Neuheiten aus Neapel

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Der unten zu findende Zeitungsartikel wurde gerade mit einem Rundschreiben an alle Lehrerinnen und Lehrer des Gymnasiums geschickt, wo ich dieses Jahr arbeite. Wer des Italienischen mächtig ist, sollte den Originaltext aus La Repubblica lesen. Ansonsten habe ich eine (schlechte) Maschinenübersetzung ins Deutsche angefügt, um zumindest einen Eindruck der Schwere des Vorfalls zu bekommen.

Napoli, gara di selfie all’uscita da scuola

Neapel, Selfies nach der Schule

 

Friedrich Dürrenmatt Der Tunnel (1952)

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„Der Tunnel“ ist eine der bekanntesten Kurzgeschichten in deutscher Sprache und beschreibt eine surreale Zugfahrt auf der Strecke Bern-Olten-Zürich, wo der wirkliche Burgdorfer Tunnel zu einem surrealen Abgrund wird, in den der Zug hinunterplumpst. Die dahintersteckende Idee ist sicher originell, Dürrenmatts Schreibstil parodiert an manchen Stellen mit viel Witz den komplizierten Duktus Thomas Manns, doch sollte man sich (meiner Meinung nach) vor einer Überinterpretation des Stoffs hüten, die den kurzen Horror-Text heillos überfordern würde. So kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen (um ein mögliches Beispiel zu nennen), dass Dürrenmatt mit seiner Geschichte prophetisch die drohende Umweltkatastrophe und Überbevölkerung unserer Generation voraussieht. Die waren in den fünfziger Jahren noch kein Thema.

Der Tunnel

Ingeborg Bachmann Frankfurter Vorlesungen

Ingeborg Bachmann Frankfurter Vorlesungen

Die Frankfurter Vorlesungen, die Ingeborg Bachmann im Wintersemester 1959/1960 gehalten hat, gehören zu den wichtigsten theoretischen Texten nicht nur der Klagenfurter Schriftstellerin selbst, die damals auf dem Höhepunkt ihres literarischen Schaffens war, sondern der gesamten deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts und vielleicht noch mehr: sie steckt präzise die Positionen der literarischen Moderne der Weltliteratur ab. Aber es ist vor allem ihre Sprache, die süchtig macht. Kein Wort ist selbstverständlich, sondern immer persönlich und bewusst gewählt.
Dennoch sind die Positionen der Bachmann inzwischen mehr als ein halbes Jahrhundert alt und notwendigerweise auf die Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezogen. Möglicherweise hat sich seitdem nichts Weltbewegendes mehr getan, doch die damalige Moderne ist inzwischen eine andere geworden, wie auch immer man sie nennen mag (post, hyper). Wie diese neue Post-Moderne eingegrenzt werden kann, ist alles andere als einfach. Die Literatur hat jedenfalls seit den Fünfzigern immer mehr an Bedeutung verloren (stark visuell geprägte, oft nicht-sprachliche Medien haben an Gewicht zugenommen: Fernsehen, Film, Video, Internet). Es gibt eine neue Art der Beliebigkeit auch in der Literatur, einen Verlust von Solidarität und Gemeinschaftsgefühl, eine Aufsplitterung der Literaturszene in viele Einzelgruppen und Individuen, die sich gegenseitig kaum mehr etwas zu sagen haben.

Ingeborg Bachmann – Frankfurter Vorlesungen

David Bowie Valentine’s Day

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Seit David Bowies Tod vor drei Wochen habe ich mir immer wieder sein Lied Valentine’s Day angehört, das man auch als Musikvideo im Netz findet. Es hat eine verstörend faszinierende Botschaft, weil es die Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit (der Valentinstag ist am 14. Februar!) mit  Darstellung brutaler Gewalt verbindet, die Assoziationen zu den Amokläufern und Massakern in den USA, aber auch zum IS herstellen. David Bowie war ein begnadeter Schauspieler. Unbedingt das Video im Web ansehen.

DAVID BOWIE LYRICS – Valentine’s Day

Kathrin Rögglas Irres Wetter (2000)

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Mitte Januar war ich bei einer Autoren-Lesung des Goethe-Instituts von Neapel, wohin ich grundsätzlich sehr selten gehe. Ich hatte auf diese Weise nicht nur die Gelegenheit, Kathrin Röggla persönlich kennen zu lernen, die bei der Lesung zwei Geschichten aus ihrem nächstem im Herbst erscheinenden neuen Buch („Nachtsendung Unheimliche Geschichten“) vorstellte, sondern konnte die auch Messlatte meiner ellenlangen Ignoranz der deutschen Gegenwartsliteratur ein paar Millimeter herunterschrauben. Im Anschluss an Rögglas Lesung habe ich mir ihr im Jahre 2000 veröffentlichtes Buch „Irres Wetter“ bestellt und gelesen. Meine Leseeindrücke nach Abschluss der Lektüre sind zwiespältig. Die ersten vielleicht zehn der insgesamt 21 Texte fand ich sehr stark, sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Die Geschichten beschreiben (wohl stark autobiographisch befeuert) das Lebensgefühl der neunziger Jahre im wiedervereinigten Berlin. Es geht um die Loveparade, um die Künstlerszene in der neuen Hauptstadt und im umliegenden Brandenburg, um die Schwierigkeit, eine bezahlbare Wohnung zu finden, um Orte, wo Kunst gemacht wird (Yorkkino, SO 36), um postmoderne Großstadtfamilien alleinerziehender Mütter und Väter mit Töchtern und Söhnen in der Pubertät, um Sex und manches anderes mehr. Doch im zweiten Teil des Buchs ist meine Begeisterung immer mehr zusammengesackt. So ganz genau weiß ich nicht, woran das liegt. Entweder ist es eine Frage der Qualität und Substanz, weil das anfänglich hohe Niveau nicht konstant gehalten wird. Oder es liegt an Rögglas experimentellem Schreibstil, der einen nicht immer leicht aufzunehmenden Dauerbewusstseinsstrom aus verschiedenen Perspektiven in konsequenter Kleinschreibung abbildet und an dem man sich irgendwann einmal abliest.

Kathrin Röggla – Irres Wetter

 

Emanuele Felice Perchè il Sud è rimasto indietro

Emanuele Felice

Für jemanden wie mich, der in deutschen Landen zur Schule und Uni gegangen ist und dem deshalb so ziemlich alles fehlt, was spezifisch italienisches Allgemeinwissen ausmacht, kommt Emanuele Felices Buch gerade recht. Ich konnte damit nämlich viele der Bildungslücken schließen, die mir aus der italienischen Geschichte der letzten 200 Jahre entgegenblecken. Ich vermute aber, dass eine solche positive Einschätzung weniger für jemand gilt, der in Italien die Bildungsinstitutionen durchlaufen hat. Viele von Felices Erkenntnissen und Einschätzungen sind höchstwahrscheinlich für Kenner der italienischen Wirtschaftsgeschichte (mit Schwerpunkt auf den möglichen Gründen für das Auseinanderdriften zwischen Nord- und Süditalien) nur ein asbachuralter Leopard-Skin Pill-Box Hat und Sulzschnee von vorgestern. Für mich Auslandsdeutschen mit guten italienischen Sprach-, aber mangelhaften Geschichtskenntnissen war das Buch also eine fruchtbare Lektüre.

Außer den üblicherweise genannten Gründen für die Rückständigkeit Süditaliens (Dominanz der organisierten Kriminalität, fehlendes Kapital, fehlende Bildung und Kultur, fehlende Infrastrukturen etc.) führt Felice das neue Konzept der „civicness“ (Mentalität) ein, das den Süden Italiens vom Norden (und Nordeuropa) trennt. Es handelt sich hierbei um einen aus den angloamerikanischen Sozialwissenschaften stammenden Begriff, der das komplexes Wertesystem zu definieren versucht, aus der sich sowohl unsere eigene private als auch die kollektive Weltanschauung der jeweiligen größeren (lokalen, regionalen, nationalen) Gemeinschaften speisen, in denen wir interagieren. Süditalien kommt bei dieser „civicness“ sehr schlecht weg, da dort (nicht nur nach Felices Meinung) oft Privatinteressen, Korruption, Gerissenheit und Bauernschläue den Ton angeben. Wenn man sich einmal den Wikipedia-Eintrag mit der Liste der preußischen Tugenden ansieht, hat man ziemlich exakt die Koordinaten einer alternativen „civicness“ zu Süditalien.

Leider charakterisiert sich Felices Buch durch einen unnötig stark aufgeblähten Apparat von Zahlen und Statistiken. Klar können Ziffern und Graphiken die Authentizität und Objektivität von Texten erhöhen, doch leider meinen Sozialwissenschaftler oft fälschlicherweise, dass sie mit ihnen den Stein der Weisen gefunden haben. Mehr diskursiver Text mit persönlichem Ansatz, wie man ihn etwa am Ende findet, hätte dem Buch nur gutgetan.

Ich persönlich glaube übrigens nicht an die am Ende des Buchs geäußerte Hoffnung auf eine positive Entwicklung Süditaliens und Südeuropas in den nächsten Jahrzehnten. Meiner Meinung nach ist der Zug endgültig abgefahren. Die letzten Haltestationen waren zwischen den fünfziger und den achtziger Jahren, als die Cassa del Mezzogiorno Unmengen von öffentlichen Geldern in den Süden spülte, ohne dass sich wirklich etwas dort verbessert hätte. Aber das ist natürlich nur meine Privatmeinung. Manche werden das anders sehen.

Emanuele Felice – Perchè il Sud è rimasto indietro

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Joseph Conrads Heart of Darkness

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Ab und zu lese ich gern auch einen Klassiker. Da meine Kenntnisse der englischen Literatur eher lückenhaft und oberflächlich sind, habe ich diesmal in die literarische Tiefkühltruhe Großbritanniens gegriffen und mir Joseph Conrads „Heart of Darkness (1899) herausgefischt, für die weisen Herrschaften der BBC immerhin auf Platz 21 der wichtigsten englischen Romane überhaupt. Da ging ich anscheinend auf Nummer Sicher. Auch das Thema schien interessant: Der perfide psychopathische Elfenbeinhändler Kurtz (neben dem Erzähler Marlow die einzige namentlich genannte Figur des Romans) steht nicht nur für den (britischen) Horror des Kolonialismus am Ende des 19. Jahrhunderts, den Conrad als Seefahrer aus eigener Erfahrung kannte. Die Spannweite des Buchs ist noch weiter gestreckt und hat sicherlich auch religiöse und tiefenpsychologische Dimensionen. Die Philosophin Hannah Arendt sah in Conrads Buch sogar nichts weniger als einen literarischen Beweis für ihre Theorien über die Ursprünge totalitaristischer Ideen (The Origins of Totalitarism (1951)). Sie ging davon aus, dass der rassistische Carl Peters, der die Kolonie Deutsch-Ostafrika begründete und die Ideen Adolf Hitlers 50 Jahre vorwegnahm, als Vorbild für Mr. Kurtz diente. Auch die Rezeptionsgeschichte von Heart of Darkness ist imposant und hat mit weiten Wellen andere Medien erreicht. 1972 verfilmte Werner Herzog Aguirre, der Zorn Gottes und berief sich auf Conrads Buch. Auch Francis Ford Coppolas Apocalypse Now (1979) ist stark von Heart of Darkness inspiriert worden.

Doch trotz dieser sicherlich viel Interesse erzeugenden Thematik und Wirkungsgeschichte des Buchs tat ich mich mit der Lektüre schwer. Einmal liegt das an Conrads transusigem und mühsam zu lesendem Schreibstil (oder liegt es nur an Wolfgang Freisslers inzwischen allzu angestaubter Überrsetzung?), der oft ins Surreale und Poetische abkippt. Meiner Meinung nach wäre ein mehr journalistisch-realistisches Format für den Reisebericht eines Seemanns, der ziemlich eindeutig im damaligen Belgisch-Kongo zu verorten ist, passender gewesen. Was mich aber noch mehr störte, war die zweideutige Haltung Marlows (Conrads?) dem Kolonialismus selbst gegenüber. Anstelle Kurtz in Bausch und Bogen zu verurteilen, wird immer wieder auf die Möglichkeit hingewiesen, dass der skrupellose Rassist und Glücksritter die „Zivilisation“ nach Schwarz-Afrika gebracht habe. Aber hallo! Auch die schwarzen Ureinwohner, die damals nichts als Bauernopfer im Schachspiel der Kolonialmächte waren, erscheinen immer wieder zweideutig als unterentwickelte tierhafte „Neger“ und „Wilde“ mit weniger Rechten als die weißen arischen Herrenmenschen.

Joseph Conrad: Herz der Finsternis

Heiligabend

Wolfgang Borchert

Die drei dunklen Könige

von Wolfgang Borchert

Er tappte durch die dunkle Vorstadt. Die Häuser standen abgebrochen gegen den Himmel. Der Mond fehlte, und das Pflaster war erschrocken über den späten Schritt. Dann fand er eine alte Planke. Da trat er mit dem Fuß gegen, bis eine Latte morsch aufseufzte und losbrach. Das Holz roch mürbe und süß. Durch die dunkle Vorstadt tappte er zurück. Sterne waren nicht da.

Als er die Tür aufmachte (sie weinte dabei, die Tür), sahen ihm die blaßblauen Augen seiner Frau entgegn. Sie kamen aus einem müden Gesicht. Ihr Atem hing weiß im Zimmer, so kalt war es. Er beugte sein knochiges Knie und brach das Holz. Das Holz seufzte. Dann roch es mürbe und süß ringsum. Er hielt sich ein Stück davon unter die Nase. Riecht beinahe wie Kuchen, lachte er leise. Nicht, sagten die Augen der Frau, nicht lachen. Er schläft.

Der Mann legte das süße, mürbe Holz in den kleinen Blechofen. Da glomm es auf und warf eine Handvoll warmes Licht durch das Zimmer. Die fiel hell auf ein winziges rundes Gesicht und blieb einen Augenblick. Das Gesicht war erst eine Stunde alt, aber es hatte schon alles, was dazu gehört: Ohren, Nase, Mund und Augen. Die Augen mußten groß sein, das konnte man sehen, obgleich sie zu waren. Aber der Mund war offen, und es pustete leise daraus. Nase und Ohren waren rot. Er lebt, dachte die Mutter. Und das kleine Gesicht schlief.

Da sind noch Haferflocken, sagte der Mann. Ja, antwortete die Frau, das ist gut. Es ist kalt. Der Mann nahm noch von dem süßen, weichen Holz. Nun hat sie ihr Kind gekriegt und muß frieren, dachte er. Aber er hatte keinen, dem er dafür die Fäuste ins Gesicht schlagen konnte. Als er die Ofentür aufmachte, fiel wieder eine Handvoll Licht über das schlafende Gesicht. Die Frau sagte leise: Kuck, wie ein Heiligenschein, siehst du? Heiligenschein! dachte er, und er hatte keinen, dem er die Fäuste ins Gesicht schlagen konnte.

Dann waren welche an der Tür. Wir sahen das Licht, sagten sie, vom Fenster. Wir wollen uns zehn Minuten hinsetzten. Aber wir haben ein Kind, sagte der Mann zu ihnen. Da sagten sie nichts weiter, aber sie kamen doch ins Zimmer, stießen Nebel aus den Nasen und hoben die Füße hoch. Wir sind ganz leise, flüsterten sie und hoben die Füße hoch. Dann fiel das Licht auf sie. Drei waren es. In drei alten Uniformen. Einer hatte einen Pappkarton, einer einen Sack. Und der dritte hatte keine Hände. Erfroren, sagte er, und hielt die Stümpfe hoch. Dann drehte er dem Mann die Manteltaschen hin. Tabak war drin und dünnes Papier. Sie drehten Zigaretten. Aber die Frau sagte: Nicht, das Kind. Da gingen die vier vor die Tür, und ihre Zigaretten waren vier Punkte in der Nacht. Der eine hatte dicke umwickelte Füße. Er nahm ein Stück Holz aus einem Sack. Ein Esel, sagte er, ich habe sieben Monate daran geschnitzt. Für das Kind. Das sagte er und gab es dem Mann. Was ist mit den Füßen? fragte der Mann. Wasser, sagte der Eselschnitzer,, vom Hunger. Und der andere, der dritte? fragte der Mann und befühlte im Dunkeln den Esel. Der dritte zitterte in seiner Uniform: Oh, nichts, wisperte er, da sind nur die Nerven. Man hat eben zuviel Angst gehabt. Dann traten sie die Zigaretten aus und gingen wieder hinein.

Sie hoben die Füße hoch und sahen auf das kleine schlafende Gesicht. Der Zitternde nahm aus seinem Pappkarton zwei gelbe Bonbons und sagte dazu: Für die Frau sind die.

Die Frau machte die blassen Augen weit auf, als sie die drei Dunkeln über das gebeugt sah. Sie fürchtete sich. Aber da stemmte das Kind seine Beine gegen ihre Brust und schrie so kräftig, daß die drei Dunklen die Füße aufhoben und zur Tür schlichen. Hier nickten sie nochmal, dann stiegen sie in die Nacht hinein.

Der Mann sah ihnen nach. Sonderbare Heilige, sagte er zu seiner Frau. Dann machte er die Tür zu. Schöne Heilige sind das, brummte er, und sah nach den Haferflocken. Aber er hatte kein Gesicht für seine Fäuste.

Aber das Kind hat geschrien, flüsterte die Frau, ganz stark hat es geschrien. Da sind sie gegangen. Kuck mal, wie lebendig es ist, sagte sie stolz. Das Gesicht machte den Mund auf und schrie.
Weint er? fragte der Mann.

Nein, ich glaube, er lacht, antwortete die Frau.

Beinahe wie Kuchen, sagte der Mann und roch an dem Holz, wie Kuchen. Ganz süß.

Heute ist ja auch Weihnachten, sagte die Frau.

Ja, Weihnachten, brummte er, und vom Ofen her fiel eine Handvoll Licht auf das kleine schlafende Gesicht.

 

Tilman Birr: Berlin – Satirisches Reisegepäck

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Reiseführer über Berlin gibt’s ja wie Sand am Meer und es ist nicht immer leicht, den richtigen herauszupicken. Tilmann Birrs Berlininfos sind sicherlich nicht für Leute gedacht, die das erste Mal nach Berlin fahren und dort den Hamburger Bahnhof oder die East Side Gallery besichtigen müssen. Man sollte auch Birrs schnoddrige Szenesprache mögen, um mit dem Buch was anfangen zu können. Für mich als Leser trafen beide Voraussetzungen zu. Ich bin ein unüblicher Berlin-Touri (von der Gattung soll ja jede Menge in der Weltgeschichte herumschwirren). Ich habe von 1983 bis 1991 dort studiert, habe dann 20 Jahre gefehlt und fahre seit 2009 regelmäßig und ziemlich begeistert wieder dorthin. Die Neunziger und die Nullerjahre Berlins sind ein schwarzes Loch in meinem geistigen Berlinstadtplan, das Birrs Buch glücklicherweise ein wenig stopft und aufhellt. Auch seine sarkastische Sprache und der superkritische Ton passen in mein Gemütskorsett des vom Heimweh geplagten Deutschlehrers im mediterranen Ausland, der sich keine gewachste Barbour-Jacke um 400 Euro leistet und von der Existenz des ostdeutschen Sternburg-Biers bislang nichts wusste.

Tilman Birr: Berlin- Satirisches Reisegepäck

Tilman Birr: Burnout (Lied)