Valentino Zeichen (3)

Bild Valentino Zeichen

A Barbara Alberti

Solo dagli astemi
ci si può aspettare
generose sorprese.
L’amica Barbara Alberti
mette in tavola una
bottiglia di champagne.
I convitati ne assaggiano appena
per non danneggiare
le loro facoltà mentali.
Me la scolo quasi tutta
alzando ulteriormente
il mio già sovrastimato
quoziente intellettuale.

An Barabara Alberti

Nur von Abstinenzlern
Kommen manchmal
Gönnerhafte Überraschungen.
Die Freundin Barbara Alberti
Stellt eine Flasche Champagner
Auf den Tisch.
Die Gäste trinken kaum etwas davon
Um ihre geistigen Fähigkeiten
Nicht zu beeinträchtigen.
Ich trinke die Flasche in einem Zug aus
Um meinen stark überschätzten IQ
Noch ein Stück anzuheben.

(meine Übersetzung)

Aus dem Gedichtband Neomarziale (2006)

Valentino Zeichen (2)

Elido Fazi

Elido Fazi, Inhaber des Verlags, wo Valentino Zeichen veröffentlicht hat, sagte:

Wir sollten uns fragen, warum ein großer Dichter wie Valentino, mit einem schönen Buch wie „Die Sumererin“ auch aus den zwölf Nominierungen ausgeschlossen wurde. Es gibt keine Logik der Qualität. Ich würde auch an das italienische Fernsehen appellieren, die Preisvergabe des „Premio Strega“ zu boykottieren.

Es handelt sich um eine Auszeichnung, die keinen Sinn mehr hat, die Leser werden nur über den Tisch gezogen. Der Preis basiert inzwischen auf Fragen, die nichts mit Literatur und Schönheit zu tun haben. Ich bin seit 20 Jahren Verleger und mindestens drei der letzten Gewinner des „Premio Strega“ hätte ich selbst nicht veröffentlicht. Die kleinen Verlage werden nur verarscht. Sie müssen 400 Kopien ihrer Bücher zusenden, um zugelassen zu werden Sie verschwenden Zeit und Geld und haben keine Chance.

( meine Übersetzung)

Quelle (italienisch)

Valentino Zeichen

Valentino Zeichen

Gestern ist der italienische Dichter und Romancier Valentino Zeichen gestorben. Da auch die italienischen Nachrichtensender diese Mitteilung verbreiteten, hatte ich die Gelegenheit Valentino Zeichen kennenzulernen, von dem ich vorher nie etwas gehört hatte. Der 1938 im ehemaligen Kroatien geborene Zeichen, der sein ganzes Leben in Rom in einer schwarz gebauten Baracke in der Via Flaminia verbracht hat, veröffentlichte seit 1974 fast zwanzig Bücher und war in erster Linie Lyriker. Er wurde nie wirklich einem größeren Publikum bekannt und auch nicht in andere Sprachen übersetzt.  Sein letzter Roman „La sumera“ schaffte es fast bis zur Kandidatur beim berühmten „premio Strega“, wurde aber dann doch von einer Preisvergabe ausgeschlossen. Im Jahre 2014 hat er ein (meinem Wissen nach) einziges größeres Interview gegeben, wo an vielen Stellen seine Originalität aufblitzte. Dort bezeichnete er sich als „Gelegenheitsdichter“ und sagte wenig später: „Ich bin ein Faulpelz. Meine Gedichte sind Ausdruck meiner Faulheit. Ich habe keine Lust, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich hatte nie eine solche Lust.“ Das war mutig und gegen den Strom. Nach einem Schlaganfall im Mai 2016 erhielt er eine Pension aus dem Sozialfond für mittellose Künstler (legge Bacchelli).

Das folgende Gedicht heißt „Sie“ und stammt aus dem Gedichtband „Neomarziale“ (2006)

Tick, tock, tack.
Es hörte sich an wie Münzen,
die auf das Barackendach fielen.
Ich hielt dich für reich!
Aber es war nur Bluff.
Nur Regen und
Hageldiamanten.
Im Dunkel der Ekstase
Merkte ich nicht
Dass du arm bist.
Da blieb mir nichts übrig
Als dich zu verlassen.

(meine Übersetzung)

 

Thomas Bernhard: Der Atem (Eine Entscheidung)

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Ende der vierziger Jahre (des vorigen Jahrhunderts) wird Thomas Bernhard mit einer nassen Rippenfellentzündung in das Salzburger Landeskrankenhaus eingeliefert und von den Ärzten eigentlich schon aufgegeben. Nur sein ungeheurer Lebenswille lässt ihn die schwere Krankheit überstehen. Der geliebte Großvater Johannes Freumbichler stirbt in diesen Monaten im Sankt-Johanns-Spital an einer Nierenkrankheit. Nach einer neuen schweren Lungenerkrankung verbringt Thomas Bernhard seine Rekonvaleszenz im Hotel Vötterl in Großgmain, wo ihm vor allem die Literatur hilft, die Krankheit zu überwinden. Auch seine Mutter, die einzige ihm verbliebene Bezugsperson, erkrankt an Krebs und stirbt.

Das Buch (dritter Teil der fünfteiligen Autobiographie ) ist ein trotziges Anschreiben gegen Leid und Schmerz Jahrzehnte danach, die ihn damals zu überwältigen drohten. Am Ende siegen aber der Mut zur Ehrlichkeit und Erinnerung und die Kunst über den alles und alle zu beherrschen scheinenden Tod.

Thomas Bernhard: Der Atem (Eine Entscheidung). 1979

Philip Roth

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Philip Roth gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen amerikanischen Autoren und wurde zusammen mit Thomas Pynchon, Don de Lillo, Cormac McCarthy und anderen mehr immer wieder auch als aussichtsreicher Kandidat für den Nobelpreis gehandelt. Seine wichtigsten Bücher hat er zu Beginn seiner Karriere geschrieben und stand dabei ganz in der Tradition jüdisch-amerikanischer Literatur (vor allem von seinem Vorbild Saul Bellow). Zwei Charakteristiken scheinen mir immer wieder bei (jüdisch)-amerikanischen Autoren dieser Generation aufzutauchen. Einmal besteht eine enge Verbundenheit mit der akademischen Welt. Viele der Autoren waren Dozenten und Professoren (auch Philip Roth) und ihre Lehrtätigkeit hat unweigerlich auf ihren Schreibstil abgefärbt, der sicherlich gediegen daherkommt und von Belesenheit zeugt, aber irgendwie auch nervt und wie altes Brot und kalter Kaffee schmeckt. Literatur als Schlaftablettenersatz.  So spart man sich den Gang zur Apotheke und greift anstelle dessen bei Insomnie zum guten Buch. Was mich zudem bei Philip Roth (und anderen seiner Generation) stört, ist sein Hang zum freudianischen Gründeln in der Innenwelt und in den Zweierbeziehungen, am auffälligsten natürlich in seinem Bestseller „Portnoy’s Complaint“, in dem er seine jahrelange Analyse und seine Trennung von der ersten Frau dokumentiert. Sind das nicht auch Woody Allens Thematiken in seinen frühen Filmen? Vielleicht offenbaren solche Fragestellungen des Pudels Kern und die menschliche Substanz an und für sich. Ich selbst ziehe trotzdem (oberflächlichere?) Bücher vor, wo mehr Aktion und Politik abgehen (zum Beispiel in den Büchern der zeitgleichen Beat-Generation).


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Philip Roth: Die Tatsachen. Autobiographie eiens Schriftstellers

Thomas Bernhard: Der Keller (Eine Entziehung)

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Der zweite Teil von Bernhards Autobiographie (1976) schließt lückenlos an den ersten Teil an und beginnt 1946 mit dem Schulabbruch und der anschließenden Lehre als Einzelhandelskaufmann bei Lebensmittelhändler Podlaha in der verrufenen Scherzhauserfeldsiedlung. Dort ergreift der jugendliche Bernhard Partei für die Ausgestoßenen und Besitzlosen Salzburgs und durchlebt eine relativ glückliche Zeit. Zusätzlich zu seiner Lehrlingsausbildung nimmt er regelmäßigen Gesangsunterricht bei Maria Keldorfer und Lektionen in Musiktheorie und Musikästhetik bei ihrem Mann Professor Theodor Werner. Der letzte Teil des Buchs (ab Seite 127 der Taschenbuchausgabe bei dtv) ist ein Metatext, der vom „jetzigen“ Standpunkt des Erzählers aus (das heißt 1976) über die Zeit 30 Jahre zuvor reflektiert.

Thomas Bernhard: Der Keller (Eine Entziehung)

Thomas Bernhard: Die Ursache (Eine Andeutung)

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Thomas Bernhards erster, im Jahre 1975 veröffentlichter Teil seiner fünfteiligen Autobiographie („Die Ursache – Eine Andeutung“), beschreibt drei prägende Jahre seiner Pubertät. Von 1943 bis 1946 besuchte er in Salzburg zuerst die Andrä-Schule (Hauptschule) und anschließend das Johanneum (Gymnasium) und lebte im Internat. Dort im Nationalsozialistischen Schülerheim war während der letzten Hitler-Jahre der sadistische Aufseher der überzeugte Nazi Grünkranz, der nach dem Krieg von einem genauso schrecklichen katholischen Geistlichen mit Namen „Onkel Franz“ abgelöst wurde. In diesen „staatlichen Kerkern“ und „Geistvernichtungsmaschinen“ durchlebte Bernhard auch den Horror der ständigen Bombenangriffe auf Salzburg. Das praktizierte Geigenspiel (und die Musik überhaupt) gab ihm trotz ständiger Selbstmordphantasien die Kraft, dem Nationalsozialismus und dem Katholizismus zu widerstehen, in deren monströsen Institutionen alles auf die Vernichtung des Individuums abzielte.

Thomas Bernhard: Die Ursache – Eine Andeutung

(Heute nur noch in der nach einer Unterlassungsklage und einem Beschluss des Landgerichts Salzburg vom 25. Mai 1977 festgelegten Fassung greifbar)

 

 

 

Das Unbehagen in der Kultur

Unbehagen in der Kultur

Freuds wichtiger kulturkritischer Aufsatz aus dem Jahre 1930 behandelt seine Theorie der Entstehung von menschlichen Kulturgemeinschaften. Für Freud ist das Innenleben jedes Menschen ein Schlachtfeld, wo sich zwei gegeneinander kämpfende Triebregungen bekriegen: Sexualität und Aggressivität, Lebenstrieb und Todestrieb. Für leichtherzigen Optimismus und schnelle Beschönigungen ist in Freuds Weltbild kein Platz. Religion wird von Freud als infantiler Massenwahn abgetan. Auch kommunistische Politikmodelle sind ihm als Heilsversprechungen suspekt. Um überhaupt eine labile Gemeinschaft mit anderen Mitmenschen möglich zu machen, müssen diese zwei Instinkte diszipliniert werden. Die Sexualität kann nur in einer offiziellen, monogamen und heterosexuellen Beziehung ausgelebt werden. Ansonsten muss die libidinöse Energie umgeleitet, transformiert und sublimiert werden. So entstehen aus der Basislibido Kulturwerke und Kunst, die aber immer Illusion bleiben müssen. Aber nicht nur die Sexualität, auch die zweite Hauptenergie des Menschen, nämlich sein Wunsch zur Zerstörung, darf ebenfalls im Innern des jeweiligen Kulturraums nicht ausgelebt werden und wird wieder umgeleitet. Es entsteht so (nach außen) die Aggression gegenüber dem Anderen und Fremden und (nach innen) eine Strafinstanz, die Freud „Über-Ich“ nennt und die man traditionell schon lange unter der Bezeichnung „Gewissen“ gekannt hat. Es ahndet als überstrenger, verinnerlichter Richter Verstöße gegen das herrschende private oder gesamtgesellschaftliche Ethiksystem und meldet sich nicht nur bei real ausgeführten Übertretungen, sondern schlägt sogar schon bei einem bloßen Gedanken an sie an.

Sigmund Freud-Das Unbehagen in der Kultur

 

Thomas Bernhard

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Meine Lesererfahrungen mit Thomas Bernhard waren bisher nur frustrierend. „Das Kalkwerk“ habe ich Anfang der achtziger Jahre mit viel Frust gelesen und wenig verstanden. „Der Frost“ war mein zweiter Versuch vor ein paar Monaten und lief genauso ernüchternd: Lektüreabbruch nach 100 Seiten. Ein schlechter Nachgeschmack blieb zurück. Vielleicht gehören zur totalen Negativität Bernhards auch solche negativen Lesemomente seiner Leser.

Aufgeben? Nein! Jetzt also ein neuer Versuch, mich dem österreichischen Schriftsteller anzunähern mit dem von Raimund Fellinger 2011 herausgegebenen Thomas-Bernhard-Lesebuch „Aus Opposition gegen mich selbst“. Es bietet eine Reihe unterschiedlicher Bernhard-Texte: die großen Romane in sehr kurzen Exzerpten, von denen man sich dann, auch mit Hilfe der Inhaltsangaben von http://www.thomasbernhard.at ein leidliches Bild machen kann. Man findet zudem in Fellingers Buch auch wieder sehr kurze Ausschnitte aus den fünf autobiographischen Romanen Bernhards. Und das ist bei weitem noch nicht alles: drei komplette Erzählungen, von denen mir „Das Verbrechen eines Innsbrucker Kaufmannssohns“ am besten gefallen hat, Ausschnitte aus einigen Theaterstücken, Lyrisches aus der Anfangszeit, garniert mit weiteren Schriften Bernhards (Reden, Interviews, Artikel). Alles das zusammen macht so etwas wie ein Uniseminar „Einführung in das Werk Thomas Bernhards“.

Ich sollte mir allerdings lieber nichts vormachen. Vielleicht hab ich mir mit der Lektüre des Buchs Frust und Mühe gespart, die ich mit den endlosen Monologen und Bewusstseinsströmen Bernhards verbinde, doch an der Komplettlektüre eines ganzen Buchs führt leider kein Weg vorbei. Wer weiß, ob Bernhard für mich immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben wird. Vielleicht ist er für mich einer dieser Schriftsteller wie Pier Paolo Pasolini oder William Burroughs, die weniger durch ihr Werk selbst von sich reden machen als durch die Legendenbildung einer lupenreinen rebellischen Attitude. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt weiß ich das noch nicht.

Ich hab heute Bernhards „Heldenplatz“ bestellt. Das war 1988 ein riesiger Theaterskandal in Ösi-Land. Sie sehen: Ich bleibe dran. In Kürze mein Lesebericht.

Thomas Bernhard: Aus Opposition gegen mich selbst

Schmu

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Schmu

 Denke ich, von meiner beschränkten Sichtweise als Auslandsdeutscher aus, der fast alle seine Bücher online über Amazon einkaufen muss, weil das am schnellsten und günstigsten funktioniert, über den deutschen Buchhandel nach, komme ich an der Erwähnung der großen Buchhandelsketten nicht vorbei, selbst wenn ich lese, dass immer noch zwei Drittel der Buchverkäufe über den klassischen stationären Einzelbuchhändler laufen. Die Tendenz macht bekanntlich die Musik. Die Voraussagen zur schönen neuen Bücherwelt der Zukunft gehen nämlich davon aus, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die Kombination aus online-Buchhandel einerseits und Verkauf durch die großen überregionalen Händler wie Thalia, Weltbild oder Hugendubel andererseits, den Löwenanteil der Buchverkäufe ausmacht.

Man sieht das beispielhaft und deutlich an der Situation von Ingolstadt. In meiner Jugendzeit gab es dort (schon seit Jahrzehnten) zwei Buchhandlungen: Schönhuber in der Theresienstraße und (fußläufig zu erreichen, aber etwas abgelegen) Ganghofer in der Donaustraße. Irgendwann Anfang der Nullerjahre dann versuchte die in Regensburg beheimatete bayrische Buchhandlungskette Bücher Pustet, sich als dritte Buchhandlung in der Ludwigstraße zu etablieren, wurde aber bald von der heute größten deutschen Buchhandlung Thalia abgelöst. Dahinter steckte ein erbitterter Kampf um Marktanteile, der das Buch immer mehr von einem Kulturgut zum Konsumgut degradierte. Kaufst du dir einen Handmixer, kauf ich mir den neuen Kehlmann. Die Thalia Holding geht zurück bis auf das Jahr 1931, als die Familie Könnecke , die auch heute noch ein Viertel der Aktien hält, das Unternehmen erwarb. Drei Viertel der Aktien sind allerdings inzwischen im Besitz der Douglas Holding mit Sitz in Hagen und alles wird vom amerikanischen Finanzinvestor Advent International kontrolliert. Dass eine solche Eigentümergemeinschaft an guter und kritischer Kultur interessiert ist, glaubt noch nicht einmal der Weihnachtsmann. Bei den anderen Buchhandlungsketten ist es allerdings auch nicht besser, womit ich wieder nach Ingolstadt zurückkomme. Thalia konnte sich nämlich auf der Schanz auch nur ein paar Jahre halten. Vermutlich ist der Bücherkonsum in einer Industriestadt mit etwas mehr als 100000 Einwohnern einfach nicht groß genug, um mehr als eine Buchhandlung am Leben zu lassen. Auch die kleine Weltbild-Filiale Am Stein musste im Laufe der Krise des Unternehmens schließen. Übrig blieb die Buchhandlung Heinrich Hugendubel, die allerdings nur die Ganghofer Buchhandlung in der Theresienstraße und im Westpark (sowie kurze Zeit auch im nahegelegenen Neuburg) übernahmen. Die Zahlen in der ehemaligen Ganghoferschen Hausbuchhandlung in der Donaustraße waren wahrscheinlich zu schlecht, um die Weiterführung des Betriebs zu rechtfertigen. Hugendubel hat seine Wurzeln in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Eichstätt, verlegte allerdings seine Tätigkeit schnell ins weltoffenere München, um die Zensur der erzkatholischen Bischofsstadt zu vermeiden.  Heute ist Hugendubel einer der drei großen überregionalen Filialisten mit Schwerpunkt in Süddeutschland. Wenn man eine dieser Filialen betritt (ganz gleich ob Thalia, Weltbild oder Hugendubel), wird man sich mit Schrecken dessen bewusst, wie Bücher heute verkauft werden müssen, um Gewinn zu garantieren. Für seelenvolle Poesiealben und Buchhändlernostalgien von Zeiten, als Bücher noch die Welt veränderten, ist anscheinend kein Platz mehr. Die Läden sind alle gleich ausgestattet, sie haben alle dieselben Bücher (aus der Spiegel-Bestsellerliste oder sonstigen Verkaufsstatistiken) auf den Verkaufsständen oder in den Wühltischen strategisch ausgelegt, lediglich ein (auch wieder überall genau gleich konzipierter) Verkaufsbereich für regionale Produkte ändert sich in den Filialen von Schleswig bis Garmisch-Partenkirchen. Aber Bücher sind eben keine bunten und süßen Haribo-Goldbären, sondern haben, wenn sie etwas taugen, eine kulturell-kritische Dimension, die in diesen Buchhandlungsketten allerdings nicht zu spüren ist. Dafür sind sie zu groß, zu steril, zu sehr am Massengeschmack orientiert. Allerdings sind die kleineren ungebundenen Buchhandlungen oft auch nicht viel besser. Wenn man sich viele derer Webseiten ansieht, bekommt man schnell den Eindruck, dass es einen Standardanbieter für diese Internetauftritte geben muss und dass oftmals versucht wird, die schlechte Geschäftspolitik der großen Ketten noch schlechter zu kopieren. Küsse, die einen aus dieser kulturellen Todesstarre erwecken, bekommt man vermutlich nur in den alternativen Buchhandlungen der großen Städte. So hat etwa der in Berlin ansässige Verbrecher-Verlag eine Liste seiner Depot-Buchhandlungen veröffentlicht. Das Wort „Depot-Buchhandlungen“ erinnert irgendwie auch an Munition und Anarchie und ich vermute, dass die dort aufgelisteten Läden in der Beratung, im Verkauf und im Verkauf etwas persönlicher, origineller und überraschender sind als die immer gleichen Ketten mit ihren Bestsellern. Einfach mal ausprobieren, wenn man nicht allzu weit weg wohnt. Auch die seit einigen Jahren existierenden Alternativen zum Bösewicht Amazon wie Fairbook oder Fairmondo sollte man in Erwägung ziehen, wenn man lieber online einkauft und das Privileg hat, in Deutschland zu wohnen.

Doch leider hört die Misere nicht bei den Buchhandlungen auf. Es gibt in Deutschland eine lange Tradition der sogenannten Barsortimente. Die Buchläden sind im Regelfall vertraglich an diese Buchgroßhändler (KNV, Libri, Umbreit) gebunden, die mit 50 oder mehr Prozent Rabatt die Bücher bei den Verlagen einkaufen und just-in-time auf Lager halten, so dass selbst der kleinste Buchhändler Deutschlands großmäulig damit prahlen kann, jedes bis 17 Uhr bestellte Buch schon am nächsten Tag Mittag liefern zu können.Vielleicht sollte man ernsthaft darüber nachdenken, ob diese Barsortimente in der jetzigen Marktsituation überhaupt noch einen Sinn haben.

Die Verlage selbst stehen auch schwer unter Druck. Die Buchhandlungen kaufen im Regelfall nicht direkt bei ihnen, sondern bei den gerade erwähnten Barsortimenten(Zwischenhändlern), um gerade bei neuen und unbekannten Autoren oder sperrigen Inhalten Ladenhüter zu vermeiden. Doch rechnet sich das alles? Wer verdient denn hier überhaupt noch etwas? Eine Milchmädchenrechnung ist schnell zusammengekritzelt. Ein Standardroman im Taschenbuchformat kostet im Regelfall nicht mehr als 10 Euro. Bekanntermaßen gibt es in Deutschland eine Buchpreisbindung, so dass der Buchhändler keine Möglichkeit hat, seine Gewinnspanne mit einem eigenen höheren Preis zu erweitern. Die Buchgroßhändler bekommen 50 Prozent Preisnachlass, Amazon bekommt meines Wissens sogar noch mehr. Das bedeutet, dass der Verlag für jedes verkaufte Buch mit 5 Euro oder weniger rechnen muss. Damit bestreitet er dann alle seine Kosten, die vielfältig sind: einmalige fixe Ausgaben für Lektorat und Satz, die Kosten für den Druck des Buchs, wenn es nicht nur ein E-Book sein soll, die Verlagslogistik, sprich Lagerhaltung, Rechnungs- und Mahnungswesen etc. Und wo bleibt das Honorar für den Autor, der ja monate- oder sogar jahrelang mit dem Schweiß auf der Stirn an seinem Manuskript gearbeitet hat. Man sieht schnell, wie knapp hier kalkuliert wird und wie leicht es ist, in die roten Zahlen zu rutschen. Einigermaßen rentabel wird alles sowieso nur, wenn die Auflage groß genug ist. Kleinverlage werden allerdings diese Auflagenhöhen nicht erreichen können, was sie dann oft dazu zwingt, Druckkostenzuschüsse vom Autor zu verlangen, die eigentlich jeder gesunden Arbeitsethik Hohn sprechen. Man arbeitet und muss auch noch für seine Arbeit bezahlen. Aber hallo! Meist sind die Kleinverlage schon zufrieden, wenn sie die erste Auflage (500 bis 1000 Stück) abverkauft haben, was zumindest ein Verlustgeschäft verhindert. Die wenigen großen Publikumsverlage haben jedenfalls den Markt fest in der Hand. In Zeiten, in den immer mehr geschrieben, aber immer weniger gelesen wird, sind sie die einzigen, die einem Autor eine längerfristige Zukunftsperspektive bieten können. Allerdings sind alle großen Publikumsverlage inzwischen für unbekannte Autoren uneinnehmbare Festungen geworden. Wahrscheinlich können sie auch nur auf diese Weise ihre dominierende Marktposition halten. Alle zum Teil gut dotierten Buchpreise werden nämlich an Autoren dieser Großverlage vergeben, was vermutlich oft auch die Existenz von so manchen Autorinnen und Autoren sichert, die mit ihren Büchern keine großen Absätze machen. Alle Rezensionen in den Feuilletons der wichtigen Zeitungen, alle wichtigen Buchbesprechungen im Fernsehen oder Radio sind auf diese wenigen großen Publikumsverlage zugeschnitten. Nur die Namen dieser im großen Stil besprochenen Autoren sind in aller Munde. Nur deren Bücher werden (zum Teil wenigstens) in Massen verkauft und gelesen. Um unsere oben skizzierte Milchmädchenrechnung weiterzukritzeln: Wenn ein kleiner Verlag mit Mühe 500 Exemplare des Romans seines unbekannten Autors verkauft hat, kann er sich glücklich schätzen. Dem Autor selbst stehen wahrscheinlich 10 % der oben erwähnten 5 Euro zu. Das sind 250 Euro, die möglicherweise der Kleinverlag noch nicht einmal auszahlt, weil er sich auf irgendwelche nicht vorhersehbaren Zusatzkosten beruft oder das Autorenhonorar auf die Kosten für ein weiteres Buch verrechnet. Anders sieht die Rechnung möglicherweise für einen Großverlag aus. Er kann grob abschätzen, wie hoch die Verkaufszahlen des veröffentlichten Buchs liegen werden und ist auch finanziell gesund genug, um Verträge abzuschließen, die schon ein Honorar für das Verfassen des Manuskripts vor dem Erscheinen des Buchs vorsehen. Wenn 50000 Exemplare verkauft werden, stehen dem Autor vielleicht € 25000 Euro zu (je nach Verlagsvertrag). In einem solchen Fall ist der Autor längst zum Marktfaktor geworden und hat höchstwahrscheinlich einen Agenten, der die besten Bedingungen für ihn aushandelt. Von solchen traumhaften Schreibvoraussetzungen können allerdings unbekannte Autoren nur träumen.

Copyright © 2016 Wolfgang Haberl