BoBoKo (9)

Maria Mommsen ist zurück in Berlin und sieht im Tip eine Anzeige von Hans Hallers Detektivbüro. Sie fährt mit dem Fahrrad den Flaschenhalspark und Park am Gleisdreieck bis zum Landwehrkanal hoch und dann das Ufer entlang durch das Sommerbad Kreuzberg bis zur Gitschiner Straße. Sie trifft Hans Haller in seinem Büro. Wir Leser wissen auf einmal mehr als alle Romanfiguren.

Unsere verwelkte Halbkubanerin Maria Mommsen hat ein paar stressige Tage und schlaflose Nächte hinter sich. Alda Drache, die Schuldirektorin, bestellt Mommsen und Saitensprung natürlich am Tag nach ihrer Ankunft in Berlin gleich um Punkt acht morgens in ihr Büro. Bericht erstatten über die unerhörten Vorfälle. Nur dass beide im Laufe des Gesprächs kein Stück weiterkommen und nur resigniert feststellen, dass sie nicht nur keinen blassen Schimmer haben, wo die beiden Mädchen sind. Ganz nebenbei bemerkt, weiß auch keine Sau, wie es ihnen geht und ob sie überhaupt noch leben. Die beiden Lehrerinnen wissen noch nicht einmal, wie man sich in einer solchen Situation überhaupt verhält. Sie entschließen sich dann nach zirka einer halben Stunde die Familien Pickel und Bernstein anzurufen und sie für ein klärendes Gespräch in die Schule kommen zu lassen. Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Frau Pickel arbeitet als Sekretärin bei einer Firma in Spandau und bekommt heute nicht frei. Herr Pickel ist nicht in Deutschland, sondern im weit entfernten China. Frau Pickel erzählt am Telefon, dass sie gestern schon bei der Polizei war und eine Vermisstenanzeige aufgegeben habe, allerdings nur für ihre eigene Tochter und nicht für Betty Bernstein. Die Bernsteins machen glücklicherweise weniger Probleme. Herr Bernstein ist Lokführer bei der BVG und hat gerade Freischicht. Frau Bernstein ist arbeitslos. Doch auch beim Gespräch mit der Familie Bernstein kommt man nicht voran. Die Familie wird darauf hingewiesen, dass sie verpflichtet sei, ebenfalls schnell möglichst eine Vermisstenanzeige bei der Polizei für die verschwundene Tochter zu erstatten. Am Morgen danach, ebenfalls um acht Uhr im Zimmer der Direktorin, sind eine übereifrige Frau Drache sowie die Bernsteins und Frau Pickel da, um über das weitere Vorgehen zu diskutieren. Da sich alle einig darüber sind, dass unbedingt Eigeninitiative vonnöten sei und dass man sich unmöglich nur auf Amt und Polizei, dein nutzloser Schutz und Helfer etcetera, verlassen könne, setzt man sich in der Schulbibliothek vor einen ganz und gar nicht unschuldigen Computer und begibt sich auf die Suche nach einem Privatdetektiv im Netz. Im Tip findet das Grüppchen eine Anzeige, die richtig zu sein scheint: HAHA-Hans Hallers Privatdetektei. Unlösbare Fälle? Für mich gibt es sie nicht. Spezialgebiet: Auslandskriminalität. Hervorragende italienische Sprachkenntnisse. Professionalität, Seriosität. Effizienz. Klingt doch bestens. Man beschließt, dass Frau Mommsen Hans Haller anrufen und Genaueres über seine Aktivitäten in Erfahrung bringen soll. Als vorläufiges Budget legt man sich auf 5000 Euro fest. Die Familien zahlen jeweils 2000 Euro. Alda Drache weist auf die prekäre Situation der öffentlichen Kassen hin und lässt sich nur mühsam (nachdem man auch auf die Möglichkeit rechtlicher Schritte hingewiesen hat) davon überzeugen, dass auch die Schule gefälligst ihr Scherflein (sprich 1000 Euro) beizusteuern habe. Sonst treffen wir uns beim Rechtsanwalt, Frau Direktorin Drache. Schnitt. Jetzt sehen wir Maria Mommsen gerade durch den Flaschenhalspark radeln auf dem Weg zu Hans Hallers Büro am Wassertorplatz. Es regnet leicht, so dass Maria Mommsen sich dort etwas schäbig im Nasser-Pudel-Look präsentieren wird. Jetzt ist sie im Park am Gleisdreieck und biegt dann rechts ins Tempelhofer Ufer ein, das am Landwehrkanal entlangführt. Sie radelt dann unten am Carl-Herz-Ufer weiter, überquert auf der Baerwaldbrücke den Kanal und fährt durch den Böcklerpark zum Wassertorplatz. Bekanntlich ein Problemkiez: Viele Mieter mit Immigrationshintergrund, Hartz-4-Empfänger, konsumschwache Alkoholiker, Drogen vom nahen Kotti. Hans Haller erwartet sie schon in seiner Bürowohnung. Sie werden sich relativ schnell einig. Haller bietet ihr sein Start-Up-Pack (Ausland) an. Kosten 5000 Euro alles inklusive. Das passt doch wie der Arsch auf die Klobrille.  2500 Euro sofort bar auf die Kralle. Der Rest am Ende mit einem minutiösen Bericht über die Aktivitäten. Kurzer Check bei Easy Jet. Er kann schon für übermorgen einen Flug nach Neapel buchen und seine Arbeit beginnen. Alles oder Nichts. Er braucht ein paar neue Fotos von Betty und Netty, die ihm Maria Mommsen morgen per E-Mail schicken wird. Haben die Mädchen irgendwelche besondere körperliche Merkmale? Nein? Betty isst gern Gummibärchen und Erwachsene ebenso, aber ansonsten ist sie eigentlich ganz normal. Netty spricht ein paar Brocken Italienisch. Harry Haller fragt superblöd, ob die beiden Mädchen noch Jungfrauen seien. Frau Mommsen bemerkt superklug und angesäuert, dass das nun wirklich nicht das Geringste mit dem Fall zu tun habe. Eine U-Bahn rattert die Hochbahn Richtung Ruhleben entlang. Noch ein Zug nach nirgendwo. Weder Maria Mommsen noch Hans Haller können zu diesem Zeitpunkt wissen, dass sich die beiden Mädchen längst nicht mehr in Neapel befinden, sondern direkt noch im selben Auto, mit dem sie entführt wurden, in eine etwa 500 Kilometer entfernte Gegend im äußersten Süden Italiens gebracht wurden, wo sie in einer isolierten Masseria im Salento gefangen gehalten werden. Was die beiden ebenfalls nicht wissen, dass der Drahtzieher der Aktion ein gewisser Ciro Esposito ist, genannt „o genio“ und wohnhaft in Ponticelli. Den Spitznamen bekam er, als er in der siebten Klasse vom Mathematiklehrer aufgefordert wurde, das Ergebnis der Addition von zwei und zwei zu benennen und als Ergebnis fünf errechnete. Talentiert in kreativer Mathematik und im analytischen Denken. Quasi zum Programmierer geboren. Ciro Esposito ist einundzwanzig Jahre alt und gehört zum Clan De Micco. Er möchte sich innerhalb seines Clans profilieren und wird deshalb mit unnötigen Grausamkeiten unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aber da sind wir ja inzwischen von Abu Bakr al-Baghdadi einiges gewöhnt.

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