Schmu

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Schmu

 Denke ich, von meiner beschränkten Sichtweise als Auslandsdeutscher aus, der fast alle seine Bücher online über Amazon einkaufen muss, weil das am schnellsten und günstigsten funktioniert, über den deutschen Buchhandel nach, komme ich an der Erwähnung der großen Buchhandelsketten nicht vorbei, selbst wenn ich lese, dass immer noch zwei Drittel der Buchverkäufe über den klassischen stationären Einzelbuchhändler laufen. Die Tendenz macht bekanntlich die Musik. Die Voraussagen zur schönen neuen Bücherwelt der Zukunft gehen nämlich davon aus, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die Kombination aus online-Buchhandel einerseits und Verkauf durch die großen überregionalen Händler wie Thalia, Weltbild oder Hugendubel andererseits, den Löwenanteil der Buchverkäufe ausmacht.

Man sieht das beispielhaft und deutlich an der Situation von Ingolstadt. In meiner Jugendzeit gab es dort (schon seit Jahrzehnten) zwei Buchhandlungen: Schönhuber in der Theresienstraße und (fußläufig zu erreichen, aber etwas abgelegen) Ganghofer in der Donaustraße. Irgendwann Anfang der Nullerjahre dann versuchte die in Regensburg beheimatete bayrische Buchhandlungskette Bücher Pustet, sich als dritte Buchhandlung in der Ludwigstraße zu etablieren, wurde aber bald von der heute größten deutschen Buchhandlung Thalia abgelöst. Dahinter steckte ein erbitterter Kampf um Marktanteile, der das Buch immer mehr von einem Kulturgut zum Konsumgut degradierte. Kaufst du dir einen Handmixer, kauf ich mir den neuen Kehlmann. Die Thalia Holding geht zurück bis auf das Jahr 1931, als die Familie Könnecke , die auch heute noch ein Viertel der Aktien hält, das Unternehmen erwarb. Drei Viertel der Aktien sind allerdings inzwischen im Besitz der Douglas Holding mit Sitz in Hagen und alles wird vom amerikanischen Finanzinvestor Advent International kontrolliert. Dass eine solche Eigentümergemeinschaft an guter und kritischer Kultur interessiert ist, glaubt noch nicht einmal der Weihnachtsmann. Bei den anderen Buchhandlungsketten ist es allerdings auch nicht besser, womit ich wieder nach Ingolstadt zurückkomme. Thalia konnte sich nämlich auf der Schanz auch nur ein paar Jahre halten. Vermutlich ist der Bücherkonsum in einer Industriestadt mit etwas mehr als 100000 Einwohnern einfach nicht groß genug, um mehr als eine Buchhandlung am Leben zu lassen. Auch die kleine Weltbild-Filiale Am Stein musste im Laufe der Krise des Unternehmens schließen. Übrig blieb die Buchhandlung Heinrich Hugendubel, die allerdings nur die Ganghofer Buchhandlung in der Theresienstraße und im Westpark (sowie kurze Zeit auch im nahegelegenen Neuburg) übernahmen. Die Zahlen in der ehemaligen Ganghoferschen Hausbuchhandlung in der Donaustraße waren wahrscheinlich zu schlecht, um die Weiterführung des Betriebs zu rechtfertigen. Hugendubel hat seine Wurzeln in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Eichstätt, verlegte allerdings seine Tätigkeit schnell ins weltoffenere München, um die Zensur der erzkatholischen Bischofsstadt zu vermeiden.  Heute ist Hugendubel einer der drei großen überregionalen Filialisten mit Schwerpunkt in Süddeutschland. Wenn man eine dieser Filialen betritt (ganz gleich ob Thalia, Weltbild oder Hugendubel), wird man sich mit Schrecken dessen bewusst, wie Bücher heute verkauft werden müssen, um Gewinn zu garantieren. Für seelenvolle Poesiealben und Buchhändlernostalgien von Zeiten, als Bücher noch die Welt veränderten, ist anscheinend kein Platz mehr. Die Läden sind alle gleich ausgestattet, sie haben alle dieselben Bücher (aus der Spiegel-Bestsellerliste oder sonstigen Verkaufsstatistiken) auf den Verkaufsständen oder in den Wühltischen strategisch ausgelegt, lediglich ein (auch wieder überall genau gleich konzipierter) Verkaufsbereich für regionale Produkte ändert sich in den Filialen von Schleswig bis Garmisch-Partenkirchen. Aber Bücher sind eben keine bunten und süßen Haribo-Goldbären, sondern haben, wenn sie etwas taugen, eine kulturell-kritische Dimension, die in diesen Buchhandlungsketten allerdings nicht zu spüren ist. Dafür sind sie zu groß, zu steril, zu sehr am Massengeschmack orientiert. Allerdings sind die kleineren ungebundenen Buchhandlungen oft auch nicht viel besser. Wenn man sich viele derer Webseiten ansieht, bekommt man schnell den Eindruck, dass es einen Standardanbieter für diese Internetauftritte geben muss und dass oftmals versucht wird, die schlechte Geschäftspolitik der großen Ketten noch schlechter zu kopieren. Küsse, die einen aus dieser kulturellen Todesstarre erwecken, bekommt man vermutlich nur in den alternativen Buchhandlungen der großen Städte. So hat etwa der in Berlin ansässige Verbrecher-Verlag eine Liste seiner Depot-Buchhandlungen veröffentlicht. Das Wort „Depot-Buchhandlungen“ erinnert irgendwie auch an Munition und Anarchie und ich vermute, dass die dort aufgelisteten Läden in der Beratung, im Verkauf und im Verkauf etwas persönlicher, origineller und überraschender sind als die immer gleichen Ketten mit ihren Bestsellern. Einfach mal ausprobieren, wenn man nicht allzu weit weg wohnt. Auch die seit einigen Jahren existierenden Alternativen zum Bösewicht Amazon wie Fairbook oder Fairmondo sollte man in Erwägung ziehen, wenn man lieber online einkauft und das Privileg hat, in Deutschland zu wohnen.

Doch leider hört die Misere nicht bei den Buchhandlungen auf. Es gibt in Deutschland eine lange Tradition der sogenannten Barsortimente. Die Buchläden sind im Regelfall vertraglich an diese Buchgroßhändler (KNV, Libri, Umbreit) gebunden, die mit 50 oder mehr Prozent Rabatt die Bücher bei den Verlagen einkaufen und just-in-time auf Lager halten, so dass selbst der kleinste Buchhändler Deutschlands großmäulig damit prahlen kann, jedes bis 17 Uhr bestellte Buch schon am nächsten Tag Mittag liefern zu können.Vielleicht sollte man ernsthaft darüber nachdenken, ob diese Barsortimente in der jetzigen Marktsituation überhaupt noch einen Sinn haben.

Die Verlage selbst stehen auch schwer unter Druck. Die Buchhandlungen kaufen im Regelfall nicht direkt bei ihnen, sondern bei den gerade erwähnten Barsortimenten(Zwischenhändlern), um gerade bei neuen und unbekannten Autoren oder sperrigen Inhalten Ladenhüter zu vermeiden. Doch rechnet sich das alles? Wer verdient denn hier überhaupt noch etwas? Eine Milchmädchenrechnung ist schnell zusammengekritzelt. Ein Standardroman im Taschenbuchformat kostet im Regelfall nicht mehr als 10 Euro. Bekanntermaßen gibt es in Deutschland eine Buchpreisbindung, so dass der Buchhändler keine Möglichkeit hat, seine Gewinnspanne mit einem eigenen höheren Preis zu erweitern. Die Buchgroßhändler bekommen 50 Prozent Preisnachlass, Amazon bekommt meines Wissens sogar noch mehr. Das bedeutet, dass der Verlag für jedes verkaufte Buch mit 5 Euro oder weniger rechnen muss. Damit bestreitet er dann alle seine Kosten, die vielfältig sind: einmalige fixe Ausgaben für Lektorat und Satz, die Kosten für den Druck des Buchs, wenn es nicht nur ein E-Book sein soll, die Verlagslogistik, sprich Lagerhaltung, Rechnungs- und Mahnungswesen etc. Und wo bleibt das Honorar für den Autor, der ja monate- oder sogar jahrelang mit dem Schweiß auf der Stirn an seinem Manuskript gearbeitet hat. Man sieht schnell, wie knapp hier kalkuliert wird und wie leicht es ist, in die roten Zahlen zu rutschen. Einigermaßen rentabel wird alles sowieso nur, wenn die Auflage groß genug ist. Kleinverlage werden allerdings diese Auflagenhöhen nicht erreichen können, was sie dann oft dazu zwingt, Druckkostenzuschüsse vom Autor zu verlangen, die eigentlich jeder gesunden Arbeitsethik Hohn sprechen. Man arbeitet und muss auch noch für seine Arbeit bezahlen. Aber hallo! Meist sind die Kleinverlage schon zufrieden, wenn sie die erste Auflage (500 bis 1000 Stück) abverkauft haben, was zumindest ein Verlustgeschäft verhindert. Die wenigen großen Publikumsverlage haben jedenfalls den Markt fest in der Hand. In Zeiten, in den immer mehr geschrieben, aber immer weniger gelesen wird, sind sie die einzigen, die einem Autor eine längerfristige Zukunftsperspektive bieten können. Allerdings sind alle großen Publikumsverlage inzwischen für unbekannte Autoren uneinnehmbare Festungen geworden. Wahrscheinlich können sie auch nur auf diese Weise ihre dominierende Marktposition halten. Alle zum Teil gut dotierten Buchpreise werden nämlich an Autoren dieser Großverlage vergeben, was vermutlich oft auch die Existenz von so manchen Autorinnen und Autoren sichert, die mit ihren Büchern keine großen Absätze machen. Alle Rezensionen in den Feuilletons der wichtigen Zeitungen, alle wichtigen Buchbesprechungen im Fernsehen oder Radio sind auf diese wenigen großen Publikumsverlage zugeschnitten. Nur die Namen dieser im großen Stil besprochenen Autoren sind in aller Munde. Nur deren Bücher werden (zum Teil wenigstens) in Massen verkauft und gelesen. Um unsere oben skizzierte Milchmädchenrechnung weiterzukritzeln: Wenn ein kleiner Verlag mit Mühe 500 Exemplare des Romans seines unbekannten Autors verkauft hat, kann er sich glücklich schätzen. Dem Autor selbst stehen wahrscheinlich 10 % der oben erwähnten 5 Euro zu. Das sind 250 Euro, die möglicherweise der Kleinverlag noch nicht einmal auszahlt, weil er sich auf irgendwelche nicht vorhersehbaren Zusatzkosten beruft oder das Autorenhonorar auf die Kosten für ein weiteres Buch verrechnet. Anders sieht die Rechnung möglicherweise für einen Großverlag aus. Er kann grob abschätzen, wie hoch die Verkaufszahlen des veröffentlichten Buchs liegen werden und ist auch finanziell gesund genug, um Verträge abzuschließen, die schon ein Honorar für das Verfassen des Manuskripts vor dem Erscheinen des Buchs vorsehen. Wenn 50000 Exemplare verkauft werden, stehen dem Autor vielleicht € 25000 Euro zu (je nach Verlagsvertrag). In einem solchen Fall ist der Autor längst zum Marktfaktor geworden und hat höchstwahrscheinlich einen Agenten, der die besten Bedingungen für ihn aushandelt. Von solchen traumhaften Schreibvoraussetzungen können allerdings unbekannte Autoren nur träumen.

Copyright © 2016 Wolfgang Haberl

 

Sprachlos

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Sprachlos

Bis ich 16 Jahre alt war, sprach ich nicht Deutsch, sondern bayerischen Dialekt. Über Dialekt und Sprache dachte ich damals nicht nach, das war alles naturgegeben. In der Familie sprachen wir Bayerisch (obwohl meine Mutter ein Flüchtlingskind war und aus dem ehemaligen Schlesien stammte), auch im Freundeskreis und sogar in weiten Bereichen des öffentlichen Lebens kam man in Ingolstadt mit Bayerisch problemlos durch. Doch dann siegte das Reuchlin-Gymnasium. Die Lehrer redeten Hochdeutsch in der Klasse und verlangten das auch von ihren Schülerinnen und Schülern. Die Bücher, die ich las, waren nicht auf Bayerisch, sondern auf Hochdeutsch. Karl May schrieb auf Deutsch. Hermann Hesse schrieb auf Deutsch. Alfred Döblin schrieb auf Deutsch. Ich wurde mir dessen bewusst, dass es auch nördlich des Weißwurstäquators ein deutschsprechendes Kulturleben gab und redete von nun an Hochdeutsch, was besonders meinem Vater gar nicht gefiel. Natürlich war das „Hochdeutsch“, das ich damals sprach (und auch heute noch spreche) kein geruchs- und geschmacksloses Kommunikationssystem aus den keimfreien Gefrierfächern der Nachfahren Konrad Dudens, sondern meine ureigene regionale, mit vielen bayerischen Eigentümlichkeiten und Wechselwirkungen zwischen Dialekt und Hochsprache gewürzte Variante eines nirgendwo wirklich in Reinkultur existierenden Hochdeutschen. Kaum öffnete ich meinen Mund und sagte ein Wort, wusste jeder sofort, dass ich Süddeutscher war. Sprache schuf Identität. In Sekundenschnelle. Doch das Sprachspiel war ungerecht. Es teilte keineswegs gleiche Karten an alle aus. Manche hatten Asse und Trümpfe, die besser als andere stachen. Das Sprachspiel war ein Spiel um Macht und Selbstbewusstsein. Es griff in die Wirklichkeit ein. Einer aus Rosenheim hatte schlechtere Karten als einer aus Kassel, Detmold oder Flensburg. Ich nuschelte mein unreines Alpendeutsch, das mit seiner steifen Haxe mehr stolperte als floss. Das Bayerische pfuschte und funkte ständig dazwischen. Die kühlen Nordlichter redeten den ganzen Tag so wie der Sprecher der 8-Uhr-Nachrichten aus Hamburg. Ich hatte das nicht drauf. Ein Paar Weißwürste mit süßem Senf und Breze sowie eine Mass Bier! Oje, wie redet der Depp denn! Das klingt ja alles wie in Sepps Hütte im Zillertal! Denn die „Breze“ (oder noch die schlimmer die „Brezen“) hätte eigentlich eine „Brezel“ sein müssen, der „süße Senf“ zischte tonlos zweimal zu oft und die „Mass Bier“ war eigentlich eine Maß Bier mit einem langen A wie während der Untersuchung beim Hals-Nasen-Ohrenarzt. Für solche phonetischen Feinheiten hatte ich mit achtzehn oder neunzehn Jahren umgeben von Dialektsprechern, die im besten Fall auf ein Hochdeutsch mit stark süddeutscher Färbung ausweichen konnten, natürlich noch keine Ohren. Im Gegenteil, mit meinem Abiturwissen kam ich mir wunder wie belesen, blitzgescheit und weltgewandt vor. Als ich mich dann entschloss, im Wintersemester 1980 ein geisteswissenschaftliches Studium an der Westfälischen-Wilhelms-Universität in Münster aufzunehmen, war das in vielerlei Hinsicht ein Abenteuerurlaub im schönen Münsterland. Ich lebte weit weg von Ingolstadt und hatte in Münster weder Verwandte noch Bekannte oder Freunde. Leider hatte ich mir aber für meine Abenteuergelüste und Streifzüge in Gefilden fern der bayrischen Heimat die komplett falsche Stadt auf dem Autoatlas Bundesrepublik Deutschland herausgepickt. Münster war nicht Hamburg oder Berlin, noch nicht einmal Köln oder Frankfurt, sondern nur ein 600 Kilometer Richtung Nordpol gebeamtes größeres Ingolstadt. Statt der riesigen Audi-Werke hatte Münster seine riesige Universität. Überall lockten tiefe Provinz, Spießigkeit und Langeweile. Die kannte ich zur Genüge und aus denen wollte ich eigentlich raus. An der Uni Münster studierten nur Gymnasiumsabgänger aus Borken, Bottrop, Bergkamen, Lüdinghausen und Coesfeld (wenn man von den Numerus-Clausus-Fächern absah, die aber keine Masse machten). Nordrhein-Westfalen blieb unter sich. In Ingolstadt kamen die Audi-Arbeiter aus Gaimersheim, Pförring und Karlshuld. Die Bayern schotteten ab wie die Westfalen in Münster. Es galt das Faustrecht der Provinz. Ich hatte auch kein absolutes Gehör, um Laute aus Kleve, Gelsenkirchen und Soest von denen aus Gummerbach, Oldenburg oder Brunsbüttel zu unterscheiden. Ich warf lieber alles in die deutsche Sprachenschlachtschüssel aus norddeutschen Landen, denn für mich begann Norddeutschland schon wenig nördlich von Frankfurt und hörte erst bei von mir völlig unaussprechlichen Orten wie Süderlügum oder Süderbrarup auf (Die ostdeutschen Dialekte gab es ja damals lange vor dem Fall der Mauer für uns westdeutsche Ohren noch nicht. Die sächsischen „Nieslbriemen“ und „Gnussborrgobben“ brachten also meinen bayerischen Minderwertigkeitskomplex und mein sich entwickelndes Sprachgefühl nicht durcheinander). Da saß ich also, ich armer Bayern-Tropf in den Seminarräumen der ehrwürdigen Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster und hörte meine Einführungen in die Literaturwissenschaft oder in das Althochdeutsche. Ich bekam meinen Mund nicht auf, wenn es zu Diskussionen kam, während derer (zumindest in meiner Erinnerung) zumeist wortgewaltige politisch geschulte blonde Amazonen das Sagen hatten (geisteswissenschaftliche Studiengänge werden mehr von Frauen als von Männern belegt). Ich selbst bekam mein Plappermäulchen einfach nicht auf. Nicht nur deswegen, weil ich politisch richtungslos war. Ich war aus vielen Gründen sprachlos. Ich wusste, dass mein bayerischer Tonfall sofort auffallen würde, falls ich das Wort ergriff. Und ich hatte Angst davor, anders zu sein und die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Wenn jemand in einer Gruppe die Regeln nicht beachtet, zieht das zwei Reaktionen nach sich. Entweder schafft man es, den unvermeidlichen Schreck in einen Exotenbonus umzuwandeln und sich interessanter und attraktiver als die gewöhnlichen, langweiligen Gruppenmitglieder in Pose zu werfen. Man wird der Hahn im Korb, der kunterbunte Hund, den die anderen ein- oder zweifarbigen Hunde beneiden. Für eine solche positive Reaktion auf den Versuch der Ausgrenzung der Gruppenmitglieder braucht es natürlich Kraft und Selbstsicherheit, die mir damals abgingen. Ich reagierte auf mein Anderssein mit Angst, Rückzug und Sprachlosigkeit. Ich blieb bei den Diskussionen stumm. Das kann man „feige“ nennen, aber meine (geistigen und sonstigen) Truppen waren aus mehr als einem Grund einfach zu mickrig, um wie Blücher ran zu gehen. Ich stand mit meinen 300 Mark Bafög und 300 Mark von Papa (aber nicht in den Semsterferien!) finanziell auf staksigen Beinen. Ich hatte 15 Monate beschissenen Grundwehrdienst hinter mir, der mich zehn Jahre im Rechtfertigungsschach hielt, aus dem ich mich erst 1990 mit meiner nachträglichen Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer befreite. Die Zeit heilte die Wunden. Mitten in den Wirren der Wiedervereinigung Deutschland war es auf einmal kinderleicht geworden, den Kriegsdienst zu verweigern, im Gegensetz zu meinem ersten erniedrigenden und verlorenen Verfahren Anfang der achtziger Jahre. Es reichte ein einfacher Antrag. Doch meine Unsicherheiten und Ängste waren natürlich nicht nur auf die Bundeswehr beschränkt. Ich war in jeder Hinsicht ein Spät- und Schrägentwickler. Ich wusste bei meinem ersten Studium in Münster beim besten Willen nicht, wer ich bin oder was ich mit dem Studium später einmal anfangen wollte. Ich kämpfte allein auf verlorenem Posten gegen meine selbstsicheren und wortgewandten Studienkolleginnen und -kollegen, die anscheinend schon bei Beginn des ersten Semesters bestens wussten, welche Karriere ihnen nach der Universität blühte und die ihre Meinungen in einem Deutsch ausdrückten, das so viel besser klang als das undeutliches Nuscheln eines bayerischen Nieselpriems.

Copyright © 2016 Wolfgang Haberl

Hans Werner Henze

Hans Werner Henze Rosen und Revolutionen

Ich habe nie wirklich einen Draht zu klassischer Musik gefunden, schon gar nicht zu moderner klassischer Musik. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendwann auf Hans Werner Henze stoße, war also eher klein. Oberflächlich kennengelernt hatte ich ihn bei einigen Radiointerviews auf RAI3 Anfang der neunziger Jahre, als ich für kurze Zeit in der Toskana wohnte und er dort alljährlich in Montepulciano sein Festival Cantiere Internazionale d‘ Arte veranstaltete. Als ich mich dann jetzt ein Vierteljahrhundert später näher mit Ingeborg Bachmanns „Liedern auf der Flucht“ beschäftigte, tauchte der inzwischen verstorbene Hans Werner Henze wieder aus meinem Erinnerungsnebel auf. Die beiden Künstler Bachmann und Henze waren zeit ihres Lebens eng befreundet und lebten in den fünfziger Jahren sogar einige Zeit in Neapel zusammen. Jetzt wollte ich mehr über ihn wissen und bestellte mir (in Ermangelung von Alternativen) auf dem Gebrauchtebüchermarkt die dicke Biographie von Jens Rosteck, die für meinen kleinen Wissendurst allerdings viel zu üppig angelegt ist und die ich deshalb nur in Auszügen gelesen habe. Henze gehört ja zu den nicht wenigen deutschen Künstlern, die aus dem restaurativen Adenauer-Deutschland nach Italien flüchteten, war allerdings konsequenter als die anderen und blieb sein ganzes Leben dort, die letzten Jahrzehnte auf dem Gut La Leprara in Marino bei Rom. Der offen homosexuelle, 1926 geborene Henze, der den ganzen Wahnsinn von Hitlerdeutschland noch selbst ausleben musste, steht für mich für Lebensqualität, Konsequenz, Rebellion und Courage, die der Wendehals-Generation meiner Väter im Regelfall gefehlt hat. Bob Dylan hat in seinem Lied Lenny Bruce geschrieben: „Lenny Bruce was bad, he was the brother that you never had“. 1926 wurden Allen Ginsberg, Fidel Castro und Miles David geboren. In Deutschland James Krüss, Sigfried Lenz und Erich Loest. Von Rebellion kein Hauch.  Ein paar böse und rebellische Henzes mehr hätten Deutschland nur gutgetan.

Jens Rosteck: Hans Werner Henze

Uns Udo (1)

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Ich weiß es ist nicht besonders originell und ich will mich auch nicht mit fremden Federn schmücken, aber zur Zeit höre ich gern und immer wieder die tollen Lieder aus Udo Lindenbergs neuem Album. Früher habe ich den eigenlich gar nicht gemocht, aber sein neues Album hat wirklich gute Texte und Ohrwurmmelodien.  In Italien ist Lindenberg ja wegen der deutschen Texte eher unbekannt, vielleicht findet er  ja so ein paar neue Fans 🙂

Songtext_ Udo Lindenberg – Durch die schweren Zeiten

Gomorra (Buch)

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Roberto Savianos 2006 veröffentlichtes Buch „Gommora“ schlug vor zehn Jahren wie eine Bombe in Italien ein. Noch nie hatte jemand so chirurgisch präzise, detailbesessen und faktentreu über die Geschäfte der organisierten Kriminalität Neapels berichtet. Man hatte als Leser keine Wahl: entweder war Saviano klinisch verrückt und hatte sich alles in einem pathologischen Delirium selbst erfunden oder die beschriebenen Sachverhalte beruhten auf minutiösen Recherchen vor Ort und stimmten haargenau. Für Saviano änderte sich mit diesem Buch alles. Der Siebenundzwanzigjährige wurde zum Starschrifsteller und verdiente mit dem Bestseller so gut, dass er nie mehr ein anderes Buch wird schreiben müssen. Filme, Fernsehserien, selbst Theaterstücke entstanden aus den Geschichten in „Gommora“, das in Deutschland als Sachbuch, in Italien aber als Roman (Fiktion) verkauft wurde. Roberto Saviano erschien schlagartig als einer der wichtigsten Meinungsmacher Italiens, der nicht weggeschaut, sondern mutig seine Finger in die offenen Wunden seines Landes und speziell Neapels gelegte hatte. Man sah in Roberto Saviano einen neuen Pasolini des 21. Jahrhunderts. In ihm pochte das säkularisierte, moderne Gewissen der Nation. Er tauchte in Fernsehsendungen auf und schrieb viel gelesene Artikel in wichtigen italienischen Tageszeitungen. Doch der blitzartige Ruhm hatte auch seine Schattenseiten. Er erhielt so viele Morddrohungen, dass ihm der italienische Staat ständigen Begleitschutz gewährte. Nicht nur die dauerpräsenten Leibwächter erzeugten Paranoia, überhaupt machten ihm Hype und Rummel das Leben schwer, so dass Saviano seit Herbst 2014 in die anonyme Metropole New York umgezogen ist, wo ein Star mehr das Kraut nicht fett macht. Silvio Berlusconi und seine Regierung, die bei Erscheinen des Buchs noch todsicher im Sattel der Macht saßen, versuchten vergeblich, dem Bestseller den Wind aus den Segeln zu nehmen und deklassierten ihn als heillos „übertrieben“ oder als plump „falsch“. Doch der „Nestbeschmutzer“ Roberto Saviano hatte den Nagel auf den Kopf getroffen und zuckende Nerven freigelegt. Es waren vielleicht nicht die fünfzig Millionen wie bei Elvis Presley, aber auch ein paar Millionen weniger „Gommora“-Fans auf der ganzen Welt konnten nicht irren. Die Wahrheit war, dass Saviano nicht über-, sondern untertrieben hatte, denn ein einziger Journalist allein konnte unmöglich die vielfach verzweigten Machenschaften der organisierten Kriminalität Neapels auf etwas mehr als 300 Seiten dokumentieren. Sie waren in Wirklichkeit noch viel schlimmer, als sie Saviano in seinem Buch beschrieben hatte.

„Gommora“ ist in zwei Teile und insgesamt elf Unterkapitel gegliedert, hinter denen allerdings kein organischer Entwicklungsaufbau, sondern lediglich eine längeren journalistischen Einzelartikeln vergleichbare Struktur steckt. Überhaupt liegt Savianos Stärke sicher nicht in einer inspirierten poetischen Sprache, sondern in einer nüchternen Schilderung nackter Fakten, die in ihrer Hässlichkeit oft jede Vorstellungskraft übertreffen. Das erste Kapitel beschreibt den von der Camorra kontrollierten riesigen Hafen, der zum Umschlagplatz chinesischer Importware in ganz Europa geworden ist. Kapitel zwei ist der italienischen Haute Couture, deren weltbekannte Firmen ihren sündhaft teuren Edelfummel im Hinterland Neapels schneidern lässt, weil dort das Know-How dafür vorhanden ist. Wieder kassiert die organisierte Kriminalität in Form von Zwischenhändlern mit ab. Den einzelnen Betrieben und ihren Arbeitern bleibt nur ein Hungerlohn. Ein zweites Standbein ist die illegale Fertigung von falscher Markenkleidung, die oft den Originalen täuschend ähnlichsehen. Kapitel drei und das lange Kapitel vier schildern die internen militarisierten Strukturen der neapolitanischen Camorra und die blutigen Bandenkriege in Scampia, wo die Clans Di Laura und die abtrünnige Splittergruppe („scissionisti“) von Raffaele Amato um die Vorherrschaft im Norden Neapels kämpfen. Das den ersten Teil abschließende Kapitel fünf hat die Flintenweiber und die aktive Rolle der Frauen innerhalb der Camorra zum Thema. Der zweite Teil beginnt mit dem Handel mit illegalen Waffen jeder Art, den die Camorra seit dem Zusammenbruch des Ostblocks und den Jugoslawienkriegen der neunziger Jahre kontrolliert. Kapitel sieben spricht über die Baufirmen der Camorra in Caserta, die als Kartell die öffentlichen Bautätigkeiten in Neapel und inzwischen oft auch in ganz Italien kontrollieren. Kapitel acht spricht von dem Priester Don Giuseppe Diana, der in der Hochburg der Camorra Casal di Principe Anfang der neunziger Jahre den Widerstand gegen „o’ sistema“ organisiert und im März 1994 ermordet wird. Die letzten drei Kapitel des Buchs beschreiben weitere Aspekte des Schattenreichs der organisierten Kriminalität. „Hollywood“ hat den perversen Narzissmus der Bosse zum Thema, die gerne Kriminelle aus Hollywood-Filmen zum Vorbild ihres Lebensstils nehmen. Kapitel zehn beweist die enorme Gefährlichkeit der Camorra, die schon lange kein nationales Phänomen mehr ist, sondern ihre Tentakel überallhin in Europa ausgebreitet hat, besonders stark in Spanien („costa nostra“!) und England, dem das Kapitel „Aberdeen, Mondragone“ gewidmet ist. Das letzte, als Klimax gestaltete Kapitel spricht vom „terra dei fuochi“ (in Anlehnung an das Feuerland in Südamerika), das während der zahlreichen Müllkrisen Neapels traurige Berühmtheit erlangte, weil fast überall im Hinterland Neapels illegale Müllhalden betrieben wurden, in denen jahrzehntelang jede Art von giftigem Sondermüll deponiert wurde, der dann oft im Auftrag der Camorra angezündet wurde und ein Umweltdesaster verursachte.

Robert Saviano: Gomorra (Viaggio nell’ impero economico e nel sogno di dominio della camorra). Deutsche Ausgabe

P.S: Das Buch ist in einem relativ einfachen Italienisch geschrieben. Wer kann, sollte in jedem Fall zur Ausgabe in der Originalsprache greifen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Retro-Look

Selbstportrait Freckenhorst 1981

Schloss Freckenhorst bei Warendorf, 1981.

Das ging damals noch: gleichzeitig Pink Floyd …

AtomHeartMotherCover

Fat Old Sun (Pink Floyd- Atom Heart Mother-1970)

When that fat old sun in the sky is falling,
Summer evening birds are calling.
Summer’s thunder time of year,
The sound of music in my ears.
Distant bells,
New mown grass smells so sweet.
By the river holding hands,
Roll me up and lay me down.
And if you sit,
Don’t make a sound.
Pick your feet up off the ground.
And if you hear as the warm night falls
The silver sound from a time so strange,
Sing to me, sing to me.
When that fat old sun in the sky is falling,
Summer evening birds are calling.
Children’s laughter in my ears,
The last sunlight disappears.
And if you sit,
Don’t make a sound.
Pick your feet up off the ground.
And if you hear as the warm night falls
The silver sound from a time so strange,
Sing to me, sing to me.
When that fat old sun in the sky is falling,
Summer evening birds are calling.
Children’s laughter in my ears,
The last sunlight disappears.

… und Sex Pistols hören!

Anarchy In The U.K.

Right! now
ha ha ha ha ha…

I am an antichrist
I am an anarchist
Don’t know what I want
But I know how to get it
I wanna destroy passerby

‚Cause I wanna be Anarchy
No dogsbody

Anarchy for the UK
It’s coming sometime and maybe
I give a wrong time stop at traffic line
Your future dream is a sharpie’s scheme

‚Cause I wanna be Anarchy
In the city

How many ways to get what you want
I use the best
I use the rest
I use the N.M.E
I use Anarchy

‚Cause I wanna be Anarchy
It’s the only way to be

Is this the M.P.L.A or
Is this the U.D.A or
Is this the I.R.A
I thought it was the UK
Or just another country
Another council tenancy

I wanna be Anarchy
And I wanna be Anarchy
(Oh what a name)
And I wanna be anarchist
I get pissed, destroy!

 (Sex Pistols 1976)

Rumstänkern

2011-07-30-Ballonverk-8a

Vielleicht verschwende ich nur meine Zeit, wenn ich mir über den deutschen Literaturbetrieb das Maul zerreiße. Da die Strukturen seit Jahrzehnten festgefahren sind, wird es nämlich zu Änderungen nicht kommen. Es geht in erster Linie ums Geld, und da hört bekanntlich der Spaß auf. Neuerungen würden dazu führen, dass viele, die lange gut verdient haben, viel weniger oder gar nichts mehr kriegen. Dagegen wehren sie sich natürlich mit Haut und Haaren, egal ob es sich um Einzelpersonen, um Strukturen, Gesellschaften oder Organisationen handelt.

Wer hat denn eigentlich gesagt, dass der Buchverkauf in Deutschland sich immer mehr auf die großen Ketten konzentrieren muss? Amazon verzichtet gleich ganz auf einen Filialbetrieb und verkauft nur übers Internet. Thalia, Weltbild und Hugendubel haben zwar Buchhandlungen, aber jeder von uns weiß, wie steril und langweilig die sind. Immer die gleichen Spiegel-Bestseller von Norderstedt bis Rosenheim plus ein bisschen Klimbim aus der Umgebung auf den Auslagetischen. Ich gehe nicht gerne in diese Schuppen. Persönliche Verkaufsgespräche finden nicht statt, denn die Ketten verstehen sich eigentlich nur als verlängerter Arm der Online-Bestellungen in einem riesigen virtuellen Buchwarenhaus. Ein paar beliebige Beispiele aus dem Sommer 2015 gefällig? Amazon empfiehlt Marc Raabes Heimweh, ein Ja im Sommer von Mary Kay Andrews und Emma Straubs Ein Sommer wie kein anderer. Scheiße, oder? Bei Thalia ist es nicht besser. Bretonischer Stolz von Jean-Luc Banalec, Vielleicht mag ich dich morgen von Mhairi McFarlane. Weltbild verkauft auch Strandausrüstung und Sommeraccessoires. Als Lektüre empfiehlt man Hape Kerkelings Der Junge muss an die frische Luft. Hugendubel ist der Platzhirsch in Bayern und hat als Tip des Monats Karen Roses Todesschuss. Ich kenne keinen keine(n) einzige(n) der bisher genannten Autorinnen und Autorinnen. Und ein paar Monate später kommt ein neues Bataillon von Bestsellern und ersetzt das alte. Widerlich eigentlich, doch die Ketten haben uns Leser immer mehr in der Hand und bestimmen unseren Geschmack. Es mag sein, dass die echten Zahlen (noch) anders liegen, aber gefühlsmäßig findet dort inzwischen mehr als die Hälfte des Umsatzes im Buchhandel statt. Tendenz steigend. Natürlich gibt es noch viele kleine Buchhandlungen, die ihre Arbeit mit Begeisterung machen, unbekannte, gute Autoren in den Regalen stehen haben und auf den persönlichen Geschmack ihrer Kunden eingehen. Aber ich glaube trotzdem, dass die kleine Buchhandlung längerfristig ein Auslaufmodell ist. Das hat auch mit den Rabatten zu tun, den Amazon und die großen Ketten bei den Verlagen bekommen. Bei 40 % Preisnachlass müssen die Verlage schon sehr genau rechnen, damit der Buchverkauf kein Minusgeschäft wird. Auch die Barsortimente beteiligen sich negativ an diesem Dumping-Wettlauf. Muss ich unbedingt als Leser mein Buch schon am nächsten Tag in der Hand haben? Gratis-Express über Nacht in die Buchhandlung! Die großen Gedanken just in time in Hintertupfingen! Bei den kleinen Verlagen erwürge ich so die Gewinnspanne. Auch der Autor schaut ins Ofenrohr. Würden die Buchhandlungen bei den Verlagen direkt bestellen, verlängerten sich die Auslieferungszeiten, aber für die Beteiligten bliebe ein bisschen mehr Geld im Topf.

Aber es ist ja nicht nur der Buchhandel, der in Deutschland im Argen liegt. Es fängt ja schon bei den Schriftstellern und Verlagen selbst an. Zwei Dinge kommen mir sofort in den Sinn (und ich bin mir nicht sicher, ob und wie sie miteinander zusammenhängen). Einmal ist es generell die desolate Situation der deutschen Literatur seit den siebziger Jahren. Nennenswertes ist seitdem nicht mehr passiert. Etwas, das die Entwicklung befördert hätte, ist seitdem nicht mehr geschrieben worden. Langeweile kriecht durch die Literaturlandschaft. Weil man nichts zu sagen hat, wird unglaublich laut und viel herumgelabert und herumgesülzt. Vor, bei und nach dem Schreiben. Deutschland hat den literarischen Klimawandel schon längst vollzogen und ist eine Schreibwüste geworden. Doch die Misere hört hier nicht auf.  Die großen Publikumsverlage haben sich alle als geschlossene Gesellschaften verschanzt mit völlig undurchschaubaren Regeln bei der Aufnahme, der Zusammenarbeit und des Ausschlusses ihrer Mitglieder. Sie erinnern an Schweizer Eliteinternate für die Reichen, Schönen und Klugen. Keiner weiß, warum jemand bei Suhrkamp oder Fischer schreibt. Schreibt der besser als die anderen? Verkauft der mehr Bücher? Kennt der eine Verlagslektorin oder vielleicht die Verlagseignerin? Und damit des Schlechten nicht genug. Fällt eigentlich nur mir auf, dass die Feuilletonsteile aller großer Tageszeitungen ausschließlich die Bücher der großen Publikumsverlage besprechen? Ist das Zufall, oder gibt es da Seilschaften, weil die Bücher, die in der Faz, der Zeit und in der Süddeutschen besprochen werden, sich auch besser verkaufen?  Und dann die Literaturpreise. Ich krieg einen mittleren Wutanfall, wenn ich mir Wikipedia-Einträge von bestimmten Schriftstellern (weiblich oder männlich) anschaue. Man klicke mal auf einige Links im Wiki-Eintrag Deutschsprachige Lyrik und beschränke sich auf die beiden Perioden Zeitraum ab ca. 1980 und Zeitraum ab ca. 2000. Warum müssen vierzigjährige Dichter ab dem 25. Lebensjahr regelmäßig hochdotierte Literaturpreise bekommen? Wer entscheidet das und aufgrund welcher Kriterien? Warum sahnen genau die alles ab und andere, die genauso gut oder vielleicht sogar besser schreiben, gehen leer aus? Bei der zeitgenössischen deutschen Literatur kommen einem die geballte Faust und das Heulen. Ist Durs Grünbein wirklich die Messlatte, unter der sich alle deutschen Lyriker messen müssen? Müssen wir das ganze selbstgerechte Gelaber und Gesülze einfach runterschlucken? Da sterben mir die grauen Zellen ab. Dichtung passiert doch im Augenblick. Sie braucht keine uferlosen Belehrungen und Betrachtungen.

Was ich besonders schlimm finde, ist eine gewisse Frauenliteratur. Funkt da das Y-Chromosom dazwischen, das Männer zu viel haben? Vielleicht. Doch mein Ärger ist real. Den krieg ich auch bei 60 Grad nicht weg. Als unsensiblen Sexisten lasse ich mich trotzdem nicht abkanzeln. Ich kann zum Beispiel auch die Schriften von Günther Grass, Martin Walser und Siegfried Lenz nicht verknusen. Die sind mir zu altväterlich und gutsherrlich. Und wenn ich länger darüber nachdenke, habe ich das eine oder andere Buch von Luise Rinser (Mitte des Lebens, Abenteuer der Tugend) Anfang der neunziger Jahre gerne gelesen. Für Ingeborg Bachmann hatte ich immer schon und habe ich auch heute noch viel übrig. Für die Gedichte Else Lasker-Schülers und Sapphos habe ich in meiner Gymnasialzeit geschwärmt. Was meine ich also mit einer „gewissen Frauenliteratur“? Sollte man sich seine literarischen Meinungen nicht vorurteilsfrei von Geschlechtskriterien bilden? Doch ich lüge mir nur in die eigene Tasche, wenn ich mich beschämt zum Hermaphroditen style und mich zittrig zur Zwittrigkeit bekenne. Falls mich jemand aufforderte, meine zehn Lieblingsschriftsteller zu benennen, wäre keine einzige Frau dabei. Es gibt also doch Unterschiede beim Schreiben und Lesen, die auch mit der Geschlechtszugehörigkeit zu tun haben. Aber welche? Da werde ich keine schnellen Antworten finden. Ich versuche es weniger abstrakt. Anfang der achtziger Jahre habe ich versucht Gabriele Wohmanns Paulinchen war allein zu Haus zu lesen und die Lektüre abgebrochen. Ähnlich ging es mir zur gleichen Zeit mit dem stinklangweiligen Buch Der geteilte Himmel von Christa Wolf. Vor ein paar Jahren habe ich Elfriede Jelineks In den Alpen und Herta Müllers Herztier nach ein paar Seiten entnervt zur Seite gelegt. Keine Spannung, kein Inhalt, schrecklicher Stil. Ann Cottens Gedichte sind zwar manchmal erfrischend und sprachlich überraschend (spielt da die Dreisprachigkeit der Autorin eine Rolle, die ständig zwischen Amerikanisch, Österreichisch und Hochdeutsch hin und her hüpft?), aber als literarisches Wunderkind ist sie heillos überbewertet. Das war auch die Ingolstädterin Marie Luise Fleißer, die nie mehr als eine Epigonin Bertolt Brechts war. Ulla Hahn, Bilderbürgerin per excellence, Feministin, wohlhabende Gemahlin des ehemaligen Bürgermeisters von Hamburg Klaus von Dohnanyi. Doktor der Philosophie. In Ein Mann im Haus rächt sich eine Frau an ihrem Liebhaber und fesselt ihn für eine Woche ans Bett. Muss ich mir solche sadistischen Fantasien aus der gutbürgerlichen Küche wirklich antun? Marlene Streeruwitz kommt äußerlich wie eine wiedergeborene Ingeborg Bachmann rüber und sucht eine genuin weibliche Sprache, die im Patriarchat nicht existieren kann. Im November 2006 wird sie bei der Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück Ulrike Maria Stuart in einer Szene als sprechende Vagina dargestellt. Reizt mich das, eines ihrer Bücher zu kaufen? Judith Kuckart ist 1998 Stipendiatin der Villa Massimo und verarbeitet in Sätze mit Datum die Trauer über den Tod ihrer Mutter. Besonders originell erscheint mir das nicht. Nachprüfen geht eh nicht, weil der Text nur als Privatdruck erschienen ist. Jutta Heinrich veröffentlicht anscheinend seit vielen Jahren nichts mehr und veranstaltet trotzdem Schreibwerkstätten. Karin Rick hat gerade ihren erotischen Roman Venuswelle veröffentlicht. Doch sowas interessiert mich nicht. Karin Rick hat nichts mit der Lyrikerin Monika Rinck zu tun, für deren kurze Gedichtesammlung Honigprotokolle ich mich schon eher erwärmen könnte. Aber 20 Euro für 80 Seiten sind happig. Regina Nössler hat sich inzwischen auf Thriller spezialisiert, was mich außer vielleicht als originelle Persiflage oder wenn sie ein Jörg Fauser geschrieben hätte, wenig zum Lesen motiviert. Doris Dörrie wurde 1985 durch ihren Film Männer und Ich und Er bekannt und versucht sich seit dem Ende der achtziger Jahre auch als Schriftstellerin. Ich gehe davon aus, dass ihre Bücher wie ihre Filmkomödien im besten Fall gute Freizeitunterhaltung bieten. Sibylle Berg ist Bestsellerautorin. Ihr Erstlingswerk Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot klingt in mancher Besprechung recht vielversprechend. Vielleicht sollte ich mir den Roman in die Lektürewarteschleife stellen. Die schöne Alexa Hennig von Lange modelte für Benneton und schreibt meist Jugendromane oder Bücher für einfache Gemüter. Judith Hermann gilt als Tom Waits am Prenzlauer Berg, was mich aufhorchen lässt. Ich finde auch sympathisch, dass Hermann keine Vielschreiberin zu sein scheint. Zwei Bücher pro Jahrzehnt, das reicht ihr. Soll ich mir Sommerhaus, später bestellen?  Ist das was?  Muss man das lesen? War es nötig, dass so ein Buch geschrieben wurde? Entstünde eine Lücke in den Festungsmauern der deutschen Stadtbibliotheken, wenn es das Buch nicht gäbe?

Nach diesen Schmetterlingsflügen ins jungfräuliche Land der Mutmaßungen, des Hörensagens, der changierenden Stoffe und der Nouvelle Cuisine des Postfeminismus bin ich verwirrt. Nach dem Fräuleinwunder sei mir deshalb zur besseren Verdauung was Handfestes und Deftiges zum Lesen gestattet, zum Beispiel Edgar Allan Poes Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym.

Copyright © 2016 Wolfgang Haberl

Kulturell korrekt?

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Wenn heute Vermittlungen an die großen Literaturverlage nur mehr über Literaturagenturen stattfinden, rückt der Verkaufserfolg und nicht die Qualität des Buchs noch unverblümter als vorher an die erste Stelle, denn Literaturagenturen leben nun mal von Provisionen. Natürlich ist „Qualität“ ein schwierig zu definierender Begriff, doch in jedem Land gibt es einen Kulturmainstream, an dem sich Verlage und Bücher orientieren müssen, wenn sie ein breiteres Publikum erreichen wollen. Das betrifft sowohl die Thematiken als auch den Schreibstil. Wer über Dinge schreibt, die nur wenige interessieren und einen Duktus pflegt, der nicht „kulturell korrekt“ ist, steht auf ewig vor den verschlossenen Türen von geschlossenen Gesellschaften, die einen als Mitglied nicht wollen. Die deutsche Literaturszene hat Kartellen und Geheimbünden vergleichbare Strukturen und völlig undurchsichtige Auswahlpraktiken. Nach welchen Kriterien werden eigentlich neue Schriftsteller von den großen Publikumsverlagen für aufnahmewürdig und lesenswert befunden? Wer hat denn gesagt, dass die gut dotierten Literaturpreise immer nur von Schriftstellern aus den gleichen Verlagshäusern gewonnen werden?  Warum besprechen die Feuilletons der großen Tageszeitungen immer nur Bücher von genau diesen Publikumsverlagen? Wer sitzt in den Gremien bei der Vergabe der wichtigen Stipendien und auf welcher Basis werden diese Entscheidungen getroffen? Immer die gleichen Namen, Gesichter, Geschichten und keiner weiß warum. Alles eingerostet, vorhersehbar, tödlich akademisch, mit einer dicken Schicht Asbeststaub drauf.

Die aktuelle Literaturlandschaft Deutschlands ist ziemlich zum Kotzen, wenn man mir eine solche Vulgarität durchgehen lässt. Sie versprüht den Charme der jährlichen Erstaufführung im Opernhaus Scala von Mailand oder der Wagner-Festspiele in Bayreuth.

So nicht Frau Doktor Merkel!

Die öffentliche Meinung zu Jan Böhmermann ist gespalten. Die Große Koalition streitet. Die deutschen Stammtische beben. Was denke ich zum Thema?

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Jan Böhmermanns Schmähkritik gefällt mir überhaupt nicht. Hier kommen Vorurteile gegenüber Muslims in sehr verletzender und dummer Form ohne die nötige Differenzierung und Reflektion zur Sprache. Es ist von Sex mit Tieren, Kinderpornographie und dem Kerkermeister von Natascha Kampusch Wolfgang Priklopil die Rede. Je mehr und unqualifizierter, desto besser. „Sowas“ mit 18 Jahren zu schreiben würde fehlendes Talent offenbaren, wäre aber noch verzeihbar. Mit 37 ist es nur noch peinlich.

Erdoğan ist mir höchst unsympathisch. So ungefähr wie Donald Trump oder Wladimir Putin. In der Türkei gibt es keine Pressefreiheit, die Menschenrechte werden mit den Füßen getreten, die Frauen sind sieben Meilen weit davon entfernt, gleichberechtigt zu sein, die Minderheitenrechte der Kurden werden niedergebombt, die türkische Politik ist heuchlerisch und undurchsichtig. Aber vor allem hätte Erdoğan lockerer und souveräner mit Böhmermanns Schmähkritik umgehen müssen. In Wirklichkeit hat er sich nicht eingekriegt, sondern einen Münchner Anwalt eingeschaltet und den Satiriker Böhmermann sogar dreimal verklagt (§103, §185 plus Unterlassungsklage). Der Mann schäumt vor Wut und will Rache. In der Türkei laufen 1800 solcher Prozesse wegen angeblicher beleidigender Äußerungen. Wenn Böhmermanns Gedicht dumm war, dann war Erdoğans Reaktion der beleidigten großosmanischen Leberwurst noch dümmer.

Jeder kennt ja das fälschlicherweise Voltaire zugeschriebene Bonmot zur Meinungsfreiheit: „Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen“. Im jetzigen Interessenkonflikt ist es wichtiger, diese Freiheit der Kunst und Meinungsäußerung zu verteidigen als die verletzten Persönlichkeitsrechte Erdoğans. Und das umso mehr, wenn Jan Böhmermann eh schon mit Hunderten von deutschlandweit eingereichten Anzeigen nach §103 (einfache Beleidigung) zugehagelt worden ist. Jetzt muss er sich auch noch wegen Majestätsbeleidung nach §185 herumschlagen, ein veralteter Strafbestand, der in zwei Jahren abgeschafft werden soll. Das ist surreal und bekräftigt den vielfach geäußerten Vorwurf, dass Merkels Entscheidung von der aktuellen Realpolitik zumindest beeinflusst worden ist.

Da wäre ein richtiges, Böhmermann entlastendes und politisch mutiges Signal von Frau Doktor Merkel gegen Erdoğans Primadonna-Gehabe wichtig gewesen.

Der doofe Konjunktiv II. Hätt’ der Hund nicht geschissen, hätt’ er den Hasen erwischt. Aber jetzt bin ich froh, dass nicht mehr so viel über Jan Böhmermann, sondern über Wichtigeres gesprochen wird. Bei so viel Solidarität für den Künstler wird es sicher auch eine gemeinschaftlich gestiftete Kasse für die Rechtsanwaltskosten geben.

P.S. Wer sich ein eigenes Urteil bilden möchte, kann sich hier den Ausschnitt aus Böhmermanns Sendung und den Text der Schmähkritik ansehen.

Böhmermann Schmähkritik

Quellen (Stand:16.04.2016)

http://www.merkur.de/politik/jan-boehmermann-gedicht-erdogan-nicht-zdf-mediathek-aber-video-hier-schauen-6309683.html

http://www.urbanshit.de/schmaehkritik-jan-boehmermann-erdogan-gedicht-video/