Hier einige Bilder der Kapelle von San Michele, die der Straße, wo ich wohne, den Namen gegeben hat. Schade, dass man hier in San Giorgio a Cremano so frevellhaft mit seinen historischen Bauten umgeht.
A Barbara Alberti
Solo dagli astemi
ci si può aspettare
generose sorprese.
L’amica Barbara Alberti
mette in tavola una
bottiglia di champagne.
I convitati ne assaggiano appena
per non danneggiare
le loro facoltà mentali.
Me la scolo quasi tutta
alzando ulteriormente
il mio già sovrastimato
quoziente intellettuale.An Barabara Alberti
Nur von Abstinenzlern
Kommen manchmal
Gönnerhafte Überraschungen.
Die Freundin Barbara Alberti
Stellt eine Flasche Champagner
Auf den Tisch.
Die Gäste trinken kaum etwas davon
Um ihre geistigen Fähigkeiten
Nicht zu beeinträchtigen.
Ich trinke die Flasche in einem Zug aus
Um meinen stark überschätzten IQ
Noch ein Stück anzuheben.
(meine Übersetzung)
Aus dem Gedichtband Neomarziale (2006)
Elido Fazi, Inhaber des Verlags, wo Valentino Zeichen veröffentlicht hat, sagte:
Wir sollten uns fragen, warum ein großer Dichter wie Valentino, mit einem schönen Buch wie „Die Sumererin“ auch aus den zwölf Nominierungen ausgeschlossen wurde. Es gibt keine Logik der Qualität. Ich würde auch an das italienische Fernsehen appellieren, die Preisvergabe des „Premio Strega“ zu boykottieren.
Es handelt sich um eine Auszeichnung, die keinen Sinn mehr hat, die Leser werden nur über den Tisch gezogen. Der Preis basiert inzwischen auf Fragen, die nichts mit Literatur und Schönheit zu tun haben. Ich bin seit 20 Jahren Verleger und mindestens drei der letzten Gewinner des „Premio Strega“ hätte ich selbst nicht veröffentlicht. Die kleinen Verlage werden nur verarscht. Sie müssen 400 Kopien ihrer Bücher zusenden, um zugelassen zu werden Sie verschwenden Zeit und Geld und haben keine Chance.
( meine Übersetzung)
Gestern ist der italienische Dichter und Romancier Valentino Zeichen gestorben. Da auch die italienischen Nachrichtensender diese Mitteilung verbreiteten, hatte ich die Gelegenheit Valentino Zeichen kennenzulernen, von dem ich vorher nie etwas gehört hatte. Der 1938 im ehemaligen Kroatien geborene Zeichen, der sein ganzes Leben in Rom in einer schwarz gebauten Baracke in der Via Flaminia verbracht hat, veröffentlichte seit 1974 fast zwanzig Bücher und war in erster Linie Lyriker. Er wurde nie wirklich einem größeren Publikum bekannt und auch nicht in andere Sprachen übersetzt. Sein letzter Roman „La sumera“ schaffte es fast bis zur Kandidatur beim berühmten „premio Strega“, wurde aber dann doch von einer Preisvergabe ausgeschlossen. Im Jahre 2014 hat er ein (meinem Wissen nach) einziges größeres Interview gegeben, wo an vielen Stellen seine Originalität aufblitzte. Dort bezeichnete er sich als „Gelegenheitsdichter“ und sagte wenig später: „Ich bin ein Faulpelz. Meine Gedichte sind Ausdruck meiner Faulheit. Ich habe keine Lust, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich hatte nie eine solche Lust.“ Das war mutig und gegen den Strom. Nach einem Schlaganfall im Mai 2016 erhielt er eine Pension aus dem Sozialfond für mittellose Künstler (legge Bacchelli).
Das folgende Gedicht heißt „Sie“ und stammt aus dem Gedichtband „Neomarziale“ (2006)
Tick, tock, tack.
Es hörte sich an wie Münzen,
die auf das Barackendach fielen.
Ich hielt dich für reich!
Aber es war nur Bluff.
Nur Regen und
Hageldiamanten.
Im Dunkel der Ekstase
Merkte ich nicht
Dass du arm bist.
Da blieb mir nichts übrig
Als dich zu verlassen.
(meine Übersetzung)
Ende der vierziger Jahre (des vorigen Jahrhunderts) wird Thomas Bernhard mit einer nassen Rippenfellentzündung in das Salzburger Landeskrankenhaus eingeliefert und von den Ärzten eigentlich schon aufgegeben. Nur sein ungeheurer Lebenswille lässt ihn die schwere Krankheit überstehen. Der geliebte Großvater Johannes Freumbichler stirbt in diesen Monaten im Sankt-Johanns-Spital an einer Nierenkrankheit. Nach einer neuen schweren Lungenerkrankung verbringt Thomas Bernhard seine Rekonvaleszenz im Hotel Vötterl in Großgmain, wo ihm vor allem die Literatur hilft, die Krankheit zu überwinden. Auch seine Mutter, die einzige ihm verbliebene Bezugsperson, erkrankt an Krebs und stirbt.
Das Buch (dritter Teil der fünfteiligen Autobiographie ) ist ein trotziges Anschreiben gegen Leid und Schmerz Jahrzehnte danach, die ihn damals zu überwältigen drohten. Am Ende siegen aber der Mut zur Ehrlichkeit und Erinnerung und die Kunst über den alles und alle zu beherrschen scheinenden Tod.
Philip Roth gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen amerikanischen Autoren und wurde zusammen mit Thomas Pynchon, Don de Lillo, Cormac McCarthy und anderen mehr immer wieder auch als aussichtsreicher Kandidat für den Nobelpreis gehandelt. Seine wichtigsten Bücher hat er zu Beginn seiner Karriere geschrieben und stand dabei ganz in der Tradition jüdisch-amerikanischer Literatur (vor allem von seinem Vorbild Saul Bellow). Zwei Charakteristiken scheinen mir immer wieder bei (jüdisch)-amerikanischen Autoren dieser Generation aufzutauchen. Einmal besteht eine enge Verbundenheit mit der akademischen Welt. Viele der Autoren waren Dozenten und Professoren (auch Philip Roth) und ihre Lehrtätigkeit hat unweigerlich auf ihren Schreibstil abgefärbt, der sicherlich gediegen daherkommt und von Belesenheit zeugt, aber irgendwie auch nervt und wie altes Brot und kalter Kaffee schmeckt. Literatur als Schlaftablettenersatz. So spart man sich den Gang zur Apotheke und greift anstelle dessen bei Insomnie zum guten Buch. Was mich zudem bei Philip Roth (und anderen seiner Generation) stört, ist sein Hang zum freudianischen Gründeln in der Innenwelt und in den Zweierbeziehungen, am auffälligsten natürlich in seinem Bestseller „Portnoy’s Complaint“, in dem er seine jahrelange Analyse und seine Trennung von der ersten Frau dokumentiert. Sind das nicht auch Woody Allens Thematiken in seinen frühen Filmen? Vielleicht offenbaren solche Fragestellungen des Pudels Kern und die menschliche Substanz an und für sich. Ich selbst ziehe trotzdem (oberflächlichere?) Bücher vor, wo mehr Aktion und Politik abgehen (zum Beispiel in den Büchern der zeitgleichen Beat-Generation).
Philip Roth: Die Tatsachen. Autobiographie eiens Schriftstellers
Der zweite Teil von Bernhards Autobiographie (1976) schließt lückenlos an den ersten Teil an und beginnt 1946 mit dem Schulabbruch und der anschließenden Lehre als Einzelhandelskaufmann bei Lebensmittelhändler Podlaha in der verrufenen Scherzhauserfeldsiedlung. Dort ergreift der jugendliche Bernhard Partei für die Ausgestoßenen und Besitzlosen Salzburgs und durchlebt eine relativ glückliche Zeit. Zusätzlich zu seiner Lehrlingsausbildung nimmt er regelmäßigen Gesangsunterricht bei Maria Keldorfer und Lektionen in Musiktheorie und Musikästhetik bei ihrem Mann Professor Theodor Werner. Der letzte Teil des Buchs (ab Seite 127 der Taschenbuchausgabe bei dtv) ist ein Metatext, der vom „jetzigen“ Standpunkt des Erzählers aus (das heißt 1976) über die Zeit 30 Jahre zuvor reflektiert.
Thomas Bernhards erster, im Jahre 1975 veröffentlichter Teil seiner fünfteiligen Autobiographie („Die Ursache – Eine Andeutung“), beschreibt drei prägende Jahre seiner Pubertät. Von 1943 bis 1946 besuchte er in Salzburg zuerst die Andrä-Schule (Hauptschule) und anschließend das Johanneum (Gymnasium) und lebte im Internat. Dort im Nationalsozialistischen Schülerheim war während der letzten Hitler-Jahre der sadistische Aufseher der überzeugte Nazi Grünkranz, der nach dem Krieg von einem genauso schrecklichen katholischen Geistlichen mit Namen „Onkel Franz“ abgelöst wurde. In diesen „staatlichen Kerkern“ und „Geistvernichtungsmaschinen“ durchlebte Bernhard auch den Horror der ständigen Bombenangriffe auf Salzburg. Das praktizierte Geigenspiel (und die Musik überhaupt) gab ihm trotz ständiger Selbstmordphantasien die Kraft, dem Nationalsozialismus und dem Katholizismus zu widerstehen, in deren monströsen Institutionen alles auf die Vernichtung des Individuums abzielte.
Thomas Bernhard: Die Ursache – Eine Andeutung
(Heute nur noch in der nach einer Unterlassungsklage und einem Beschluss des Landgerichts Salzburg vom 25. Mai 1977 festgelegten Fassung greifbar)
Freuds wichtiger kulturkritischer Aufsatz aus dem Jahre 1930 behandelt seine Theorie der Entstehung von menschlichen Kulturgemeinschaften. Für Freud ist das Innenleben jedes Menschen ein Schlachtfeld, wo sich zwei gegeneinander kämpfende Triebregungen bekriegen: Sexualität und Aggressivität, Lebenstrieb und Todestrieb. Für leichtherzigen Optimismus und schnelle Beschönigungen ist in Freuds Weltbild kein Platz. Religion wird von Freud als infantiler Massenwahn abgetan. Auch kommunistische Politikmodelle sind ihm als Heilsversprechungen suspekt. Um überhaupt eine labile Gemeinschaft mit anderen Mitmenschen möglich zu machen, müssen diese zwei Instinkte diszipliniert werden. Die Sexualität kann nur in einer offiziellen, monogamen und heterosexuellen Beziehung ausgelebt werden. Ansonsten muss die libidinöse Energie umgeleitet, transformiert und sublimiert werden. So entstehen aus der Basislibido Kulturwerke und Kunst, die aber immer Illusion bleiben müssen. Aber nicht nur die Sexualität, auch die zweite Hauptenergie des Menschen, nämlich sein Wunsch zur Zerstörung, darf ebenfalls im Innern des jeweiligen Kulturraums nicht ausgelebt werden und wird wieder umgeleitet. Es entsteht so (nach außen) die Aggression gegenüber dem Anderen und Fremden und (nach innen) eine Strafinstanz, die Freud „Über-Ich“ nennt und die man traditionell schon lange unter der Bezeichnung „Gewissen“ gekannt hat. Es ahndet als überstrenger, verinnerlichter Richter Verstöße gegen das herrschende private oder gesamtgesellschaftliche Ethiksystem und meldet sich nicht nur bei real ausgeführten Übertretungen, sondern schlägt sogar schon bei einem bloßen Gedanken an sie an.
Sigmund Freud-Das Unbehagen in der Kultur
Meine Lesererfahrungen mit Thomas Bernhard waren bisher nur frustrierend. „Das Kalkwerk“ habe ich Anfang der achtziger Jahre mit viel Frust gelesen und wenig verstanden. „Der Frost“ war mein zweiter Versuch vor ein paar Monaten und lief genauso ernüchternd: Lektüreabbruch nach 100 Seiten. Ein schlechter Nachgeschmack blieb zurück. Vielleicht gehören zur totalen Negativität Bernhards auch solche negativen Lesemomente seiner Leser.
Aufgeben? Nein! Jetzt also ein neuer Versuch, mich dem österreichischen Schriftsteller anzunähern mit dem von Raimund Fellinger 2011 herausgegebenen Thomas-Bernhard-Lesebuch „Aus Opposition gegen mich selbst“. Es bietet eine Reihe unterschiedlicher Bernhard-Texte: die großen Romane in sehr kurzen Exzerpten, von denen man sich dann, auch mit Hilfe der Inhaltsangaben von http://www.thomasbernhard.at ein leidliches Bild machen kann. Man findet zudem in Fellingers Buch auch wieder sehr kurze Ausschnitte aus den fünf autobiographischen Romanen Bernhards. Und das ist bei weitem noch nicht alles: drei komplette Erzählungen, von denen mir „Das Verbrechen eines Innsbrucker Kaufmannssohns“ am besten gefallen hat, Ausschnitte aus einigen Theaterstücken, Lyrisches aus der Anfangszeit, garniert mit weiteren Schriften Bernhards (Reden, Interviews, Artikel). Alles das zusammen macht so etwas wie ein Uniseminar „Einführung in das Werk Thomas Bernhards“.
Ich sollte mir allerdings lieber nichts vormachen. Vielleicht hab ich mir mit der Lektüre des Buchs Frust und Mühe gespart, die ich mit den endlosen Monologen und Bewusstseinsströmen Bernhards verbinde, doch an der Komplettlektüre eines ganzen Buchs führt leider kein Weg vorbei. Wer weiß, ob Bernhard für mich immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben wird. Vielleicht ist er für mich einer dieser Schriftsteller wie Pier Paolo Pasolini oder William Burroughs, die weniger durch ihr Werk selbst von sich reden machen als durch die Legendenbildung einer lupenreinen rebellischen Attitude. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt weiß ich das noch nicht.
Ich hab heute Bernhards „Heldenplatz“ bestellt. Das war 1988 ein riesiger Theaterskandal in Ösi-Land. Sie sehen: Ich bleibe dran. In Kürze mein Lesebericht.