Neapel, Blicke

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Bekanntermaßen hat ja Neapel und Umgebung eine lange Reihe außergewöhnlicher Naturschönheiten und natürlich auch viel Kunst und Kultur zu bieten. Die Stadt ist jedoch im Alltag oft so hässlich und unmoralisch verwildert, dass es einem regelmäßig die Sprache verschlägt. Manchmal ist dann diese Hässlichkeit fast schon surreal und man sieht sich mit einer absurden, postmodernen Alltagskomik konfrontiert, hinter der aber leider immer eine mariannengrabentiefe Tragik verborgen ist.

Gestern ging ich zum Beispiel, vom Bahnhof Porta Nolana kommend, die zentrale Via Marina Richtung Schulamt.  Man geht hunderte von Metern an einer Brache entlang, die Richtung Hafen von einer unzugänglichen parallelen Privatstraße (Calata della Marinella) eingesäumt ist. Dieses Brachland, von dem ich nicht weiß, wem es gehört und wer dafür verantwortlich ist, ist zu einer riesigen, von jeder Art von Unrat wahrscheinlich auch unter der Erdoberfläche übersäten wilden Mülldeponie degeneriert, auf der schwarze illegale Einwandere in selbst zusammengeschusterten Holz- und Plexiglasbuden unter hygenischen Bedingungen überleben, die nicht besser sein können als in einem Slum in Brasilien. Das Brachland ist eigentlich eingezäunt, doch der Zaun ist an mehreren Stellen durchbrochen worden, um sich illegal Zugang zu verschaffen. Keiner scheint sich um die menschenunwürdige Situation zu kümmern. Ein ständiger Alltagsverkehr schiebt sich anscheinend unbekümmert die Via Marina stadtauswärts und stadteinwärts. Auch an der erwähnten Privatstraße im Hafengelände stehen solche Slumbehausungen. Auf der Straße selbst sind hunderte von weißen Monstermüllsäcken dubbiosen Inhalts wild deponiert.

Auf der anderen Straßenseite sieht man das gelbliche Gebäude des Ufficio di Immigrazione (Amt für Migration und Flüchtlinge), das einen desolaten, abgeranzten, krankmachenden Eindruck macht und wo wahrscheinlich nur die Gehälter der dort arbeitenden Angestellten europäisches Niveau haben. Noch ein Stück weiter Richtung Schulamt befindet sich eine genauso absurde Isola Ecologica (Wertstoffhof). Fehlt nur noch, dass daneben in Kürze ein Ferrari-Vertragshändler aufmacht.

Manchmal habe ich in Mergellina zu tun und fahre mit der U-Bahn Linie 2. Man sieht jede Menge Werbeplakate in den Bahnhöfen für ein Einkaufszentrum mit Namen Jambo 1 in der Nähe von Caserta, das längst geschlossen ist, weil nachgewiesen wurde, dass es direkte Verbindungen zwischen dem 60-Millionen-Euro-Kommerztempel in Trentola Ducenta und der organisierten Kriminalität Michele Zagarias gibt, einem der Strippenzieher der Camorra.

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