Tom Cuson

Es ist inzwischen mehr als 30 Jahre her, als ich Mitte der achtziger Jahre im damaligen West-Berlin den 2007 leider viel zu früh verstorbenen Tom Cuson kennen lernte. Ich studierte damals Nordamerikanistik, aber mein Englisch war nicht gut genug für das anspruchsvolle Advanced Writing des Hauptstudiums. Deswegen mussten Nachhilfestunden mit Tom her, der sich als freischaffender Künstler mit disparaten Jobs über Wasser hielt, vor allem mit seinen Capoeira-Kursen (ein brasilianischer Kampfsport) und Tipp-Arbeiten auf damals noch ziemlich unbekannten   Wordprocessing-Programmen. Der Berliner „Tagesspiegel“ pappte ihm in einem Interview aus dem Jahre 2003 das Etikett eines Journalisten und Wissenschaftlers auf. Na ja. Zutreffender waren da wohl die Berufsbezeichnungen Lyriker, Musiker und Fotograf, die im Nachruf Jesse Hamlins vom 13. September 2007 zu lesen sind. Die biographischen Notizen dort sind spärlich. Geboren in Dayton in Florida, veröffentlichte Tom Cuson seit den Sechzigern seine Gedichte in heute legendären Zeitschriften und Anthologien („New York Quarterly“, „City Lights Anthology“). Eine 1974 veröffentlichter Lyriksammlung „The Vision oft he Burning Gate“ blieb wohl sein einziges eigenständiges Buch. In diesen Jahren veranstaltete er in San Fancisco auch Lyriklesungen in der „Coffee Gallery“, leitete das „Intersection for the Arts‘ literary program“ und war in Kontakt mit vielen wichtigen damaligen Schriftstellern Nordamerikas der Counter-Culture. Während meiner Englischstunden erzählte er mir auch von Sam Shepard, den er persönlich kennengelernt hatte. Ich begann etliche von Shepards Theaterstücken zu lesen, ließ mich von seinem Cowboy-Schreibstil beeindrucken und versuchte mich unverschämt dilettantisch an zwei eigenen Theaterstücken, die sowohl inhaltlich als auch stilistisch stark an Shepards Thematiken und Duktus erinnern. Im Jahre 2012 habe ich dann diese schreibmaschinengeschriebenen Manuskripte in Word-Dateien eingetippt, aber außer Rechtschreibfehlerkorrekturen nur behutsam Veränderungen und Aktualisierungen vorgenommen. Ganz klar: Die Texte hatten offensichtliche Schwächen, ihre kulturellen Bezüge waren inzwischen oft veraltet, aber allzu heftige Eingriffe hätten nur ihre Authentizität zerstört. Weitere fünf Jahre waren ins Land gegangen, als ich beschloss, diese zwei Stücke in einem kleinen Buch zu veröffentlichen. Aber hatte es überhaupt Sinn, zum Manuskriptgrabräuber zu werden und zu glauben, dass diese Texte für ein heutiges Publikum von Interesse sein könnten? Unabhängig von ihrem schwankenden Niveau war es doch reichlich surreal, pathetisch und wahrscheinlich auch hundsgemein, meine ödipalen Konflikte in eine wie auch immer große deutschsprachige Öffentlichkeit hinauszuplaudern. Im Vergleich zur Mitte der achtziger Jahre hatte sich in Deutschland und anderswo so ziemlich alles verändert. Auch meine ureigenen privaten und intimen Befindlichkeiten hatten sich radikal gewandelt. Meine Eltern waren beide inzwischen verstorben. De mortuis nil nisi bene. Das Verhältnis gerade zu meinem Vater hatte sich schon vor der Jahrtausendwende erheblich verbessert und besaß kaum mehr etwas von dem Generationenkrieg, den ich in den zwei Stücken anzettle. Doch alle diese durchaus berechtigten Einsprüche gegen eine Veröffentlichung änderten nichts daran, dass ich Betonkopf weiterhin davon überzeugt blieb, dass die von mir hier losgelassenen Todestriebe (um den Begriff Sigmund Freuds zu bemühen), die sich damals sowohl gegen mich selbst als auch gegen meine Eltern und die ganze Gesellschaft richteten, die Büchse der Pandora öffneten und den fauchenden Esso-Tiger in den Tank stopften, der mich aus meiner bayrischen Geburtsstadt wegscheuchte, zuerst nach oben zu den verachteten Preißn und später, nach einem U-Turn und weit nach unten, in ein unmögliches Südeuropa. Das war Rebellion pur gegen meine Herkunft. Eine solche Opposition, die sich aus den Quellen einer verschwindenden Späthippiekultur und einer damals in Westdeutschland noch recht umtriebigen Punkszene speiste, betraf aber nicht nur meine eigene kleine Person. Dann hätte ich auch den Deckel drauflassen können. Doch ein Großteil der damals von West-Deutschland nach West-Berlin verirrten, zwischen 1950 und 1965 geborenen Existenzen hatten, vermute ich, ähnliche Gefühlsgemengelagen und Weltansichten wie ich selbst. Das waren, so fand ich, wenn schon nicht gute, so zumindest hinreichende Gründe für den Schritt aus dem stillen Kämmerlein. Warum sollte ich mich über mein damaliges Seelenkorsett schämen (vor allem eine ziemlich lächerliche Macho- und Cowboy-Attitüde, die eigentlich nur meine Isolation und Traurigkeit verbarg), wie immer eng und abstrus es damals daherkam? Im günstigsten Fall waren meine zwei Stücke nicht nur private Fingerübungen, sondern auch authentische Zeitdokumente, in denen die Stimmungslage eines rebellischen West-Berlins in den Jahren kurz vor dem Mauerfall zur Sprache kam.

 

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