Die Welt schaut rauf zu meinem Fenster Mit müden Augen ganz staubig und scheu Ich bin hier oben auf meiner Wolke Ich seh dich kommen aber du gehst vorbei
Doch jetzt tut’s nicht mehr weh Nee, jetzt tut’s nicht mehr weh Und alles bleibt stumm und kein Sturm kommt auf Wenn ich dich seh
Es ist vorbei Bye bye, Junimond Es ist vorbei Es ist vorbei Bye bye
Doch jetzt tut’s nicht mehr weh Nee, jetzt tut’s nicht mehr weh Und alles bleibt stumm und kein Sturm kommt auf Wenn ich dich seh
Es ist vorbei Bye bye, Junimond Es ist vorbei Es ist vorbei Bye bye
Zweitausend Stunden hab ich gewartet Ich hab sie alle gezählt und verflucht Ich hab getrunken, geraucht und gebetet Hab dich flussauf- und flussabwärts gesucht
Doch jetzt tut’s nicht mehr weh Nee, jetzt tut’s nicht mehr weh Und alles bleibt stumm, und kein Sturm kommt auf Wenn ich dich seh
Es ist vorbei Bye bye, Junimond Es ist vorbei Es ist vorbei Bye bye
Es ist vorbei Bye bye, Junimond Es ist vorbei Es ist vorbei Bye bye
Eigentlich sollte man Originale so lassen, wie sie sind. Es gibt immer viele Gründe, warum Texte zu einem bestimmten Zeitpunkt so und nicht anders konzipiert und geschrieben worden sind. Leichenfledderei und Updates machen sie nur schlechter.
Auch wenn mir da kaum jemand widersprechen wird, gibt es trotzdem die notorischen Ausnahmen von der Regel. Jörg Fausers Essayband „Blues für Blondinen“, veröffentlicht im gleichen Jahr wie „Rohstoff“ vom Berliner UIlstein-Verlag und von mir als Band 6 der ersten Gesamtausgabe bei „2001“ (1990) gelesen, ist eine solche Ausnahme. Die insgesamt 21 Artikel, die fast alle beim Berliner „Tip“, bei „lui“ und „TransAtlantik“ zwischen 1979 und 1983 erschienen sind, lesen sich zum Teil arg holprig (dass eh nur eine beschränkte Anzahl von hartgesottenen Fauser-Fans sich dieser Mühe unterzieht, wird stillschweigend vorausgesetzt).
Woran liegt’s? Wenn Fauser über damals aktuelle Zeitgeschichte und Themen schreibt (West-Berlin, Deutschland, Boxen, Paris, Papst, Spanischer Bürgerkrieg, Pferderennen, Catherine Deneuve etc.), nervt das manchmal, weil man schnell merkt, dass Fauser hier zum Teil penetrant an seinem Bukowski-Macho-Mythos arbeitet (Boxen, Pferderennen). Vor allem aber hat man immer wieder ernstliche Probleme, die jahrzehntelang vergangenen historischen Situationen richtig einzuordnen. Bei solchen tagespolitischen und soziologischen Essays fällt schnell das fatale Fallbeil der Obsoleszenz: bekanntlich ist nichts so alt wie die Schlagzeile von gestern. Diese grausame journalistische Wahrheit gilt viel weniger für die Essays, die über Literatur sprechen („Der dunkle Ort“-Karl Günther Hufnagel; „Hamlet oder The Frankfort State of Mind“-Jörg Schröder und sein März-Verlag; (Hans) „Fallada“ (Rudolf Ditzen); „Beruf: Rebell“ (George. Orwell und Henry Miller); „Die Ambler-Lektion“; „Schreib, mein Sachse, schreib“ (Erich Loest); „Leichenschmaus in Loccum“ über eine Tagung von Kriminalschriftstellern), die tatsächlich die interessantesten der Sammlung sind und bleiben werden. Speziell „Leichenschmaus in Loccum“ gehört zum Besten, was je über moderne deutsche Literatur geschrieben worden ist. Insofern find ich die Entscheidung des Diogenes-Verlags, nachvollziehbar, bei seiner kürzlich erfolgten Neuauflage der Essays Fausers andere Kriterien als beim Original anzulegen, um die Lektüre, sagen wir, interessanter zu machen. „Der Klub, in dem wir alle spielen: Über den Zustand der Literatur“ (2020) trifft trotz fragwürdiger Cover-Gestaltung und gesalzener Preise ins Schwarze, weil das Buch einen thematisch-chronologischen Aufbau hat und das Thema nichts von seiner Brisanz verloren hat (schön zu lesen ist auch das Vorwort von Katja Kullmann). Ich hatte die Essay-Sammlung ja vor Jahren schon einmal gelesen und hier rezensiert. Es ist wohl an der Zeit, sich diese Artikel noch einmal vorzuknöpfen.
Ich hatte ja Jörg Fausers „Rohstoff“ vor einigen Jahren hier an diesem Ort schon einmal rezensiert, kann mir also die Zusammenfassung des Inhalts ersparen, die man sehr gut auch hier findet: Frankfurt am Main in der Literatur.
Fausers Roman ist leider trotz inzwischen zahlreicher hymnisch-elegischer Rezensionen bis auf den heutigen Tag nicht seinem Potential gemäß gewürdigt worden. Fauser gilt als Krimi-Autor (sprich U- und Schundliteratur) und war Junkie/Alkoholiker, was es vielen professionellen Literaturkritikern und Kulturallgewaltigen immer noch schwer macht, einzugestehen, dass „Rohstoff“ zumindest einer der wichtigsten Romane Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg ist und wahrscheinlich auch, weit darüber hinaus und zugestanden ohne jede Möglichkeit der Beweisführung, weltweit zu den wichtigsten literarischen Protesttexten gehört, die seit der Romantik gegen die Schattenseiten der Industrialisierung und des Kapitalismus geschrieben worden sind, und die nicht verhindern konnten, dass genau diese Industrialisierung und genau dieser Kapitalismus die Erde in ein paar hundert Jahren endgültig zerstört haben werden.
Fausers Schreibstill ist 1984, als der Roman erscheint, nach der Junkie-Phase und William Burroughs, inzwischen stark von Charles Bukowski (und vermutlich auch anderen, mir unbekannten, nordamerikanischen Krimi-Autoren wie Raymond Chandler) beeinflusst. Das ist natürlich auch schriftstellerisches Handwerk, zum Beispiel bei der eigentlich unzulässigen Übertragung der Bedeutungsebenen von Adjektiven auf Subjektive. So beschreibt Fauser an einer bestimmten Stelle des Romans (ich zitiere aus dem Gedächtnis) eine Frau, die ein Halstuch „schlampig“ trägt und bezieht sich dann, einige Zeilen später, mit dem Substantiv „Schlampe“ auf diese Frau. „Schlampig“ ist ja abwertend, aber lässt Platz für Sympathie, „Schlampe“ ist böse und ein Schimpfwort. Man schmunzelt über den gelungenen literarischen Taschenspielertrick. Doch eigentlich sind es mehr die vielen lakonischen Pointen, die den Schreibstil prägen, so etwa, als Harry Gelb sich ein zweites Mal bei der Bundesbank als Aushilfspförtner bewirbt.
„Ach, Sie sind das“, sagte er und nahm die Brille ab. Er war in der kurzen Zeit zehn Jahre älter geworden. Ich mindestens zwanzig. „Herr Gelb, ja, ich erinnere mich. Sie haben aber damals fristlos gekündigt, nicht wahr? Künstlerische Laufbahn, das war es doch? Und jetzt wollen Sie wieder zu uns? Na, ich werde sehn, was sich da machen läßt. Sie finden ja den Ausgang.“
Ich fand ihn. Von der Bundesbank hörte ich nichts mehr.
(Kapitel 41)
Der Roman ist voll mit diesen gelungenen Pointen, die meistens auch bittere Kommentare und Lebensweisheiten sind und die sich alle paar Jahre bei einer neuen Lektüre dann wieder entdecken lassen. Ich zitiere hier drei von den vielen dutzenden, von mir sorgfältig in leuchtendem Gelb markierten Stellen.
Ob Verleger oder Redakteure, ob Bonzen oder Mitläufer, es war alles die gleiche Gesellschaft, die funktionierende Kulturklasse, und ob ich ihnen als bemühter Schreibsklave kam oder als Cut-up-Junkie, als Genosse oder als Geselle, für sie war ich nichts anderes als ein Agent provocateur, ein Agent der dunklen Kräfte, vor denen sie ihre Bausparverträge retten mußten, ihre Pöstchen und ihre Frauen.
(Kapitel 32)
Endlich ging es nicht mehr um Liebe, ich war die Liebe los und das Bewußtsein auch, es war ganz einfach, man konnte sie ertränken und auslöschen, alles in einer Nacht, in einem Rausch mit einer wilden, bösen Nummer. Wenn man drei, vier Frauen brauchte, dann bekam man sie auch, und die Liebe störte nur, wie das alberne Suchen nach dem Sinn der Geschichte. Es gab keinen Sinn, es gab nur Mord und Totschlag, und das Auf und Ab von unten und oben.
(Kapitel 33)
Mit der Diskussion hatte ich nicht gerechnet. Ziel der Diskussion schien es zu sein, den Autor kleinzukriegen, es war der Augenblick, in dem die mit einer 2 im Deutschen den Mund aufmachten und zur Sprachkritik ansetzten, ja, war das denn überhaupt gutes Deutsch, diese zerhackten Sätze, konnte man denn vom Leser erwarten, daß er das mitvollzog, und waren das überhaupt Gedichte, oder war das nicht doch Prosa, aber eben auch nicht Alltagssprache, so eine aufgemotzte Sprache, und das Sexuelle, mußte man das so krass aussprechen, es war ja fast irgendwie frauenfeindlich, und dann fehlten in diesen Texten doch auch irgendwie alle sozialen Bezüge. Das ist Entertainment, dachte ich, das ist Literatur, für 50 Mark mußt du auch noch auf die Knie fallen und sagen, ich bin ein Vollidiot, ein Nichtsnutz, ein asozialer Weiberfeind, eine Gefahr für die öffentliche Ordnung.
Penzel, Matthias und Waibel, Ambros: Rebell im Cola-Hinterland – Jörg Fauser. Kalus Bittermann. THIAMAT. Berlin. 2004.
Penzels und Waibels Fauser-Biografie lesen eh nur wenige Fans. Jörg Fauser hat nie ein großes Massenpublikum erreicht. Die 2004 veröffentlichte Biografie ist zudem längst vergriffen und nur zu Preisen zu bekommen, die außer für hartgesottene Fauser- Fans indiskutabel sind. Vielleicht wäre es an der Zeit, das Buch neu aufzulegen, bevor die Preise endgültig ins Kraut schießen (Halt, ich lese gerade, dass eine Neuausgabe der Fauser-Biografie für das Jahr 2024 bei „Diogenes“ geplant ist).
Es ist also unnötig hier die biographischen Stationen Fausers abzurattern, die man am besten in der „Zeittafel“ am Ende des Buchs von Penzel/Waibel und natürlich auch im Internet nachlesen kann.
Deshalb hier an dieser Stelle nur ein paar persönliche Kommentare.
Wenn mich jemand fragen würde, welchem Schriftsteller ich mich emotionell am nächsten fühle, wenn ich spontan antworten müsste und nicht die Zeit hätte, solche Vorlieben chronologisch-biographisch-rational zu reflektieren, würde ich Jörg Fausers Namen nennen, nicht Rolf- Dieter Brinkmanns, der mir dann doch einen Zacken zu norddeutsch-stur ist.
Warum Jörg Fauser?
Das hat vermutlich viele Gründe, von denen ich einige hier ziemlich ungeordnet nenne:
Fauser hat keine Heimat. Er lebt in Frankfurt, Berlin, London, Istanbul, Göttingen, Berlin, München, will am Ende seines Lebens sogar nach Südostasien auswandern.
Rebellen-Attitüde und biografisch-authentische Identifikation mit dem literarischen Untergrund, obwohl er 1987 für seinen letzten Roman „Die Tournee“ problemlos DM 100.000 Vorschuss bekommen hätte. Ablehnung des traditionellen deutschen Literatur- und Kulturbetriebs und kritische Nähe zu den damaligen Subkulturen in Frankfurt und Berlin. Flucht aus dem „Norden“ (Deutschland) in den unmöglichen „Süden“ der Türkei (Istanbul).
Nähe zur nordamerikanischen Subkultur (Burroughs, Bukowski).
Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique; verheiratet, aber sonst unabhängig. – Selbstauskunft Fausers, München, 25.12.1986.
Labile, literarische Identität, die zwischen Lyrik, Roman, Drama, Essay, Artikel, Redaktion, Film etc. schwankt und vor allem den Unterschied zwischen E- und U-Kultur ablehnt. Fauser wird heute generell immer noch als nicht ernstzunehmender Krimi-Autor klassifiziert. Man schaue sich auch mal (zum gleichzeitigen Lachen und Weinen) die eklige Stellungnahme des unmöglichen damaligen Kritiker-Platzhirschen Marcel Reich-Ranitzki anlässlich des Ingeborg-Bachmann-Preis 1984 an, um einen Eindruck der desolaten Situation des deutschen Literaturbetriebs in den 80ern zu bekommen. Heute ist es nur noch schlimmer!
Hinter süddeutschem hessischem Understatement profunde Kenntnisse der Weltliteratur. Fauser hat immer wieder gesagt, dass er nur ein mittleres Talent zum Schriftsteller hat. Viele seiner Texte erinnern an andere Schriftsteller, was Fauser aber sehr genau gewusst und reflektiert hat
Allerdings waren die guten Bücher schon alle geschrieben, sie standen in Buchhandlungen oder den eigenen Regalen, und so geriet ich zwangsläufig unter den Einfluß solcher Lebenskünstler wie Henry Miller oder Kerouac – allerdings wuchs ich in Frankfurt/M.-50 auf. (“Rohstoff“)
Von der Unbelehrbarkeit der Erde
Ich werde ein Haus bewohnen
und vielleicht ein anderes,
werde meinen Namen in die Tür schreiben wo ein anderer war
und ein anderer sein wird nach mir,
ich werde mit wenigen leben und wenige verlassen,
und werde zur Tür hinausgehen, durch die ich eintrat,
ohne Trauer, ohne Freude und Verlangen,
unbemerkt von den Tälern und Gärten der Erde
werde ich sterben
(1964)
Riecht das nicht penetrant nach Bertolt Brecht? Und ist es nicht trotzdem ein wunderschönes Gedicht?
Fauser, der Drogen-Schriftsteller, der „Sick-City-Lyrik“ schreibt und deshalb an Autorität beim Lesepublikum verliert. Heroin-gefährdet war ich nie, das waren nicht mehr meine Zeiten, aber vor Nikotin und Alkohol hab ich mich nur gerettet, weil mich bestimmte Lebensumstände davon entfernt haben. In anderen Lebensumständen hätte es auch anders kommen können. Grundsätzlich bin ich eine Sucht-Persönlichkeit, habe ich eine ähnliche mentale Drogen-Disposition wie Fauser.
Biographische Affinitäten: Natürlich ist Fauser 1944 geboren und ich 16 Jahre später im Jahre 1960. Mein Vater hätte er nicht sein können, aber vielleicht ein älterer Bruder. Von dem, was Fauser im Vollen erlebt hat, hab ich nur noch den letzten Zipfel erwischt. Auch Fauser ist Vater einer einzigen Tochter.
Von den in „Rohstoff“ obsessiv erzählten, jahrzehntelangen, unzähligen und endgültig (scheinenden) Verlagsabsagen kann auch ich ein trauriges Liedlein trällern. Fausers bitterer Humor und schneidender Sarkasmus sind hier sicher therapeutisch, helfen nicht nur dem gebeutelten hessischen Autor selbst, sondern auch seinen armen Leidensgenossinnen und -genossen im Geiste. Wir lassen uns nicht unterkriegen.
„Rohstoff Elements“ ist, wie der Titel schon andeutet, eine Zusammenstellung von Texten, die im Sog von Jörg Fausers Schlüsselroman Ende der 60er bis Anfang der 70er entstanden sind. In dieser Zeit zwischen ca. 1967 und 1973 lebte Fauser zwischen Istanbul, London, Berlin, Frankfurt und Göttingen, bevor dann 1974 mit dem Umzug nach München eine neue Lebensphase beginnt. Doch während der dann vom renommierten Ullstein-Verlag 1984 veröffentlichte Roman „Rohstoff“ von Fauser entscheidend umgeschrieben worden (Basis war der in Rohstoff „Stambul Blues“ genannte, in Wirklichkeit mit dem Namen „Tophane“ beim Maro-Verlag 1972 veröffentlichte Text, der eher ein wildes Prosa-Gedicht als ein Roman und in „Rohstoff Elements“ mitabgedruckt ist) und durch den zeitlichen Abstand, die ironische Brechung und einen linearen Schreibstil erst für ein größeres Lesepublikum zugänglich gemacht worden ist, sind die hier versammelten Texte kaum für ein längeres Lesen genießbares, ja genau „Rohmaterial“, dessen Qualität unbestreitbar ist, aber dessen experimenteller, sperriger Untergrund-Schreibstil jede Lektüre mit Befriedigung zum Scheitern verurteilt. Man merkt hier in jeder Zeile den Einfluss von Fausers damaligem großen Helden William Burroughs: alles kreist um Drogen, Hässlichkeit, Sex, Tod, ein poetisch protokollierter Daueralbtraum, Schreiben, um den „Cold Turkey“ zu überleben, Als es Fauser dann schafft, sich von der Heroinsucht zu befreien, schlittert er ab 1974 in den gesellschaftlich eher akzeptierten Alkoholismus. Fausers neuer Held wird folgerichtig Charles Bukowski.
In kleinen Dosen konsumiert, sind manche der hier kompilierten Texte ganz einfach wunderbar, zum Beispiel das Gedicht „Charlie und Harry“ oder der Text „Cut-Up Special“.
Charlie und Harry
Trüber Sommernachmittag in Fat City,
sie hockten auf Harrys Bude und kippten Bier,
irgendwo im Hinterhof stieg eine Teenager-Party
und die Beatles leierten einen ihrer total
schwachsinnigen Songs runter,
»Lucy in the sky with diamonds«
oder sonst einen abgedroschenen Heuler.
Son abgedroschener Heuler, sagte Charlie,
aber die Miniröcke sind wohl immer noch scharf darauf.
Stimmt, sagte Harry, macht einen ganz fickrig.
Sex Sex Sex, sagte Charlie und warf die leere Dose
in den Abfalleimer,
bei dir was los?
Sex, sagte Harry, was ist das?
Shit, sagte Charlie, ich fang wohl an kirre zu werden,
ich bin so heiß dass ich Löcher in die Matratze brenne,
lauf drei Wochen mit ’nem Steifen von hier bis Timbuktu
rum,
aber wenn ich endlich was zwischen den Fingern hab
wird mir einfach alles fad, fad –
irgendwie rentiert sich der Aufwand nicht,
man könnte genauso ’nen Emmentaler pimpern
wenn du weißt was ich meine –
klar, sagte Harry, Emmentaler
mit rotem Pfeffer oder Nudelwalker von hinten
und ’ne Stefan-George-Erstausgabe ums ritzy zu machen,
oder einfach fürn Heiermann ’ne Gastarbeiterin
in der Anlage hinterm lnterconti, und samstagabends
all die kleinen brühwarmen Homos die im ZDF
über die Mattscheibe spritzen, ist schließlich
alles ’n Loch, und alles leer, immer gewesen-
Shit, sagt Charlie, von hier aus kann man direkt rübersehn,
und sie standen am Fenster und glotzten rüber,
die Beatles heulten auf höchster Lautstärke,
die Teenager kreischten und ließen ihre Beinchen sehn,
die Schmeißfliegen legten Eier,
sie tranken ihr Bier,
dann ging Charlie zur Spätschicht
und Harry versprühte eine Ladung Flit.
(erstmals als „Harry Gelb Story“ im Maro-Verlag 1973)