Bolivia on my mind

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Hier im Sekretariat der Sprachenschule „Goldene Zeiten“ ist zur Zeit der Teufel los. Ich als Empfangsdame an der Theke weiß das. Im September rennen mir die Leute die Bude ein und fragen nach Sprachkursen, Privatstunden, Auslandsschuljahren, Übersetzungen. Manchmal kommen sie auch mit völlig bizarren Wünschen. Neulich erschien eine Dame und fragte, ob es auch Sprachkurse für Hunde gäbe. Sie habe nämlich bemerkt, dass die Hunde im Ausland ganz anders bellen würden. Besonders das Bellen der spanischen Straßenhunde sei eine Klasse für sich. Doch meistens kommen die Kunden natürlich mit Standardwünschen. Da sind die Schülerinnen, die einen Sprachkurs in Französisch machen wollen, weil Ihnen Frankreich gefällt und sie ständig nach Paris fahren. Da kommen die Geschäftsleute, die in Malaysia und Taiwan unterwegs sind und auf Firmenkosten ihr Englisch aufbessern müssen.  Da melden sich die gelangweilten Hausfrauen, die gerne italienische Gedichte im Original lesen wollen, weil sie die Sprache so musikalisch finden. Da rufen erschreckte Autofahrer an, die einen Bußgeldbescheid wegen Geschwindigkeitsüberschreitung auf Polnisch bekommen haben, den wir ihnen übersetzen sollen. Alles Routine für uns. Business as usual. Die Sprachenschule „Goldene Zeiten“ bietet zehn Sprachen aus einer Hand. Wir lieben alle Sprachen und Kulturen. Frankfurt ist eine weltoffene und internationale Stadt. Wir waren sogar Freie Reichsstadt und Krönungsstadt der deutschen Kaiser. Wir sind ein wichtiges internationales Finanzzentrum. Bei uns ist die Deutsche Bundebank, die Europäische Zentralbank und die Wertpapierbörse. Johann Wolfgang von Goethe wurde hier geboren. In letzter Zeit haben wir immer mehr Anfragen von Leuten, die Deutsch als Fremdsprache lernen wollen. Das boomt regelrecht. Wir als Europastadt und Sprachenschule „Goldene Zeiten“ begrüßen das. Manchmal bezahlen die Deutschschüler ihre Sprachkurse selbst, manchmal bekommen sie den Unterricht als Zusatzqualifikation neben der Berufsausbildung vom Jobcenter finanziert. Oft sind es Flüchtlinge aus Syrien, Serbien, Afghanistan oder aus dem Kosovo und Irak. Ich habe nichts gegen die. Wir ziehen unsere Kurse für den Deutschtest für Zuwanderer mit hochqualifizierten und streng selektierten Lehrkräften eisern bis zum Schlussexamen durch. Refugees are welcome. Selbst Eintracht Frankfurt jubelt im Torrausch „Wir helfen“. Mir ist es auch egal, ob die Einwanderer Kriegs- oder Wirtschaftsflüchtlinge sind. Meiner Meinung nach können die alle gerne hierbleiben. Das sagt doch auch unsere Bundeskanzlerin. Wir können stolz darauf sein, dass alle zu uns nach Deutschland kommen. Daran ändern auch der Hass und die brennenden Unterkünfte für Asylbewerber nichts. Wir sind weltoffen und tolerant. Doch halt, wenn ich länger darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass ich Vorlieben und Abneigungen habe. Flüchtlinge aus Bolivien kann ich nicht ab. Glücklicherweise sind die ganz selten. Die zieht es wegen der Sprache eher nach Spanien. Fragt mich nicht, woher meine Abneigung gegen Bolivianer und Bolivianerinnen kommt. Ich weiß es wirklich nicht. Ich war noch nie in Südamerika, und auch hier in Frankfurt ist mir nie etwas Unangenehmes mit Leuten aus Bolivien passiert. Bolivien krieg ich trotzdem nicht aus meinem Kopf. Die zwei Ketten der Anden, die das Land durchziehen. Der Altiplano. Die Yungas von La Paz. Das Naturschutzgebiet Tariquìa. Der tropische Regenwald im Norden. Salar de Uyuni, der größte Salzsee der Erde. Die Quechua, Chiquitanos, Aymara und Guaranì mit ihren 35 Sprachfamilien und ihren gedrungenen Bulldoggengesichtern. Igitt. La uniòn es la fuerza. Wie die Viecher. Das Inka-Reich im 15. Jahrhundert. Das Vizekönigreich Peru. Rio de la Plata. Die Silberminen von Potosì. Die Spanier suchten in Bolivien Edelmetall. Heinrich Himmler glaubte, dass die Ur-Arier aus dem Weltall kamen und sich vor 7 Millionen Jahren in der bolivianischen Ruinenstadt Tihuanaku zwischen den Anden und dem Titicaca-See ansiedelten. Wie es sich für ein Herrenvolk aus dem Weltraum gehört, unterdrückten sie die einheimische Bevölkerung und regierten als Oberschicht. Grundlage dieser abenteuerlichen Spinnereien über Atlantis und Absurdistan, wo die germanische Edda-Saga, nationalsozialistische Rassenkunde und arische Ur- und Frühgeschichte fröhlich Urständ feierten, war die Welteislehre Hanns Hörbigers, nach der in mythischen Urzeiten Feuer und Eis gegeneinander kämpften und eine arische Herrenrasse mit übersinnlichen Fähigkeiten ins Leben rief. Heinrich Himmler war begeistert von diesen schleierhaften Mythen und gründete eine eigene Forschungseinrichtung namens „Ahnenerbe“, wo die abstrusen Theorien aus dem Nebel nordeuropäischer Mystik eine pseudowissenschaftliche Grundlage bekommen sollten. Bolivien krieg ich nicht aus meinem Kopf. Bolivia on my mind. Die trockenen Savannen des Gran Chaco im Süden und die tropischen Regenwälder Amazoniens im Norden.

© Wolfgang Haberl 2016

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