustand und
das hier ist Regen
das die Lähmung
und das der Regen
und wo der Schirm der Herr die Wege
dass alles klebt
während der Regen in Bewegung
über dem Gras über den Dingen
bei den Traufen wo die Rehe
(ja ja die Rehe) und
du weißt nicht wohin rasen
du errätst nicht wohin atmen
und die Dinge kleben
und die Rede klebt an den Dingen
und rate mal richtig
Maren ist mehr
ein Fragewort
es geht in Schleifen
es geht nicht
es bricht
ab
hier woanders hin.

Quelle

 

Burn Berlin Burn

Vita_Priewe

Für meinen Lesegeschmack ist die Geschichte um den Berliner Kohlenausträger Kasimir Beck inhaltlich und stilistisch allzu hausbacken. Mir fällt es schwer zu glauben, dass die Geschehnisse in einem aktuellen Neukölln angesiedelt sein sollen, wie viele Texthinweise anzudeuten scheinen. Eher schon erscheint es plausibel, dass es sich bei Kasimir Beck um einen späten Klon von Franz Biberkopf handelt oder zumindest um einen neuen Paul Panzer aus Keine Macht Für Niemand der Band Ton Steine Scherben. Sowohl Alfred Döblin als auch Rio Reiser werden in der Erzählung wortwörtlich erwähnt. Die Freundschaft zwischen dem sympathischen Proleten Kasimir Beck mit seinen hilflosen Künstlerambitionen und dem vertrottelten arbeitslosen Intellektuellen Michael Bender würde blendend in den Zeitgeist des Roten Jahrzehnts zwischen 1967 und 1977 passen, als von der Revolution und der Annäherung zwischen Arbeitern und Intellektuellen geschwärmt wurde. Dass heute noch, nach so langer Zeit, solche Konstellationen angedacht werden, wirkt eingermaßen nostalgieblind. Da ist die zeitlose Liebesgeschichte zwischen Kasimir Beck und der Kneipenbesitzerin Inge Namenlos schon überzeugender. Wenn man einen Blick auf die Biografie des Autors wirft, hat Herr Priewe wahrscheinlich viel mit Senioren zu tun, die vom Krieg erzählen und den Blick verzerren. Das zum Inhalt. Der Schreibstil der Erzählung ist sehr traditionell und linear, was die Lektüre erleichtert, aber narrativen Strukturen verhaftet bleibt, die in solcher Naivität unvermeidlich bitter die nötige stilistische Originalität und Frische vermissen lassen.

Wolfgang Priewe: Burn Berlin Burn: Erzählung aus dem Leben eines Kohlenträgers

Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit

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Um gleich kein Blatt vor den Mund zu nehmen: Meine Erfahrungen mit der Lektüre philosophischer Schriften sind eine wahre Katastrophe. Nur eine einzige Ausnahme bestätigt die traurige Regel, dass mein Magen wohl ungeeignet ist, philosophische Schwerkost zu verdauen. Mit siebzehn stieß ich das erste Mal auf so Namen wie Friedrich Nietzsche oder die kritischen Theoretiker der Frankfurter Schule. Verstanden hab ich damals von denen (und anderen) zwischen ganz, ganz wenig und Nullkommanichts. Vier Semester Philosophiestudium machten Anfang der achtziger das Malheur nur noch schilmmer. Ich erinnere mich noch heute mit Schrecken an die Monadenlehre von Leibniz, an Kants Vorwort zur Kritik der reinen Vernunft, an Hegels Phänomenologie. Und so weiter natürlich. Das war nichts für meinen verhagelten Brummschädel aus der bayerischen Provinz. Doch dann, so um das Jahr 1987, riet mir jemand, Arthur Schopenhauer zu lesen. Arthur Schopenhauer? Ich machte mich sehr sehr sehr skeptisch ans Lesen und war … wie vom Blitz getroffen! Das zweibändige Buch (Die Welt als Wille und Vorstellung) war nicht nur lecker lesbar, sondern sprach mir direkt aus dem wirren Herzen. Nur wenige Male in meinem Leben habe ich so ein Gefühl bei der Lektüre eines Buchs gehabt. Arthur verstand die Dinge. Wolfgang verstand Arthur. Arthur und Wolfgang verstanden sich. Wie wunderbar. Die Chemie stimmte allerorten. Das war fast so etwas wie eine religiöse Erleuchtung. Und zumindest war es eine große Erleichterung nach so viel Lesefrust mit hehren, für mich unlesbaren Philosophen. Man kennt ja die Geschichte von den deutschen Auswanderern auf den verrußten Dampfschiffen, die die Bibel und Goethes Faust im Koffer mit sich schleppten. Könnte ich zehn Bücher ins Dschungelcamp 2016  bringen, wären Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung (frühe und späte Ausgabe von 1819 und 1859) und auch seine Aphorismen zur Lebensweisheit (1851) als hochkonzentrierte Essenz von Lebensweisheit vermutlich mit von der Partie. Eigentlich waren diese Parerga und Paralipomena nur als Beiwerk und Ergänzung zu Schopenhauers einzigem Hauptwerk gedacht. Böse formuliert, sind es die Brösel, die beim Festschmaus vom Tisch fielen, von ihm zusammengekehrt und dann als Frankfurter Allerlei in die Röhre geschoben. Heraus kam ein zugegeben nicht immer in allen Teilen schmackhaftes Werk (Kapitel IV Von dem, was einer vorstellt ist sehr langatmig und ließ mich die Lektüre fast abbrechen), aber die nachfolgenden Kapitel V und VI sind dann wieder so gut, dass man froh ist, die Durststrecke überstanden zu haben.
Hier ein paar wahllose Zitate aus Kapitel V und VI der Aphorismen zur Lebensweisheit:

Viel weniger irrt wer, mit zu finsterm Blicke, diese Welt als eine Art Hölle ansieht und demnach nur darauf bedacht ist, sich in derselben eine feuerfeste Stube zu verschaffen.

Wer im Getümmel der Geschäfte, oder Vergnügungen dahinlebt, ohne je seine Vergangenheit zu ruminieren, vielmehr nur immerfort sein Leben abhaspelt, dem geht die klare Besonnenheit verloren:

Ferner, je höher einer auf der Rangliste der Natur steht, desto einsamer steht er, und zwar wesentlich und unvermeidlich.

Noch kommt hinzu, daß was wirklichen Wert hat in der Welt nicht geachtet wird, und was geachtet wird keinen Wert hat.

… Astrologie, welche den Gang der großen Weltkörper auf das armselige Ich bezieht wie auch die Kometen am Himmel in Verbindung bringt mit den irdischen Händeln und Lumpereien.

Man lese meine Preisschrift über die sogenannte Freiheit des Willens und befreie sich vom Wahn.

… die Wilden fressen einander und die Zahmen betrügen einander, und das nennt man den Lauf der Welt.

Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit

Rocko Schamoni

Schamoni

Rocko Schamoni: Dorfpunks (2004) und Sternstunden der Bedeutungslosigkeit (2007)

Bei Rocko Schamoni, eigentlich Tobias Albrecht, scheiden sich sicher die Geister. Viele Leserinnen und Leser werden vermutlich seine Romane gar nicht wirklich ernst nehmen und sie in die Schublade der Unterhaltungsliteratur stecken, wo sie dann ihre traurige Existenz zusammen mit Büchern von Dan Brown, Erika Leonard und Joanne Rowling fristen. Man kann aber auch gnädiger mit Schamonis Romanen umgehen. Das fällt leichter, wenn man ein Geburtsdatum um 1960/1965 hat und die Befindlichkeiten der Punk-Generation selbst kennen gelernt und geteilt hat. Schamonis zwei Romane, die eigentlich ein einziger sind, erzählen (vermutlich sehr autobiographisch) in Dorfpunks die Welt eines jugendlichen Ich-Erzählers aus der norddeutschen Provinz in den Jahren 1976 bis 1986: Schulabbruch, Töpferlehre, Langeweile, sexuelle Frustration, Punkmusik als Identitätsstifter. In Sternstunden der Bedeutungslosigkeit ist der Schauplatz nicht mehr Schmalenstedt (Lütjenburg) irgendwo im Bommerlunderland, sondern die Metropole Hamburg, wo sich ein verkrachter Kunststudent mit Namen Michael Sonntag und viel norddeutschem Mutterwitz durch sein chaotisches Leben aus Sex, Drogen, Rock’n’Roll und gelegentlicher Psychotherapie schlägt. Damit stehen Schamonis Romane unweigerlich in der Tradition der Dekadenzliteratur, die man eigentlich in Deutschland mit so hehren Namen wie den Gebrüdern Mann in Verbindung bringt, die aber in Amerika mit der Beat-Literatur und Charles Bukowski eine viel handfestere Variante entwickelt hat. Der geistige Übervater ist jedenfalls immer Arthur Schopenhauer und seine ausnahmslos pessimistische und negative Anschauung der schlechtesten aller nur möglichen Welten, wo nur das Böse regiert. Diese Welt , die das ist, was nicht sein sollte, gilt es zu verneinen und zu bekämpfen. Sagt Arthur Schopenhauer. Sein später Schüler Rocko Schamoni sagt das so:

Wie mein Berufsschullehrer zu mir sagte:
Herr Sonntag, was ist flüssiger als flüssig?
Ich: Keine Ahnung, was denn?
Er voller Freude: Sie, nämlich überflüssig, hahahahahahaha!

Absolut lesenswert, speziell für Südlichter wie mich, weil man auch noch seinen norddeutschen Fachwortschatz erweitern kann: Edding? Pulen? Is mir vollkommen wumpe? Angeben wie ein Sack Mücken? Zippeln?

Rocko Schamoni: Dorfpunks
Rocko Schamoni: Sternstunden der Bedeutungslosigkeit

 

Die Elixiere des Teufels

Nach einer eigenen Zeichnung von E. T. A. Hoffmann

Der 1815 erschiene Debütroman Ernst Hoffmanns ist heute einer der großen Klassiker der deutschen Literaturgeschichte und damit auch Teil der Standardprogramme in Leistungskursen und Literaturseminaren. Gibt es aber darüber hinaus einen Grund so einen dicken 350-seitigen Schmöcker freiwillig und wo möglich auch noch mit Genuss zu lesen? Was mich vor allem an dem Buch beeindruckt hat, ist dessen Sprache. So ein aufgeladenes pathetisches Deutsch aus lange vergangenen Zeiten liest sich einfach wunderbar! Inbrünstige Sehnsucht, lüsternes, glühendes Verlangen, glutvollste Liebe, nach Genuß dürstende Wollust, schändliche Bande, teuflische Arglist: das sind nur ein paar wenige Beispiele des hoffmannschen Stils (2. Abschnitt, Seite 67 der Insel-Tasdchenbuch-Ausgabe). Vom Inhalt her gehört das Buch zur schwarzen Romantik (Schauerromantik), die in der englischen und amerikanischen Literatur als gothic novel stark verbreitet war, in Deutschland aber nur ein ein Nischenprodukt geblieben ist. Hier waren im Regelfall andere Themen präsent: in der Frühromantik vor allem die deutsche Philosophie des Idealismus, in der Spätromantik die Verarbeitung eines politischen Nationalismus. Klassische Motive dieses anglo-amerikanischen gothic novel sind denn auch zuhauf in Hoffmanns Elixieren zu finden: vor allem das allgegenwärtige Doppelgängermotiv, das lange vor der Existenz der Psychoanalyse Themen wie Persönlichkeitsspaltung, Schizophrenie, Wahnsinn, Todestrieb, Blutrausch aus dem Baukasten des Schauerromans auf die braven deutschen Lesetische knallt. Dazu gehört natürlich auch Inzest und ein Stammbaum, wo (fast) alle Protagonisten des Romans sündige Verbindungen eingehen und (fast) jeder mit jedem verwandt ist. Die Verfluchung eines gesamten Geschlechts und die Abwesenheit jeden freien Willens des Kapuziners Medardus, der eine determinierte teuflische Existenz leben muss, sind ideologische Weichenstellungen, die den herrschenden Zeitgeist und den dominierenden christlichen Glauben unweigerlich entgleisen lassen müssen. Auch die Figur der heiligen Aurelie (Rosalia) ist in einem orthodoxen Sinn zutiefst unchristlich. Sie ist nämlich einerseits eine Nonne und spätere Heilige, aber sie ist gleichzeitig auch verliebt in und schicksalhaft verkettet mit dem Mönch und Mörder Medardus und hat damit  alle, auch physischen Qualitäten einer klassischen femme fatale, die ihr Opfer verführt und ihm zum Verhängnis wird. Solche tiefen Gefühle und Gedanken in den Elixieren des Teufels brauchen natürlich geeignete Schauplätze: Alte Kapuzinerklöster, riesige Schlösser, tiefe Wälder und am Ende des Romans ein modriges Terrorgefängnis in den Katakomben Roms, wo Fackeln flackern, irgendjemand dumpf aufstöhnt, Ketten rasseln, Schlösser klirren, Tritte schallen und alles vom Totengeruch durchdrungen ist.

Die Elixiere des Teufels: Nachgelassene Stücke des Bruders Medardus, eines Kapuziners

 

 

Troutfishing in America

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Richard Brautigan ist heute ein völlig vergessener Autor. Kaum mehr jemand weiß, dass sein schon 1961 geschriebener, dann aber erst 1967 veröffentlichter Roman Trout Fishing in Amerika Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre Millionen Exemplare verkauft und den armen und schüchternen Autor zum reichen Idol der amerikanischen Hippie-Szene macht. Zuerst der Eichborn-Verlag und dann Rowohlt verlegen ihn, nachdem der Übersetzer G֕ünter Ohnemus im Eigenverlag Vorarbeit geleistet hatte. Von Dauer ist dieser Ruhm jedoch nicht. Schon Ende der siebziger Jahre verkauft Brautigan kaum mehr Bücher. Als er sich 1984 das Leben nimmt, lebt er in seiner Ranch im kalifornischen Bolinas so vereinsamt, dass sein Freitod erst einen Monat später überhaupt bemerkt wird. Es kommt dann Mitte der achtziger Jahre noch einmal zu einer kurz aufflackernden Brautigan-Renaissance. Der kleine Kartaus Verlag aus Regensburg verlegt noch einmal die wichtigsten Bücher des kauzigen Einzelgängers. Motto des Verlags: Damit Sie nicht mit Rosamunde Pilcher ins Bett gehen müssen.

Heile Welt hat Richard Brautigan nun wirklich nicht zu bieten. Er beschreibt lieber seine Außenseiter, Karikaturen und gescheiterte Typen. Schreiberkollege Thomas McGuane hat von ihm gesagt: Er war ein sanftmütiger, verstörter, extrem seltsamer Typ. Der stark von surrealistischen und dadaistischen Elementen durchtränkte Roman Forellenfischen in Amerika hinterlässt beim heutigen Leser ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits ist er stark vom damaligen Zeitgeist der Haight-Ashbury-Szene San Franziscos geprägt und wirkt zuweilen einfach zu naiv, zu schräg und zu drogenselig. Das fängt allein schon beim Protagonisten Troutfishing in America an und hört dort natürlich längst noch nicht auf. Troutfishing in America ist der Leichnam Lord Byrons, der von Griechenland nach England verschifft wird, aber auch der Graffitti-Spruch auf der Rückseite verängstigter Erstklässler. Troutfishing in America (Er? Sie? Es?) ist eine wirkliche Person, die auf einen Brief des FBI antwortet. Troutfishing in America ist ein Hotel. Und dann wieder eine Person mit Namen Troutfishing in America Shorty ohne Beine im Rollstuhl. Der Leser tut sich schwer mit dem kurzen Roman und kann auch manchmal ein Stöhnen und Gähnen bei soviel Dada und Gaga nicht unterdrücken.

Anderseits ist der Roman wirklich originell und es gibt nichts vergleichbar Verrückt-Kreatives, das ich kenne, schon gar nicht in der deutschen Literatur. Man merkt auch auf Schritt und Tritt die lyrische Begabung Richard Brautigans, der ständig völlig ungewöhnliche Bilder und Metaphern abliefert. Ein Beispiel? Aus dem neunten Kapitel (Das Ballett für Forellenfischen in Amerika) der insgesamt 47 Kapitel (wenn man sie denn so nennen will): Die Beschreibung könnte auf einer Fußmatte am Vordereingang der Hölle stehen, oder sie könnte ein Orchester aus Leichenhallen dirigieren, die auf eiskalten Holzblasinstrumenten spielen, oder sie könnte ein atomarer Postbote sein, der durch Kieferwälder huscht, in denen nie die Sonne scheint. Das ist einfach genial! Und es gibt viele solcher inspirierten Stellen.

Richard Brautigan, zu jung für die Beats und zu alt für die Hippies, hat ähnlich wie Mark Twain (den er im Text nicht erwähnt) und Ernest Hemingway (den er im Kapitel Als ich Forellenfischen in Amerika zum letztenmal sah zitiert) ein ursprüngliches, authentisches natürliches Amerika im Sinn, eine nicht mehr existierende Wildnis des 19. Jahrhunderts der Pioniere und Indianer vor und hinter der frontier, das er als rückwärtsgewandte Utopie beschwört. Die Sprache und Logik des Romans im Niemandsland zwischen Melancholie und Galgenhumor ist vielleicht auch deshalb so absurd, weil Brautigan sicher klug genug war, um zu wissen, dass eine solche heile Welt nie existiert hatte, geschweige denn heute wiederholbar ist. Der Ausverkauf der Natur und der Sündenfall der industriellen Gesellschaft wird dennoch in Troutfishing in America in bitter abstrusen Sätzen angeklagt. Der böse Mensch steht gegen die gute Natur. Zivilisation, Industrie und Kommerz gegen Anglerhosen und Forellenbäche. In einem Trödelmarkt wird ein solcher gebrauchter Forellenbach verkauft, der halbe Meter zu sechs Dollar fünfzig. (Kapitel Der Cleveland Trödelmarkt). Soll man da als Leser lachen oder weinen?

Buch hier (in deutscher Überseztung):

Forellenfischen in Amerika