Fritz Bauer

Leider muss ich ein weiteres Mal beschämt meine großen Bildungslücken gestehen, denn der Name „Fritz Bauer“ sagte mir bis vor ein paar Wochen gar nichts. Eine Schulkollegin hat seinen Namen genannt und ich habe begonnen Ronen Steinkes Biografie über den Ausnahmestaatsanwalt zu lesen. Steinkes grundsätzlich angenehmer, flüssig zu lesender und durchaus informativer (wenn auch nicht origineller) Schreibstil produziert eine positive Leseerfahrung. Manchmal muss man allerdings die ein- oder andere Zeile beherzt überspringen: Es heißt, ihn zu einem emotional befangenen, deshalb intellektuell nicht satisfaktionsfähigen Diskutanten zu degradieren (Seite 214). Hä?

Der homosexuelle Sozialist und Jude Bauer hatte immer viele Feinde, nicht nur während des Nationalsozialismus, der ihn jahrelang ins KZ steckte und in die Emigration zwang. Auch in der reaktionären Adenauer-Republik, als viele Ex-Nazis wieder in ihre früheren Beamtenpositionen schlüpfen konnten, wimmelte das Schlachtfeld von Gegnern. Umso bemerkenswerter bleibt sein Lebenswerk.

Bauers erstes großes Verdienst, ist die Rehabilitierung der Stauffenberg-Attentäter, in einem großen Prozess Anfang der fünfziger Jahre in Braunschweig. In heutiger Zeit ist die dahintersteckende Logik und Dynamik nur noch schwer nachvollziehbar, aber viele Deutsche hielten Stauffenberg (der dasselbe Stuttgarter Gymnasium wie Bauer besucht hatte), damals noch für einen Landesverräter und Terroristen in Uniform, und nicht für einen Helden, der den Mut hatte, den Verbrecher Hitler zu töten (was leider nicht geklappt hat), um Millionen weitere Tote des Hitlerschen Angriffskrieges zu verhindern. Um Stauffenberg zu rehabilitieren, musste geklärt werden, dass die Gesetze eines Unrechtsstaates juristisch nichtig sind und dass es ein höheres Recht gibt, dessen Wirksamkeit von keiner Diktatur außer Kraft gesetzt werden kann.

Bauer arbeitete Hand in Hand mit dem israelischen Geheimdienst Mossad (und nicht mit dem damals nazi-befangenen deutschen Justizapparat) zusammen. Zusammen haben sie es geschafft, 1960 Adolf Eichmann in Buenos Aires zu verhaften und vor ein Gericht in Jerusalem zu bringen. Eichmann war der Leiter der Dienststelle Judenreferat im Reichssicherheitshauptamt und koordinierte die Judendeportationen.

Von 1963 bis 1965 organisierte Bauer in Frankfurt die Auschwitz-Prozesse, eine Replik der Nürnberg Prozesse 20 Jahre zuvor, die von den Amerikanern inszeniert wurden und deshalb nicht die moralische Durchschlagskraft von Prozessen vor einem deutschen Gericht haben konnten. Es ging nicht mehr um die Rache der Sieger, sondern um den Versuch einer Aufarbeitung des größten je auf deutschem Boden entstandenen Unrechtsstaates.

Die Reform des Paragrafen 175, die Homosexualität als Straftat verurteilte, trieb Bauer mit journalistischen Arbeiten zwar voran (deren wichtigste sein Beitrag zum viel gelesenen Buch Sexualität und Verbrechen aus dem Jahre 1963 blieb), durfte jedoch die Reform des umstrittenen Paragrafen 1969 nicht mehr selbst erleben.

Fritz Bauer ist wahrscheinlich der Großvater/Onkel, den ich gerngehabt hätte. Mein wirklicher Opa (mütterlicherseits) starb zu früh für mich (1966), mein Opa väterlicherseits, bei dessen Tod 1979 im Krankenhaus in Ingolstadt ich sogar anwesend war, hat nie auch nur ein einziges Wort zur Weimarer Republik, zu Adolf Hitler, zu Konrad Adenauer, Willy Brand und Helmut Schmidt gesagt.

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