Crocodile Rock

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An das genaue Datum erinnere ich mich nicht mehr, aber es muss Mitte der siebziger Jahre gewesen sein, vielleicht in einer Silvesternacht 1974 oder 1975. Ich lebte in einer kleinen Stadt in Bayern, die sich heute rühmt, „Großstadt“ zu sein, damals jedenfalls noch erheblich weniger Einwohner und eine industrielle Monokultur hatte, die von einer der größten Autofirmen Deutschlands dominiert wurde, woran sich bis heute substantiell nichts verändert hat. Die Reihenhaussiedlung am Stadtrand mit der nahen Bahnlinie zur Raffinerie bot wenige Schlupflöcher für einen Ausbruch aus der Langeweile der Provinz. Mein Leben war noch ganz und gar bestimmt vom Rhythmus des Schulalltags. Kritische Gedanken zum bayerischen Schulsystem, das auf Leistung und Elite ausgerichtet war, zur bayerischen Politik, die seit eh und je in den Händen einer einzigen Partei und damals auch noch eines einzigen Politikers lag oder gar zur Bundespolitik weit weg im Norden und mit einem schneidigen Hamburger als Kanzler, hatte ich, wenn überhaupt, damals nur als schemenhafte und wirre Ansätze. Ich hatte mein eigenes Zimmer im ausgebauten Dachgeschoss und las damals Supermann-Hefte und Karl-May-Romane. Die ersten Schallplatten, die ich mir in einem nahen gelegenen Supermarkt mit eigener Musikabteilung kaufte, waren von der englischen Glam-Rock-Gruppe The Sweet. Ich war stolzer Besitzer eines Plattenspielers und Kassettenrecorders und, last not least, eines Röhrenradios, mit dem ich an dem besagten Abend wahrscheinlich Bayern 3 hörte, das bei Anlässen wie Sylvester seine Musikauswahl progressiver als sonst gestaltete und auch den ein oder anderen Titel spielte, der nicht in den Hitlisten oder von irgendwelchen Sponsoren vorgegeben war. Als der Sender Crocodile Rock von Elton John spielte, war das wie eine Erleuchtung für mich. Die Musik, die aus einem schlechten Low-Fi-Lautsprecher krächzte, war allgegenwärtig und füllte meinen Kopf und Körper aus. Ich wollte, dass das Lied nie zu Ende ginge. Die hässliche Welt war auf einmal für eine Handvoll Minuten schön und bewegte sich rhythmisch und richtig im Vier-Viertel-Takt. Da gab es nichts zu deuteln oder zu kritisieren, der Crocodile Rock war einfach da und alles andere war weg. Aber den größten Kick gab mir ein Ding namens Crocodile Rock. Der Rock’n’Roll kickte mich aus der mir bekannten Wirklichkeit heraus und zeigte mir Neues, das tiefer ging als Nachdenken und Worte. Und dabei ist Elton Johns Lied zwar nicht dumm, aber doch reichlich banal, und der Sänger gehört wirklich nicht zum Besten, was die Rock-Musik zu bieten hat. Aber um solche reflektierten Wahrnehmungen ging es damals in meinem kleinen Dachzimmer gar nicht. Damals war für einen kleinen Moment alles spontan, instinktiv, notwendigerweise so und nicht anders. Wenn so etwas möglich war, dann waren auch andere Dinge möglich, die als unmöglich galten. Dann war alles möglich. Der Rock’n’Roll konnte nicht nur mich, sondern die ganze Welt verändern. Auweia! Dabei hätte es gereicht, bei dem kleinen nostalgischen Text etwas genauer zuzuhören. Aber die Jahre vergingen und Rock’n’Roll ist gestorben. Suzie hat uns für irgendeinen Ausländer verlassen.

© Wolfgang Haberl 2016

Henning Klüver – Gebrauchsanweisung für Italien

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Ich muss eingestehen, dass ich mich durch Henning Klüvers Buch nur mit einiger Mühe gequält habe. Es liest sich wie ein Porträt Italiens, das, vermute ich mal, ein halbwegs gebildeter Durchschnittsitaliener über sein Land schreiben würde. Massenware und Mainstream also, die in den zehn Kapiteln (plus Einleitung und Schluss) aufgetischt werden. Das reicht von Bozen bis Pantelleria, vom Geographischen zum Historischem, vom Politischen zur Landeskunde, von den verschiedenen Kaffeesorten bis zum Ratschlag, dass man in Neapel besser nicht mit dem eigenen Auto unterwegs ist. Dafür ham sie aber dort ein rühriges Goethe-Institut, eine pfundige Direktorin (die rein zufällig beim gleichen Verlag eine supergute Gebrauchsanweisung zur Amalfi-Küste geschrieben hat) und ach so viele Künstler, Schauspieler, Musiker und matschige Babas. Jetzt wird der Schlaumeier von nebenan natürlich einwenden, dass Klüver sein Buch ja nicht für mich, sondern für ein viel größeres Publikum von Italienfans in Deutschland geschrieben hat, die Italien eben noch nicht so gut kennen und seine Italienrecherchen gerne als Orientierungshilfe annehmen. Ich mag aber trotzdem Bücher lieber, die viel wilder, persönlicher und riskanter geschrieben sind und mir nicht nur das verklickern, was ich eh schon weiß oder was mich nicht interessiert.

Henning Klüver – Gebrauchsanweisung für Italien

Chironex fleckeri

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Diese Quallenart mit dem seltsamen lateinischen Namen, die im Deutschen auch als „Seewespe“ bekannt ist, gilt als eines der giftigsten Tiere überhaupt. Im Südpazifik beheimatet, ist ein Kontakt für Europäer eigentlich unmöglich. Doch gerade die Deutschen reisen wie eine ansteckende Krankheit überall in der Weltgeschichte herum. Eine Göttinger Gymnasiastin machte zuerst ein Austauschjahr in Amerika und gelangte auf ihrer einjährigen Weltreise nach dem Abitur auf die thailändische Insel Koh Samui. Dort wollte sie mit ihrer Freundin nachts im Meer schwimmen, übersah jedoch in der Dunkelheit die am Strand aufgestellten Schilder, die vor den tödlich giftigen Würfelquallen warnten. Eine der Nesseln verletzte mit ihren Tentakeln das Mädchen überall am Körper so stark, dass es wenig später in einer Klinik verstarb. „Seewespen“ haben bis zu 60 dieser Tentakeln, die bei Berührung Gift in die Haut des Opfers ablassen. Das Gift brennt sich wie eine Säure durch sämtliche Hautschichten und verursacht in Minutenschnelle eine Lähmung des Herzschlags und der Atmung. Zusätzlich werden die Membranen der Blutkörperchen zerstört, was durch Kaliumaustritt ebenfalls den Tod durch Herzstillstand herbeiführt. Medizinische Notmaßnahmen sind deshalb meist zum Misserfolg verurteilt. Es existiert zwar inzwischen ein Gegengift. Da jedoch eine sofortige ärztliche Behandlung im Wasser nicht möglich ist, die Quallententakel nur mühsam entfernt werden können und ständig Gift entladen, wird die mögliche Rettung ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Verabreichung des Antidotons kommt fast immer zu spät. Die Opfer sterben im Regelfall schon auf dem Weg ins Krankenhaus. Die oft erwähnten Sofortmaßnahmen bei einem Badeunfall mit Chironex fleckeri, die vor allem den Einsatz von Essig und die vorsichtige Entfernung der giftgefüllten Tentakeln empfehlen, sind unter Fachleuten umstritten, da der Essig vermutlich die Aggressivität des Gifts verstärkt. Zur Schmerzlinderung sollten die betroffenen Stellen, wenn möglich mit Eis gekühlt werden. Einige Forscher berichten von einem positiven Einsatz von Zinkgluconat beim Kontakt mit Chironex fleckeri, ein unter Sportlern bekanntes Integrationsmittel, das allerdings für eine Strandkultur vermutlich nicht so einfach bereitgestellt werden kann wie schlichter Hausessig oder Sand, um die giftigen Tentakeln abzukratzen. Das Antiserum kann leider nur sehr aufwändig hergestellt werden und steht deshalb in den Krankenhäusern vor Ort im Regelfall nicht zur Verfügung.

© Wolfgang Haberl 2016

Bolivia on my mind

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Hier im Sekretariat der Sprachenschule „Goldene Zeiten“ ist zur Zeit der Teufel los. Ich als Empfangsdame an der Theke weiß das. Im September rennen mir die Leute die Bude ein und fragen nach Sprachkursen, Privatstunden, Auslandsschuljahren, Übersetzungen. Manchmal kommen sie auch mit völlig bizarren Wünschen. Neulich erschien eine Dame und fragte, ob es auch Sprachkurse für Hunde gäbe. Sie habe nämlich bemerkt, dass die Hunde im Ausland ganz anders bellen würden. Besonders das Bellen der spanischen Straßenhunde sei eine Klasse für sich. Doch meistens kommen die Kunden natürlich mit Standardwünschen. Da sind die Schülerinnen, die einen Sprachkurs in Französisch machen wollen, weil Ihnen Frankreich gefällt und sie ständig nach Paris fahren. Da kommen die Geschäftsleute, die in Malaysia und Taiwan unterwegs sind und auf Firmenkosten ihr Englisch aufbessern müssen.  Da melden sich die gelangweilten Hausfrauen, die gerne italienische Gedichte im Original lesen wollen, weil sie die Sprache so musikalisch finden. Da rufen erschreckte Autofahrer an, die einen Bußgeldbescheid wegen Geschwindigkeitsüberschreitung auf Polnisch bekommen haben, den wir ihnen übersetzen sollen. Alles Routine für uns. Business as usual. Die Sprachenschule „Goldene Zeiten“ bietet zehn Sprachen aus einer Hand. Wir lieben alle Sprachen und Kulturen. Frankfurt ist eine weltoffene und internationale Stadt. Wir waren sogar Freie Reichsstadt und Krönungsstadt der deutschen Kaiser. Wir sind ein wichtiges internationales Finanzzentrum. Bei uns ist die Deutsche Bundebank, die Europäische Zentralbank und die Wertpapierbörse. Johann Wolfgang von Goethe wurde hier geboren. In letzter Zeit haben wir immer mehr Anfragen von Leuten, die Deutsch als Fremdsprache lernen wollen. Das boomt regelrecht. Wir als Europastadt und Sprachenschule „Goldene Zeiten“ begrüßen das. Manchmal bezahlen die Deutschschüler ihre Sprachkurse selbst, manchmal bekommen sie den Unterricht als Zusatzqualifikation neben der Berufsausbildung vom Jobcenter finanziert. Oft sind es Flüchtlinge aus Syrien, Serbien, Afghanistan oder aus dem Kosovo und Irak. Ich habe nichts gegen die. Wir ziehen unsere Kurse für den Deutschtest für Zuwanderer mit hochqualifizierten und streng selektierten Lehrkräften eisern bis zum Schlussexamen durch. Refugees are welcome. Selbst Eintracht Frankfurt jubelt im Torrausch „Wir helfen“. Mir ist es auch egal, ob die Einwanderer Kriegs- oder Wirtschaftsflüchtlinge sind. Meiner Meinung nach können die alle gerne hierbleiben. Das sagt doch auch unsere Bundeskanzlerin. Wir können stolz darauf sein, dass alle zu uns nach Deutschland kommen. Daran ändern auch der Hass und die brennenden Unterkünfte für Asylbewerber nichts. Wir sind weltoffen und tolerant. Doch halt, wenn ich länger darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass ich Vorlieben und Abneigungen habe. Flüchtlinge aus Bolivien kann ich nicht ab. Glücklicherweise sind die ganz selten. Die zieht es wegen der Sprache eher nach Spanien. Fragt mich nicht, woher meine Abneigung gegen Bolivianer und Bolivianerinnen kommt. Ich weiß es wirklich nicht. Ich war noch nie in Südamerika, und auch hier in Frankfurt ist mir nie etwas Unangenehmes mit Leuten aus Bolivien passiert. Bolivien krieg ich trotzdem nicht aus meinem Kopf. Die zwei Ketten der Anden, die das Land durchziehen. Der Altiplano. Die Yungas von La Paz. Das Naturschutzgebiet Tariquìa. Der tropische Regenwald im Norden. Salar de Uyuni, der größte Salzsee der Erde. Die Quechua, Chiquitanos, Aymara und Guaranì mit ihren 35 Sprachfamilien und ihren gedrungenen Bulldoggengesichtern. Igitt. La uniòn es la fuerza. Wie die Viecher. Das Inka-Reich im 15. Jahrhundert. Das Vizekönigreich Peru. Rio de la Plata. Die Silberminen von Potosì. Die Spanier suchten in Bolivien Edelmetall. Heinrich Himmler glaubte, dass die Ur-Arier aus dem Weltall kamen und sich vor 7 Millionen Jahren in der bolivianischen Ruinenstadt Tihuanaku zwischen den Anden und dem Titicaca-See ansiedelten. Wie es sich für ein Herrenvolk aus dem Weltraum gehört, unterdrückten sie die einheimische Bevölkerung und regierten als Oberschicht. Grundlage dieser abenteuerlichen Spinnereien über Atlantis und Absurdistan, wo die germanische Edda-Saga, nationalsozialistische Rassenkunde und arische Ur- und Frühgeschichte fröhlich Urständ feierten, war die Welteislehre Hanns Hörbigers, nach der in mythischen Urzeiten Feuer und Eis gegeneinander kämpften und eine arische Herrenrasse mit übersinnlichen Fähigkeiten ins Leben rief. Heinrich Himmler war begeistert von diesen schleierhaften Mythen und gründete eine eigene Forschungseinrichtung namens „Ahnenerbe“, wo die abstrusen Theorien aus dem Nebel nordeuropäischer Mystik eine pseudowissenschaftliche Grundlage bekommen sollten. Bolivien krieg ich nicht aus meinem Kopf. Bolivia on my mind. Die trockenen Savannen des Gran Chaco im Süden und die tropischen Regenwälder Amazoniens im Norden.

© Wolfgang Haberl 2016

Welche Zukunft?

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Ein typisches italienisches Intellektuellenschicksal? Der jüngere Bruder meiner Frau ( fast 41 Jahre alt) hat Philosophie in Rom studiert und sogar einen Doktortitel erworben, in der Hoffnung an der Sapienza Karriere zu machen. Pustekuchen! Er war jahrelang mit Zeitverträgen und mies bezahlt in der Studentenberatung tätig und arbeitet jetzt seit ein paar Wochen als „operatore sociale“ in einer Kooperative außerhalb Roms, die sich um die Flüchtlingsbetreuung kümmert.  Von Montag bis Samstag 38 Stunden in der Woche in zwei Arbeitsschichten für € 1100 netto. Wieder ein Zeitarbeitsvertrag und, weil 2 Stunden fehlen, „Teilzeitarbeit“ (hier gibt es immer noch die 40-Stunden-Arbeitswoche), vermutlich deshalb weil er mit dieser Trickserei keine Möglichkeit hat, eine unbefristete Stelle irgenwann einmal  juristisch einzuklagen. Kilometerpauschalen gibt es hier in Italien eh keine, so dass ihm am Ende des Monats weniger als 1000 Euro übrig bleiben. Seine Frau ist Architektin und arbeitete jahrelang in fester Anstellung für ein Architekturbüro. Vor einem Jahr wurde sie entlassen und versucht jetzt mühsam und ohne viel Erfolg den steinigen Weg der Selbständigkeit. Bei 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit ist die Konkurrenz groß und gibt es immer irgendjemanden, der oder die es noch billiger machen.  Wieviel sie verdient, weiß ich nicht, aber vermutlich sind es ein paar Hundert Euro pro Monat. Kinder haben die beiden verständlicherweise nicht in die Welt gesetzt. Auch mit der Adoption eine Kindes, wovon jahrelang die Rede war, hat es nicht geklappt. Sie wohnen in Miete und zahlen in der Nähe von Punte Lungo (San Giovanni) 700 Euro kalt für 60 Quadratmeter. Eine Eigentumswohnung können sie nicht kaufen, weil sie zu wenig Geld haben und die Bank ihnen auch keinen Kredit geben würde.

Zum Leben zu wenig? Zum Sterben zu viel? Und diese Generation wählt jetzt in Massen 5 Stelle und Hardliner Alessandro Di Battista, der nach dem Wahlsieg einen Volksentscheid organisieren und aus dem Euro raus will. Prost Mahlzeit!

Anders Reisen: Rom

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Von Tageszeitungen sagt man ja bekanntlich, dass sie schon am Tag danach hoffnungslos veraltet sind. In einem nicht so rigorosen Sinn gilt das natürlich auch für Reiseführer. Und tatsächlich ist der hintere  Teil des 1984 zum ersten Mal in der rororo-Sachbuch-Reihe „Anders Reisen“ veröffentlichten Rom-Buchs von Peter Kammerer und Henning Klüver (ab Seite 192. Die Kapitel „Alltag und Politik“ / Kultur und Konsum“ / “Praktische Hilfen und Adressen“) für den heutigen Rom Touristen ohne viel Praxiswert. Erstaunlicherweise ist aber der lange erste Teil (Seiten 7 – 189. Kapitel „Die Stadt“), der einen längeren geschichtlichen Abriss der Stadt liefert (Antike, Christentum, Italien von 1870 bis etwa 1960) auch heute noch durchaus erkenntnisgewinnend zu lesen. Das hat meiner Meinung nach zwei Gründe: Einmal bezeugt diese Brisanz des Buchs die hohe Qualität der Texte der beiden Autoren (beide gestandene Mannsbilder und Italienkenner), die nicht nur die üblichen Daten und Fakten für Bildungsbürger abrattern, sondern immer ihren kritischen Blick auf den Untergrund, Alltag und alternative Lebensentwürfe richten.[1] Aber diese Aktualität des längst vergriffenen Buchs heißt natürlich auch , dass sich Grundlegendes in der Stadt Rom seit den achtziger Jahren nicht geändert hat, die nach der Aussage von vielen mindestens seit dem Abtritt Francesco Rutellis in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf gefallen ist.

[1] Ein gesellschaftskritischer Ansatz war natürlich damals in Punkzeiten auch „schick“ und fand ein größeres Lesepublikum. Heute würde Rowohlt keinen Blumentopf mehr mit einer solchen Haltung verdienen und hat diese „alternative“ Serie natürlich längst eingestellt.  Henning Klüver schreibt inzwischen vermutlich sehr mainstreamige „Gebrauchsanweisungen“ Italiens für den Piper-Verlag. Die Zeiten haben sich halt geändert.

Peter Kammerer und Hennung Klüver: Anders Reisen: Rom.

 

Barocke Titelei

 

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Wir leben in nüchternen und sachlichen Zeiten. Die pragmatische Massenkultur beeinflusst natürlich auch die ungeschriebenen Regeln, wie Bücher genannt werden. Heute haben sie meist kurze, knappe Titel aus ein oder zwei Wörtern, die nicht selten auch Strategien des Werbemarketing berücksichtigen, wo es gilt, mit dem Produktnamen die Aufmerksamkeit der potentiellen Kunden auf sich zu ziehen. Die Würze scheint sich in der Kürze zu verstecken. „Einen Scheiß muss ich“, „Darm mit Charme“, aber auch weniger blumige Titel wie „Passagier 23“ oder „Ein ganzes, halbes Jahr“ sind Titelbeispiele aus den aktuellen Spiegel-Bestsellerlisten der Belletristik und des Sachbuchs (Stand Februar 2016). Es gab aber auch ganz andere Zeiten, deren Lebensgefühl stark von Widersprüchen und Gegensätzen gekennzeichnet war. Die Verankerung in der Religion mit ihren Forderungen nach Entsagung war im Zeitalter des Barock viel stärker als heute, so dass irdische und himmlische Existenz, Lebenslust und Verzicht mürrisch und unvereinbar wie Öl und Wasser nebeneinander her existieren mussten. Als gepuderter Barockmensch mit Perücke lebte man in den Tag hinein, hatte aber trotzdem ständig den nahen Tod vor Augen. Das Leben war nichts als eitler Schall und Rauch, aber man genoss es trotzdem in vollen Zügen. Der feiste Stadtpfarrer und das Jenseits forderten Ernst, Tugend und Askese, aber Frau Welt lockte mit prallen Titten und Hüften, Reichtum und Erfolg. Beides existierte. Beides war wichtig.  Der barocke Mensch war für uns naseweise Postmoderne, die auf die vierte industrielle Revolution warten, ein primitiver Naivling und gar nicht in der Lage, sich ausschließlich für das Eine oder das Andere zu entscheiden. Diese sympathische Zerrissenheit und Unausgegorenheit  des Barockzeitalters zeigte sich auch in den oft ellenlangen Titeln vieler seiner literarischen Werke. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, nannte sich mit Anagrammen  German Schleifheim von Sulsfort  oder Melchior Sternfels von Fuchshaim. Sein Hauptwerk „Der Abenteuerliche Simplicissmus Teutsch“ trug den Untertitel  „Das ist: Die Beschreibung des Lebens eines seltsamen Vaganten genannt Melchior Sternfels von Fuchshaim, wo und welcher Gestalt er nämlich in diese Welt gekommen, was er darin gesehen, gelernt, erfahren und ausgestanden, auch warum er solche wieder freiwillig quittiert. Überaus lustig und männiglich nützlich zu lesen. An Tag geben von German Schleifheim von Sulsfort. Mompelgart. Gedruckt bei Johann Fillion. Im Jahr 1669“. Kein vernunftbegabter Setzer bekäme heute noch ein solches Satzmonster auf einer Titelseite unter. Adobe Indesign streikt und meldet lakonisch einen fatalen Fehler.

© Wolfgang Haberl 2016

Always crashing in the same car

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Zum Glück bin ich hier nur der Beifahrer und muss den Porsche nicht selber fahren. Diese neuen Autos sind inzwischen so vollgestopft mit Elektronik, dass man eigentlich fast schon einen Pilotenschein braucht, um sie zu lenken. Kennen Sie die A95? Tolle Autobahn von München zum Starnberger See und weiter am Staffel- und Kochelsee vorbei durch eine lupenreine Postkartenalpenvorlandsidylle. Doch diesmal war zwischen den Anschlussstellen Sindelsdorf und Murnau Schluss. Es hat stark geregnet, okay, aber so ein Porsche liegt eigentlich wie ein Brett auf der Fahrbahn. Auch der ganze elektronische Schnickschnack zur Stabilisierung hat diesmal nicht geholfen. Was denken die sich eigentlich bei Porsche? Erst zahlt man 150.000 Euro für die Blechbüchse und dann muss einen die Feuerwehr aus Blechknäuel schweißen. Okay, natürlich waren wir zu schnell unterwegs, 220, 230 Sachen, aber für einen Porsche ist das doch eigentlich ein Klacks. Wir haben ein paar Schlafmützen rechts auf der Standspur überholt, die auf der rechten Fahrbahn entlangkrochen, dann mussten wir plötzlich stark bremsen, weil irgendein Heini vermutlich Angst bekam und unerwartet nach rechts ausschwenkte, als er die Bi-Xenon-Lichter des Porsche im Rückspiegel sah. Dann waren wir auf einmal im Grünstreifen, ratterten ein paar Hundert Meter schlingernd den Grasbelag entlang und verloren endgültig die Kontrolle über das Auto. Die untermauerte rechte Böschung wurde zur Rampe, der Porsche schleuderte zwei Meter in die Luft und krachte mit dem Dach zuerst auf der Gegenfahrbahn nach unten, wo glücklicherweise kein Auto unterwegs war. Ich auf der Beifahrerseite hatte bei dem Aufprall das Bewusstsein verloren. Die Feuerwehren aus Penzberg, Sindelsdorf und Beuerberg mussten mit 45 Mann und schwerem Gerät anrücken und mich und den Fahrer aus dem stark beschädigten Fahrzeug herausflexen und schweißen. Dann fuhr uns ein Sanka in die Unfallklinik nach Murnau, doch meine Verletzungen waren zu schwer und ich erlag ihnen wenig später, ohne noch einmal das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Das Unfallauto wurde sichergestellt. Ein Gutachter soll den genauen Unfallvorgang aufklären. Am Porsche entstand ein Totalschaden in Höhe von über 100.000 Euro. Die Autobahn A95 Richtung Garmisch-Partenkirchen war wegen des Unfalls mehrere Stunden lang gesperrt. Die Autobahnmeisterei leitete den aus München kommenden Verkehr an der Anschlussstelle Sindesldorf aus der Autobahn ab.  Die zwischen Sindelsdorf/Murnau und dem Unfallort in beiden Fahrtrichtungen aufgestauten Fahrzeuge wurden von der Feuerwehr an die jeweiligen Ausfahrten zurückgeführt.

© Wolfgang Haberl 2016

Ach Bernd Peter! Hörst du das Tatütata?

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Vom McLaren F1, gebaut in den Jahren von 1989 bis 1992, existieren heute, auch nach verschiedenen Unfällen mit Totalschaden, nur noch einige Dutzend Exemplare. Die Besitzer haben zum Teil berühmte Namen. Der Beatle George Harrison besaß bis zu seinem Tod einen davon, der dann von Eric Clapton übernommen wurde. Überhaupt scheinen Musiker von dem Supersportwagen angetan zu sein. Nick Mason, Schlagzeuger bei Pink Floyd und Missy Elliott, amerikanische Rapperin, haben einen in der Garage stehen. Hassanal Bolkiah, Seine Eminenz Der Durchlauchte Sultan von Brunei besitzt deren sogar drei. Etwas Kleingeld sollte man tatsächlich in der Geldbörse haben, bevor man ernsthaft über den Erwerb und Unterhalt eines solchen nicht dauerhaft spurgeführten Landfahrzeugs nachdenkt.  Unter einer Million Euro sind gebrauchte Modelle des Flitzers nicht zu finden. Jede große Inspektion (nach 10000 Kilometern oder 18 Monaten) kostet schlappe 50.000 Euro. Auch die Autosteuern und Kfz-Versicherungen sind kein Pappenstiel und übersteigen das Jahresgehalt von Otto Normalverbraucher und Lisa Nebenan.  Für das viele Geld bekommt man jedenfalls einen Sportflitzer vom feinsten.  Der Motorraum ist zur Wärmereflektierung mit Gold beschichtet und beherbergt einen Zwölf-Zylinder-Saugmotor von BMW mit 6 Litern Hubraum und mehr als 600 PS. Damit schafft der Wagen selbst in der abgespeckten Straßenversion eine Höchstgeschwindigkeit von fast 400 km/h und war lange Jahre der schnellste Serienwagen der Welt. Der unbezahlbare Preis des Wagens war auch eine Folge seiner hohen Produktionskosten mit einem Einblock-Fahrgestell aus Kohlenstofffaser und Leichtmetall-Aufhängungen aus Aluminium und Magnesium.  Der damalige Vorstandsvorsitzende von BMW Bernd Peter Pischetsrieder kam im Sommer 1995 in einem firmeneigenen McLaren F1 auf einer Landstraße in der Nähe des Chiemsees vom Weg ab und verursachte den Totalschaden des Millionenflitzers mit traditionellem Saugmotor. Im Dreisitzer saßen auch seine Ehefrau, die Platzwunden erlitt, und ein Freund, der sich den Arm brach. Pischetsrieder selbst kam mit Prellungen davon und kommentierte den Unfall mit den Worten „Ich kann mir das alles überhaupt nicht erklären“. Der Vorstand von BMW erklärte sich allerdings den peinlichen Vorfall sehr wohl und war stinksauer, weil Pischetsrieder keine Aussagen über die Geschwindigkeit zum Unfallzeitpunkt und überhaupt über die Umstände, die zum Totalschaden geführt hatten, machen wollte. Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen ihn wurde nach Zahlung von DM 18.000 an das SOS-Kinderdorf eingestellt. Peanuts für Mister BMW. Wegen der missglückten Übernahmen der Firmen Rover, MG und Landrover, die in der Folge mit Milliardenverlusten wieder abgestoßen wurden, musste Pischetsrieder Anfang 1999 BMW verlassen. 2002 wurde er Vorstandsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns. Seit 2013 ist er Aufsichtsratsvorsitzender der Versicherungsgesellschaft Munich Re.

© Wolfgang Haberl 2016