Jörg Fauser: Blues für Blondinen (1984)

Eigentlich sollte man Originale so lassen, wie sie sind. Es gibt immer viele Gründe, warum Texte zu einem bestimmten Zeitpunkt so und nicht anders konzipiert und geschrieben worden sind. Leichenfledderei und Updates machen sie nur schlechter.
 
Auch wenn mir da kaum jemand widersprechen wird, gibt es trotzdem die notorischen Ausnahmen von der Regel. Jörg Fausers Essayband „Blues für Blondinen“, veröffentlicht im gleichen Jahr wie „Rohstoff“ vom Berliner UIlstein-Verlag und von mir als Band 6 der ersten Gesamtausgabe bei „2001“ (1990) gelesen, ist eine solche Ausnahme. Die insgesamt 21 Artikel, die fast alle beim Berliner „Tip“, bei „lui“ und „TransAtlantik“ zwischen 1979 und 1983 erschienen sind, lesen sich zum Teil arg holprig (dass eh nur eine beschränkte Anzahl von hartgesottenen Fauser-Fans sich dieser Mühe unterzieht, wird stillschweigend vorausgesetzt).
 
Woran liegt’s? Wenn Fauser über damals aktuelle Zeitgeschichte und Themen schreibt (West-Berlin, Deutschland, Boxen, Paris, Papst, Spanischer Bürgerkrieg, Pferderennen, Catherine Deneuve etc.), nervt das manchmal, weil man schnell merkt, dass Fauser hier zum Teil penetrant an seinem Bukowski-Macho-Mythos arbeitet (Boxen, Pferderennen). Vor allem aber hat man immer wieder ernstliche Probleme, die jahrzehntelang vergangenen historischen Situationen richtig einzuordnen. Bei solchen tagespolitischen und soziologischen Essays fällt schnell das fatale Fallbeil der Obsoleszenz: bekanntlich ist nichts so alt wie die Schlagzeile von gestern. Diese grausame journalistische Wahrheit gilt viel weniger für die Essays, die über Literatur sprechen („Der dunkle Ort“-Karl Günther Hufnagel; „Hamlet oder The Frankfort State of Mind“-Jörg Schröder und sein März-Verlag; (Hans) „Fallada“ (Rudolf Ditzen); „Beruf: Rebell“ (George. Orwell und Henry Miller); „Die Ambler-Lektion“; „Schreib, mein Sachse, schreib“ (Erich Loest); „Leichenschmaus in Loccum“ über eine Tagung von Kriminalschriftstellern), die tatsächlich die interessantesten der Sammlung sind und bleiben werden. Speziell „Leichenschmaus in Loccum“ gehört zum Besten, was je über moderne deutsche Literatur geschrieben worden ist.
Insofern find ich die Entscheidung des Diogenes-Verlags, nachvollziehbar, bei seiner kürzlich erfolgten Neuauflage der Essays Fausers andere Kriterien als beim Original anzulegen, um die Lektüre, sagen wir, interessanter zu machen. „Der Klub, in dem wir alle spielen: Über den Zustand der Literatur“ (2020) trifft trotz fragwürdiger Cover-Gestaltung und gesalzener Preise ins Schwarze, weil das Buch einen thematisch-chronologischen Aufbau hat und das Thema nichts von seiner Brisanz verloren hat (schön zu lesen ist auch das Vorwort von Katja Kullmann). Ich hatte die Essay-Sammlung ja vor Jahren schon einmal gelesen und hier rezensiert. Es ist wohl an der Zeit, sich diese Artikel noch einmal vorzuknöpfen.

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