Wer hätte das gedacht?!

Man kennt eigentlich Bertolt Brecht als politischen Autor. Dass er auch sehr viel Liebeslyrik geschrieben hat, wusste ich zumindest gar nicht. Wie bei einem Haudegen wie Brecht nicht anders zu erwarten, scherte sich auch seine Liebeslyrik einen Dreck um literarische Kleiderordnungen und Regeln für anständige romantische Gedichte. Und zum Teil sind sie deftig pornographisch in einer Zeit, als die Frivolität über Schlagertexte wie „Ich hab das Fräulein Helen baden sehn“ nicht hinausging und die Zensurschere überall herum schnippelte. Das folgende 1948 in Zürich entstandene Sonett „Sauna und Beischlaf“ hat Brecht ironisch mit „Thomas Mann“ unterzeichnet. Zwischen den beiden damals wichtigsten lebenden deutschen Schriftstellern bestand eine regelrechte Todfeindschaft. Es gab ständig Funkenschlag.  Brecht empfahl zum Beispiel Manns Roman „Zauberberg“ als wirksames Einschlafmittel. Was man von „Sauna und Beischlaf“ nicht sagen kann!

Sauna und Beischlaf

Am besten fickt man erst und badet dann.

Du wartest, bis sie sich zum Eimer bückt

Besiehst den nackten Hintern, leicht entzückt

Und langst sie, durch die Schenkel, spielend an.

Du hältst sie in der Stellung, jedoch später

Sei’s ihr erlaubt, sich auf den Schwanz zu setzen

Wünscht sie, die Fotze aufwärts sich zu netzen.

Dann freilich, nach der Sitte unserer Väter

Dient sie beim Bad. Sie macht die Ziegel zischen

Im schnellen Guß (das Wasser hat zu kochen)

Und peitscht dich rot mit zarten Birkenreisern

Und so, allmählich, in dem immer heißern

Balsamischen Dampf läßt du dich ganz erfrischen

Und schwitzt dir das Geficke aus den Knochen.

Bertolt Brecht – Gedichte über die Liebe

Mühsamer Jean Paul

Jean Paul ist schwierig zu lesen. Das ist einer der Gründe, warum er heute zwar Teil des Literaturkanons, aber trotzdem fast vergessen ist und kaum freiwillig gelesen wird. Selbst durch eine kleine, kaum mehr als 60 Seiten lange Erzählung wie sein Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz“ muss man sich durchquälen, Sätze mehrmals lesen, zurückblättern, um den Gedankengang neu aufzunehmen. Die Sätze Pauls sind zu verschachtelt, die dahinter stehenden Gedanken zu verwickelt, die Sprache zu verschlungen und hintergründig, als dass eine einfache Lektüre möglich wäre. Man müsste wahrscheinlich eine Erzählung wie den Wutz fünf- oder sechsmal lesen (was ich nicht gemacht habe) , um an einen Punkt des Verständnisses oder Unverständnisses zu kommen,  wo man sich als Leser nicht mehr vorwerfen muss, man habe den Text einfach zu schnell und oberflächlich gelesen. Jean Pauls schwieriger Schreibstil ist unter Fachleuten bekannt. Er gilt sogar manchmal als Vorläufer ante litteram“ der inzwischen ein wenig aus dem Blickfeld gerückten postmodernen Literatur. Jean Pauls 1793 erschienenes Erstlingswerk  „Die unsichtbare Loge“, in welches unser „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz“ eingebettet ist, strotzt vor Querverweisen, abgebrochenen Handlungsverläufen, Intertextualität, Metafiktionalität und was alles sonst noch Merkmale eines postmodernen Romans sein sollen. Einfache Leser kann man sich natürlich mit solch komplizierten Büchern nicht gewinnen. Man sollte aber vor allem nicht vergessen, dass es der in der tiefen Provinz geborenen Dorfpfarrerssohn Johann Paul Friedrich Richter viel schwerer hatte als die etwa gleichaltrigen Klassiker Goethe, Schiller, Herder, Wieland. Ein Studium in Leipzig musste er wegen Armut abbrechen. Intensives Lesen zuerst und sein besessenes, assoziatives Schreiben danach war für Jean Paul vielleicht die einzige Möglichkeit aus dem Provinzmief auszubrechen. Und tatsächlich schaffte er es dann von 1798 bis 1800 in Weimar zu leben und die gerade erwähnten Klassiker zu treffen, mit deren sozialer Herkunft, Gedankenwelt und Schreibstil er eigentlich nicht das Geringste zu tun hatte. Von 1790 bis 1794 war Jean Paul tatsächlich ein „Schulmeisterlein“ an einer Grundschule in der Provinz. Die Erzählung „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz“ projektiert wohl die Ängste des damals siebenundzwanzigjährigen Jean Paul , wie sein Vater als verschrobener, kauziger Grundschullehrer, Organist und Dorfpfarrer zu versumpfen, bevor dann sein Erfolg als Schriftsteller ihn von der Notwendigkeit eines Brotberufs entbindet und eine ungewöhnliche und bizarre Künstlerkarriere im vorindustriellen Deutschland beginnen kann, die allerdings dem Leser viel Mühe macht.

Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz

Johann Gottfried Seume Spaziergang nach Syrakus

Lange Reisebeschreibungen aus dem 18. oder 19. Jahrzehnt zu lesen, ist sicher nicht jedermanns Sache, wenn man einmal von den institutionalisierten Lesezwängen an der Uni oder am Gymnasium absieht. Einen schnellen Gebrauchswert, etwa in Form von Tipps für eine anstehende konkrete Reise, kann man sich nämlich davon nicht erwarten. Sie sind zu veraltet, zu weitschweifig und auch zu schwierig zu lesen. Wenn man dazu noch bedenkt, dass Platzhirsch Goethe mit seiner Italienischen Reise so laut röhrt, dass andere, leisere Stimmen übertönt werden, wird der Fanclub Johann Gottfried Seumes endgültig klein, aber fein bleiben müssen. Vorbei sind die Zeiten, als der Spaziergang nach Syrakus eine der großen  literarischen Renner des 19. Jahrhunderts war.  Zumindest im Ausland ist der Autor, selbst in Fachkreisen, heute wenig bekannt und nur etwas für ein Häuflein Feinschmecker. Man verwechselt ihn dort sogar leicht mit dem mittelalterlichen Mystiker Heinrich Seuse! Das ist eigentlich schade, denn Seumes Spaziergang nach Syrakus ist ein wichtiger, groß angelegter Alternativbericht zu Goethe mit ganz anderen Schwerpunkten. Dem Weimarer Dichter widerfuhr in seiner Grand Tour von 1786 bis 1788, bequem in Kutschen und Nobelherbergen logierend, eine Wiedergeburt als klassischer Dichter. Zu diesem Zweck ratterte Goethe in Italien die üblichen Stereotypen und Klischees eines nordeuropäischen Reisenden herunter: die natürliche Sinnlichkeit und Faulheit der Italiener, mediterranes Klima, exotische Fauna und Flora (die heutigen Vorurteile von Sonne, Meer und Pizza auf hohem, bildungsbürgerlichem Niveau!) und vor allem natürlich die Wiederentdeckung der römisch-griechischen Antike mit ihren ewigen Werten und ihrer unverwüstlichen Schönheit. Italien war für Goethe weniger ein konkretes Land als eine abstrakte Idee, die er auch in der Wirklichkeit bestätigt sehen wollte. Die Italienische Reise Goethes hätte deshalb ohne weiteres auch eine Spanische, Türkische oder Griechische Reise sein können. Seume, der seine Reise von Grimma bei Leipzig bis Syrakus und zurück 1801 und 1802 selbst finanzierte, zu Fuß bestritt und seine Erfahrungen dann in einer seltsamen Mischung aus Erlebtem und Erfundenem nachträglich niederschrieb und 1805 veröffentlichte, ist ein ganz anderer Bildungsreisender als Goethe. Seume ist nicht interessiert an der Antike und an hehren Schönheitsidealen von anno dunnemal, er beschreibt (natürlich in einer damals üblichen Brieffiktion) ein Italien zu Beginn des 19. Jahrhunderts, das er als Fußgänger, persönlich und von unten, mit fünf Sinnen erwandert, wobei der Leser Seumes unverhohlene Vorliebe für die von Napoleon längst ausgehebelten Ideale der französischen Revolution spürt. Gar nicht witzig zu lesen ist seine idyllische Beschreibung des Gebiets im Norden von Neapel (terra dei fuochi=Feuerland), das heute eine traurige Berühmtheit als größte illegale Giftmülldeponie der Welt erlangt hat. Ansonsten kommen die Italiener wahrscheinlich sogar zu gut weg. Wörtlich: „denn ich halte die Neapolitaner für eine der bravsten und besten Nationen, so wie überhaupt die Italiener“. Seumes Reisebeschreibung ist nicht idealisierend, sondern objektiv und begründet eine Tradition des literarischen Journalismus, die dann Heinrich Heine und Ludwig Börne weiterführten und die bis zu Rolf Dieter Brinckmanns Rom Blicke reicht.

Johann Gottfried Seume Spaziergang nach Syrakus

   

Bits and Pieces

Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt

 Wenn ein Roman schon fast 10 Jahre auf dem Buckel hat und endlos oft nicht nur von der deutscher Kulturschickeria (eine literarische SensationEin großes Buch, ein genialer Streich steht hinten auf dem Klappdeckel) positiver geht’s-gar-nicht-mehr besprochen wurde, bleibt für den Ich-bin-normal-Leser leider wenig Neues zu vermelden übrig. „Die Vermessung der Welt“ ist nicht nur ein superkluger, ironischer, glatt und kugelsicher geschriebener Roman, den man gern und schnell zu Ende liest, er beschäftigt sich inhaltlich mit den wahrscheinlich interessantesten Epochen der deutschen Kulturgeschichte. Die Biografien von Alexander von Humboldt und Friedrich Gauß bieten Ausblicke auf die Aufklärung, den Sturm und Drang, die Klassik, die Romantik, Napoleon, den Wiener Kongress, die Entstehung der modernen Wissenschaften, das Kolonialleben in Südamerika, die neu gegründeten Vereinigten Staaten und das zaristische Russland mit ihren wuselnden politischen und philosophischen Fragestellungen. Das (und das war noch bei weitem nicht alles) ist schon fast zu viel des Guten für ein einziges Buch. Wenn Daniel Kehlmann dann noch Dutzende von Bildungsostereiern in seinem Text versteckt, ist „Die Vermessung der Welt“ endgültig zum gefundenen Fressen für den Literaturunterricht in Deutschleistungskursen und Hauptseminaren geworden (es gibt für solche Unternehmungen inzwischen natürlich auch einen eigenen Materialienband zum Roman). Um ein Bestseller zu werden, musste Kehlmanns Buch zwangsläufig den Zeitgeist einer kriselnden postindustriellen Wohlfahrtsgesellschaft abpassen: Rationalismus, Kant, Goethe, imperialistische Bestrebungen, deutsche Zucht und Ordnung werden mit feinem Humor kritisiert, es schimmert überall ein klein wenig Sympathie für Chaos, Anarchie und Poesie durch, aber jede klare und radikale Position für oder gegen irgendjemanden oder irgendetwas meidet Kehlmann wie der Teufel das Weihwasser. Als ausgewogener und nachhaltiger Autor, will man  ja schließlich so eine gemäßigt kulturkritische Lektüre sowohl Herrn Krethi als auch Frau Plethi zumuten, ohne dass die gleich vor Schreck in Ohnmacht fallen. Den berühmten große Wurf, als der „Die Vermessung der Welt“  bezeichnet worden ist, hab ich nach der Lektüre des Buchs nicht runterplumpsen hören. Auf mich wirkt es eher wie ein junger perfekter Bankbeamter im tadellosen Anzug, der einen bei der Geldanlage berät. Dessen bizarre Donald-Duck-Krawatte und das unpassende On The Road auf dem Schreibtisch nerven da nur und ändern nichts Grundsätzliches daran, dass einem nach der Beratung nichts anderes übrigbleibt, als rundum damit zufrieden zu sein. Ein Buch, das wirklich was Neues wagt, wo man den Autor schwitzen sieht und dem Leser eins husten hört, ist „Die Vermessung der Welt“ nicht. Vielleicht sollten bei seiner Einschätzung ein paar Superlative weniger fallen und sein Schatten nicht gleich alles verdunkeln. Nicht nur Goethe hat über Italien geschrieben, es gäbe auch den völlig unbekannten Johann Gottfried Seume zu entdecken.

 Wolfgang Herrndorf – Tschick

 Absolut Lesen!

Ich hätte dem Buch auch ohne Probleme 6 oder 7 Sterne gegeben, denn ich hab es mit einer Gefräßigkeit verschlungen, die ich mir gar nicht mehr zugetraut hätte. Ein toller Roman. Zweifellos ist so eine blinde Begeisterung auch beeinflusst von Herrndorfs tragischer Krankheit und dramatischem Tod. Sonst wäre ich vermutlich kritischer mit dem Text umgesprungen, hätte neidisch und besserwisserisch Schwachstellen aufgezählt und darauf hingewiesen, dass Herrndorf sowieso nur alles vom Catcher in the Rye und von On the Road abgekupfert habe. De mortuis nil nisi bene. Herrndorfs Plot überzeugt und ist auf der richtigen Seite des Mondes zu Hause, dort, wo sich die Füchse, Underdogs, Außenseiter und Desperados auf Müllbergen, im Braunkohletagebau und auf der Autobahn zwischen kaputten Schweineställen Gutenacht sagen. Und schreiben kann Herrndorf eh wie Blücher. Denn es ist vor allem sein Duktus, der mich sprachentwöhnten Auslandsdeutschen vom Hocker haut. Ein paar Beispiele: einen Deal eintüten – Andrè ist nicht gerade die hellste Kerze im Leuchter, aber er ist auch nicht komplett hohl – dem Ford-Spacko völlig den Stecker zu ziehen – Graf Kocks von der Gasanstalt sprengt jetzt seine Ländereien – Waschbeton und Angela Merkel – zwei Bier aus dem Kioskbesitzer rauszuleiern – wedelte sich einen von der Palme – denn wir rauschten vollrohr in den Laster rein. Ich komm da aus dem Lachen nicht mehr raus. Wie spricht der gescheite Literaturgelehrte: Gute Bücher werden keine Bestseller und unbequeme gute schon gleich gar nicht. Von wegen! Man sollte sich in solcher Hochstimmung trotzdem nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Ob Tschick ein Klassiker wird, wie man oft liest, kann zur Zeit keiner wissen. In unseren wirren Zeiten, wo Literatur viel weniger bewegt als früher und tausende Richtungen und Strömungen hin und her zerren, kann man das vier Jahre, nachdem der Roman erschienen ist, noch nicht entscheiden. Da müssen mindestens 50 Jahre ins Land gehen. Ich werde Tschick gern ein zweites Mal lesen. Ein super Roman.