Ralf Rothmann

Rothmann(c)Je.Bauer

Ich habe Rothmanns zwei Ruhrpott-Romane Stier und Milch und Kohle vor gut zwei Jahren gelesen, so dass ich nicht mehr jede Einzelheit ihrer Handlungen und Personen aus dem Gedächtnis abrufen kann. Trotzdem erinnere ich mich mit einem guten Gefühl an die beiden Texte. Sie beschreiben alle beide sehr überzeugend und autobiographisch die Entwicklung ihrer Ich-Erzähler zuerst während der siebziger (Stier) und dann Ende der sechziger Jahre (Milch und Kohle). Rothmann selbst kommt aus einer westpreußischen Familie, die nach dem Krieg im Ruhrgebiet hängengeblieben war. Sein Vater arbeitete unter Tage. Rothmann wächst in einem proletarisch-kleinbürgerlichen Umfeld auf. Er wechselt viele Berufe, zieht nach West-Berlin, um in der Metropole eine neue Identität zu suchen und lebt jahrzehntelang im wilden Kreuzberg. Bevor er vom Schreiben leben kann, ist er Maurer, Koch, Krankenpfleger, Drucker, Kellner, Fahrer und sicher auch noch anderes mehr. Die sechziger und siebziger Jahre sind die Jahre der Familienkonflikte zwischen Eltern und Kindern, zwischen Vater und Sohn, zwischen Zweckoptimismus, Fortschrittsgläubigkeit und Aufbruch und Rebellion einer Generation, die mit Rockmusik, Alkohol, Drogen, Partys und Sex einem neuen Lebensgefühl Ausdruck verleiht. Solche Geschichten von Tagträumern und Taugenichtsen, die sich in ihrer aufsässigen Suche nach Sinn in den Untergrund der Großstädte verirren, wurden bis Anfang der neunziger Jahre, als Stier erschien, von niemandem erzählt. Frisch und nie so beschrieben war auch der Schauplatz Ruhrgebiet. Normalerweise lag der Schwerpunkt anderswo (Berlin, Hamburg oder Frankfurt im Studenten-, Hausbesetzer- oder Terroristenmilieu) und auch die Protagonisten waren andere und viel mehr im Scheinwerferlicht (Dutschke, Marcuse, die Kommune 1, die APO, die Bewegung 2. Juni, die RAF). Bei Rothmann taucht man in die kleinen, aber glaubwürdigen Geschichte einer dumpfen und miefigen Industriekultur zwischen Duisburg und Dortmund, Recklinghausen und Essen ein und erlebt die Befreiung einer Generation durch Bücher, Musik und Esoterik, aber auch durch Alkohol, Gewalt und Zerstörung. Diese Revolte ist aber nie unreflektiert und gewalttätig, sondern eine sehr persönliche Verweigerungspose von Rothmanns Anti-Helden. Sie zweifeln, zaudern und scheitern. Insofern haben die rothmann’schen Figuren auch eine christliche Aura: Sie stehen unter Leidensdruck und praktizieren Geduld und Mitleid. Nicht umsonst ist Ralf Rothmann auch ein christlicher Schriftsteller genannt worden und hat 2003 den Evangelischen Buchpreis, 2008 den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung und 2014 den Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken bekommen.

Stier

Milch und Kohle

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