Matteo Renzi

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Matteo Renzi wird in ein paar Tagen zurücktreten. Schade. Ich habe ihn in meinem neuen Buch böse kritisiert, aber da gab es ihn ja noch. Er war der beste Minsterpräsident, den Italien in den letzten 25 Jahren hatte, seit ich dort lebe. Speziell die ganz Jungen und Süditalien haben ihn nicht mehr gewollt. Jetzt wird es für sie noch schwieriger werden.

http://www.sueddeutsche.de/politik/referendum-in-italien-die-italiener-haben-von-renzi-zu-viel-verlangt-1.3281557

 

 

Heldenplatz

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„Heldenplatz“ , uraufgeführt im November 1988, wurde zum literarischen Testament Thomas Bernhards, weil der Autor nur wenige Monate später verstarb. Durch seine vorzeitige Veröffentlichung von Textpassagen in der Boulevardpresse erzeugte es den größten Theaterskandal der österreichischen Theatergeschichte und spaltete ganz Österreich in zwei Lager: eines bewunderte Bernhard für seinen Mut, das andere Lager hasste ihn abgrundtief, weil er im Stück kein Blatt vor den Mund nahm und eine letzte Abrechnung mit Österreich inszenierte. Zusätzlich aufgeheizt wurde die Stimmung, weil „Heldenplatz“ eine Auftragsarbeit für das 100-jährige Eröffnungsjubiläum des Burgtheaters und steuerlich subventioniert war, 1988 der 50. Jahrestag des „Anschlusses“ Österreichs gefeiert wurde und auch die Affäre um den Bundespräsidenten Kurt Waldheim noch hohe Wellen schlug.

Thomas Bernhard wäre nicht Thomas Bernhard, wenn er nicht auch in „Heldenplatz“ heillos übertrieben hätte. Was seine Verachtung und Verzweiflung über Österreich befeuert, sind aber (meiner Meinung nach) kein Hass oder andere negative Gefühle, sondern eine komplizierte Liebe zu seinem Vaterland, zu dem er zeitlebens ein schwieriges, konfliktreiches Verhältnis hatte.

Einige Beispiele (zitiert nach der Suhrkamp-Taschenbuch-Ausgabe)

In Graz leben nur Alte und Dumme
Hat der Professor immer gesagt
In Graz ist nur der Stumpfsinn zuhause (Seite 20)

Daß ich Österreicher bin
Ist mein größtes Unglück (Seite 25)

Wir glauben wir erzeugen Menschen
Und es sind dann nur fleischfressende Dummköpfe (Seite 37)

In Österreich mußt du entweder katholisch
Oder nationalsozialistisch sein (Seite 63)

Die Universität ist ja auch voller Idioten (Seite 66)
Die Stadt Wien ist eine einzige stumpfsinnige Niederträchtigkeit (Seite 66)

Die Wiener sind Judenhasser
Und sie werden Judenhasser bleiben (Seite 84)

Aber die Österreicher insgesamt als Masse
Sind heute ein brutales und dummes Volk (Seite 88)

Sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige
Die ununterbrochen aus vollem Hals nach einem Regisseur schreiben (Seite 89)

Die Sozialisten heute sind im Grunde nichts anderes
Als katholische Nationalsozialisten (Seite 97)

Der Bundespräsident ein verschlagener, verlogener Banause (Seite 102)

Das Österreichische frage ich mich immer was es ist
Die Absurdität zur Potenz (Seite 118)

Die Zeitungsredaktionen in Österreich
Sind ja nichts als skrupellose parteiorientierte Schweineställe     (Seite  121)

Wenn Sie heute in Österreich einen Politiker wählen
Wählen sie doch nur ein korruptes Schwein (Seite 127)

Unter der Oberfläche ist der Nationalsozialismus
Schon längst wieder an der Macht (Seite 135)

Wenn Sie bedenken daß an unseren Universitäten
Die wichtigsten Lehrstühle mit Tiroler und mit Salzburger Nazis besetzt sind (Seite 147)

Daß Sie sich in dem gemeingefährlichsten aller europäischen Staaten befinden
Wo die Schweinerei oberstes Gebot ist (Seite 148)

Die absolute Geschmacklosigkeit
Ist ja gerade das Wienerische Onkel Robert (Seite 153)

Thomas Bernhard – Heldenplatz

Leonard Cohen

popart

Leonard Cohen ist tot. Ich habe 2012 ein Buch über ihn veröffentlicht, das dann leider wegen ein paar dummer Seiten in den Reißwolf der Justiz geriet und dessen Vertrieb nach Androhung einer Unterlassungsklage gestoppt wurde. Schade und völlig übertrieben. Das Foto ist von mir selbst (Konzert 2012 Berliner Waldbühne).

https://www.leonardcohenfiles.com/haberl.html

Das ist das wahrscheinlich letzte Gedicht, das Cohen im Sommer 2016 online gestellt hat.

HAPPENS TO THE HEART

I was always working steady
But I never called it art
I was funding my depression 
Meeting Jesus reading Marx
Sure it failed my little fire
But it’s bright the dying spark
Go tell the young messiah
What happens to the heart 

There’s a mist of summer kisses
Where I tried to double-park
The rivalry was vicious
And the women were in charge
It was nothing, it was business
But it left an ugly mark
So I’ve come here to revisit
What happens to the Heart

I was selling holy trinkets
I was dressing kind of sharp
Had a pussy in the kitchen
And a panther in the yard
In the prison of the gifted
I was friendly with the guard
So I never had to witness
What happens to the Heart

I should have seen it coming
You could say I wrote the chart
Just to look at her was trouble
It was trouble from the start
Sure we played a stunning couple
But I never liked the part
It ain’t pretty, it ain’t subtle
What happens to the Heart

Now the angel’s got a fiddle
And the devil’s got a harp
Every soul is like a minnow
Every mind is like a shark
I’ve opened every window
But the house, the house is dark
You give in and then it’s simple
What happens to the heart

I was always working steady
But I never called it art
The slaves were there already
The singers chained and charred
Now the arc of justice bending
And the injured soon to march
I got this job defending
What happens to the Heart

I studied with this beggar
He was filthy he was scarred
By the claws of many women
He had failed to disregard
No fable here no lesson
No singing meadow lark
Just a filthy beggar blessing
What happens to the heart

I was always working steady
But I never called it art
I could lift, but nothing heavy
Almost lost my union card
I was handy with a rifle
My father’s 303
We fought for something final
Not the right to disagree

Sure it failed my little fire
But it’s bright the dying spark
Go tell the young messiah
What happens to the heart

June 24, 2016

Roma, romanissima …

militello

Wenn man wie ich neu ist in Rom und die Stadt kennenlernen will, greift man gern nach einem Stadtführer. Aber nach welchem, wenn es tausend und einen davon gibt? Ich habe mir das Buch von Lucas Militello „Roma, romanissima … Rom für junge Leute“ ausgesucht, in der Hoffnung, die ein oder andere Insider-Information zu bekommen. Doch Militellos Buch hat mich enttäuscht. Nur Altbekanntes und eh schon Gewusstes, das man in jedem anderen Stadtführer auch findet. Kein neuer, persönlicher, individueller Blick auf die Stadt im Stile vielleicht der alten rororo-Städteführer „Anders Reisen“. Das einzige Kapitel, das ich mit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit gelesen habe, heißt „Rom, Römer – romanissima!“, aber auch dort liegt der Schwerpunkt viel zu sehr bei den Kirchen.

Roma, romanissima … Rom für junge Leute

Looking for Alaska

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Das Zeug zu einem großen Genre-Klassiker hat John Greens Roman „Looking for Alaska“ nicht. Das liegt nicht so sehr am Inhalt, denn die Geschichte am Culver-Creek-Internat ist genügend autobiographisch und authentisch, um spannend zu sein wie Salingers „The catcher in the rye“, Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“  oder Peter Weirs „Dead Poets society“ (Es gibt natürlich noch andere mehr, an die ich mich entweder nicht erinnere oder die ich nicht kenne). Die Schwäche von Greens Roman liegt vielmehr in seinem Schreibstil: zu langatmig, zu wenig poetisch dicht, zu bieder und altbacken, zu sehr ausgerichtet auf den Massengeschmack eines jugendlichen Publikums, der das Buch zu einem Many-Millions-Bestseller gemacht hat. Für einen Nicht-Amerikaner wie mich ist das Buch übrigens nicht leicht im Original zu lesen, weil es überwiegend in einem Jugendslang geschrieben ist, den man nur kennen kann, wenn man in Amerika gelebt und dort die Schulen besucht hat.

John Green-Looking for Alaska

Manfred Mai – Deutsche Geschichte

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Manfred Mais Abhandlung der deutschen Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart ist etwas für Jugendliche der Sekundarstufe I und überhaupt für einfachere Gemüter. Spezialisten und Experten aus superklugen Leistungskursen und Oberseminaren sind Mais Inhalte natürlich zu wenig dialektisch und zu simpel.  Aber es gibt ja auch Millionen von Menschen mit Migrationshintergründen und zum Teil bescheidenen Deutschkenntnissen und lückenhafter Sachkenntnis der deutschen Geschichte, denen Mais Buch weiterhilft, sich der ihnen fremden Kultur ein Stück weiter anzunähern. Auch wenn man wie ich im Ausland Deutsch als Fremdsprache lehrt und dazu aufgefordert wird, in einer italienischen Abiturklasse einige Geschichtsstunden zu ausgewählten Themen moderner deutscher Geschichte in deutscher Sprache zu organisieren, kommt einem Mais Buch gerade recht. Auf der Basis seiner gut geschriebenen Texte lassen sich leicht Powerpoints erstellen mit Thematiken wie „Industrialisierung und soziale Frage“, „Weimarer Republik“, „Nazismus“, „das geteilte Deutschland“ und so weiter.

Manfred Mai – Deutsche Geschichte

San Lorenzo (Luoghi, storia e memorie)

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Ich lebe jetzt seit dem ersten September im römischen Stadtteil „San Lorenzo“. Als Wahl- und Neurömer verspürt man da natürlich das Bedürfnis, sich stadtkundig zu machen. Ich habe in der Not zu Rosella De Salvias und Rolando Galluzzis gemeinsam verfassten Stadtführer gegriffen, der hier in „San Lorenzo“ leicht zu bekommen ist (auch in den Zeitungskiosken). Komischerweise zahlt man für das Buch über „San Lorenzo“ in „San Lorenzo“ überall volle 12 Euro, Amazon verkauft es überall in Italien und Europa frei Haus für € 10,20. Nicht gerade ein Beispiel für biologisch-dynamischen Buchverkauf „a kilometro zero“.

Das Buch selbst hat mich ein bisschen enttäuscht, denn ich hatte mir mehr Insiderinformationen über das Stadtviertel erwartet. Es ist relativ bieder und konventionell geschrieben, und auch die an sich gute Idee, viele verschiedene Stimmen zu Wort kommen zu lassen, entpuppt sich am Ende als problematisch, denn die vielleicht drei Dutzend Artikel (mit den drei Hauptgliederungspunkten ORTE, GESCHICHTE UND ERINNERUNGEN, MÄNNER UND FRAUEN) enthalten viele Wiederholungen und sind zum Teil auch wenig interessant geschrieben. So ist man nach der Lektüre des Buchs kaum klüger als zuvor.

Das Buch liegt nur in italienischer Sprache vor.

San Lorenzo (Luoghi, storia e memorie)

Elie Wiesel „Die Nacht“

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Wenn man von einer Stadt in eine andere umzieht, lebt man monatelang in einem Niemandsland, wo sich die Gedanken verwirren und die Gefühle unsicher sind. In so einer Umbruchsituation lese ich gerne Klassiker. Elie Wiesels autobiographischer Roman „Die Nacht“, 1958 veröffentlicht, ist so ein Klassiker. Er beschreibt die schreckliche Zeit des jugendlichen Wiesel im Konzentrationslager von Auschwitz und den Todesmarsch im Januar 1945 nach Buchenwald, wo sein an Ruhr erkrankter Vater von einem SS-Soldaten erschlagen wird, weil er zu laut vor Schmerzen schreit.  Vorher hatte Elie Wiesel in Ausschwitz schon seine Mutter und seine Schwester verloren.

Für mich waren Autor und Buch neu, was vermutlich nur mit meiner eigenen Ignoranz zu erklären ist, denn der kürzlich verstorbene Wiesel war ein Bestsellerautor und ein in der amerikanischen Öffentlichkeit viel beachteter Wissenschaftler. Er hatte 1986 sogar den Friedensnobelpreis bekommen.

Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir am Gymnasium (in den siebziger Jahren) Anna Franks Tagebuch gelesen haben. Von Elie Wiesel sprach damals niemals und auch ansonsten ist sein Buch möglicherweise nie in die breite deutsche Öffentlichkeit durchgedrungen.

Elie Wiesel – „Die Nacht“

Rom

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Seit Samstag, 13. August ist es also offiziell. Meine Frau und ich sind beide nach Rom versetzt worden. Unruhige Zeiten für meine kleine Familie in den nächsten Wochen und Monaten. Wohnung verkaufen, neue Wohnung kaufen, Umzug und tausend andere Sachen.  Drücken Sie mir die Daumen, dass alles klappt.

P.S. Das Foto zeigt meinen eigenen Schatten in der Nähe der U-Bahnstation Baldo degli Ubaldi (komischer Name, nicht?), wo wir gestern waren, aber als mögliche Kaufzone schnell ausgeschlossen haben. Zu viele Hochhäuser.

San Lorenzo, Via dei Piceni

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Erri (Enrico) de Luca ist einer der bekanntesten zeitgenösischen italienischen Lyriker.  Die hier zu sehende Steintafel befindet sich im römischen Stadtviertel San Lorenzo in der Via dei Piceni, wo de Luca in den achztiger Jahren lebte. San Lorenzo war bis in die neunziger Jahre (des vorherigen Jahrhunderts) bekannt für seine anarchische Haltung und damit eine Art Kreuzberg von Rom. Heute ist es ein ziemlich heruntergekommener Stadtteil mit vielen Lokalen, wo Leute mit Geld Wohnungen kaufen, um sie dann teuer an Studenten der nahe gelegenen Universität La Sapienza zu vermieten. Investitionen in Niedrigzinszeiten. Genau darüber spricht auch di Lucas Text. Vorbei ist die Zeit, als in der Via dei Piceni ein Lokal existierte, wo sich Alt und Jung trafen, um von der Revolution zu träumen. Es hat sich ausgeträumt.