BoBoKo (7)

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Wir sind in einem Puff in der Schönfließer Straße. Rudi Rührei lässt sich nicht lumpen und rührt in alten Wunden. Fetter Nebel dampft vor Zorn. Hans Haller hat ein Problem.

Die Kamera schwenkt hoch nach oben. Wir haben jetzt Berlin-Frohnau in der Schönfließer Straße auf dem Radar. Das ist zwar nicht wirklich eine Gegend, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, aber ohne guten Grund fährt trotzdem keiner dorthin. Früher, vor dem Mauerfall, war das Mal am Arsch der Welt. Heute ist Stadtrand in. Intime Nähe zu Wald und Wiese. Am Wochenende mit dem gerade gewaschenen geleasten Einser-BMW raus ins Brandenburgische und die Blagen an irgendeinem See austoben lassen. Rudi Rührei ist ein hoch aufgeschossener falscher Fuchziger mit krummen Rücken und Akne. Der lange Lulatsch starrt die meiste Zeit vornübergebeugt auf sein Iphone und kontrolliert irgendwelche Nachrichten oder tut wenigstens so. Dieser lange Labander besitzt das Puff in Frohnau, wo wir gerade sind.  Fetter Nebel könnte der Bruder von Reiner Calmund sein. Genauso dick, genauso lustig, genauso nutzlos. Fußball schauen, Paprika-Chips mampfen, quatschen. Immer die Klappe offen, fünf Minuten Wildwassermonolog, wenn man ihn nach seinem Beruf fragt und nachher ist man genauso schlau wie vorher. Bedröppelter Kugelblitz. Ulkig der Typ. Wie dämlich muss man sein, um so zu heißen? Fetter Nebel, noch nicht mal dichter Nebel. Man sieht seine Hand vor den Augen nicht.  Lass dir das mal langsam auf der Zunge vergehen. Klingt irgendwie wie Happy Hour. Fetter Nebel gibt Autogramme. Oh yeah. Günther mit H oder ohne. Außer Rudi Rührei, Fetter Nebel und Hans Haller steht da noch Atze vor der Tür mit seinem dunklen, südländischen Teint, seinem schwarzen Zwirbelschnurrbart und seinem Luxusbody direkt aus der Muckibude. Dem seine Geschichte ist uns nicht bekannt und auch egal. Rudi Rührei spielt trotz seiner Schlacksigkeit den dicken Max und lässt sich nicht lumpen. Der Puff gehört ihm schließlich selbst. Frauen und Drinks sind deshalb heute Abend für Hans Haller frei. Auch das Taxi nachher nach Hause in die Prinzenstraße spendiert Rudi Rührei. Normalerweise kostet ein Pikkolo hier 180 Euro und eine Flasche Schampus 300 Euro. 30 Minuten für 50 Euro. Französisch gegenseitig und Verkehr, möglich zweimal Mal kommen oder einmal Mal kommen und Massage. Unser Angebot: Zwei für Eins. Preis 30 Minuten für 60 Euro. Zwei Frauen. Zweimal Verkehr und französisch gegenseitig. Überhaupt geht es hier in Rudi Rühreis Puff international und tolerant zu. Englisch, griechisch, spanisch, bei entsprechender Bezahlung ist alles möglich. Doch wie immer im Leben ist auch Rudi Rühreis Großzügigkeit nicht uneigennützig. Nachtigall, ick hör dir trapsen. Er hatte zusammen mit Fetter Nebel und Hans Haller vor vielen Jahren in eine große, am Aktienmarkt quotierte Schweinefarm im Niedersächsischen investiert. Sichere Sache, Kumpels, die sturen und stillen Plattländer machen uns reich. Jeder hatte 40000 Euro reingebuttert. Am Anfang lief alles blendend, doch dann erreichte die Hysterie um den Rinderwahn auch die Schweinemast. Die üblichen Chinesen überfluteten den Markt mit billigem, schockgefrosteten Schweinefleisch. Der Hype um vegetarisches und veganes Essen tat sein Übriges. Scheiß Veggies und Veganer. Der Preiseinbruch beim Schweinefleisch trieb die Schweinefarm der drei stillen gelackmeierten Teilhaber innerhalb von kurzer Zeit in den Konkurs. Bei der Abwicklung des Unternehmens kamen Anwälte und Gerichte ins Spiel, die Prozesse gingen verloren, die Kosten schnellten in die Höhe. Rudi Rührei bezahlte erst einmal für alle aus seiner Privatschatulle, doch jetzt will er den Anteil Hans Hallers zurück. „Mein Goldesel ist seit gestern krank und scheißt kein Geld mehr. Du hast einen Monat Zeit, mir die 80 halben rosa Riesen rüberwachsen zu lassen“, sagt er mit seinem breiten Grinsen und schlürft an seinem Glas Mumm. Er akzeptiert übrigens auch Schweizer Franken, aber zum Tageskurs. Die haben wenigstens 1000-Franken-Scheine. Komm mir aber nicht mit 10000-Dollar-Scheinen aus Singapur. Sein blödes Grinsen gefällt Hans Haller überhaupt nicht. „Woher soll ich die 40000 Mäuse nehmen? Ich hab‘ noch nicht mal das Geld für die nächste Telefonrechnung“. – „Das ist dein Ding, Haller-Baby. Stell deine verendeten grauen Zellen auf on und lass dir was einfallen“, meint auch Fetter Nebel. Warum der sich einmischt, weiß man nicht. Überhaupt sind die guten Zeiten längst vorbei, als jeder der drei alles vom anderen wusste. Fetter Nebel hat wahrscheinlich den Blutdruck auf 250, so rot ist sein Gesicht angelaufen. „Du glaubst doch nicht, dass wir auf deinen Scheißschulden sitzen bleiben.“ Warum denn „wir“? „Was gehen denn dich meine Schulden bei Rudi an, du aufgeblasener Dackel?“ 80 rosa Lappen. 4 Wochen Zeit. Jetzt hat Hans Haller ein Problem, ein großes Problem sogar. Das Glas mit dem dunklen Schneider-Weißbier lässt er halbvoll stehen, als sich der Taxifahrer meldet. Sein Wabbelarsch geht ihm ganz schön auf Grundeis.

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