Sprachlos

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Sprachlos

Bis ich 16 Jahre alt war, sprach ich nicht Deutsch, sondern bayerischen Dialekt. Über Dialekt und Sprache dachte ich damals nicht nach, das war alles naturgegeben. In der Familie sprachen wir Bayerisch (obwohl meine Mutter ein Flüchtlingskind war und aus dem ehemaligen Schlesien stammte), auch im Freundeskreis und sogar in weiten Bereichen des öffentlichen Lebens kam man in Ingolstadt mit Bayerisch problemlos durch. Doch dann siegte das Reuchlin-Gymnasium. Die Lehrer redeten Hochdeutsch in der Klasse und verlangten das auch von ihren Schülerinnen und Schülern. Die Bücher, die ich las, waren nicht auf Bayerisch, sondern auf Hochdeutsch. Karl May schrieb auf Deutsch. Hermann Hesse schrieb auf Deutsch. Alfred Döblin schrieb auf Deutsch. Ich wurde mir dessen bewusst, dass es auch nördlich des Weißwurstäquators ein deutschsprechendes Kulturleben gab und redete von nun an Hochdeutsch, was besonders meinem Vater gar nicht gefiel. Natürlich war das „Hochdeutsch“, das ich damals sprach (und auch heute noch spreche) kein geruchs- und geschmacksloses Kommunikationssystem aus den keimfreien Gefrierfächern der Nachfahren Konrad Dudens, sondern meine ureigene regionale, mit vielen bayerischen Eigentümlichkeiten und Wechselwirkungen zwischen Dialekt und Hochsprache gewürzte Variante eines nirgendwo wirklich in Reinkultur existierenden Hochdeutschen. Kaum öffnete ich meinen Mund und sagte ein Wort, wusste jeder sofort, dass ich Süddeutscher war. Sprache schuf Identität. In Sekundenschnelle. Doch das Sprachspiel war ungerecht. Es teilte keineswegs gleiche Karten an alle aus. Manche hatten Asse und Trümpfe, die besser als andere stachen. Das Sprachspiel war ein Spiel um Macht und Selbstbewusstsein. Es griff in die Wirklichkeit ein. Einer aus Rosenheim hatte schlechtere Karten als einer aus Kassel, Detmold oder Flensburg. Ich nuschelte mein unreines Alpendeutsch, das mit seiner steifen Haxe mehr stolperte als floss. Das Bayerische pfuschte und funkte ständig dazwischen. Die kühlen Nordlichter redeten den ganzen Tag so wie der Sprecher der 8-Uhr-Nachrichten aus Hamburg. Ich hatte das nicht drauf. Ein Paar Weißwürste mit süßem Senf und Breze sowie eine Mass Bier! Oje, wie redet der Depp denn! Das klingt ja alles wie in Sepps Hütte im Zillertal! Denn die „Breze“ (oder noch die schlimmer die „Brezen“) hätte eigentlich eine „Brezel“ sein müssen, der „süße Senf“ zischte tonlos zweimal zu oft und die „Mass Bier“ war eigentlich eine Maß Bier mit einem langen A wie während der Untersuchung beim Hals-Nasen-Ohrenarzt. Für solche phonetischen Feinheiten hatte ich mit achtzehn oder neunzehn Jahren umgeben von Dialektsprechern, die im besten Fall auf ein Hochdeutsch mit stark süddeutscher Färbung ausweichen konnten, natürlich noch keine Ohren. Im Gegenteil, mit meinem Abiturwissen kam ich mir wunder wie belesen, blitzgescheit und weltgewandt vor. Als ich mich dann entschloss, im Wintersemester 1980 ein geisteswissenschaftliches Studium an der Westfälischen-Wilhelms-Universität in Münster aufzunehmen, war das in vielerlei Hinsicht ein Abenteuerurlaub im schönen Münsterland. Ich lebte weit weg von Ingolstadt und hatte in Münster weder Verwandte noch Bekannte oder Freunde. Leider hatte ich mir aber für meine Abenteuergelüste und Streifzüge in Gefilden fern der bayrischen Heimat die komplett falsche Stadt auf dem Autoatlas Bundesrepublik Deutschland herausgepickt. Münster war nicht Hamburg oder Berlin, noch nicht einmal Köln oder Frankfurt, sondern nur ein 600 Kilometer Richtung Nordpol gebeamtes größeres Ingolstadt. Statt der riesigen Audi-Werke hatte Münster seine riesige Universität. Überall lockten tiefe Provinz, Spießigkeit und Langeweile. Die kannte ich zur Genüge und aus denen wollte ich eigentlich raus. An der Uni Münster studierten nur Gymnasiumsabgänger aus Borken, Bottrop, Bergkamen, Lüdinghausen und Coesfeld (wenn man von den Numerus-Clausus-Fächern absah, die aber keine Masse machten). Nordrhein-Westfalen blieb unter sich. In Ingolstadt kamen die Audi-Arbeiter aus Gaimersheim, Pförring und Karlshuld. Die Bayern schotteten ab wie die Westfalen in Münster. Es galt das Faustrecht der Provinz. Ich hatte auch kein absolutes Gehör, um Laute aus Kleve, Gelsenkirchen und Soest von denen aus Gummerbach, Oldenburg oder Brunsbüttel zu unterscheiden. Ich warf lieber alles in die deutsche Sprachenschlachtschüssel aus norddeutschen Landen, denn für mich begann Norddeutschland schon wenig nördlich von Frankfurt und hörte erst bei von mir völlig unaussprechlichen Orten wie Süderlügum oder Süderbrarup auf (Die ostdeutschen Dialekte gab es ja damals lange vor dem Fall der Mauer für uns westdeutsche Ohren noch nicht. Die sächsischen „Nieslbriemen“ und „Gnussborrgobben“ brachten also meinen bayerischen Minderwertigkeitskomplex und mein sich entwickelndes Sprachgefühl nicht durcheinander). Da saß ich also, ich armer Bayern-Tropf in den Seminarräumen der ehrwürdigen Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster und hörte meine Einführungen in die Literaturwissenschaft oder in das Althochdeutsche. Ich bekam meinen Mund nicht auf, wenn es zu Diskussionen kam, während derer (zumindest in meiner Erinnerung) zumeist wortgewaltige politisch geschulte blonde Amazonen das Sagen hatten (geisteswissenschaftliche Studiengänge werden mehr von Frauen als von Männern belegt). Ich selbst bekam mein Plappermäulchen einfach nicht auf. Nicht nur deswegen, weil ich politisch richtungslos war. Ich war aus vielen Gründen sprachlos. Ich wusste, dass mein bayerischer Tonfall sofort auffallen würde, falls ich das Wort ergriff. Und ich hatte Angst davor, anders zu sein und die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Wenn jemand in einer Gruppe die Regeln nicht beachtet, zieht das zwei Reaktionen nach sich. Entweder schafft man es, den unvermeidlichen Schreck in einen Exotenbonus umzuwandeln und sich interessanter und attraktiver als die gewöhnlichen, langweiligen Gruppenmitglieder in Pose zu werfen. Man wird der Hahn im Korb, der kunterbunte Hund, den die anderen ein- oder zweifarbigen Hunde beneiden. Für eine solche positive Reaktion auf den Versuch der Ausgrenzung der Gruppenmitglieder braucht es natürlich Kraft und Selbstsicherheit, die mir damals abgingen. Ich reagierte auf mein Anderssein mit Angst, Rückzug und Sprachlosigkeit. Ich blieb bei den Diskussionen stumm. Das kann man „feige“ nennen, aber meine (geistigen und sonstigen) Truppen waren aus mehr als einem Grund einfach zu mickrig, um wie Blücher ran zu gehen. Ich stand mit meinen 300 Mark Bafög und 300 Mark von Papa (aber nicht in den Semsterferien!) finanziell auf staksigen Beinen. Ich hatte 15 Monate beschissenen Grundwehrdienst hinter mir, der mich zehn Jahre im Rechtfertigungsschach hielt, aus dem ich mich erst 1990 mit meiner nachträglichen Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer befreite. Die Zeit heilte die Wunden. Mitten in den Wirren der Wiedervereinigung Deutschland war es auf einmal kinderleicht geworden, den Kriegsdienst zu verweigern, im Gegensetz zu meinem ersten erniedrigenden und verlorenen Verfahren Anfang der achtziger Jahre. Es reichte ein einfacher Antrag. Doch meine Unsicherheiten und Ängste waren natürlich nicht nur auf die Bundeswehr beschränkt. Ich war in jeder Hinsicht ein Spät- und Schrägentwickler. Ich wusste bei meinem ersten Studium in Münster beim besten Willen nicht, wer ich bin oder was ich mit dem Studium später einmal anfangen wollte. Ich kämpfte allein auf verlorenem Posten gegen meine selbstsicheren und wortgewandten Studienkolleginnen und -kollegen, die anscheinend schon bei Beginn des ersten Semesters bestens wussten, welche Karriere ihnen nach der Universität blühte und die ihre Meinungen in einem Deutsch ausdrückten, das so viel besser klang als das undeutliches Nuscheln eines bayerischen Nieselpriems.

Copyright © 2016 Wolfgang Haberl

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