Emanuele Felice Perchè il Sud è rimasto indietro

Emanuele Felice

Für jemanden wie mich, der in deutschen Landen zur Schule und Uni gegangen ist und dem deshalb so ziemlich alles fehlt, was spezifisch italienisches Allgemeinwissen ausmacht, kommt Emanuele Felices Buch gerade recht. Ich konnte damit nämlich viele der Bildungslücken schließen, die mir aus der italienischen Geschichte der letzten 200 Jahre entgegenblecken. Ich vermute aber, dass eine solche positive Einschätzung weniger für jemand gilt, der in Italien die Bildungsinstitutionen durchlaufen hat. Viele von Felices Erkenntnissen und Einschätzungen sind höchstwahrscheinlich für Kenner der italienischen Wirtschaftsgeschichte (mit Schwerpunkt auf den möglichen Gründen für das Auseinanderdriften zwischen Nord- und Süditalien) nur ein asbachuralter Leopard-Skin Pill-Box Hat und Sulzschnee von vorgestern. Für mich Auslandsdeutschen mit guten italienischen Sprach-, aber mangelhaften Geschichtskenntnissen war das Buch also eine fruchtbare Lektüre.

Außer den üblicherweise genannten Gründen für die Rückständigkeit Süditaliens (Dominanz der organisierten Kriminalität, fehlendes Kapital, fehlende Bildung und Kultur, fehlende Infrastrukturen etc.) führt Felice das neue Konzept der „civicness“ (Mentalität) ein, das den Süden Italiens vom Norden (und Nordeuropa) trennt. Es handelt sich hierbei um einen aus den angloamerikanischen Sozialwissenschaften stammenden Begriff, der das komplexes Wertesystem zu definieren versucht, aus der sich sowohl unsere eigene private als auch die kollektive Weltanschauung der jeweiligen größeren (lokalen, regionalen, nationalen) Gemeinschaften speisen, in denen wir interagieren. Süditalien kommt bei dieser „civicness“ sehr schlecht weg, da dort (nicht nur nach Felices Meinung) oft Privatinteressen, Korruption, Gerissenheit und Bauernschläue den Ton angeben. Wenn man sich einmal den Wikipedia-Eintrag mit der Liste der preußischen Tugenden ansieht, hat man ziemlich exakt die Koordinaten einer alternativen „civicness“ zu Süditalien.

Leider charakterisiert sich Felices Buch durch einen unnötig stark aufgeblähten Apparat von Zahlen und Statistiken. Klar können Ziffern und Graphiken die Authentizität und Objektivität von Texten erhöhen, doch leider meinen Sozialwissenschaftler oft fälschlicherweise, dass sie mit ihnen den Stein der Weisen gefunden haben. Mehr diskursiver Text mit persönlichem Ansatz, wie man ihn etwa am Ende findet, hätte dem Buch nur gutgetan.

Ich persönlich glaube übrigens nicht an die am Ende des Buchs geäußerte Hoffnung auf eine positive Entwicklung Süditaliens und Südeuropas in den nächsten Jahrzehnten. Meiner Meinung nach ist der Zug endgültig abgefahren. Die letzten Haltestationen waren zwischen den fünfziger und den achtziger Jahren, als die Cassa del Mezzogiorno Unmengen von öffentlichen Geldern in den Süden spülte, ohne dass sich wirklich etwas dort verbessert hätte. Aber das ist natürlich nur meine Privatmeinung. Manche werden das anders sehen.

Emanuele Felice – Perchè il Sud è rimasto indietro

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