Der Vorleser

Bernhard Schlink Ich habe zuerst den 2008 produzierten Film gesehen und war wirklich beeindruckt. Normalerweise sind ja Hollywood-Schinken mit Oscar-Prämierungen nicht so meine Sache, ich bin auch seit vielen Jahrzehnten ein Kino-Muffel, aber diesen Film fand ich ganz einfach wunderbar. Warum? Na ja, wahrscheinlich handelt es sich im Wesentlichen um Primärreflexe, denn die unmögliche Liebe (amour fou) zwischen dem Schuljungen Michael Berg und der Ex-KZ-Aufseherin Hanna Schmitz rührt wohl Instinkte in mir auf, die ich gar nicht kontrollieren kann. Endlich wird einmal die Judenvernichtung nicht mit Standardstereotypen von Gut und Böse präsentiert, sondern viel differenzierter und origineller. Am Ende bleiben viele unbeantwortete Fragen zurück, die alle um einige Masterfragen kreisen: Wie schuldig und glaubwürdig ist Hanna Schmitz? Gibt es eine Verzeihung für die Verbrechen der Nazi-Zeit? Ist Liebe stärker als Delikt und Schuld? Aber immerhin sind solche Fragen ein Fortschritt zu früher eingenommenen Positionen, dass man über Ausschwitz nicht reden könne, sondern schweigen müsse und dass alle Begründer und Mitläufer des Nazi-Systems automatisch und notgedrungen zu verdammen seien. Natürlich spielt bei einer solchen Einschätzung der Faktor Zeit eine wichtige Rolle. 1995, als Bernhard Schlink das Buch geschrieben hat, war sie wohl reif geworden, um neu und trotzdem glaubwürdig über den Nazismus nachzudenken, denn die Hauptideologen waren 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs alle längst tot. Schlinks Buch selbst packt mich allerdings weniger. Sicherlich gibt es im Roman noch mehr interessante Diskussionen zum Thema, das frisch, mutig, brisant und vielleicht sogar ein wenig genial bleibt. Doch mich stören hauptsächlich zwei Dinge: Bernhard Schlinks Biographie hat etwas penetrant Bildungsbürger- und Philisterhaftes, das mich im besten Fall nicht interessiert, bei schlechter Laune auch nervt und mit seinem strengen Geruch ziemlich viel Sympathie kaputt macht. Für einen 1944 Geborenen war da auf jeden Fall mehr drin. Rolf-Dieter Brinkmann ist Zeitgenosse, um nur einen Namen zu nennen. Mein Vorwurf bezieht sich dann auch auf stilistische und ästhetische Faktoren. Wahrscheinlich hängen Biographie und Stil auch unausweichlich zusammen. Wer 1995 so traditionell und bieder wie Schlink erzählt, setzt sich nicht nur dem Vorwurf der Langeweile und Einfallslosigkeit aus, sondern beweist auch eine erschreckende Unkenntnis von experimentellen Erzählstrategien, die seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausprobiert wurden. Es gibt eben nicht nur Gottfried Keller und Anton Tschechow. Der Roman ist inzwischen Pflichtlektüre im Schulunterricht der Sekundarstufe. Zusammenfassung und Analyse seines Inhalts sind Massenware und an diesem Ort überflüssig. Wer das Thema vertiefen möchte, findet hier einen guten Ausgangspunkt. Das Buch und den Film selbst kann man hier (Buch)  und hier (Film) erwerben.

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