Ingeborg Bachmann

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Die Holländer mögen ja die Deutschen und die deutsche Sprache oft nicht. Umso erstaunlicher, dass es ein deutscher Text von einer Frau aus Klagenfurt auf die Häuserfront eines Wohnhauses in Leiden geschafft hat. In Riesenbuchstaben noch dazu. Und welch ein Text! Dass das dritte Worte nicht „in“, sondern „ein“ ist, schmälert meine frühmorgendliche Begeisterung keineswegs.

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Infos zum Gedicht „Wahrlich“ (1965)

Nach Rom geblickt

Der 4. November ist hier in Italien Giornata dell’Unità Nazionale e delle Forze Armate. Jede Menge Militärparaden in Rom. Der Präsident der Republik spricht.

Grrrrrrrrrrr!!  Roy Lichtenstein (1965)

Schluck! Geh doch mal eben zum Medizinschrank und hol das Gegengift!

Gedicht

Zerstörte Landschaft mit
Konservendosen, die Hauseingänge
leer, was ist darin? Hier kam ich

mit dem Zug nachmittags an,
zwei Töpfe an der Reisetasche
festgebunden, Jetzt bin ich aus

den Träumen raus, die über eine
Kreuzung wehn. Und Staub,
zerstückelte Pavane*, aus totem

Neon, Zeitungen und Schienen
dieser Tag, was krieg ich jetzt,
einen Tag älter, tiefer und tot?

Wer hat gesagt, daß sowas Leben
ist? Ich gehe in ein
anderes Blau.

(*historischer Tanz)

Rolf Dieter Brinkmann (1975). In: Westwärts 1 & 2 (Rowohlt)

Ich wollte meine Texte töten, bevor ich zur Halloween-Party ging, aber dann kam mir dieser verflixte Walfisch dazwischen

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Ich arbeite zurzeit an einer Sammlung von Prosatexten, die schon ziemlich weit gediehen sind und die ich gerne nächstes Jahr veröffentlichen würde. Die Texte gehen bis auf das Jahr 2009 zurück und bekamen damals den etwas langweiligen Arbeitstitel „Abschiede“. Gähn!!! Oben wäre ein Vorschlag für einen Titel mit mehr Pep und Power. Aber es ist ja noch genug Zeit, sich das zu überlegen. Die erzählten (fünfzig bis sechzig) Geschichten sind manchmal länger, meist aber recht kurz und kreisen alle um das Thema Vergessen/Erinnern, Tod/Neuanfang, Resignation/Aufbruch.

Nora Gomringer

Nora Gomringer

Nora Gomringer hat den diesjährigen, mit immerhin 25000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen und ist dadurch einem breiteren Lesepublikum bekannt geworden. Ich zumindest kannte die 35-jährige Schriftstellerin bisher überhaupt noch nicht. Da ist inzwischen eine neue Generation herangewachsen, die ganz anders tickt als wir Hippie-Punker damals. Trotz meines Greisenalters bin ich aber immer noch neugierig genug, habe mir den Siegertext „Recherche“ runtergeladen und gelesen. Im Anschluss recherchiere ich ein bisschen zu Nora Gomringer, erfahre, dass sie Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte studiert und schon sieben Gedichtbände bei Voland und Quist in Leipzig veröffentlicht hat, dass sie seit fünf Jahren das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg leitet und vor allem, dass Eugen Gomringer, der Begründer der Konkreten Poesie, ihr Vater ist. Hm, ein Vatertöchterchen also? Gomringers unveröffentlichter Text „Recherche“ ist ein guter, nie langweiliger, recht kurzer Prosatext (16 Seiten) über den dreizehnjährigen Jungen Tobias Gerling, der in einem bürgerlichen Umfeld gemobbt wird, weil er schwul ist und der aus Verzweiflung vom Balkon springt und Selbstmord begeht. Das Thema ist nicht wirklich originell, die Sprache wirkt zum Teil auffallend angebiedert an den heutigen Jungendslang, das etwas fahrige Manuskript ist in einem sehr frühen Stadium und macht den Eindruck, dass es sehr schnell und spontan geschrieben worden ist. Musste da etwas Preiswertes hopplahopp fertig werden? Muss man mit so etwas den Ingeborg-Bachmann-Preis gewinnen? Wir sind mal wieder (so scheint es jedenfalls, ich wäre erleichtert, wenn ich falsch läge) im bekannten Raubtierhaus des deutschsprachigen Literaturbetriebs. Die Löwen und Tiger kennen einander, fressen die harmlosen Kaninchen und die chancenlosen Füchse auf und kungeln rum. Die Heldinnen und Helden meiner Generation haben jedenfalls andere Biographien als die Nora Gomringers. Sie stammt aus einem privilegierten, kultur-bürgerlichen, wohlhabenden Familienumfeld. Die Lyrik muss sie schon zusammen mit der Muttermilch eingeflößt bekommen haben. Prost Mahlzeit! Die Beats in Amerika und ihre Epigonen in Deutschland und anderswo mussten gegen feindliche, reaktionäre, an neuer Kultur uninteressierte Familien und Gesellschaften ankämpfen. Das materielle Sein bestimmt bekanntlich die Produktion von Kultur, wie uns Charlie Marx gelehrt hat. Rolf-Dieter Brinkmann ist gezwungen die geliebte Erstausgabe von „Zettels Traum“ zu verkaufen, um seine Stromrechnung zu bezahlen. Solche Biographien sind mir einfach sympathischer und näher. Nora Gomringer hatte unvermeidlich Papas schützende Hand hinter sich, als sie ihre ersten Lyrikbände veröffentlichte. In jeder Hinsicht vermutlich, ob nun ökonomisch, mit Ratschlägen zum Leben und zur Kunst, mit den richtigen Freunden in einflussreichen Positionen des Kulturbetriebs. Das ist noch nicht einmal ihre Schuld. Denn als Erfolgspoetin lebt es sich halt einfach bequemer.

Nora Gomringer Recherche

David Wagner Leben

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David Wagners „Leben“ (2013) ist ein schwer einzuordnender Text irgendwo zwischen Roman, Tage- und Sachbuch. Wagner sagt das auch selbst: „Das Ich des Buches bin nicht ich“. Und fügt hinzu, dass die häufigen Selbstmordgedanken des Ich-Erzählers dem wirklichen David Wagner völlig fremd seien. Glaubhaft wirkt er dabei trotzdem nicht, denn der zutiefst autobiographische Charakter des Buchs kann nicht leicht abgestritten werden. Wagner leidet wie sein Ich-Erzähler wirklich an einer Autoimmunhepatitis, die Krankheit begleitet ihn seit seiner Kindheit. Nach dem lebensgefährlichen Platzen der Ösophagusvarizen im Jahre 2006 musste er sich tatsächlich einer Lebertransplantation unterziehen. Eine neue Leber schenkte ihm neues Leben, nachdem der Organspender gestorben war. Im Krankenhaus ist es bekanntlich todlangweilig und man hat viel Zeit zum Grübeln und Philosophieren. Der echte David Wagner hat die fünf Jahre nach der Operation überlebt, in der die meisten Transplantationspatienten sterben und hatte alle Zeit der Welt, sich autobiographische Notizen zum Leben und Sterben zu machen, die dann in sein Buch eingeflossen sind. Das Buch ist deshalb so faszinierend und gelungen, weil es das Tabuthema Tod in authentischer, persönlicher, intelligenter und auch zärtlicher Weise ohne die üblichen sentimentalen Banalitäten und tausend Mal schon gehörten Platituden angeht. Leonard Cohen hat in einem seiner Lieder gesungen: And death is old/But it’s always new.

David Wagner Leben

Maren Kames Verplempert im Tau

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Großartig!

Findest dich Sonntagmorgen um acht bei den Haubentauchern an den Gestaden stierst in die Schlieren säufst die Aussicht bis blindlings stehst knietief im Siel rings schluckst Wasser vom Rand ab haust schlaff auf die Planken liegst aus da wie Pfandgut
gestrandet auf deiner halbtauben Haut
gelandet im halbgaren Licht hier
genadelt gerendert dirty
verplempert im Tau und
halb Taube halb Pfau
halt das mal aus so
ste(h)ts

(Oktober 2014)

Bartleby, der Schreiber

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„Bartleby, der Schreiber“ ist eine der bekanntesten Erzählungen Herman Melvilles und wurde gleich nach „Moby Dick“ 1853 veröffentlicht. Es erzählt mitten in der Blütezeit des literarischen Realismus die „unerhörte“, auffallend surrealistisch aufgebrochene Lebensgeschichte eines grotesken Abschreibers, der für einen bekannten Notar mit Kanzlei an der New Yorker Wall Street arbeitet. Die Verweigerungshaltung Bartlebys ( I WOULD PREFER NOT TO) , die am Anfang noch lediglich darin besteht, keine Zusatzarbeiten anzunehmen, weitet sich schnell immer mehr aus. Er verlegt seinen Wohnsitz ins Büro, isst kaum etwas und weigert sich am Ende, sehr zum Leidwesen seiner konsternierten Kopierkollegen, überhaupt noch irgendeine nützliche Büroarbeit zu verrichten. Barteleby endet im Gefängnis und verweigert dort  die Nahrungsaufnahme bis zu seinem unvermeidlichen Tod. Das einzige was man von der Biographie dieses schrulligen Bartleby weiß, ist, dass er einmal in einem Regierungsbüro für nicht zugestellte Briefe gearbeitet hat und dort mit der Hoffnungslosigkeit und Leere der menschlichen Existenz konfrontiert war. Melvilles Novelle ist eine autobiographische Verarbeitung seines eigenen Rückzugs aus dem amerikansichen Literaturbetrieb, aber auch eine beißende Kritik am Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr Fahrt aufnehmenden amerikanischen Kapitalismus. Natürlich war Herman Melville ein Prophet in der Wüste, auf den niemand hörte. Wenn man damals seine Ablehnung des Kapitalismus ernster genommen hätte, hätte unser aller Umwelt vermutlich nicht die Probleme, mit denen wir uns heute herumschlagen müssen.

Bartleby, der Schreiber

David Wagner Vier Äpfel

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Die Idee, über einen stundenlangen (?) Besuch im Supermarkt einen assoziativen Roman zu schreiben, ist zweifellos originell und mutig, gelten doch solche Einkaufstempel als Orte der geistlosen Befriedigung von Grundbedürfnissen, die jede Kreativität und Inspiration abwürgen. Doch das spröde Thema gibt einfach zu wenig her, um den Leser auf 160 Seiten und 144 kleinen Kapiteln bei der Stange zu halten. Interessantes mischt sich mit Langweiligem. Immerhin fühle ich mich nach der Lektüre des Buchs nicht mehr alleine und strohdumm, wenn auch ich nicht wüsste, wie man das Trennholz aus Plastik auf dem Kassenband nennt oder warum grobe italienische Salami besser schmeckt als feine, wo doch eigentlich „fein“ in der Werteskala positiv und „grob“ negativ besetzt ist. Um solche hehren Gedanken und Gefühle geht es in David Wagners Roman „Vier Äpfel“. Für meinen Geschmack fehlt auch die nötige Kritik an der dargestellten banal-hohlen Konsumgesellschaft. Consumo ergo sum. Diese Kritik wird sicherlich nicht mehr so moralinsauer und blind wie in den 60-igern und 70-igern sein können, aber sie darf auch nicht völlig fehlen wie in Wagners Roman. .

David Wagner Vier Äpfel

In eigener Sache …

Wolfgang 1987 Berlin

Eine Geschichte des Titels Niemand sagt was, darin ich einen jungen Provinzburschen aus behütetem Elternhaus darstelle, der mit einem wilden Gefühlsleben und sturer Intelligenz begabt, sich im Jahre 1988 im chaotischen fernen Kreuzberg in realitätsfremde Fantasien verliert, sinnlos dilettantischen Künstlerträumen nachhängt, ein Studium abbricht, seine Geldprobleme und überhaupt sein ganzes Leben nicht in den Griff bekommt und sich bindungsunfähig auf kurze Abenteuer mit zu ihm nicht passenden Frauen einlässt, bis er zuletzt durch eine schwere persönliche Krise und besonders eine einseitige Liebe zu einer feurigen Sizilianerin zerrüttet, sich seines Scheiterns bewusst wird, ein letztes Gespräch mit seiner Ex sucht, sich am Weihnachtstag um sechs Uhr morgens in Ostia nahe Rom die Pulsadern aufschneidet und sich von der Terrasse eines Strandrestaurants fünf Meter tief auf den Parkplatz hinunterwirft.

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Presseinfo Haberl Niemand sagt was

Leseprobe Niemand sagt was

Billy Budd, Sailor

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Billy Budd, Sailor ist nicht nur ein Klassiker der amerikanischen Literatur des späten 19. Jahrhunderts, sondern eine der genialsten Erzählungen der gesamten Weltliteratur. Der Titanenkampf zwischen Gut (Vortoppmann Billy Budd) und Böse (Waffenmeister John Claggart alias Jemmy Legs) mit all seinen Ambivalenzen und Unauslotbarkeiten sondiert viel tiefer als das weit verbreitete psychologische Geschwafel zum Thema und wurde kaum anderswo so überzeugend und packend wie in Herman Melvilles Novella dargestellt. In der „wirklichen“ Welt, die uns Hermann Melville erzählt, siegt das Böse, doch in der Kunst verschafft sich die Unschuld Billy Budds ihr Recht. Großartig.

Tip: Nur bei sehr guten Sprachkenntnissen im englischen Original lesen!

Herman Melville: Billy Budd