Troutfishing in America

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Richard Brautigan ist heute ein völlig vergessener Autor. Kaum mehr jemand weiß, dass sein schon 1961 geschriebener, dann aber erst 1967 veröffentlichter Roman Trout Fishing in Amerika Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre Millionen Exemplare verkauft und den armen und schüchternen Autor zum reichen Idol der amerikanischen Hippie-Szene macht. Zuerst der Eichborn-Verlag und dann Rowohlt verlegen ihn, nachdem der Übersetzer G֕ünter Ohnemus im Eigenverlag Vorarbeit geleistet hatte. Von Dauer ist dieser Ruhm jedoch nicht. Schon Ende der siebziger Jahre verkauft Brautigan kaum mehr Bücher. Als er sich 1984 das Leben nimmt, lebt er in seiner Ranch im kalifornischen Bolinas so vereinsamt, dass sein Freitod erst einen Monat später überhaupt bemerkt wird. Es kommt dann Mitte der achtziger Jahre noch einmal zu einer kurz aufflackernden Brautigan-Renaissance. Der kleine Kartaus Verlag aus Regensburg verlegt noch einmal die wichtigsten Bücher des kauzigen Einzelgängers. Motto des Verlags: Damit Sie nicht mit Rosamunde Pilcher ins Bett gehen müssen.

Heile Welt hat Richard Brautigan nun wirklich nicht zu bieten. Er beschreibt lieber seine Außenseiter, Karikaturen und gescheiterte Typen. Schreiberkollege Thomas McGuane hat von ihm gesagt: Er war ein sanftmütiger, verstörter, extrem seltsamer Typ. Der stark von surrealistischen und dadaistischen Elementen durchtränkte Roman Forellenfischen in Amerika hinterlässt beim heutigen Leser ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits ist er stark vom damaligen Zeitgeist der Haight-Ashbury-Szene San Franziscos geprägt und wirkt zuweilen einfach zu naiv, zu schräg und zu drogenselig. Das fängt allein schon beim Protagonisten Troutfishing in America an und hört dort natürlich längst noch nicht auf. Troutfishing in America ist der Leichnam Lord Byrons, der von Griechenland nach England verschifft wird, aber auch der Graffitti-Spruch auf der Rückseite verängstigter Erstklässler. Troutfishing in America (Er? Sie? Es?) ist eine wirkliche Person, die auf einen Brief des FBI antwortet. Troutfishing in America ist ein Hotel. Und dann wieder eine Person mit Namen Troutfishing in America Shorty ohne Beine im Rollstuhl. Der Leser tut sich schwer mit dem kurzen Roman und kann auch manchmal ein Stöhnen und Gähnen bei soviel Dada und Gaga nicht unterdrücken.

Anderseits ist der Roman wirklich originell und es gibt nichts vergleichbar Verrückt-Kreatives, das ich kenne, schon gar nicht in der deutschen Literatur. Man merkt auch auf Schritt und Tritt die lyrische Begabung Richard Brautigans, der ständig völlig ungewöhnliche Bilder und Metaphern abliefert. Ein Beispiel? Aus dem neunten Kapitel (Das Ballett für Forellenfischen in Amerika) der insgesamt 47 Kapitel (wenn man sie denn so nennen will): Die Beschreibung könnte auf einer Fußmatte am Vordereingang der Hölle stehen, oder sie könnte ein Orchester aus Leichenhallen dirigieren, die auf eiskalten Holzblasinstrumenten spielen, oder sie könnte ein atomarer Postbote sein, der durch Kieferwälder huscht, in denen nie die Sonne scheint. Das ist einfach genial! Und es gibt viele solcher inspirierten Stellen.

Richard Brautigan, zu jung für die Beats und zu alt für die Hippies, hat ähnlich wie Mark Twain (den er im Text nicht erwähnt) und Ernest Hemingway (den er im Kapitel Als ich Forellenfischen in Amerika zum letztenmal sah zitiert) ein ursprüngliches, authentisches natürliches Amerika im Sinn, eine nicht mehr existierende Wildnis des 19. Jahrhunderts der Pioniere und Indianer vor und hinter der frontier, das er als rückwärtsgewandte Utopie beschwört. Die Sprache und Logik des Romans im Niemandsland zwischen Melancholie und Galgenhumor ist vielleicht auch deshalb so absurd, weil Brautigan sicher klug genug war, um zu wissen, dass eine solche heile Welt nie existiert hatte, geschweige denn heute wiederholbar ist. Der Ausverkauf der Natur und der Sündenfall der industriellen Gesellschaft wird dennoch in Troutfishing in America in bitter abstrusen Sätzen angeklagt. Der böse Mensch steht gegen die gute Natur. Zivilisation, Industrie und Kommerz gegen Anglerhosen und Forellenbäche. In einem Trödelmarkt wird ein solcher gebrauchter Forellenbach verkauft, der halbe Meter zu sechs Dollar fünfzig. (Kapitel Der Cleveland Trödelmarkt). Soll man da als Leser lachen oder weinen?

Buch hier (in deutscher Überseztung):

Forellenfischen in Amerika

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