Profezia Pier Paolo Pasolini

Das hier ist ein Auschnitt aus dem Gedicht Profezia, das Pier Paolo Pasolini 1964 in seinem Gedichtband Poesia in forma di rosa veröffentlichte und der meines Wissens nie ins Deutsche übersetzt wurde. Manche Kritiker wollen diese Prophezeiung heute als frühzeitige Warnung vor den Invasionen Italiens durch die Albaner in den neunziger Jahren oder sogar vor dem jetzigem Exodus der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten oder Afrika sehen. Sei es ihnen unbenommen. In Wirklichkeit ist Pasolinis Gedicht viel mehr zeitverhaftet und eingebunden in die Diskussionen der damaligen geschichtlichen Umstände. Es weitet lediglich seine Utopie der Rettung durch das Lumpenproletariat auf die Utopie der Rettung durch die unterdrückten Völker der Dritten Welt aus.

Profezia bleibt trotzdem ein großartiges Gedicht.

Die Stimme ist die des in Italien recht bekannten Schauspielers Toni Servillo, der von Pasolinis langem Gedicht hier nur den zweiten Teil liest.

Profezia Pier Paolo Pasolini

P.S. Ich hab jetzt doch eine deutsche Übersetzung von Günter Melle im Netz gefunden. Aufgepasst: die Übersetzung ist nicht immer hundertprozentig gelungen und es handelt sich nicht um den Text der obenstehenden Originalfassung, sondern um eine Neuversion des Gedichts für Pasolinis 1965 erschienenes Buch Alì dagli Occchi Azzurri.

Prophezeiung Pier Paolo Pasolini

Ingeborg Bachmann (lässt nicht locker)

Bachmann Biographie

Wer wie ich die österreichische Lyrikerin Ingeborg Bachmann verehrt, verspürt irgendwann mal unvermeidlich das Bedürfnis, mehr über ihr Leben zu wissen, das ja wegen ihrer zahlreichen berühmten Freundschaften (Paul Celan, Hans Werner Henze, Max Frisch und viele andere mehr) stark in der Öffentlichkeit stattfand. In den Fünfzigern war sie eine Jackie Kennedy der deutschen Literatur und galt in der von Männern dominierten Kunstszene als lyrisches Fräuleinwunder. Andrea Stoll berichtet gewissenhaft über die einzelnen Lebensstationen der Bachmann und verwendet dabei manchmal Wörter und Ausdrücke, die ich im Internet recherchieren musste (künstlerische Sense, Coup de foudre, mit den Mitteln der ihr zu Gebote stehenden Sprache, der Schemen).

Andrea Stoll: Ingeborg Bachmann. Der dunkle Glanz der Freiheit


 

Die „Lieder auf der Flucht“ beenden ihren berühmtesten Gedichtband „Anrufung des großen Bären“, der 1956 veröffentlicht wurde und ihre goldenen Jahre in Italien reflektiert. Der letzte Abschnitt der „Lieder auf der Flucht“ liest sich so:

Die Liebe hat einen Triumph und der Tod hat einen,
die Zeit und die Zeit danach.
Wir haben keinen.

Nur Sinken um uns von Gestirnen, Abglanz und Schweigen.
Doch das Lied überm Staub danach
wird uns übersteigen.

 

Perry Anderson – Das italienische Desaster

Das italienische Desaster

Wenn man sich einen schnellen und doch detailreichen Überblick über die aktuelle politische Situation Italiens verschaffen will, kann ich das Büchlein von Perry Anderson Das italienische Desaster nur empfehlen. Es entlarvt den smarten Ministerpräsidenten Matteo Renzi als Epigonen der neoliberalen Politiken von Margaret Thatcher über Tony Blair bis Gerhard Schröder und weist überzeugend auch die Kontinuität seiner Weltanschauung mit der seines Widersachers Silvio Berlusconi nach.

Perry Anderson – Das italienische Desaster

Neapel, Blicke

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Bekanntermaßen hat ja Neapel und Umgebung eine lange Reihe außergewöhnlicher Naturschönheiten und natürlich auch viel Kunst und Kultur zu bieten. Die Stadt ist jedoch im Alltag oft so hässlich und unmoralisch verwildert, dass es einem regelmäßig die Sprache verschlägt. Manchmal ist dann diese Hässlichkeit fast schon surreal und man sieht sich mit einer absurden, postmodernen Alltagskomik konfrontiert, hinter der aber leider immer eine mariannengrabentiefe Tragik verborgen ist.

Gestern ging ich zum Beispiel, vom Bahnhof Porta Nolana kommend, die zentrale Via Marina Richtung Schulamt.  Man geht hunderte von Metern an einer Brache entlang, die Richtung Hafen von einer unzugänglichen parallelen Privatstraße (Calata della Marinella) eingesäumt ist. Dieses Brachland, von dem ich nicht weiß, wem es gehört und wer dafür verantwortlich ist, ist zu einer riesigen, von jeder Art von Unrat wahrscheinlich auch unter der Erdoberfläche übersäten wilden Mülldeponie degeneriert, auf der schwarze illegale Einwandere in selbst zusammengeschusterten Holz- und Plexiglasbuden unter hygenischen Bedingungen überleben, die nicht besser sein können als in einem Slum in Brasilien. Das Brachland ist eigentlich eingezäunt, doch der Zaun ist an mehreren Stellen durchbrochen worden, um sich illegal Zugang zu verschaffen. Keiner scheint sich um die menschenunwürdige Situation zu kümmern. Ein ständiger Alltagsverkehr schiebt sich anscheinend unbekümmert die Via Marina stadtauswärts und stadteinwärts. Auch an der erwähnten Privatstraße im Hafengelände stehen solche Slumbehausungen. Auf der Straße selbst sind hunderte von weißen Monstermüllsäcken dubbiosen Inhalts wild deponiert.

Auf der anderen Straßenseite sieht man das gelbliche Gebäude des Ufficio di Immigrazione (Amt für Migration und Flüchtlinge), das einen desolaten, abgeranzten, krankmachenden Eindruck macht und wo wahrscheinlich nur die Gehälter der dort arbeitenden Angestellten europäisches Niveau haben. Noch ein Stück weiter Richtung Schulamt befindet sich eine genauso absurde Isola Ecologica (Wertstoffhof). Fehlt nur noch, dass daneben in Kürze ein Ferrari-Vertragshändler aufmacht.

Manchmal habe ich in Mergellina zu tun und fahre mit der U-Bahn Linie 2. Man sieht jede Menge Werbeplakate in den Bahnhöfen für ein Einkaufszentrum mit Namen Jambo 1 in der Nähe von Caserta, das längst geschlossen ist, weil nachgewiesen wurde, dass es direkte Verbindungen zwischen dem 60-Millionen-Euro-Kommerztempel in Trentola Ducenta und der organisierten Kriminalität Michele Zagarias gibt, einem der Strippenzieher der Camorra.

Bob Dylan: Never Say Goodbye

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Never Say Goodbye

Twilight on the frozen lake
North wind about to break
On footprints in the snow
Silence down below

You’re beautiful beyond words
You’re beautiful to me
You can make me cry
Never say goodbye

Time is all I have to give
You can have it if you choose
With me you can live
Never say goodbye

My dreams are made of iron and steel
With a big bouquet
Of roses hanging down
From the heavens to the ground

The crashing waves roll over me
As I stand upon the sand
Wait for you to come
And grab hold of my hand

Oh, baby, baby, baby blue
You’ll change your last name, too
You’ve turned your hair to brown
Love to see it hangin’ down

Joseph Beuys

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Die ersten Erinnerungen, die ich mit Joseph Beuys verbinde, wabern vage in die siebziger Jahre zurück, als der Klever Installations-Künstler vor allem durch die documenta-Ausstellungen in Kassel von sich reden machte. Da war Joseph Beuys dann auch über seinen Tod hinaus ständig präsent. 1972 entstand für die documenta 5 seine Installation „Dürer, ich führe persönlich Baader + Meinhof durch die Documenta V“, die in provozierender Weise den damaligen Terror der Baader-Meinhof-Gruppe künstlerisch kommentierte. Auch seine Plastik „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung (7000 Eichen)“ machte zehn Jahre später bei der documenta 7 Furore und spaltete wieder die öffentliche Meinung in eine Minderheit begeisterter Befürworter und eine zornglühende Mehrheit mit pumperlgesunden Menschenverstand. Ich selbst konnte damals mit Joseph Beuys wenig anfangen. Seine vielschichtige Kunst war mir ein Rätsel und schoss an mir vorbei. Erst seit ein paar Jahren, nachdem ich immer wieder den Hamburger Bahnhof in Berlin besucht hatte, wo eine Reihe seiner Arbeiten ausgestellt werden, beschäftigte ich mich näher mit ihm und bekam langsam auch einen Zugang zu seinem Werk. Ich ließ eine oberflächliche Beurteilung hinter mir, die aus Beuys schnell einen durchgeknallten Spinner und Scharlatan macht, und lernte, wie hintergründig und mehrdeutig die charismatischen und faszinierenden Arbeiten des Künstlers sind. Geholfen hat mir dabei natürlich auch die Lektüre. Heiner Stachelhaus hat gleich nach Beuys’ Tod schon 1987 eine schöne (inzwischen vom List-Verlag veröffentlichte) Biographie geschrieben, welche die vielen Facetten des Künstlers erhellt.

Heiner Stachelhaus: Joseph Beuys

 

William Faulkners Schall und Wahn

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Dicke Bücher zu lesen, ist für mich (und wahrscheinlich auch für viele andere) ein Problem geworden. Die Zeit ist knapp, auf einmal kommen dringendere Lektüren und Termine dazwischen und man muss anderes lesen und tun. William Faulkners „Schall und Wahn“ (1929) erinnert in seiner Thematik ein wenig an Thomas Manns „Buddenbrooks“ (1901) und erzählt den Niedergang der Familie Compson aus den amerikanischen Südstaaten. Der Roman hat einen recht komplizierten Schreibstil (mit häufigem „stream of consciousness“ ) und erfordert eine intensive, am besten auch mehrmalige Lektüre seiner fünf Teile. „Schall und Wahn“ war wahrscheinlich auch deswegen kein literarischer Schnellerfolg, bewies jedoch die Qualität seines Autors, der ab den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts immer bekannter wurde und 1950 den Nobelpreis erhielt. Faulkner hat zudem, was die biographischen und literarischen Eckdaten anbelangt, auffällige Parallelen zu seinem „Alter Ego“ Ernest Hemingway, der allerdings ein mondänes und extrovertiertes Leben im Blitzlichtgewitter der Scheinwerfer und einen einfacheren, vom Journalismus geprägten Schreibstil bevorzugte. Faulkner war da kompromissloser und antwortete frustrierten Lesern seines Romans, die nach dreimaliger Lektüre immer noch Orientierungsschwierigkeiten beklagten, lakonisch mit dem Rat, ihn dann eben ein viertes Mal zu lesen.

Der erste Teil des Romans (dem wohl aufgrund von Leserklagen später eine dreißigseitige Genealogie der Familie Compson vorangestellt wurde) spielt am 7. April 1928, erzählt einen einzigen Tag aus der Sichtweise des psychopathischen Benjy Compson und springt oftmals unvermittelt und schwierig nachzuvollziehen zwischen drei Zeitebenen im Zeitraum 1898 bis 1928 hin und her. Zahlreiche innere Monologe eines geisteskranken Erzählers erschüttern die Glaubwürdigkeit und erschweren das Verständnis. Auch die kursiv gehaltenen Stellen, die oftmals auf chronologische Brüche hinweisen, sind kein hundertprozentig zuverlässig ausschlagender Kompass bei der Lektüre.

Der zweite Teil springt achtzehn Jahre zum 2. Juni 1910 zurück und berichtet von Benjys älterem Bruder Quentin, der 1909 ein Studium in Harvard beginnt, es allerdings schon wenig später abbricht, als seine Schwester Caddy ein uneheliches Kind bekommt, was sein moralisches erzkonservatives Weltbild kollabieren und ihn in eine schwere Depression abdriften lässt. Für ihn hat der amerikanische Bürgerkrieg das Ende der großartigen südstaatlichen Mentalität eingeleitet: Quentin begeht am Ende des zweiten Teils Selbstmord durch Ertrinken.

Der dritte Teil spielt einen Tag vor dem ersten Teil am 6. April 1928, einem Karfreitag. Ich-Erzähler ist jetzt der jüngste Bruder Jason. Der frustrierte rassistische einfach gestrickte  Jason hat seinen Bruder Benjy zuerst kastrieren lassen und wird ihn nach dem Tod der Mutter in eine Nervenklinik einweisen lassen, besitzt ein Geschäft für Landwirtschaftsutensilien, investiert erfolglos in Aktien und pflegt Kontakte mit einer Prostituierten aus Memphis. Getrieben von zynischen und materialistischen Wertvorstellungen erzählt Jason viel linearer als seine beiden Brüder zuvor. Er verlässt seine Wohnung auf der Suche nach seiner Nichte Miss Quentin, Caddys Tochter, die mit den Familienersparnissen und einem Zirkusarbeiter durchgebrannt ist. Diese Ersparnisse stehen ihr zumindest in Teilen auch rechtmäßig zu, weil ihr Onkel Jason die Unterhaltszahlungen der Mutter jahrelang unterschlagen hat.

Der vierte Teil spielt am 8. April (Ostersonntag), verlässt die Perspektive der Ich-Erzählung und führt die Geschichte des dritten Teils aus einem auktorialen Standpunkt aus fort. Der Roman endet in kompletter Trostlosigkeit. Der betrogene Betrüger Jason findet trotz intensiver Suche weder Miss Quentin noch sein gestohlenes Geld. Zurück im Haus bleiben er, seine hypochondrische Mutter Caroline, sein behinderter Bruder Benjy und die gute Seele des Hauses, die schwarze Köchin und Haushälterin Dilsey Gibson, Zeugin des Niedergangs der Familie Compson. Sie symbolisiert die Werte, auf denen die ehemalige Größe der Compson-Familie gründete und deutet, wenn man es so verstehen will, die Hoffnung auf eine Neubelebung dieser Werte an (Ostersonntag!).

William Faulkner – Schall und Wahn