Barocke Titelei

 

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Wir leben in nüchternen und sachlichen Zeiten. Die pragmatische Massenkultur beeinflusst natürlich auch die ungeschriebenen Regeln, wie Bücher genannt werden. Heute haben sie meist kurze, knappe Titel aus ein oder zwei Wörtern, die nicht selten auch Strategien des Werbemarketing berücksichtigen, wo es gilt, mit dem Produktnamen die Aufmerksamkeit der potentiellen Kunden auf sich zu ziehen. Die Würze scheint sich in der Kürze zu verstecken. „Einen Scheiß muss ich“, „Darm mit Charme“, aber auch weniger blumige Titel wie „Passagier 23“ oder „Ein ganzes, halbes Jahr“ sind Titelbeispiele aus den aktuellen Spiegel-Bestsellerlisten der Belletristik und des Sachbuchs (Stand Februar 2016). Es gab aber auch ganz andere Zeiten, deren Lebensgefühl stark von Widersprüchen und Gegensätzen gekennzeichnet war. Die Verankerung in der Religion mit ihren Forderungen nach Entsagung war im Zeitalter des Barock viel stärker als heute, so dass irdische und himmlische Existenz, Lebenslust und Verzicht mürrisch und unvereinbar wie Öl und Wasser nebeneinander her existieren mussten. Als gepuderter Barockmensch mit Perücke lebte man in den Tag hinein, hatte aber trotzdem ständig den nahen Tod vor Augen. Das Leben war nichts als eitler Schall und Rauch, aber man genoss es trotzdem in vollen Zügen. Der feiste Stadtpfarrer und das Jenseits forderten Ernst, Tugend und Askese, aber Frau Welt lockte mit prallen Titten und Hüften, Reichtum und Erfolg. Beides existierte. Beides war wichtig.  Der barocke Mensch war für uns naseweise Postmoderne, die auf die vierte industrielle Revolution warten, ein primitiver Naivling und gar nicht in der Lage, sich ausschließlich für das Eine oder das Andere zu entscheiden. Diese sympathische Zerrissenheit und Unausgegorenheit  des Barockzeitalters zeigte sich auch in den oft ellenlangen Titeln vieler seiner literarischen Werke. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, nannte sich mit Anagrammen  German Schleifheim von Sulsfort  oder Melchior Sternfels von Fuchshaim. Sein Hauptwerk „Der Abenteuerliche Simplicissmus Teutsch“ trug den Untertitel  „Das ist: Die Beschreibung des Lebens eines seltsamen Vaganten genannt Melchior Sternfels von Fuchshaim, wo und welcher Gestalt er nämlich in diese Welt gekommen, was er darin gesehen, gelernt, erfahren und ausgestanden, auch warum er solche wieder freiwillig quittiert. Überaus lustig und männiglich nützlich zu lesen. An Tag geben von German Schleifheim von Sulsfort. Mompelgart. Gedruckt bei Johann Fillion. Im Jahr 1669“. Kein vernunftbegabter Setzer bekäme heute noch ein solches Satzmonster auf einer Titelseite unter. Adobe Indesign streikt und meldet lakonisch einen fatalen Fehler.

© Wolfgang Haberl 2016

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