Herr Lehmann

Foto: Christoph Hennes Sinnfrage: Sven Regener, Sänger von "Element of Crime", im Interview mit Kathrin Gemein. 2010-02-01 -Urheberrechtlich geschützt! Honoriert ausschließlich für den Abdruck im "Kölner Stadt-Anzeiger". Weitergabe an Dritte nur nach Absprache mit dem Urheber!!-

Herr Lehmann, Seven Regeners Debütroman aus dem Jahre 2001, erzählt in den ersten 7 Kapiteln einen einzigen Tag im Leben von Frank Lehmann Mitte September 1989 und, in der Folge, in den Kapiteln 8 bis 20 weitere Wochen und Episoden aus Lehmanns Leben bis zum Tag des Mauerfalls am 9. November. Frank Lehmann, genannt Herr Lehmann, ist ein dreißigjähriger Barkeeper mit allen Symptomen einer Lebenskrise. Ohne große Perspektiven, lebt er sein kleines Kreuzberger Leben in den Tag hinein, verpennt selig den Morgen nach der Nachtschicht in der Kneipe Einfall, wo er arbeitet, kommt kaum heraus aus seinem geliebten Kreuzberg und schafft es in seinem Autismus und Narzissmus auch nicht, eine tragfähige Beziehung zu seiner neuen Flamme Katrin aufzubauen. Lehmanns Alter Ego Karl Schmidt, ein gescheiterter Objekt-Künstler, hat eine Phase der Dekonstruktion und schlittert immer mehr in eine schwere Depression hinein. Am Ende des Buchs (Kapitel 19) bringt ihn Lehmann ins Urban-Krankenhaus, wo Schmidts Nervenzusammenbruch ruhig gestellt und behandelt wird.

Die Stärke von Regeners Erstlingsroman liegt in der genauen Beobachtung des Alltags der Kreuzberger Künstlerszene Ende der achtziger Jahre. Sehr lange, glaubwürdig konstruierte Dialoge aus den Sumpfgebieten der Kreuzberger Kneipen, Beziehungen zu Frauen, die so offen sind, dass nichts daraus wachsen und gedeihen kann, eine witzig erzählte Reise „ins Ausland“ am Kudamm (Kapitel 19), ein Besuch Ostberlins (Kapitel 15), schließlich der Fall der Berliner Mauer (Kapitel 20), für den die Kreuzberger Szene eine restlos fehlende Begeisterung an den verkaterten Tag legt, und manch anderes Lokalkolorit mehr der surrealen Mauerstadt, lassen sich angenehm und flüssig lesen. Sven Regener, der mit Element of Crime auch Musik macht, tut gut daran, sein Metier zu wechseln, denn das Schreiben hat er definitiv drauf. Was (mir zumindest) allerdings oft in den Texten Regeners fehlt ist ein gewisser Tiefgang und Reflektionen, die über die Videoaufzeichnungen, Audiorealitäten und überhaupt Befindlichkeiten von SO 36 hinausgehen. Lediglich bei der Krankheitsgeschichte von Karl Schmidt, der vermutlich auch irgendwo Sven Regener selbst ist, hat man das Gefühl, dass es endlich mal ein wenig ernsthafter, tragischer und menschlicher zu Werke geht. Oft bleibt alles allerdings in einem norddeutschen Humor und einer Ostfriesenleichtigkeit stecken, die an Rocko Schamoni und Comic-Star Werner erinnern. Nur mit einer solchen Bremer Legeresse konnte der Roman allerdings zum millionenfach aufgelegten Bestseller werden und zwei Folgeromane um Frank Lehmann sowie Verfilmungen im Schlepptau haben.

Für alle, die in den achtziger Jahren in Kreuzberg gelebt haben, Pflichtlektüre.

Sven Regener – Herr Lehmann

Zündels Abgang

Autor: Markus Werner Foto: Selwyn Hoffmann Das Foto ist honorarfrei. Selwyn Hoffmann, Pfrundhausgasse 9, CH-8200 Schaffhausen, Tel. 052 625 99 07

Markus Werners 1984 veröffentlichter Debütroman Zündels Abgang war vor 30 Jahren stilistisch und inhaltlich ein richtiger Hammer und avancierte schnell zum Bestseller und Kultbuch. Die beißenden Tiraden gegen so ziemlich alles und jeden (die bis ins Mark bürgerliche Schweiz, das aus eigener Erfahrung beschriebene spießige Schulsystem und die in Ehefrau Magda verkörperte moderne und emanzipierte Frau vor allem, aber auch die Italiener in Genua und selbst die (wie immer und überall unsympathischen) Deutschen bekommen ihr Fett weg) trafen den Geist von Züri brännt Anfang der achtziger Jahre und verliehen dem nihilistischen Credo der Punk-Generation Ausdruck. Einen Höhepunkt erreicht dieser Defätismus am Ende des Buchs in Kapitel 23 während des grotesken Gesprächs zwischen Psychiater und Konrad Zündel, das eine Szene aus dem Lehrbuch des absurden Theaters sein könnte. Alle sicheren und unangezweifelten Ordnungszusammenhänge lösen sich innerhalb des Monats der erzählten Zeit auf. Der durch und durch bürgerliche Konrad Zündel (Intellektueller, Studienrat, in fester Beziehung lebend) gleitet in eine klinische Psychose ab und inszeniert seinen Abgang im völlig unbürgerlichen Genua, wo er durch einen Zufall geboren wurde. Die wenigen positiven rosa Tupfer auf der pechschwarzen Leinwand sind der österreichische Matrose Serafino (Kapitel 11) und die quecksilbrige Französin Nounou (Kapitel 16), die sich allerdings ein wenig aufgesetzt und unglaubwürdig im Masterplot bewegen. Stören tut einen auch das komische Deutsch Werners. Schweizer reden halt so. Das nennt man Helvetismen, aber es ist trotzdem komisch. Jetzt sagen sie nur, dass Sie wissen, was ein Grind und eine Blutsenkung sind! In die Hosen seichen? Korkzapfen? Glossieren? Haschen? Miststock? Haselnussbraun? Hurtig? Versorgen? Ein Cheib? Ich habs urplötzlich ganz enorm pressant? Brandmager? Gramseln? Der Heißwasserhahn hat den ewigen Umgang? Gamellen? Wehrmänner? Eine Rübenhose? Ein Lavabo?

Reden die da wirklich so?

Marus Werner – Zündels Abgang

Charles Bukowski: Post Office

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Charles Bukowskis 1971 erschienener Debütroman Post Office ist meiner Meinung nach einer der Schlüsseltexte nicht nur der amerikanischen, sondern der weltweiten Gegenwartsliteratur. Während aber Jack Kerouacs Helden aus On The Road Dean Moriarty und Sal Paradise längst Legendenstatus besitzen, hat es Bukowskis Ich-Erzähler Henry Chinaski schwerer. Die Geister scheiden sich zwischen begeisterten Anhängern und naserümpfenden Intellektuellen: Zuviel Whiskey, Alkoholkater, Pferderennen, schneller Sex, Machismus, Nihilismus, Hässlichkeit, Proletenkultur, sagen sie. Zuwenig literarische Substanz, sagen sie Aber Bukowskis kompromissloses Plädoyer für Originalität und Freiheit in einem unmenschlichen System bleibt unschlagbar gut und hat die Zeiten überdauert. Bukowskis Alter Ego Henry Chinaski ist ein psychologischer Archetyp und eine Karte aus dem Tarotspiel unserer spätkapitalistischen Gesellschaften: Marilyn Monroe spielt das verführerische blonde Dummchen, Patti Smith die rebellische intellektuelle Emanze, Mark Zuckerberg den erfolgreichen, dynamischen Jungunternehmer, Charles Bukowski den saufenden, rauchenden, subversiven dionysischen Satyr.

Im Original war der Roman wegen seiner vielen Slangausdrücke für mich (mit meinem wenig praktizierten Unienglisch auf B2-Niveau) nicht immer flüssig zu lesen. Vielleicht wäre es besser gewesen auf eine gute Übersetzung zurückzugreifen.

Charles Bukowski: Postoffice